Im Fokus: Musikberichterstattung in Print- und Online-Medien - Interview Hagedorn

Interviewauszug aus:

Die Notengeber. Gespräche mit Journalisten über die Zukunft der Musikkritik, hrsg. von Gunter Reus und Ruth Müller-Lindenberg. Wiesbaden: Springer VS, 2017, S. 53-61.

„Es gibt keine Kunst ohne Feedback“

Volker Hagedorn


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Wer braucht eigentlich Musikjournalismus?

Volker Hagedorn: Alle, würde ich sagen. Sogar die Musiker, die behaupten, sie würden keine Kritiken lesen. Es gibt natürlich einen Musikjournalismus, den keiner braucht: Der entsteht in wirklich kleinen Zeitungen ohne jeden Etat und findet unreflektiert und amateurhaft statt. Das ist eher Betriebsaufrechterhaltungs-Automatik als Musikjournalismus. Alle Künstler, egal ob Musiker, Sänger oder Regisseure, brauchen ernst zu nehmenden Musikjournalismus als Korrektiv. Damit sie auch mal Kritik von außen hören und zum Nachdenken angeregt werden. Wenn sie sich von Besprechungen nicht erreicht fühlen, können sie die für Künstler wichtige Erfahrung machen, dass eine Sache nie bei allen gleich ankommt. Dass sie meinen, einen großartigen Auftritt hingelegt zu haben, andere den aber doof finden. Außerdem ist Musikjournalismus für alle Aktiven wichtig, weil sie mit dem publizistischen Echo arbeiten. Denn die Urteile in den Medien können sie ja für ihre Eigenwerbung nutzen. Auch das Publikum fühlt sich ernst genommen, wenn bestimmte Themen in der Zeitung eine Rolle spielen. Ob man mit dem Geschriebenen einverstanden ist oder nicht: Es bietet immer eine Möglichkeit zur Auseinandersetzung. So wird der schöne Konzertabend auf ein Diskussionsniveau gebracht, das auch Einfluss auf die Wahl der zukünftig gespielten Werke hat. Es gibt keine Kunst ohne Feedback.


Wird das Publikum des Musikjournalismus auch in Zukunft so vielfältig sein?

Volker Hagedorn: Da fällt mir sofort dieses grauenhafte Wort „Silbersee“ ein, womit gemeint ist, dass ein größerer Teil des Publikums schon das fünfzigste Lebensjahr hinter sich hat. Man hat sich etwa zur Jahrtausendwende darauf geeinigt, dass die Klassik in der Krise ist – zu einem Zeitpunkt, als sie es tatsächlich war. Es wird suggeriert, Busladungen rollatorfahrender, verzweifelter alter Musikbildungsbürger strömten in die Konzerthäuser, wo blutjunge Streichquartette für sie auf dem Podium sitzen, und wenn die letzten im Publikum tot umgefallen sind, ist das Streichquartett auch am Ende. Das ist natürlich eine ganz grauenhafte Rhetorik. In meinen Augen ist es völlig normal und in Ordnung, dass vielleicht 40, 50 oder auch 60 Prozent der Konzertbesucher über 50 Jahre alt sind, oder zumindest in einem Alter, wo die Färbung der Haare nachlassen kann. Zum anderen gibt es Statistiken, die überhaupt nicht zu dem Eindruck passen, dass die Zahl der Konzertbesucher schrumpft und das Durchschnittsalter steigt, sondern es scheint eher so, dass diese brutale Krise Ende der Neunziger Jahre tatsächlich etwas ausgelöst hat.


Nämlich?

Volker Hagedorn: Ich habe den Eindruck, dass die Education-Programme und andere neue Konzertformate, die seitdem entwickelt worden sind, dafür gesorgt haben, dass auch bei den Musikern viel Bequemlichkeit verschwunden ist. Den Statistiken des deutschen Musikinformationszentrums kann man jedenfalls entnehmen, dass die Zahl der Konzerte, die die subventionierten Orchester anbieten, extrem gestiegen ist – und im selben Zeitraum auch die Zahl der Besucher. Aufstellungen belegen, dass das Publikum wieder jünger wird, zum Beispiel sowohl bei Pop-, als auch bei Klassik-Festival. Natürlich sind solche Statistiken immer noch mit extremer Vorsicht zu behandeln. Aber wenn man vom Publikum von morgen spricht, blickt man mitnichten in einen Abgrund. In der Süddeutschen Zeitung hat im September 2014 Harald Eggebrecht ganz verwundert von einem Münchener Sinfoniekonzert berichtet, wo er viele junge Leute gesehen hat. Ich denke, das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Häuser mit Gesprächskonzerten und Klassik-Lounges sehr geöffnet haben, sondern vielleicht auch damit, dass man diese Kulturangebote als Gegenentwurf zur medial vermittelten Musik entdeckt. Der Konzertauftritt ist ein singuläres Ereignis mit lebenden Menschen und eben nichts stets Verfügbares und Ansteuerbares.


Glauben Sie denn, dass der Musikjournalismus in dieser Hinsicht auch einen Einfluss auf das Publikum nehmen kann?

Volker Hagedorn: Ich denke schon, dass man Konzerte interessant machen kann. Manchmal sind die Menschen unheimlich dankbar für einen Tipp und sagen: Ja, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich da hingegangen. Allein indem man Künstler und das Besondere an ihrer Arbeit vorstellt, kann man schon viel erreichen. Ich suche mir vor allem die aus, die nicht schon mit einer riesigen Bugwelle daherkommen. Die Geigerin Carolin Widmann war immer jemand, die sich nicht aufgedrängt hat. Die Konsequenz, mit der sie zum Beispiel ihre CD-Projekte betrieben hat, ist mir allerdings positiv aufgefallen, und ich wollte sie kennenlernen.


Haben Sie den Eindruck, dass die technischen Entwicklungen wie das Web 2.0 und Social Media darauf einen Einfluss nehmen? Theoretisch kann das Publikum seine Informationen schließlich auch anders beziehen als aus klassischen journalistischen Produkten.

Volker Hagedorn: Eigentlich bin ich bei Social Media komplett inkompetent, weil ich bis heute noch nie bei Facebook war. Ich wollte probieren, ob man auch ohne überleben kann (lacht). Als Marktplatz oder als Forum, wo man erfährt, wer macht dies und welcher Freund empfiehlt mir das, sind Social Media nach allem, was mir Leute erzählen, überhaupt nicht zu toppen. Zumal man die Menschen, die etwas empfehlen oder ankündigen, mehr oder weniger gut kennt. Das hat immer eine viel höhere Wirkung. So, wie ich mir auch eher ein Buch kaufe, wenn es mir ein Freund empfohlen hat, als nach einer noch so kompetenten Rezension. Die Empfehlung des Freundes ist mir einfach näher. Derartige Kommunikationsformen lassen sich journalistisch gar nicht erreichen – was auch nicht schlimm ist. Denn was andererseits in Social Media überhaupt nicht stattfinden kann, ist eine wirklich professionelle Reflektion über Kultur und Musik. Natürlich gibt es ab und zu mal eine pointierte Meinung, aber das ist etwas anderes als die Äußerung innerhalb eines Genres, das seine Geschichte hat und für Kompetenz steht.


Welche Qualifikationen braucht ein Journalist also? Welche Ausbildung sollte er haben, was muss er unbedingt beherrschen?

Volker Hagedorn: Ich kann mich an den Stoßseufzer eines Ressortleiters erinnern, der sagte: „Ich bin so froh, dass ich jemanden habe, der Noten lesen kann.“ (lacht) Damit meinte er natürlich, dass für jede Art von Musikkritik ein verlässliches Fachwissen vorhanden sein muss. Man kann jeden interessierten und einigermaßen begabten Praktikanten ins Kino schicken und darüber schreiben lassen, auch wenn er keine Ahnung von Schnitt, visuellen Techniken und der Geschichte des Kinos hat. Das macht nichts, dann wird eben die Geschichte des Films erzählt. Bei Büchern ist es so ähnlich, man riskiert da nicht so viel. Bei klassischer Musik wird fehlende Kompetenz unheimlich schnell deutlich – und peinlich. Ich glaube, das merken auch Laien, wenn die handwerkliche oder fachliche Grundlage fehlt. Das ist dann so, wie wenn in Filmen Schauspieler, die eigentlich nicht Geige spielen können, einen eingeseiften Bogen irgendwie zur Musik bewegen – so wie Gérard Depardieu in „Die siebte Saite“, wo er als Gambist auftritt. Das ist einfach zum Totlachen. Einen ähnlichen Wackel- und Unglaubwürdigkeitseffekt gibt es in meinen Augen beim Schreiben über Musik. Das heißt nicht, dass jemand enzyklopädisch ausgebildet auftreten muss – kein Mensch kann gleichzeitig so viel über das Geigen wissen wie über Blasinstrumente und über Gesangstechniken. Aber ich finde, es sollte jeder, der über Musik schreibt, mindestens einen Bereich von Kernkompetenz haben, an den sich der Rest anlagern kann. Das Schreiben selber ist natürlich auch ein Punkt. Ich weiß nicht, inwieweit das lehrbar ist, aber ich denke, da ist noch viel Potential. Wenn man sich anguckt, welche unglaubliche Menge professioneller guter Musiker und Dirigenten in Deutschland welcher Zahl ernst zu nehmender Kritiker gegenübersteht, dann wird klar, dass es da einen großen Aufholbedarf gibt.

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Charlotte Schrimpff / Linda Knauer


Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, der nach seinem Bratschenstudium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover zunächst als Feuilletonredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und Musikredakteur der Leipziger Volkszeitung arbeitete, ist seit 1996 als freier Journalist unter anderem für die Wochenzeitung DIE ZEIT, verschiedene Rundfunksender, Tageszeitungen und Magazine tätig. 2015 wurde Volker Hagedorn mit dem Ben-Witter-Preis geehrt.


Mit freundlicher Genehmigung von Springer VS - Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH


Das vollständige Interview ist verfügbar unter dem Link http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-15935-1_4 (Universitätszugang vorausgesetzt)



 

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