Interview: Kent Nagano zum Musikleben in Deutschland

Kent Nagano gilt als eine der herausragenden Dirigentenpersönlichkeiten unserer Zeit. Seit September 2006 ist er Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper sowie Music Director des Orchestre symphonique de Montréal. Anlässlich der vor kurzem erschienenen Publikation Musical Life in Germany sprach der gebürtige Amerikaner mit dem MIZ über das Musikleben in Deutschland und dessen internationalen Stellenwert.

© Nicolas Ruel

Herr Nagano, Sie sind Amerikaner mit japanischen Wurzeln und leben nun seit über 10 Jahren mit ihrer Familie in Berlin und München. Wie erleben Sie das Musikleben in Deutschland, beruflich und privat?

Für jeden Musiker ist es etwas Großartiges, in Deutschland arbeiten und wirken zu können. Hier sind die Traditionen spürbar und werden in einer Breite gepflegt, wie das einzigartig in der Welt ist. Hier gibt es weit über hundert professionelle Symphonieorchester - die vielen anderen Aktivitäten nicht gerechnet. Ich bin sehr glücklich, dass mich mein künstlerischer Weg nach Deutschland geführt hat.

Inwiefern unterscheidet sich die Traditionspflege in Deutschland von der anderer Länder, in denen die Musik ebenfalls eine große Rolle spielt?

Es gibt da schon beachtliche Unterschiede. Die liegen begründet in den doch verschiedenen kulturellen Traditionen und deren Verankerungen in den Gesellschaften und den gesellschaftspolitischen Strukturen. Die künstlerische Praxis in Europa, vielleicht besonders in Deutschland, ist trotz neuerdings erheblicher finanzieller Probleme offen und zugleich stabil. Man hat den Eindruck, dass die Frage nach dem Sinn der Kunst und der künstlerischen Arbeit sehr ernst genommen wird und immer noch wichtiger ist als der repräsentative Aspekt.

Sie sprechen die Finanz- und Wirtschaftskrise an, die gezeigt hat, wie schnell ein auf überwiegend auf privaten Mitteln aufgebautes Finanzierungssystem für Kultur ins Wanken geraten kann. Bewerten Sie vor diesem Hintergrund das Modell der öffentlichen Kulturfinanzierung anders?

Wie wir gerade in jüngster Zeit erfahren, entstehen in den USA als Folge der großen wirtschaftlichen Probleme enorme Belastungen auch im kulturellen Bereich. Das führt so weit, dass Konzertreihen gekürzt oder gar abgesagt werden müssen, ehemals äußerst vital erscheinende Kulturzentren verfallen und sogar bedeutende Orchester mit großer Tradition in Existenznöte geraten.

Das Problem hierbei ist, dass nahezu alle Faktoren, die beispielsweise für ein Konzertunternehmen relevant sind, auf privatem Engagement und Interesse basieren - mit der Folge, dass wirtschaftliche Probleme dann auch voll durchschlagen und eben alle Faktoren davon betroffen sind. Wo die finanziellen Verhältnisse eng werden, da müssen Mäzene und Sponsoren ebenso sparen und sich in Zurückhaltung üben wie das Publikum.

Die öffentliche Kulturfinanzierung in Deutschland ist selbstverständlich auch keine Garantie dafür, dass man als Kulturschaffender unberührt bleibt von wirtschaftlichen Problemen. Doch da besteht ein Kulturauftrag, und der ist in der Regel auf rechtliche bzw. politische Verbindlichkeiten gestützt. Oftmals wie gerade im Falle von Opern- und Konzerthäusern sowie Orchestern fungiert die öffentliche Hand als Träger und entscheidender Geldgeber der kulturellen Aktivitäten. Das bedeutet trotz gewisser Einschränkungen durch Haushaltskürzungen oder -sperrungen doch eine größere Sicherstellung der künstlerischen Produktion. Es gibt aber einen weiteren sehr wichtigen Punkt, der in meiner Einschätzung die öffentliche Kulturförderung in Deutschland auszeichnet, und das ist der große Freiraum in der künstlerischen Produktivität. In Deutschland sind deshalb - anders als beispielsweise in den USA - auch Aktivitäten möglich, die dort, wo die Finanzierung von Kultur auf privates Engagement gestellt ist, gar nicht denkbar sind. Das ist ein großes Plus, das ich hier erlebt habe und erlebe: die Kunst und die künstlerische Arbeit haben in Deutschland einen hohen Stellenwert, und die Öffentlichkeit, das Publikum ist zu großen Teilen auch bereit, diesen Freiraum und den damit verbundenen Freiheitsanspruch den Künstlern zuzugestehen.

Jährlich kommen tausende junger Musiker aus aller Welt nach Deutschland, um zu studieren und in den Orchester und Musiktheatern erste Erfahrungen zu sammeln. Gab es auch in Ihrer Ausbildung Überlegungen, nach Deutschland zu gehen?

© Nicolas Ruel

Ich hatte in meinen frühen Jahren der musikalischen Ausbildung einen Lehrer, der in München gelebt und studiert hatte. Durch ihn bin ich sehr frühzeitig mit der europäischen und der deutschen Musikkultur und -geschichte vertraut geworden. Durch ihn habe ich insbesondere auch eine spezifische musikalische Denkweise kennen gelernt, die mit deutscher Musik verbunden ist. Ihm verdanke ich die Überzeugung von einer ethischen Dimensionder Musik, die gerade bei deutschen Komponisten eine Rolle spielt. Bach, Beethoven, Bruckner waren Komponisten, deren Musik mich sehr frühzeitig fasziniert hat. Und in Dirigenten wie Bruno Walter, Günter Wand, Wolfgang Sawallisch sah ich herausragende Interpreten, die mich zutiefst geprägt haben.

Tatsächlich habe ich vorübergehend mit dem Gedanken gespielt, zum Studium nach Deutschland zu gehen; doch schon während des Studiums ergaben sich für mich interessante praktische Aufgaben, und die Phase vom Studium in die frühe Berufspraxis verging so schnell, dass ein Studium in Deutschland irgendwie gar nicht mehr von mir in nähere Erwägung gezogen wurde.

Welches Bild hatten Sie von Deutschland, bevor Sie zum ersten Mal hier gearbeitet haben?

Über das Musikleben in Deutschland, über seine gewachsenen Strukturen und regional sehr unterschiedlichen Ausprägungen, aber auch über Deutschland mit seinen wechselhaften gesellschaftspolitischen und kulturellen Vergangenheiten, mit seinen unzähligen Entwicklungen hatte ich durchaus Kenntnisse; später allerdings, als ich dann Deutschland durch meine Tätigkeiten hier kennenlernte, merkte ich, wie oberflächlich und rudimentär diese gewesen waren. Natürlich wusste ich so manches über Berlin und München als große Musikzentren, ich kannte die Bayreuther und die Salzburger Festspiele, ich war auch vertraut mit der bedeutenden Rolle, die Deutschlands Rundfunkanstalten und deren Orchester für die zeitgenössische Musik spielten und ja zum Großteil auch immer noch spielen. Ich gestehe aber auch, dass ich gegenüber Deutschland als ein Land in der Mitte Europas, das so viele große Meister der Musik hervorgebracht hat, so etwas wie Ehrfurcht empfunden habe. Gleichzeitig aber erschien mir dieses Land angesichts dessen, was ich über die beiden Weltkriege, über Hitler und das Dritte Reich, über die Judenverfolgung und den Holocaust wusste, merkwürdig paradox, verschleiert und rätselhaft. Ich erlebe allerdings, dass die neue Generation von Musikern inzwischen oft ein ganz anderes Deutschlandbild hat, da die historischen Dimensionen des Zweiten Weltkriegs gerade auch im Zuge des vereinten Europas für sie nicht mehr unmittelbar erlebbar sind.

Ihr Kontakt zu jungen Musikern erklärt, warum sie sich auch im Bereich der Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche engagieren. Sie haben sie eine innovative TV-Reihe "Monumente der Klassik" ins Leben gerufen, Ihr Kollege Simon Rattle hat international mit seinem Projekt zukunft@bphil für großes Aufsehen gesorgt. Welche Bedeutung haben für Sie musikpädagogische Aktivitäten?

Musikpädagogische Aktivitäten halte ich für überaus wichtig. Die klassische Musik, die Oper, das Orchester, das Konzerthaus und auch die vielen Festivals, die es inzwischen gibt, sind heute gerade in Deutschland immer noch gewichtige Institutionen. Doch ihre gesellschaftliche Bedeutung hat sich verändert, und die jüngeren Generationen folgen heute anderen Verlockungen und Freizeitangeboten. Auch der Stellenwert der Musik im schulischen Bildungskanon hat sich gegenüber früheren Zeiten geändert. Im Regelunterricht der Schulen spielen Musik und die musischen Disziplinen inzwischen häufig nur mehr eine marginale Rolle. Das muss zwangsläufig dazu führen, dass der Rang der Musik im gesellschaftlichen Leben zurückgestuft erscheint.

Unsere Musiktradition aus den zurückliegenden Jahrhunderten reflektiert auf einzigartige Weise eine humane Kulturfähigkeit des Menschen, die allerdings von Generation zu Generation immer wieder neu und den Zeitverhältnissen entsprechend erarbeitet werden muss. Hier aktiv mitzugestalten, den Menschen die Wege zu einem Verständnis und vor allem zum Erleben dessen zu ebnen und zu bahnen, was man hört, das gehört für mich zu den entscheidenden Herausforderungen von heute, denen wir uns als professionelle Musiker zu stellen haben. Man mag die Situation beklagen, aber sie ist so, und darauf gilt es zu reagieren. Natürlich ist das bedauerlich, weil sich dadurch im Verhalten der jungen Menschen zu ästhetischen Phänomenen bzw. generell zu einer ästhetischen Weltsicht und Lebenspraxis Verflachungen und Passivität durchsetzen. Da braucht es Hilfe und Unterstützung; denn das Besondere und Spezifische der großen Kunstmusik ist es ja gerade, dass diese Musik im Hörer ihren Partner sucht und auch benötigt, dass sie ihn herausfordert und sowohl Sinne wie Geist beansprucht.

© Nicolas Ruel

Was muss konkret getan werden, um für die klassische und zeitgenössische Musik ein neues, ein jüngeres Publikum zu gewinnen?

Ich glaube fest daran und bin auch überzeugt davon, dass die Erfahrungen des "Selber-Musik-Machens" die beste Voraussetzung dafür sind, die uns überlieferte Musik aus den vergangenen Jahrhunderten zu verstehen, gerne zu hören und schätzen zu lernen. Es geht darum, das "Komponieren" zu begreifen, d.h. im entsprechenden Tun zu erleben, was "Komponieren" ist und bedeutet; es geht darum, im Akt des Komponierens oder eben auch dann in dessen Nachvollzug zu erleben, was da geschieht, indem aus Tonfolgen Melodien entstehen, indem sich harmonische Komplexe bilden, aus denen wiederum Formverläufe entwickelt werden. Das gleiche gilt übrigens auch für die vielfältigen Stilistiken der populären Musik.

Eine differenzierte, eine empfindsame Wahrnehmung von musikalischen Ereignissen ist wichtig und entscheidend, und die Fähigkeit dazu sollte auf allen möglichen Wegen gefördert werden. In jedem Menschen liegt ein Keim zur kreativen Selbstentfaltung und Äußerung. Letzteres als einen einzigartigen Selbsterfahrungs- und Erlebniswert den jungen Menschen zu vermitteln, das muss unsere Aufgabe sein. Die verlangt gewiss viel Phantasie, Geist, Einfühlungsvermögen und kommunikatives Engagement.

Wenn Sie Deutschland wieder verlassen - was werden Sie vermissen?

Ich weiß gar nicht, ob ich Deutschland verlassen werde. Ich beende 2013 eine feste Position an der Bayerischen Staatsoper. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich mein Blick auf Deutschland und auf seine kulturellen Szenarien und Ausprägungen ändern kann; dass der Blick auf andere Phänomene fällt und sich neue Erfahrungen erschließen. Ich habe das Gefühl, meine Auseinandersetzung mit der Kultur und der Musik Deutschlands ist noch lange nicht abgeschlossen. Ich werde also nichts vermissen nach 2013, ich werde Neues erleben.

Haben Sie Zukunftsvisionen für das Musikland Deutschland?

In Deutschland lebt tatsächlich eine kulturelle Tradition, gerade in der Musik; und diese Tradition ist von höchster Bedeutung. Die internationale Ausstrahlung dieser Musikkultur bestätigt das. Dessen sollte man sich hier noch stärker bewusst sein. Doch es geht ja nicht nur um die Aufrechterhaltung einer kulturellen Tradition. Wichtig erscheint mir, den progressiv-fortschrittlichen Charakter dieser Tradition zu erkennen und daraus für die Zukunft und die Welt von morgen Impulse herauszuschlagen und umzusetzen in neue künstlerische Taten.

Biographie Kent Nagano



Stand: 21. Juli 2011

 

 

 

Musical Life in Germany

 

Musical Life in Germany

133 öffentlich getragene Sinfonieorchester und 83 Musiktheater, ein dichtes Netz musikalischer Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen, über 500 Musikfestivals und die vielfältigen Laienensembles und -gruppen mit ihren rund 7 Millionen Musizierenden: Deutschland gehört zu den lebendigsten Musikländern weltweit – und übt international eine besondere Anziehungskraft aus. Mit seiner neuen Publikation Musical Life in Germany hat das Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) erstmals ein englischsprachiges Informationsmedium vorgelegt, das Daten und Fakten zum Musikleben in Deutschland für ausländische Informationssuchende im Überblick bereitstellt.

 

Beiträge:

Musical Life in Germany - Introduction

Music in Germany’s State Education System

Music Education Outside the State School System

Education for Musical Professions

Amateur Music-Making

Symphony and Chamber Orchestras

Music Theatre

Festspiele and Festivals

Contemporary Music

Popular Music

Music in Church

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Information and Documentation

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