Musik macht Heimat - Engagement für Dialog

© RuhrkanalNEWS, Foto: Werner Koltes Musik als Weltsprache: Beim gemeinsamen Musizieren in Flüchtlingsunterkünften wie hier in Hattingen kommen sich Bewohner und Helfer näher. Im vergangenen Jahr suchten mehr Geflüchtete als je zuvor Schutz vor Krieg und Verfolgung in Europa, auch und vor allem in Deutschland. Unmittelbar und mit außergewöhnlich großem Engagement hat die Bevölkerung auf diese Situation reagiert und Geflüchtete dabei unterstützt, sich in Deutschland einzuleben und teils traumatische Erlebnisse zu verarbeiten. Auch der Musikbereich hat sich in diesem Zusammenhang in vielfältiger Weise und mit nachhaltigen Hilfsangeboten, die die spezifischen Möglichkeiten der Musik für die Begegnung mit den Geflüchteten nutzen, eingebracht. Die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Deutschen Musikrats unter seinen Mitgliedsverbänden zeigen: Über 90 Prozent der an der Umfrage beteiligten Kulturinstitutionen haben das Thema Geflüchtete aufgegriffen und vielfältige Projekte und Initiativen ins Leben gerufen – von Instrumentenspenden und kostenlosem Musikunterricht über gemeinsame Musizierprojekte und Konzerte für Geflüchtete bis zu Benefizkonzerten und musiktherapeutischen Angeboten (weitere Ergebnisse der Umfrage hier).

Vor diesem Hintergrund stellt das MIZ seit Oktober 2015 ausgewählte Musikprojekte und -initiativen vor, die ihre Solidarität mit den Geflüchteten zum Ausdruck bringen. Damit sollen das Engagement und die Hilfsbereitschaft von Vereinen und Verbänden, Privatpersonen, öffentlichen Institutionen und vielen anderen Akteuren des Musiklebens sichtbar gemacht werden. Als Ideensammlung, die zu Engagement und Kreativität ermutigen soll, vermittelt das Angebot auch Kontakte zu bereits in der Flüchtlingshilfe Aktiven und ermöglicht so Erfahrungsaustausch, gegenseitige Hilfestellung, Vernetzung und Kooperation.

Musik verbindet

Elementare Hilfen wie ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Kleidung oder das Erlernen der deutschen Sprache standen an erster Stelle, als es darum ging, den Neuangekommenen ein menschenwürdiges Leben zurückzugeben. Gleichzeitig jedoch war und ist die persönliche Begegnung für die Menschen von ebenso großer Bedeutung. Viele Musikerinnen und Musiker, Vereine, Verbände und Initiativen haben Projekte entwickelt, die Geflüchtete bei ihrem Neuanfang in einem fremden Land unterstützen und mit ihren Angeboten den Austausch der Kulturen anregen.

Engagement für Flüchtlinge - Interaktive Karte

Kartenvorschau In einer interaktiven Karte stellt das MIZ ausgewählte Projekte und Initiativen vor, die von den Projektträgern selbst im Rahmen einer Umfrageaktion übermittelt wurden.
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Organisiert wurden und werden nicht nur große, sondern auch kleinere oftmals lokale und nachbarschaftliche, bis in den privaten Bereich hineinragende Projekte und Initiativen. Die Angebote, die das MIZ zusammengetragen hat, zeigen, welche Bandbreite an Aktivitäten innerhalb des Musiklebens entfaltet wurde. Ein Rückblick auf das Jahr 2015 verdeutlicht dies auf eindrucksvolle Weise: Im Rahmen des Projekts „Spielraum Musik“ gehen in Heidelberg Musikerinnen und Musiker in Unterkünfte für Geflüchtete und animieren mit unterschiedlichen Instrumenten, aber auch durch die Stimme vor allem Kinder und Jugendliche zum Musizieren. In Rheinsberg veranstaltet ein Hörclub musikalische Bewegungsspiele mit geflüchteten Kindern, um visuelle Eindrücke über Töne zu erklären und so das Erlernen der deutschen Sprache zu erleichtern. Ein Liederkreis in Freudenstadt initiiert ein internationales Liedprojekt für über 70 Geflüchtete und Chormitglieder. Die Chorverbände Hamburg und Niedersachsen-Bremen laden Geflüchtete zu Konzerten ein: Mit Gratis-Tickets wollen die Veranstalter ein Zeichen für mehr Menschlichkeit setzen. Der Berliner Oratorienchor wiederum organisiert Patenschaften seiner Konzertbesucher mit Geflüchteten. Dabei geht es den Sängerinnen und Sängern um ein Miteinander, um Begegnung und klare Zeichen einer offenen und menschlichen Gesellschaft, die Einwanderung auch als Bereicherung versteht. Überhaupt diskutieren viele Laienmusikverbände schon seit Langem, wie man Migrantinnen und Migranten besser in das Vereinsleben integrieren kann, etwa der Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ), der dieser Frage in einem eigenen Forschungsprojekt nachgegangen ist (siehe hierzu auch den Tagungsband „Chormusikkultur und Migrationsgesellschaft“ des AMJ). Auf eine Öffnung zielt auch das Hamburger Konservatorium ab, das Musikunterricht in einer Erstaufnahmeeinrichtung mit 3.000 Bewohnern erteilt, woraus sich mittlerweile auch ein gemeinsames Musizieren der geflüchteten Kinder mit den Mitgliedern des Kinderorchesters des Konservatoriums entwickelt hat. Für beide Gruppen sind das Kennenlernen der jeweiligen Lebensumstände sowie die Freude am gemeinsamen Musizieren herausragende Erlebnisse. Viele Projekte, die damals entstanden sind, existieren noch immer, wurden weiterentwickelt oder neu ausgerichtet.

© Syrian Expat Philharmonic Orchestra, Foto: Rolf Schoellkopf Professionelle Exil-Musiker aus Syrien haben das Syrian Expat Philharmonic Orchestra gegründet. Mittlerweile gehören ihm rund 60 Musikerinnen und Musiker an. Auch der professionelle Musikbereich hat beeindruckende Hilfsangebote auf die Beine gestellt. So gründete in Bremen der in Aleppo geborene Kontrabassist Raed Jazbeh das Syrian Expat Philharmonic Orchestra, dem mittlerweile rund 60 syrische Musiker angehören. Theater und Orchester in ganz Deutschland luden Geflüchtete spontan zu Willkommenskonzerten und anderen Veranstaltungen ein. Das Münchner Rundfunkorchester spielte beispielsweise ein Familienkonzert für geflüchtete Kinder, bei dem Dolmetscher für mehrere Sprachen anwesend waren. Die Erzgebirgische Philharmonie Aue spielte in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber. Die Berliner Philharmoniker halfen syrischen Kindern auf der Flucht und sammelten mit einer SMS-Aktion Spenden. Und im Europäischen Zentrum der Künste Dresden-Hellerau wurden Geflüchteten bzw. Asylbewerbern kostenlose Besuche von Veranstaltungen im Festspielhaus ermöglicht. Darüber stellte das Zentrum Geflüchteten aus Syrien Unterkünfte bereit.

Integration als Herausforderung

© k&k kultkom Beim UNESCO-Modellprojekt für kulturelle Vielfalt "QuerKlang" entwickeln Kinder und Jugendliche aller Altersstufen und mit unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft gemeinsam eine Komposition.

Die beispielhaft genannten und in ihrer Vielfalt beeindruckenden Projekte und Initiativen zeigen, wie groß der Konsens in der Bevölkerung ist, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen und Menschen in existenzieller Not ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Mittlerweile hat sich die Situation weiterentwickelt. Es geht nicht mehr nur darum, Menschen bei ihren ersten Schritten innerhalb einer neuen Gesellschaft zu begleiten. Vielmehr muss diese Gesellschaft dafür Sorge tragen, ihre neuen Mitglieder dauerhaft zu integrieren. Über die spontane Geste des Willkommenheißens oder einer ersten Hilfe bei der Überwindung traumatischer Erlebnisse während der Flucht hinaus stellen sich Veranstalter musikbezogener Hilfsprojekte in ihrer Tätigkeit den Herausforderungen einer nachhaltigen Integrationsarbeit. Das MIZ nimmt diese gesellschaftliche Entwicklung auf und arbeitet parallel zur Fortschreibung des bisherigen Angebots am Aufbau einer neuen Informationsplattform, die Akteuren und Veranstaltern in diesem Bereich ein Forum und damit die Möglichkeit bieten soll, den gemeinsamen Austausch zu intensivieren und im Dialog Ideen zum Ausbau und zur Qualitätssteigerung nachhaltiger partizipatorischer Projekte zu entwickeln.

Eine ausführliche Zusammenstellung der erwähnten sowie weiterer Projekte und Initiativen finden sich aufgeschlüsselt nach verschiedenen Kategorien in der rechten Spalte.



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Stand: 22. Dezember 2016

 

 

 

Mehr zum Thema

 

AKTUELLER HINWEIS:

Ab dem Jahr 2017 baut das MIZ - ausgehend von diesem Angebot - das Informationsportal "Musik und Integration" auf. Das Projekt, das durch finanzielle Unterstützung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ermöglicht wird, soll insbesondere den Erfahrungsaustausch zwischen Akteuren und Veranstaltern musikbezogener Integrationsprojekte intensivieren und damit die Vielfalt und Qualität der angebotenen Maßnahmen nachhaltig stärken.

 

 

Projekte und Initiativen:

In den folgenden Rubriken werden musikalische Projekte und Initiativen vorgestellt, in denen sich unterschiedlichste Personen und Institutionen – zum Teil auch Menschen, die selbst aus ihrer Heimat geflohen sind – für in Deutschland angekommene Geflüchtete engagieren. Dabei sind auch bereits abgeschlossene Angebote weiterhin aufgeführt, um so das Ausmaß und die Vielfalt des Engagements im Bereich musikbezogener Flüchtlingsprojekte sichtbar zu machen.


Gemeinsames Singen und Musizieren, Begegnungsveranstaltungen

Konzerte, Musiktheater

Musikunterricht, andere musikpädagogische Angebote, Instrumentenspenden, Musiktherapie

Weitere Projekte

 

 

Meldung weiterer Projekte:

Haben Sie Kenntnis von weiteren Hilfsprojekten im Musikbereich? Füllen Sie einfach das Formular Projektmeldung (PDF) aus und senden Sie es zurück an info@miz.org.

 

 

Beratungs- und Informationsstellen, Hilfsorganisationen (Auswahl):

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Landesflüchtlingsräte

Pro Asyl

Broschüre "Herzlich Willkommen. Wie man sich für Flüchtlinge engagieren kann" (PDF)

Deutsches Rotes Kreuz

Broschüre "Gemeinsam mit Flüchtlingen" (PDF)

Caritas

Diakonie

Dossier "Wie ich mich für Flüchtlinge engagieren kann"

Aktion Deutschland Hilft

Deutscher Bundesjugendring

Arbeitshilfe "Jugendverbandsarbeit mit jungen Geflüchteten" (PDF)

Wie kann ich helfen

 

 

Presse:

Pressemitteilung: Willkommen in Deutschland: Musik macht Heimat - Engagement für Dialog

Resolution: Willkommen in Deutschland: Musik macht Heimat! Von der Willkommens- zur Integrationskultur

Interview zum Thema mit dem DeutschlandRadio
(DRadio Kultur – Fazit, 25. Oktober 2015)

Interview zum Thema mit dem Saarländischen Rundfunk
(SR 2 – MusikWelt, 9. November 2015)

 

 

 

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