Im Fokus: Musikberichterstattung in Print- und Online-Medien - Interview Spahn

Interviewauszug aus:

Die Notengeber. Gespräche mit Journalisten über die Zukunft der Musikkritik, hrsg. von Gunter Reus und Ruth Müller-Lindenberg. Wiesbaden: Springer VS, 2017, S. 167-176.

„Ein großes Problem ist die zunehmende Ökonomisierung.“

Claus Spahn


[…]

Herr Spahn, welche Zukunft hat in Ihren Augen der Musikjournalismus?

Claus Spahn: Es wird ihn weiterhin geben, aber wie genau er aussehen wird, ist von der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation der Medien abhängig. Es ist sowieso sehr schwierig, über die Zukunft dieser Branche zu sprechen, weil sie sich in einem tiefgreifenden Wandel befindet. Sicher ist jedoch, dass sich der Musikjournalismus verändern wird. So war es in den vergangenen zehn Jahren, und so wird es auch in den nächsten zehn Jahren sein. Ich selbst war lange Zeitungsjournalist und habe zwischenzeitlich auch Radio gemacht. Die Auflagen der Zeitungen und somit auch die Erträge sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen; der daraus resultierende Spardruck wirkt sich natürlich auch auf die Arbeitsbedingungen von Kulturjournalisten aus. Bei der ZEIT sind die Bedingungen bis heute noch sehr gut. Ich kenne jedoch Kollegen bei Lokalzeitungen, die oft nicht wissen, wie sie als festangestellte Redakteure mit ihrer vielen Arbeit bei gleichzeitig schlechtem Gehalt über die Runden kommen sollen. Und die große Frage, die sich momentan alle stellen müssen ist, wie zukünftig das Verhältnis von Online- und Printjournalismus aussehen wird. Auch das wird sehr starke Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen haben.


Welche Entwicklungen und Probleme konnten Sie denn bereits in den letzten Jahren beobachten?

Claus Spahn: Ein großes Problem des Kulturjournalismus ist die zunehmende Ökonomisierung. In der letzten Zeit spielten wirtschaftliche Interessen eine viel größere Rolle, als es noch vor 20 Jahren der Fall war. Damals war man als Kritiker eine Autorität, die frei von Konsuminteressen eine unabhängige Berichterstattung betrieben hat. Heute sind Kulturjournalisten viel mehr in Marketinginteressen verstrickt, sie sollen Serviceansprüche befriedigen und das wirkt sich natürlich auf die Berichterstattung aus. Das liegt zum Teil auch daran, dass sich das Marketing in den letzten Jahren unglaublich professionalisiert hat. Man bekommt als Journalist wahnsinnig viel Pressematerial über Festivals oder CD-Neuerscheinungen und spürt so ganz stark das Interesse, über bestimmte Künstler groß zu berichten und sie gut zu finden.


Hängt diese Entwicklung vielleicht auch mit dem Internet zusammen?

Claus Spahn: Natürlich ist die Darstellungsform im Internet eine ganz andere. Die Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt sind oft nicht so streng wie bei einer gedruckten Zeitung. Im klassischen Printjournalismus dürfte es ja eigentlich keine Schnittstelle zwischen der Anzeigenabteilung und der Redaktion geben. Aber wir wissen natürlich alle, dass das auch dort längst nicht mehr der Fall ist. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise hat sehr früh erkannt, dass Nebengeschäfte sehr wichtig für den Ertrag eines Zeitungsverlages sind, und hat Buchreihen herausgebracht, die dann im Feuilleton, also im redaktionellen Teil, besprochen wurden. In diesem Moment ist natürlich der aufklärerische Grundgedanke des Schreibens nicht mehr gegeben, und eine Rezension wird zum Verkaufsargument. Aber da die Anzeigenerträge im Printjournalismus durch die Konkurrenz des Internets immer mehr einbrechen, sind viele Zeitungsverlage einfach darauf angewiesen, auf andere Weise Gewinne zu erwirtschaften. Der Online-Journalismus beschleunigt diese Entwicklung noch. Nehmen wir als Beispiel die CD-Kritik. In einem Feuilleton steht unter dem Text das Label als Information. Wird die gleiche Kritik online veröffentlicht, kommt zusätzlich noch der Link zu einem Onlineshop hinzu. Und das ist idealerweise eine Verkaufsstelle, die dem Verlag nicht fernsteht. Hier sieht man ganz deutlich, dass die CD-Kritik durch die technische Entwicklung in einen ganz anderen Modul überführt wird, nämlich in ein Verkaufsargument.


Wie werden die Arbeitsbedingungen von Musikjournalisten in Zukunft aussehen?

Claus Spahn: Als Printredakteur bei der ZEIT hatte ich sehr gute Arbeitsbedingungen. Es gab Reise-Etats, vernünftige Zeitspannen, um einen Artikel seriös vorzubereiten, und auch für freie Mitarbeiter gute Honorare. Bei kleineren Zeitungen ist das meist nicht mehr der Fall. Aber auch bei einem großen Verlag wie der ZEIT hat der Online-Journalismus bis heute kein wirkliches Geschäftsmodell entwickeln können, das mit einer gedruckten Zeitung vergleichbare Gewinne erwirtschaftet. Diese Situation hat auch die Standards der journalistischen Arbeit im Online-Bereich vollkommen neu gesetzt. Ein Mitarbeiter, der für die Printversion der ZEIT arbeitet, hat einen Redakteursstatus, Reise-Etats und ein Budget um Beiträge von freien Mitarbeitern einzukaufen. Online-Redakteure hingegen werden vielerorts schlechter bezahlt, befinden sich nicht selten in prekären Arbeitsverhältnissen und haben wenig bis keine Etats für Mitarbeiterhonorare. Diesen Graben zwischen Online und Print gibt es bis heute. Erst wenn mit Online-Journalismus so viel Geld erwirtschaftet wird wie im Printbereich, kann sich dieser Graben schließen und der Online-Auftritt wäre nicht mehr eine Schwundstufe des seriösen Zeitungsjournalismus. Das wäre sowohl in inhaltlicher als auch in sozialer Hinsicht wirklich wünschenswert, denn Journalisten, die gute Arbeit leisten, sollten überall gleich gut bezahlt werden.


Werden sich diese schlechten Arbeitsbedingungen auch auf das Beschäftigungsverhältnis auswirken? Wie wird dies für zukünftige Musikjournalisten aussehen?

Claus Spahn: Das ist nun wirklich Spekulation. Ich weiß es nicht, aber ich ahne nichts Gutes. Es wird vielleicht so sein, dass nicht mehr in jeder Redaktion ein Musikredakteur sitzt. Ich könnte mir vorstellen, dass klassische Sparten wie Musik, Theater und Bildende Kunst nur noch mit freien Mitarbeitern besetzt werden. Ob man als freier Journalist davon noch leben kann, hängt von den Rahmenbedingungen ab, also wer deine Sachen druckt und sendet und was du dafür kriegst. Natürlich hängt es auch davon ab, wie du es selbst gestaltest. Ich habe in den sehr viel komfortableren neunziger Jahren sehr glücklich als freier Journalist in verschiedenen Medien arbeiten können, und habe in keiner Weise irgendwelche Nachteile erfahren. Das wäre heute so nicht mehr möglich. Die ZEIT und die Süddeutsche Zeitung werden es zwar nach wie vor gerne sehen, wenn jemand mit hoher Kompetenz, guter Schreibe und großer Lust Musikthemen bearbeitet. Natürlich auch mit einer entsprechenden fachlichen Autorität. Aber was heißt Qualität? Heißt es, „möglichst schnell und viel“ oder heißt es, „wenig und sehr gut“? Das ist eine wichtige Frage für die Zukunft.


Sie denken also, dass es durch die Digitalisierung, die damit verbundenen Online-Angebote und die zunehmende Schnelligkeit zu einem Verlust an Qualität kommt?

Claus Spahn: Klar! Aber ich bin kein Pessimist. Auch im Internet wird immer irgendwo Qualität zu finden sein. Ob sie so leicht auffindbar, so klar und präsent wie im Feuilleton einer großen überregionalen Tages- oder Wochenzeitung sein wird, bezweifele ich allerdings. Zum Glück ist der seriöse Kulturjournalismus hier in Deutschland noch relativ gut abgesichert. In England beispielsweise gab es vor 20 Jahren noch eine seriöse Zeitungslandschaft, die mittlerweile weitgehend ruiniert ist. Man sieht also, dass der Qualitätsjournalismus nicht unantastbar ist und dass er, obwohl er in der allgemeinen Wahrnehmung konstitutiv für unsere Gesellschaft ist, auch durchaus untergehen kann.


Welche anderen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, gäbe es für zukünftige Musikjournalisten?

Claus Spahn: Großen Bedarf gibt es im Marketing und in den PR-Abteilungen. Nach meinem Verständnis von Musikjournalismus muss man sich aber entscheiden. Ich glaube nicht, dass man ein guter Marketing-Mann und ein guter Journalist zur gleichen Zeit sein kann. Es gibt vielleicht auch Leute, die beides gleichzeitig können – affirmativ und kritisch sein. Ich will nicht sagen, dass ich nicht auch Marketing-Texte schreiben könnte, aber es war nie das, was ich als Journalist wollte. Andererseits will ich das auch nicht gegeneinander ausspielen, denn beides hat seine Berechtigung.


Wird in Zukunft Subjektivität oder Objektivität eine größere Rolle bei der Berichterstattung spielen?

Claus Spahn: Ich bin als Musikjournalist immer davon ausgegangen, dass das, was ich schreibe, subjektiv ist. Was ich im Konzert oder in einer Opernaufführung höre, ist natürlich nie objektivierbar. Der anschließende Text wird subjektiv, allerdings im besten Falle auf der Basis von objektiviertem Wissen, Erfahrung und seriöser Recherche, die dem Besuch einer Premiere immer vorausgehen sollte. Eine Kritik erhebt deshalb vielleicht noch den Anspruch einer gewissen Objektivität. Aber sobald ich Portraits, Reportagen, Glossen, Kolumnen oder Kommentare schreibe, bediene ich mich nur subjektiver Formen.


Wie werden sich diese journalistischen Formen denn in Zukunft entwickeln?

Claus Spahn: Ich war immer sehr dafür, die journalistischen Formen aufzubrechen. Als ich jung war, bestand Musikjournalismus in erster Linie aus Kritiken. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Kulturreportage oder das Portrait im Feuilleton selbstverständlich wurde und – wie es heute der Fall ist – die Rezensionen und Kritiken verdrängt hat. Bei dieser Frage ergibt sich aber genau das gleiche Problem wie bei der Frage nach der Zukunft des Musikjournalismus. Denn vielleicht ist die Frage der Formen auch eine Frage der Abhängigkeit oder der Unabhängigkeit. In manchen Situationen kann man überhaupt nicht mehr unabhängig von äußeren Bedingungen agieren. Wenn ich beispielsweise mein eigenes kulturjournalistisches Online-Portal gründe und dort genauso schreibe, wie ich mir den Journalismus vorstelle, ist das inhaltlich bestimmt befriedigend, allerdings bezweifle ich, dass man damit dann seinen Lebensunterhalt verdienen kann.


Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Anteil an informativen, serviceorientierten und meinungsbildenden Elementen verändern?

Claus Spahn: Weniger Inhalt, mehr Service – diese Entwicklung ist sehr deutlich zu erkennen, vor allem bei kleinen, lokal gebundenen Zeitungen. Hier spielen natürlich die Marketinginteressen wieder einmal eine große Rolle. Für die PR ist ein Vorbericht viel interessanter als eine Kritik, die erst hinterher erscheint, denn so erfahren die Leute von einem Konzert und haben noch die Möglichkeit hinzugehen. In gewisser Weise kann man sagen, dass die klassische Konzertkritik im Popbereich nach einem Konzert kaum mehr existiert und dass sie auch niemand mehr braucht, weil alle Informationen vorab schon serviceorientiert und verkaufsfördernd platziert wurden. Natürlich gibt es noch die Pop-Diskurse, etwa von Diedrich Diederichsen. Die bewegen sich jedoch größtenteils auf einer Meta-Ebene jenseits der klassischen Pop-Konzertkritik.

Hinzu kommt der allgemeine Trend zur Personalisierung. Überall sollen Menschen im Zentrum der Themen stehen. Ich bin immer dafür, bestimmte Themen durch Menschen lebendig zu machen. Es hat Phasen gegeben, in denen man im Kulturjournalismus viel zu theoretisch war. Aber manche komplizierte Themen lassen sich einfach nicht über Menschen erzählen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Anteile von Kulturjournalismus und speziell Musik im Feuilleton immer weniger werden. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als ich 1994 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung zu schreiben anfing, die sich mit einer Figur wie Joachim Kaiser im Zentrum dezidiert als Musik-Feuilleton verstanden hat. Davon bewegen sich die Zeitungen heute weg. Aber man muss auch aufpassen mit solchen Generalisierungen. Im medial gediegenen Umfeld in Zürich wird es noch sehr geschätzt, wenn die Neue Züricher Zeitung oder der Tagesanzeiger im „alten Stil“ über das kulturelle Leben der Stadt berichten und nicht dem Service-Hype erliegen.


Hängt der Schwund des Musikjournalismus vielleicht auch mit den Interessen des Publikums zusammen? Was kann er in Zukunft überhaupt noch leisten und wer braucht ihn überhaupt noch?

Claus Spahn: Wenn eine Kulturredaktion für sich den Anspruch erhebt, ein Seismograph gesellschaftlicher und ästhetischer Entwicklungen zu sein, also ein Reflexionsforum dafür, was in der Welt passiert, dann finde ich, dass Musik – sowohl Pop- als auch E-Musik – genauso dazugehört wie beispielsweise Literatur oder Kino. Wir können den Begriff Kultur nicht denken, ohne darüber nachzudenken, was in der Musik passiert. Sie ist eine essentielle Erscheinungsform von Kultur. Und bei der Reflexion dieser Erscheinungsform kann der Musikjournalismus noch einmal ganz andere Aspekte und Kanäle einbeziehen, die anderen Betrachtern verborgen sind. Da Musik für den Menschen so eine grundsätzliche Rolle spielt, glaube ich, dass auch das Interesse an Musikjournalismus immer bleiben wird. Ich bin in meiner Zeit als Journalist viel gereist, auch über Europa hinaus, und habe mich immer darin bestätigt gefühlt, dass Musik in allen Teilen der Welt essentiell wichtig ist. Es wird ja immer viel darüber lamentiert, dass die Klassik-Hörer aussterben, aber das kann ich ehrlich gesagt nicht bestätigen. Vielleicht lässt sich das ganz gut mit den Menschen vergleichen, die immer noch Bücher lesen. Die sollen ja auch aussterben. Aber ein bestimmter Prozentsatz war immer schon lese-affin und wird es immer bleiben. Und ich glaube, so ist das mit der Musik auch. Und im Gegenteil: In der Zeitspanne, die ich überblicke, haben die musikalischen Angebote immer mehr zugenommen und sich ausdifferenziert. Darum habe ich auch nie in dieses Wehklagen über leere Konzertsäle und Opernhäuser eingestimmt. Solche Szenarios gibt es schon seit den achtziger Jahren, und sie sind nie eingetreten.

[...]

Romina Halewat / Steffen Riske

Claus Spahn, geboren 1961 in Alsfeld in Hessen, studierte zunächst Klassische Gitarre und Klarinette an der Musikhochschule in Freiburg im Breisgau, bevor er an die Deutsche Journalistenschule in München ging. Seine Karriere begann 1990 als Radiomoderator beim Bayerischen Rundfunk. Nebenbei war er als freier Journalist für die Süddeutsche Zeitung tätig, bevor er 1998 zur Wochenzeitung DIE ZEIT nach Hamburg wechselte, bei der er 14 Jahre als Redakteur im Feuilleton über klassische Musik schrieb. Sein Interesse galt dabei vor allem der Oper und Sinfonik, zeitgenössischer Musik und Kulturpolitik. 2012 verabschiedete er sich von der Journalistentätigkeit und zog nach Zürich, wo er seitdem als Chefdramaturg am Opernhaus arbeitet.


Mit freundlicher Genehmigung von Springer VS - Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH


Das vollständige Interview ist verfügbar unter dem Link http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-15935-1_15 (Universitätszugang vorausgesetzt)



 

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