Im Fokus:
Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusiker/-innen in Deutschland

© Henry Mundt Ein Musikstudium mit Schwerpunkt Jazz ist längst keine Seltenheit mehr. Der überwiegende Anteil der befragten Jazzmusiker/-innen hat an Musikhochschulen studiert oder studiert noch. Seit Jahrzehnten ist Jazz ein fester Bestandteil des Musiklebens in Deutschland. Er leistet einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag nicht nur in der Kunst, sondern auch im Bereich der kulturellen Bildung. Obwohl Jazz als Kunstform hierzulande vielerorts präsent ist, fehlte es bislang an Kennzahlen, die Auskunft über die aktuelle berufliche und ökonomische Situation von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern geben. Mit der jazzstudie2016 liegen nun erstmals aktuelle Daten vor, die die Rahmenbedingungen beleuchten, unter denen Jazz und improvisierte Musik in Deutschland entsteht. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Die Mehrheit der befragten Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker erreicht kein existenzsicherndes Einkommen.

Jazz wird gespielt, gelebt, gelernt, dokumentiert und erforscht. Er reflektiert, kritisiert und kommentiert, und es verwundert kaum, dass der Jazz bisweilen auch als „Experimentierfeld und Forschungsabteilung der Musik“ bezeichnet wird. Seine Vielseitigkeit und Offenheit macht ihn für eine breite Anhängerschaft attraktiv: Zahlreichen Spielorte in Deutschland – Clubs, Konzertreihen, Festivals u. a. – bieten dem Jazz in nahezu jedem Winkel des Landes eine Bühne und verankern ihn fest in der nationalen Musiklandschaft. Doch auch fernab der Auftrittsmöglichkeiten zeichnet sich der Jazz in Deutschland durch eine vielfältige Infrastruktur aus: Vereine, Initiativen und Arbeitsgemeinschaften setzen sich auf Bundes-, Landes- oder regionaler Ebene für seine Belange oder für Künstlerinnen und Künstler ein; Rundfunkanstalten beleuchten ihn in regelmäßig ausgestrahlten Programmen; Wettbewerbe und Förderprogramme richten sich sowohl an erfahrene Musikerinnen und Musiker als auch an den musikalischen Nachwuchs. Wie lebendig der Jazz in Deutschland ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Ausbildung. An 18 Musikhochschulen wird Jazz in eigenständigen Studiengängen unterrichtet.

Jazz als Berufsbild

© Jazzinstitut Darmstadt / Union Deutscher Jazzmusiker e.V. (UDJ) / IG Jazz Berlin e.V. Leidenschaftlich kreativ - schlecht bezahlt! Die Jazzstudie zeigt: Der Mut zur Improvisation wird nur gering belohnt. Doch was bedeutet es für die Musikerinnen und Musiker fernab der künstlerischen Herausforderung, sich hauptberuflich dem Jazz zu widmen? Welche Umstände und womöglich auch Schwierigkeiten sind mit diesem Berufsbild verbunden? In einzelnen Schlaglichtern wie Interviews und Berichten wird das ökonomische Umfeld von Jazzmusikerinnen und -musikern immer wieder als problematisch beschrieben. Um ein übergeordnetes Bild der Berufssituation zu zeichnen, reicht der Blick auf Einzelbeispiele jedoch nicht aus. Die letzte ausführliche Untersuchung dieser Aspekte liegt Jahrzehnte zurück und ist für die aktuellen Rahmenbedingungen nicht aussagekräftig. Die jazzstudie2016 bietet somit erstmalig aktuelle Daten über die Arbeits- und Lebensbedingungen von professionellen Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern in Deutschland. Sie bildet die Rahmenbedingungen ab, unter denen Jazz und improvisierte Musik in Deutschland gegenwärtig geschaffen wird. Und nicht zuletzt kann sie als Diskussionsgrundlage für die Entwicklung einer bedarfsgerechten Jazzmusikpolitik dienen.

Verantwortliche Initiatoren der vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim durchgeführten jazzstudie2016 sind das Jazzinstitut Darmstadt, die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) und die Interessengemeinschaft Jazz Berlin (IG Jazz Berlin). Gefördert wurde das Projekt durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch die Länder Berlin, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Unterstützt wurde es vom Deutschen Musikinformationszentrum (MIZ).

Methodik und Ergebnisse der Studie

© Henry Mundt Das Bundesjungendjazzorchester: ein wichtiger Beitrag für die Förderung des musikalischen Nachwuchses im Jazz. Anhand einer großangelegten Online-Umfrage konnten über 2.000 verwertbare Datensätze zusammengetragen werden. Dabei wurden außer den Angaben zur ökonomischen Situation noch eine Vielzahl weiterer Variablen erfasst und bei der Auswertung berücksichtigt, um die Zusammensetzung der Jazzszene im Hinblick auf soziodemografische Merkmale differenziert zu untersuchen. Die quantitative Datenerhebung wurde durch qualitative Einzelinterviews mit Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik begleitet. Zu den zentralen Ergebnissen der Studie gehört, dass 50 Prozent der befragten Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker über ein Gesamtjahreseinkommen von nicht einmal 12.500 Euro verfügen. Berücksichtigt man nur die Einkommen aus selbstständigen Auftritten und Unterrichtstätigkeit, sind es sogar 68 Prozent. Mehr als 20.000 Euro im Jahr mit Jazzmusik zu verdienen, gelingt gerade einmal zehn Prozent der an der Studie teilnehmenden Musikerinnen und Musiker. Dennoch gaben die Befragten durchschnittlich knapp 5.000 Euro jährlich für ihre Tätigkeit aus. Zu den Investitionskosten von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern gehören etwa Fahrtkosten, Instrumente, Technik oder Probenraummiete. Nicht verwunderlich ist vor diesem Hintergrund, dass über 70 Prozent der Studienteilnehmer angaben, mit ihrer wirtschaftlichen Situation nicht zufrieden zu sein (1).

Welche Einnahmemöglichkeiten stehen Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern neben ihrer Konzerttätigkeit noch offen? Nach Ergebnissen der Studie stellen für 70 Prozent der Befragten auch Gesangs- und Instrumentalunterricht einen wesentlichen Teil ihrer Berufspraxis dar. Jedoch ist nur ein geringer Teil in einem Angestelltenverhältnis an einer kommunalen Musikschule oder (Musik-)Hochschule beschäftigt. Neben den Themenbereichen der Berufspraxis beleuchtet die Studie auch soziodemografische Aspekte. Unter anderem zeichnete sich ab, dass 80 Prozent der Studienteilnehmer männlich waren, wenngleich in den jüngeren Generationen ein Anstieg des Frauenanteils zu verzeichnen ist.


(1) Bei der Interpretation der Daten muss berücksichtigt werden, dass wegen der nicht bekannten Grundgesamtheit der Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker in Deutschland die Studienergebnisse möglicherweise nur eingeschränkt repräsentativ sind. Ebenso ist durch das onlinebasierte Datenerhebungsverfahren eine leichte Verzerrung zugunsten internetaffinerer Musikerinnen und Musikern nicht auszuschließen.

 

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Stand: 17. März 2016

 

 

 

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jazzstudie2016

Die Jazzstudie liefert erstmals empirische Daten zur Lebens- und Arbeitssituation professioneller Jazzmusikerinnen und -musiker. Als Grundlage diente eine Online-Befragung mit über 2.000 Teilnehmern. Auftraggeber der vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim erarbeiteten Studie waren das Jazzinstitut Darmstadt, die Union Deutscher Jazzmusiker und die Interessengemeinschaft Jazz Berlin.

 

Weiterführende Informationen zu den Initiatoren:

Jazzinstitut Darmstadt

Union Deutscher Jazzmusiker e.V. (UDJ)

IG Jazz Berlin e.V.

 

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