RADIO UND MUSIKVERMITTLUNG
WANDEL DER FUNKTIONEN IM DIGITALEN ZEITALTER
In den für das Radio erfolgreichen und wichtigen 50er- und 60er-Jahren konnte man Jugendliche beobachten, die hässliche Pappkartons mit Firmenaufschriften in der Pause auf dem Schulhof tauschten. Oder es wurden Freunde und Freundinnen zum Anhören der Inhalte eben dieser Pappkartons auf heute nostalgisch anmutenden Koffergeräten nach Hause eingeladen. Tonband, später Kassettenmitschnitte der beliebtesten Radiosender und ihrer Musiksendungen waren es, wie z.B. der Frankfurter Schlagerbörse mit dem legendären Hanns Verres oder der Discothek im WDR mit Mal Sondock. Zumeist war den Mitschnitten nur eine kurze Lebensdauer beschert, da die Bänder schon bald mit neuen Aufnahmen überspielt wurden, sei es, weil das Geld zur Anschaffung neuen Rohmaterials fehlte, sei es, weil gerade in dem Moment, in dem eine neue Ausgabe aus dem Äther ins heimische Zimmer kam, ein freies Band fehlte. Einige wenige Jugendliche nur dürften es gewesen sein, die ihre Kartons ordentlich beschrifteten, sich einen hölzernen Kasten kauften und diesen hingebungsvoll mit sauber beschrifteten Karteikarten füllten, auf denen neben der genauen Laufzeit, der Bandnummer auch andere wichtige Details wie die Namen der Interpreten, Komponisten und der Titel vermerkt waren. Denn in der Regel handelte es sich um musikalische Fast-Food-Ware: Musik für den Sofortverzehr, wie Mal Sondock meinte. Heute dürften wohl die Hörer von damals angesichts der tatsächlichen Menge der gespielten Platten nur eine vergleichsweise geringe Zahl der Titel noch genau zu benennen wissen. Die Namen derjenigen aber, die die Musik präsentierten und vermittelten, sind als prägende Persönlichkeiten der Freizeit in der Erinnerung geläufig: Chris Howland und Frank Laufenberg, der junge Thomas Gottschalk und Carlo von Tiedemann und einige andere mehr. Zehntausende von Zuschriften auf eine einzige ihrer Sendungen waren keine Seltenheit. Von diesen goldenen Zeiten kann das Radio von heute nur träumen.
Natürlich galt das auch damals schon ausschließlich für den Bereich der Unterhaltung. Menschen, die Jazz- oder Klassiksendungen zum Mitschneiden nutzten und die bei dem Namen Karl Heinz Wocker nicht nur an den langjährigen Londoner Korrespondenten der ARD denken, sondern auch an den profunden Klassikpräsentator, gab und gibt es zwar ebenso, doch für die Entwicklung des Radios und des Verhältnisses zwischen ihm und der Musikvermittlung ist der populäre Bereich weitaus wichtiger. Auch das Fernsehen erkannte bald die Bedeutung der populären Musik und wartete mit eigenen Sendungen auf, die zunächst kaum etwas anderes waren, als auf die Bedingungen des visuellen Mediums übertragene Radiosendungen (nicht selten mit den Stars des Hörfunks als Moderatoren). Auch diese Sendungen wurden Teil der Geschichte der populären Musik nach 1945, zum Beispiel Musik aus Studio B, BeatClub oder ZDF-Hitparade. Doch auch für das Fernsehen hat sich die Situation gravierend geändert. An die Stelle einzelner Sendungen sind die jungen Videoclip-Kanäle getreten: VIVA und mtv haben den Platz eingenommen. Geblieben sind einzelne Sendungen aus dem Sektor der volkstümlichen Musik, die allerdings als Quotengarant angesehen werden können.
Schwieriger noch stellt sich die Situation für den Rundfunk und die Vermittlung von klassischer Musik dar. Zwar versuchen die Sender 3 Sat und Arte immer noch mit Opernaufführungen, Komponisten- und Musikerportraits sowie traditionellen Konzertmitschnitten das kulturorientierte Publikum zu erreichen und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten investieren nach wie vor erhebliche Summen nicht nur in ihre Klangkörper, sondern auch in die Kultur- und Klassikkanäle des Radios, doch seit langer Zeit gelingt es kaum noch, neue Hörer außerhalb der traditionellen Nutzergruppen für diese Angebote zu interessieren. So stagnieren die Einschaltquoten seit Jahren in einem Bereich, der nicht nur den Programmverantwortlichen Kopfschmerzen bereitet, sondern eigentlich allen, denen es um das kulturelle Leben geht.
Bei der Suche nach den Ursachen, sind einige Medienkritiker oder -politiker mit Schuldzuweisungen schnell bei der Hand. Da wird gerne das Argument von der vorgeblichen Konvergenz der öffentlich-rechtlichen und privaten Programme bemüht, die insbesondere den etablierten Anstalten angelastet wird, so als ob ein ausgefeiltes kulturelles Angebot, eine zeitgenössische Oper etwa, in der Lage wäre, in der Sehergunst gegen denBig-Brother-Voyeurismus und andere kurzlebige Sensationen zu bestehen. Oder es wird auf die angeblich beständige Verflachung der Hörfunkprogramme verwiesen, auf die allgegenwärtige, nicht mehr vermittelte oder reflektierte Präsenz von Musik im Radio, die es überhaupt erst möglich gemacht habe, dass Musik kaum mehr anders denn als Klangtapete wahrgenommen werde. Wenn man die Kulturstudie von ARD und ZDF1 liest, dann scheint es tatsächlich so zu sein, dass das Potenzial an kulturinteressierten Menschen offenbar weitaus größer ist als das, was die Sender mit ihren Kulturprogrammen erreichen. Aber - und auch dieses Phänomen ist den Verantwortlichen geläufig - die Betrachtung der Situation der Theater, Konzert- oder Opernhäuser lässt einen zu ähnlichen Ergebnissen kommen: Während das kulturelle Event, ein großes Musikfestival in entsprechend schöner Umgebung etwa, vielfältig angenommen wird, haben es die traditionellen Institutionen immer schwerer, mit ihrem Kulturangebot das Publikum zu erreichen.
Für den populären Bereich dürfte Ähnliches gelten. Obwohl alle einschlägigen Hörfunkstudien nach wie vor Musik als dasjenige Element ausweisen, welches das Einschaltverhalten der Hörer am stärksten beeinflusst, hat die Bedeutung regelrechter Musiksendungen, Hitparaden oder musikjournalistischer Angebote gegenüber früheren Zeiten deutlich abgenommen. Die Etablierung von Titeln vollzieht sich auf anderen Wegen und konsequenterweise spielen bei den Musikresearchs der populären Massenprogramme weniger die Einschaltimpulse eine Rolle als vielmehr die Titel, die zu einem möglichen Ausschaltmoment werden können.
Von daher scheinen es tatsächlich die Sender selbst gewesen zu sein, die mit der Umstrukturierung ihrer Programme, der Entwicklung von Formatwellen im Hörfunk und der partiellen Orientierung an Einschaltquoten im Fernsehen diese Entwicklung begünstigt haben. Doch diese Überlegungen greifen natürlich zu kurz, da sie die generellen Veränderungen der Medienlandschaft mit dem Aufkommen der kommerziellen Programme in den Achtzigerjahren außer Acht lassen. Die politisch gewollte Vermehrung der Programmangebote musste zwangsläufig einerseits zu neuen Konstellationen und Konkurrenzsituationen führen und andererseits zu einem Bedeutungsverlust einzelner Angebote. Wenn eine mittelgroße Stadt einem Vergnügungspark nebst Großkino mit zehn Vorführräumen ihre Zustimmung erteilt, dann muss sie sich nicht wundern, wenn das bisher gut frequentierte Programmkino in Schwierigkeiten gerät und auf diese mit einer der Konkurrenzsituation angepassten Veränderung des Angebotes reagiert. Es gehört zwar zum beliebten Repertoire der Argumentation in der Mediendiskussion, den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten einerseits empört ihre Orientierung am Publikum vorzuwerfen, andererseits aber nicht minder empört auf die geringen Einschaltquoten der Kulturprogramme und ihre demgegenüber hohen Kosten zu verweisen, in der Sache aber hilft dies kaum weiter. Der Wandel im grundsätzlichen Verhalten der Nutzer dürfte angesichts der Entwicklungen der Medienlandschaft nicht mehr umkehrbar sein, aber er war vorhersehbar. Bereits 1979 ist Claude Geerts in einer Untersuchung der Vermehrung der Programmangebote in Belgien durch die Kabelverbreitung zu folgendem Schluss gekommen: Das Hauptopfer ist jedoch die Kultur. Die Sender können noch so viele Kulturprogramme anbieten vom Nachmittag bis zum späten Abend, . . . die Nutzung hat im Verlauf dieser acht Jahre der Untersuchung abgenommen. Die kulturellen Sendungen sind letztendlich die Verlierer der heutigen Situation; sie vermögen am wenigsten der Konkurrenz der Unterhaltungssendungen zu widerstehen.2
Für den Wandel im Medienverhalten kann eine Interessenverlagerung konstatiert werden. In der Regel ist nicht mehr das inhaltliche Interesse an einer ganz bestimmten Sache - Musik, Theater, Literatur - ausschlaggebend für die Mediennutzung, sondern die Funktion, die das Medium zu einer Zeit im Tagesablauf einnimmt. Damit werden das generelle Image und Angebot des gesamten Programms von zunehmender Bedeutung. Zugleich kann nicht mehr von den generellen Interessen der Nutzer auf ihr Mediennutzungsverhalten rückgeschlossen werden. In der Hörerforschung des Hessischen Rundfunks wurde z.B. bei den Nutzern der Populärwelle hr3 ein deutliches Interesse an kulturellen Ereignissen bis hin zu klassischen Konzerten festgestellt. Trotzdem werden diese Hörer nicht zur Kulturwelle hr2 oder dem neuen Angebot hr2 plus: Klassik wechseln. Die Befriedigung ihres kulturellen Interesses vollzieht sich außerhalb der elektronischen Medien, weil dem Radio - analog dem Fernsehen - im Leben der Nutzer eine andere Funktion zukommt, etwa die der angenehmen Tagesbegleitung mit jeweils aktuellen kurzen Informationen. Auch viele Klassikfreunde sehen im Radio nichts anderes als eine akustische Tapete und reagieren deshalb bei einer Störung dieser Erwartungshaltung durch das Programmangebot - neuere oder unbekanntere Musik - durch einen Wechsel zu einem anderen Klassik-Programm, was heute aufgrund vielfältiger neuer Techniken leichter möglich ist. Oder es wird zur privaten CD gegriffen, die schon längst der Hauptkonkurrent der Kulturprogramme ist. Ebenso sagt das generelle Interesse, welches insbesondere Jugendliche für populäre Musik zeigen, nichts darüber aus, wie nun diese Musik vermittelt oder präsentiert werden kann, gleichgültig ob dies im TV- oder Hörfunkbereich passiert. So scheint es nach den negativen Erfahrungen des Westdeutschen Rundfunks mit dem Versuch, das erfolgreiche junge HF-Programm Eins Live ins West-Fernsehen zu transformieren, aussichtslos zu sein, eine Jugendsendung in einem anders geprägten Umfeld zu platzieren. Umgekehrt würde sich wohl ein großer Teil der Nutzer von VIVA abwenden, wenn dieses Programm plötzlich durch Informationssendungen unterbrochen würde. Das alte Familienprogramm, in dem zu bestimmten Zeiten ein inhaltliches Angebot für die jüngeren Nutzer, zu einer anderen Zeit eines für die älteren gesendet wurde und das zu seinen Höhepunkten die gesamte Familie zusammenführte, gehört der Vergangenheit an. Die Individualisierung der Gesellschaft fordert auch hier ihren Preis, indem sie die Nutzung des Mediums davon abhängig macht, welche Funktion welchem Medium zu welcher Zeit zugeschrieben wird. Dass dabei dem unterhaltenden - im Fernsehen - oder tagesbegleitenden Moment - im Hörfunk - immer mehr Bedeutung gegenüber der gezielten Vermittlung von Informationen und Inhalten zukommt, wird niemanden wundern, der sich längere Zeit mit den Mechanismen der Mediennutzung beschäftigt. So konstatiert 1996 Klaus Berg, der Intendant des Hessischen Rundfunks, im letzten Band der von ihm mit initiierten und herausgegebenen Langzeitstudie Massenkommunikation, welche die Mediennutzung und -bewertung seit 1964 empirisch untersucht, mit Blick auf den Wandel der Mediennutzung nach der Einführung des kommerziellen Rundfunks ernüchtert: Die Ergebnisse dieses Vorher-Nachher-Vergleichs sind aus gesellschaftspolitischer Sicht alles andere als beruhigend, wenn man z.B. an normativen Vorstellungen festhält, daß Medien in demokratischen Gesellschaften eine Funktion der Information und Meinungsbildung zu erfüllen hätten, die nur sie wahrnehmen können, und dies die Basis ihrer verfassungsrechtlichen garantierten Freiheit sei. Es gehtin dieser Studie um Mediennutzungsdaten, und selbstverständlich kann der Konsum staatsbürgerlicher Informationen nicht hoheitlich verfügt werden. Aber viele der in den Ergebnissen von 1995 sichtbar werdenden Veränderungen im Umgang der Bundesbürger mit den Medien und ihren Inhalten waren absehbar, sind von Wissenschaftlern mit Blick auf die Kommerzialisierung des Rundfunks in anderen Ländern immer wieder prognostiziert worden. Beispiele hierfür sind die sich abzeichnende Teilung der Gesellschaft in Informationsreiche und Informationsarme, die zunehmende Indienstnahme der Medien nur noch zu Unterhaltungs- oder Zerstreuungszwecken und die Abwendung großer Teile - vor allem der jüngeren Bundesbürger - von medial vermittelter Information sowie die wachsende Bedeutung des Fernsehens als Zeitlückenfüller . . . Neil Postmans Vision läßt sich für große Teile der Bundesbürger in Ost und West präzisieren: sie amüsieren sich bis zum staatsbürgerlichen Tode.3 Ergänzend lässt sich heute anmerken: auch bis zum kulturellen Tode . . .
Gezielte Vermittlung von Musik - gleichgültig ob populärer oder klassischer - hat es unter diesen Umständen ausgesprochen schwer. Sie funktioniert im Rahmen der begrenzt genutzten Bildungssendungen wie beim Funkkolleg Populäre Musik des Hessischen Rundfunks oder in der eigens eingerichteten täglichen journalistischen Strecke für populäre Musik Schwarzweiß in der Welle hr1. Aber dies sind im medialen Alltag die Ausnahmen. In der Regel gilt für Musik die Funktion als angenehme akustische - und zunehmend auch visuelle - Begleitung oder Stimulation des Tagesablaufes. Wer also darüber hinaus versuchen will, den gegenläufigen Tendenzen entgegenzutreten und dabei für sein Programmangebot beides zu erreichen, nämlich gleichzeitig die Befriedigung der primären Hörerinteressen und darüber hinaus die weitergehende Vermittlung von Inhalten, muss sich etwas einfallen lassen. Zweifellos ist es daher sinnvoll, die zusätzlich zur beschriebenen Situation neu aufkommende Konkurrenz der Online-Angebote nicht einfach hinzunehmen, sondern für eigene Zwecke zu nutzen.
Für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die mehr sind als eine bloße Musik-Abspielstation und die oftmals selbst noch als Produzenten nicht nur von klassischer Musik, sondern auch von ethnologischen Formen, Jazz oder Spielarten der Unterhaltungs- und Rockmusik auftreten, bietet die Online-Verbreitung neue Perspektiven. Sie lassen sich in drei Anwendungen gliedern:
1. Informationen über das Programm
2. Ergänzende Informationen zum Programm
3. Direkter Vertrieb von eigenen Produktionen
Im ersten Fall haben wir es mit einer neuen Varianten der traditionellen Programmankündigung oder Bewerbung zu tun, die allerdings den Vorteil hat, weitaus aktueller sein zu können. Aufgrund des Redaktionsschlusses der wenigen TV-Illustrierten, die auch noch ausführlich die HF-Programme kommunizieren, gab es bei Veränderungen in konkreten Fällen - Live-Übertragungen aus den großen Opernhäusern zum Beispiel - nicht selten Verstimmungen mit Hörern, die sich gerade auf den einen Sänger gefreut hatten oder ein bestimmtes Werk hören wollten, das kurzfristig ausgetauscht werden musste. Sämtliche Programminformationen, insbesondere auch zu Sondersendungen, lassen sich daher online müheloser und weitaus günstiger für die Kunden transportieren. Aktualisierungen anderer Art, wie z.B. über neue Frequenzen, sind ebenfalls schnell und problemlos möglich. Hier gelten für den Rundfunk insgesamt jene Vorteile, die sich alle anderen Branchen zunutze machen, die im Internet ihre Produkte anbieten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass diese Art der Information noch keinen substanziellen Wandel im Verhältnis zur Musik und Musikvermittlung im Rundfunk bedeutet.
Dieser wird allerdings bereits auf der zweiten Stufe erreicht. Vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses zwischen der begleitenden Funktion von Musik aufgrund eines gewandelten Nutzerverhaltens und dem nach wie vor bestehenden prinzipiellen Interesse aller Nutzer an Informationen über Musik stellte sich in den Rundfunkanstalten schon lange die Frage, wie beides miteinander kombiniert werden kann. Nachdem schon früh über den Radiotext als Ergänzungsinformation nachgedacht wurde, kann aufgrund der heutigen Techniken eine neue Informationsart angeboten werden. Es ist nunmehr möglich, die Informationen, die zur Vermittlung und Präsentation von Musik unumgänglich sind, dem Hörer kenntlich zu machen, ohne dabei die eigentliche Funktion des Mediums zu tangieren. Er erhält ergänzende Informationen zu den gerade gespielten Musiktiteln entweder im Radiotext oder weitaus komfortabler und ausführlicher noch durch das ständig aktualisierte Online-Angebot. Während zum Beispiel ein klassisches Nebenbeiprogramm läuft, kann der Nutzer sich im Internet-Angebot der Rundfunkanstalt die Daten über die Interpreten und die Aufnahme verschaffen; ggf. wird ihm die Möglichkeit geboten, sich in weitere Dienste einzuklinken, um so ohne Schwierigkeiten und vor allem individuell und zeitsouverän seinen Informationsbedarf zu decken. Im Prinzip sind der Kreativität zur Entwicklung ergänzender Informationen und Verweise keine Grenzen gesetzt.
Im dritten Fall schließlich handelt es sich um die Möglichkeit der Nutzung von Online-Wegen zur Übertragung. Unbeschadet aller hier noch zu lösenden rechtlichen Probleme ist dieser Weg schon jetzt für die Rundfunkanstalten da interessant, wo eigene Produktionen vertrieben oder komplett über das Netz angeboten werden sollen. Hier eröffnet sich der Musikvermittlung eine völlig neue Dimension. Jede produzierende Anstalt erweitert damit auf einen Schlag ihren Radius. Die Konzertmitschnitte und Produktionen der Radio-Sinfonieorchester könnten beispielsweise weltweit vertrieben werden, wobei die derzeitigen technischen Restriktionen bald der Vergangenheit angehören dürften. Es ist völlig klar, dass diese Art der Musikvermittlung und Nutzung insgesamt dem Musikleben eine neue Wendung gibt. Für die produzierenden Rundfunkanstalten bietet dieser Vertriebsweg die Chance, allein schon durch die Erweiterung des potenziellen Nutzerkreises verlorenes Terrain zurückzugewinnen.
Die eigentlichen Gewinner sind aber die Nutzer und die Musik. Hatte der Wandel des Nutzungsverhaltens dazu geführt, dass immer weniger Menschen die elektronischen Medien als Vermittler und Informationslieferanten in seriösen Fächern betrachteten und demgegenüber andere Nutzungsformen bevorzugt wurden, so bietet nun der Online-Zugang all jene Vorteile, die das alte Radio scheinbar nicht mehr bieten konnte, ohne dass dazu notwendigerweise die Formatwellen wieder zurückgedreht werden müssten. Neue Nutzungsformen und das prinzipielle, funktionsorientierte Nutzerverhalten lassen sich miteinander in Einklang bringen. Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass zunächst zum Beispiel auch auf Seiten der Verlage gegenüber dem Internet große Befürchtungen und Bedenken herrschten, die inzwischen einer völlig anderen Einschätzung gewichen sind. Das Buch gilt inzwischen weltweit als Leitprodukt im elektronischen Handel und das Internet hat dem Buch eine wahre Renaissance beschert. Auch dies verweist auf den Zusammenhang zwischen der Funktion und den Medien. Bei aller Begeisterung für das Netz würde wohl niemand auf die Idee kommen, ein ganzes Buch in seiner Freizeit über den Bildschirm zu lesen.
Von daher gilt es, eine dringende Aufforderung an die Wissenschaft zu richten. Gerade da die gegenwärtige Diskussion oftmals völlig von den Diskussionen über die technischen Möglichkeiten und die rechtlichen Folgen bestimmt wird, werden die Verhaltensweisen der Nutzer und die Funktion der jeweiligen Medien in ihrem Alltag zu wenig beachtet. Diesem Faktor aber gilt es mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Denn der Nutzer selbst hat sein Verhalten gar nicht so sehr geändert: nach wie vor werden auf den Schulhöfen Tonträger getauscht mit den neuesten Hits. Nur handelt es sich nicht mehr um Kassetten oder Tonbandmitschnitte in hässlichen Bandkartons aus Pappe, sondern um selbstgebrannte CDs. Und die darauf enthaltenen Titel entstammen nicht der Schlagerbörse des Hessischen Rundfunks, sondern den im weltweit verfügbaren und abrufbaren Netz meist illegalen Dateien. Die Begeisterung aber, mit der über diese Titel gesprochen wird, mit der sie getauscht werden, die hat sich nicht geändert. Ob allerdings Radiomoderatoren noch so wie früher zu prägenden Persönlichkeiten der Freizeit werden können, darf angesichts dieses Nutzerverhaltens bezweifelt werden . . .
Dr. Heinz Sommer ist Programmdirektor
Hörfunk des Hessischen Rundfunks.
2 Cloude Geerts, Die Kabelverbreitung in Belgien, in: Media-Perspektiven VI, 1979, S. 358
3 Klaus
Berg, Vorwort zu: Massenkommunikation V, hrsg. v. Klaus Berg u. M.-L. Kiefer,
in: Media-Perspektiven XIV, 1996, S. 6.