DIE MÄZENATISCHE AUFGABE DES ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN RUNDFUNKS IN DER MUSIKPOLITIK
"Feurio!" titelte Die Zeit am 5. April 1996 in ihrem Feuilleton. Der Schreckensruf mit Rettungs-Appell galt der Nachricht, dass der damalige Südwestfunk (SWF) den traditionsreichen Donaueschinger Musiktagen einen Teil seiner direkten finanziellen Unterstützung entzog, um damit einen Zweijahresrhythmus der Musiktage einzuführen. Der Aufschrei in den Medien war so laut, so entsetzt, so bar jeden Verständnisses für diese Sparmaßnahme des Senders, dass zuallererst die Verursacher selbst überrascht waren. Wer hätte schon gedacht, dass die Donaueschinger Musiktage das Symbol schlechthin darstellen für ein Phänomen, das selbstverständlich seit Jahrzehnten existiert, aber bis dahin noch nie so ausführlich in der Öffentlichkeit thematisiert wurde, nämlich das Mäzenatentum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Bereich der Musik. Und so hatte es die Kulturstiftung der Deutschen Bank leicht, sich als Retterin in der Not zu erweisen. Sie füllte die durch den Teilrückzug des Südwestrundfunks (SWR) entstandene finanzielle Lücke aus und legte Wert auf die Feststellung, dass ihr Engagement in Donaueschingen keinesfalls die Funktion von "Kultursponsoring" erfülle, sondern echtes Mäzenatentum sei. Als Merkmal dieses Mäzenatentums gilt der Kulturstiftung, dass sie keinerlei Einfluss auf die Inhalte des Festivals nimmt. Der ehemalige SWF aber sah sich durch die in allen deutschen Feuilletons geführte Diskussion im Frühjahr 1996 gezwungen, Position zu der Frage zu beziehen, welche mäzenatischen Aufgaben der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute wahrnimmt und welche Verpflichtung per Gesetz und Staatsvertrag dazu überhaupt besteht. Dabei zeigte sich, dass der erste Teil der Frage weit einfacher zu beantworten ist als der zweite.
Für die Bestandsaufnahme kann Donaueschingen durchaus als Modell dienen, zumal im Jahr 2000 der SWR die 50-jährige Medienpartnerschaft mit den Donaueschinger Musiktagen feierte und sowohl der Intendant des SWR, Peter Voß, als auch der für das musikalische Programm verantwortliche künstlerische Leiter, Armin Köhler, in diesem Zusammenhang einige Überlegungen zum Mäzenatentum des öffentlich-rechtlichen Rundfunks anstellten. Die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts wäre in weit höherem Maße unter kommerziellen Zwängen verlaufen, gäbe es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht, beginnt Peter Voß sein Vorwort zum Programmheft der Donaueschinger Musiktage 2000 und fährt fort: Der Allgemeinheit verpflichtet, hat der Südwestrundfunk seine Hörer nie dem Marktgängigen überlassen, sondern stets durch gezielte Förderung in die Entwicklung experimenteller Ausdrucksformen eingegriffen. (. . .) Die meisten der in Donaueschingen uraufgeführten Werke sind im Auftrag des SWR entstanden, der damit das kompositorische Schaffen wie keine andere Rundfunkanstalt der Welt stimulierte. Annähernd 400 Uraufführungen und ca. 100 deutsche und europäische Erstaufführungen sowie zahlreiche Weltpremieren bei den seit den Siebzigerjahren zum festen Bestandteil gewordenen SWR-Jazzsessions sprechen für sich.
Der Rundfunk war und ist unbestritten der stärkste Förderer der neuen Musik in der Bundesrepublik, wenngleich er dabei inzwischen sehr viel mehr Partner hat als noch in seinen Gründerzeiten. Der Gedanke, dass dem Rundfunk die Rolle des Mäzenaten zuwachsen könne, die in früheren Gesellschaftsformen andere Institutionen wahrgenommen haben, ist so alt wie der Rundfunk selbst. Das neue Medium bestand gerade einmal sechs Jahre, als der Dirigent Hermann Scherchen 1929 in der "Süddeutschen Rundfunk-Zeitung" genau dieses formulierte:
Der Rundfunk kann die Aufgabe haben, in einer entscheidenden Zwischen- und Übergangsphase die Musik lebendig bewahren und als das eigentümlichste deutsche Kulturgut retten zu sollen. Dazu wäre nötig, daß seine Sendungen nicht nur das Niveau der Musikpflege auf der erreichten Stufe erhalten, sondern daß er seinerseits dazu beiträgt, der Musik gegenüber jene Rolle einzunehmen, die früher einmal die Kirche, dann die Fürstenhöfe und zuletzt die bürgerlichen Konzertgesellschaften innehatten, als Anforderer von Kunstwerken sowohl wie als Arbeitgeber der Künstler und als natürliche Mittelpunkte der Hörgemeinden.
Scherchen veröffentlichte diese Sätze vier Tage vor Beginn des Deutschen Kammermusikfestes Baden-Baden, das mit acht Uraufführungen, die größtenteils auf Initiative des Rundfunks zurückgingen, bereits mit der Umsetzung dieser Vision beschäftigt war. Dass solches Mäzenatentum eine Musik fördern solle, die die neuen Möglichkeiten des Mediums spezifisch nutze, hat Kurt Weill bereits 1925 mit schneller Auffassungsgabe formuliert und selbst für das Baden-Badener Kammermusikfest 1929 ein Beispiel für eine neue radiophone Form geliefert: den Brecht-Weill'schen "Lindberghflug".
Noch im selben Jahr, also 1929, schrieb der Musikkritiker Heinrich Strobel in der Zeitschrift Melos geradezu euphorisch: Der Rundfunk überflügelt bereits den sanktionierten Musikbetrieb. Er kann in einem Maße für neue Musik eintreten wie kein noch so großzügiges Konzertunternehmen. Vor ein paar Jahren noch war es Utopie. Heute ist der Rundfunk ein wichtiger Faktor des öffentlichen Musiklebens. Strobel schrieb dies in Bezug auf eine Tournee, die Hermann Scherchen 1929 mit dem neu gegründeten Orchester der ORAG (Ostmarken Rundfunk AG) von Königsberg aus unternahm, wobei in jedem Konzert wenigstens ein Werk des 20. Jahrhunderts gespielt wurde. Bedenkt man, dass Konzertveranstalter es heute, gut siebzig Jahre später, noch stets als Herausforderung für ihr Publikum empfinden, wenn in einem Konzertprogramm auch nur ein Werk des 20. Jahrhunderts erklingt, wird deutlich, dass die Aufbruchstimmung der ersten Jahre durchaus zu den besten Zeiten des Rundfunks überhaupt gehört.
Nach den Jahren des Exils wurde Heinrich Strobel 1946 Musikchef des damaligen Südwestfunks. Und schon kurze Zeit später bot sich ihm die Gelegenheit, das selbst in die Tat umzusetzen, was er 1929 am Rundfunk so begeistert hervorgehoben hat: die Möglichkeit, für neue Musik einzutreten. Denn als 1950 eine Abordnung der Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen bei ihm auftauchte, um das finanziell und konzeptionell kriselnde Kammermusikfest zur Förderung der zeitgenössischen Tonkunst auf solidere Beine zu stellen, da nutzte Strobel die Gunst der Stunde. Die Delegation konnte abziehen mit der Zusage, dass das gesamte Orchester einschließlich aller Solisten und der Transportkosten für die Musiker und ihre Utensilien kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Und so ist es, muss man anmerken, bis auf den heutigen Tag. Die inhaltliche Planung des Festivals ging in die Hände des Südwestfunks über. Strobel schaffte es binnen weniger Jahre, das Festival zum Dreh- und Angelpunkt zeitgenössischen Komponierens zu machen. Noch heute ist es der SWR, der allein rund zwanzig Kompositionsaufträge jährlich für Donaueschingen vergibt, der alle Konzerte mitschneidet, weltweit verbreitet, inzwischen auch per Internet, und nach wie vor die finanzielle Hauptlast trägt.
Doch nicht allein im Südwesten, überall waren die Rundfunkanstalten damit beschäftigt, aktiv an der neueren Musikgeschichtsschreibung mitzuwirken und nun endgültig zum größten Mäzen der Musikgeschichte zu werden.
Die Rundfunk-Sinfonieorchester, zunächst dazu da, um nach dem großen Kultur-Kahlschlag ein öffentliches Musikleben überhaupt wieder in Gang zu bringen und Musteraufführungen des klassisch-romantischen Repertoires für die Öffentlichkeit und die Rundfunkarchive zu produzieren, profilierten sich von Anfang an auch mit zahlreichen Uraufführungen.
Beim damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) etablierten sich Konzertreihen mit neuer Musik: in Hamburg das neue werk und in Köln musik der zeit. Der Bayerische Rundfunk begann bereits 1945 mit der bis heute bestehenden Konzertreihe musica viva. Radio Bremen - ohne eigenes Orchester - richtete 1961 pro musica nova ein. Der ehemalige Süddeutsche Rundfunk (SDR) engagierte sich ab 1972 mit der Reihe Musik unserer Zeit und der Saarländische Rundfunk begann 1975 mit dem Festival Musik im 20. Jahrhundert. 1975 gründete der Westdeutsche Rundfunk (WDR) die Wittener Tage für neue Kammermusik. Ebenfalls ein reines Uraufführungsfestival war die vom SDR ab 1951 ins Leben gerufene Woche der leichten Musik.
Die Zahl der von den Rundfunkanstalten in den letzten 50 Jahren in Auftrag gegebenen Werke geht in die Tausende, und wie bereits in früheren Jahrhunderten hat der Mäzen auch die musikalischen Inhalte bestimmt. Die führende Rolle, die der "Darmstädter Schule" in der Musikästhetik der Auftraggeber zukam, hat bei der Bevorzugung bestimmter Komponisten und Schulen lange eine gewichtige Rolle gespielt. Denn die führenden Köpfe aus den Musikabteilungen des Rundfunks waren an der inhaltlichen Ausrichtung der berühmten Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt maßgeblich beteiligt.
Auch die Gründung des Elektronischen Studios 1951 in Köln durch Herbert Eimert gab der zeitgenössischen Musik entscheidende Impulse. Der Rundfunk als durch und durch technisches Medium bot für eine aus der "musique concreÁte" entstandene "Tonbandmusik" ideale Produktionsbedingungen und brachte außerdem experimentelle radiophone Sendeformen hervor, die mit dem Begriff "Akustische Kunst" so allgemein wie zutreffend benannt sind.
1971 richtete der damalige Südwestfunk ebenfalls ein elektronisches Studio ein, das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung. So wie das Kölner Studio untrennbar mit dem Namen von Karlheinz Stockhausen verbunden bleibt, ist das Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung mit dem von Luigi Nono verknüpft, der dort wichtige Teile seines Alterswerks schuf. Die Strobel-Stiftung vergibt nach wie vor jährlich Stipendien an junge Komponistinnen, die im Experimentalstudio die Möglichkeit haben, ihre Werke für Liveelektronik zu erarbeiten.
Aber nicht allein im Bereich der neuen Musik hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk als führend etabliert. Fast parallel dazu begann der WDR mit einem intensiven Engagement auf dem Gebiet der Alten Musik. Die Erweiterung des musikalischen Repertoires nach "hinten", also die Wiederentdeckung der Musik des Mittelalters und der Renaissance, wurde zu einem wichtigen Betätigungsfeld des Kölner Senders, der sich als Produzent und Konzertveranstalter im Bereich der Alten Musik schnell einen Namen machte. Parallel zum Spezialistentum, das die Rundfunk-Sinfonieorchester bei der Aufführung von zeitgenössischer Musik entwickelten, gründete der damalige NWDR Köln 1954 die Cappella Coloniensis, um mit ihr bekanntes und unbekanntes Repertoire des 18. Jahrhunderts nach Maßgabe der "historischen Aufführungspraxis" einzuspielen. Sie wurde in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu einem der begehrtesten Klangkörper für Alte Musik. Ab den Siebzigerjahren baute der WDR sein Engagement im Bereich der Alten Musik noch weiter aus und wurde zu einem der führenden Produzenten in diesem Bereich. Ungezählte Ausgrabungen und Wiederentdeckungen in der Musik vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gehen auf die Aktivitäten des Senders zurück, der im Laufe der Zeit auch wichtiger Mäzen etlicher Spezialensembles wurde. Die Tage für alte Musik Herne (seit 1975) sind ein Aushängeschild dieser Aktivitäten.
Bis auf wenige Ausnahmen finanziert jede der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ein eigenes Sinfonieorchester, manche finanzieren außerdem einen Chor, eine Bigband oder ein Rundfunkorchester, das in der Tradition der früheren Unterhaltungsorchester steht. Diese Orchester gehören zu den Spitzenorchestern der Republik. Sie werden von Dirigenten geleitet, die in vielen Fällen weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießen. In eher ländlich strukturierten Bundesländern sichern die Sinfonieorchester der Rundfunkanstalten mit ihren eigenen Konzertreihen einen musikalischen Standard, der es im Prinzip jedem ermöglicht, zu erschwinglichen Preisen regelmäßig Sinfoniekonzerte auf internationalem Niveau zu hören. Gerade auf diesem Gebiet sind die Rundfunkanstalten wichtige Faktoren im System öffentlicher Musikpolitik. Nachdem die Rundfunk-Sinfonieorchester sich in den ersten Jahren nach dem Krieg darauf konzentrierten, für den Bedarf des eigenen Hauses ein umfassendes klassisch-romantisches Repertoire einzuspielen - das übrigens heute eine nicht zu überschätzende Fundgrube an wertvollen historischen Aufnahmen bietet - haben sich ihre Aufgaben mit den Jahren gewandelt.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sollte heute darin bestehen, gerade das nicht gängige Repertoire, das der kommerzielle Markt nicht anbieten kann, einzuspielen. Das durch die Donaueschinger Tradition regelmäßig mit zahlreichen Uraufführungen konfrontierte SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg gilt heute als eines der kompetentesten Orchester im Umgang mit neuer Musik. Doch haben fast alle Rundfunksinfonieorchester bedeutende Uraufführungen hervorgebracht. Dass dies so ist, hat mit den Arbeitsbedingungen zu tun, die es für die Dirigenten attraktiv machen, mit diesen Orchestern zu arbeiten. Die Probenpläne ermöglichen, wenn es das Werk erfordert, eine sehr viel intensivere Probenarbeit als mit einem in einen städtischen Konzertbetrieb eingebundenen Orchester. In manchen, leider nicht in allen Häusern, nimmt die Studioproduktion noch immer einen hohen Stellenwert ein, wobei häufig mustergültige, weltweit konkurrenzfähige Aufnahmen entstehen. Auch manche Rundfunkchöre, wie das SWR Vokalensemble und der Chor des WDR, sehen eine ihrer wichtigsten Aufgaben in der Aufführung zeitgenössischer Musik und sind darin führend. Unermüdlich in der Entdeckung und Neueinspielung eines Repertoires, das beste Unterhaltung liefert, ohne trivial zu sein, ist das WDR Rundfunkorchester Köln, das sich im letzten Jahrzehnt auch mit der Wiederaufführung eines ins Abseits geratenen E-Musik-Repertoires profiliert hat. In Repertoirefragen mehrgleisig fahren auch das Rundfunkorchester des Bayerischen Rundfunks und die NDR Radiophilharmonie Hannover.
Musikpolitisch von Bedeutung sind jedoch nicht allein die Aktivitäten der Klangkörper, sondern auch die Konzerte, die die Rundfunkanstalten mit nicht hauseigenen Ensembles entweder selbst veranstalten oder durch einen Mitschnitt finanziell unterstützen. Die Jazz-Szene in Deutschland wird durch den Rundfunk stark gefördert oder hat sogar durch ihn entscheidende Impulse erfahren. Jahrzehntelang galt der beim ehemaligen Südwestfunk angestellte Joachim-Ernst Berendt als "Jazzpapst" der Republik. Die Jazzfestivals in Moers und Berlin sind ohne die finanzielle Unterstützung der Rundfunkanstalten nicht durchführbar, die Jazz-Sessions bei den Donaueschinger Musiktagen waren und sind richtungsweisend.
Ohnehin sind die zahlreichen Festivals, die entweder von den Rundfunkanstalten selbst veranstaltet oder maßgeblich unterstützt werden, ein weiteres Kapitel öffentlich-rechtlicher Förderpolitik. Seien es die Schwetzinger Festspiele (SDR/SWR) oder das Rheinische Musikfest (WDR), die Kasseler Musiktage (HR) oder der MDR Musiksommer, alle diese und noch sehr viele andere Konzertreihen sind mittelbar oder unmittelbar mit dem finanziellen und inhaltlichen Engagement der jeweils zuständigen Rundfunkanstalt verbunden.
Ein weiterer Zweig öffentlich-rechtlicher Musikpolitik ist die Durchführung des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD, der 1952 gegründet wurde und noch immer weltweit zu den wichtigsten Musikwettbewerben zählt. Nicht allein die Geldpreise sind attraktiv, der eigentliche Sinn des Wettbewerbs besteht darin, den jungen internationalen Spitzenkünstlern zu Auftritten und Produktionen in einem sachkundigen Umfeld zu verhelfen.
Dass dies alles nur Beispiele sind für das umfassende Engagement des Rundfunks im öffentlichen Musikleben, weiß jeder, der mit offenen Augen ins Konzert geht und dort allenthalben auf den Rundfunk als Veranstalter oder Partner stößt. Ohne den Rundfunk würde unserem Musikleben ein Filetstück fehlen, im Bereich der zeitgenössischen Musik wäre es lebensbedrohend amputiert.
Spätestens hier aber muss nun die Frage gestellt werden, ob für dieses tief greifende Engagement des Rundfunks im öffentlichen Musikleben der Begriff "Mäzenatentum" überhaupt angemessen ist. Mit dem Mäzenatentum verbindet sich die Vorstellung von Freiwilligkeit, von der "großen Geste", mit der gegeben wird, von einer zunächst uneigennützigen Förderung, bei der der Geförderte im Mittelpunkt steht und nicht der Förderer. Der Mäzen kann geben und verweigern, seine Wohltätigkeit sichert ihm im günstigsten Falle einen unsterblichen Ruf, bringt aber - anders als beim Sponsoring erstrebt - keinen unmittelbaren, direkten Nutzen. In diesem Sinne kann der in der Hauptsache gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk gar nicht mäzenatisch tätig sein. Sein Aufgabenfeld ist durch das Gesetz klar umschrieben, eine ganze Reihe von Urteilen des Bundesverfassungsgerichts hat in den letzten Jahren zu einer Präzisierung dieser Aufgaben geführt. Die Art und Weise, wie das Geld ausgegeben wird, unterliegt vielfältigen hausinternen und öffentlichen Kontrollen. Sie orientiert sich in erster Linie am Programmauftrag, den der Rundfunk zu erfüllen hat. Demnach muss jedes Engagement, das der Rundfunk im kulturellen Bereich eingeht, letztlich dem Programm dienen, auch wenn es gerade im Bereich der "Hochkultur" nur für eine Minderheit von Interesse ist.
Die Definition des Programmauftrags der Rundfunkanstalten beschäftigte die Öffentlichkeit besonders intensiv, als sich das Duale Rundfunksystem zu etablieren begann. Dabei stand der so genannte "Kulturauftrag" - Information, Unterhaltung, Bildung - als einer der drei Grundpfeiler des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer wieder im Mittelpunkt. Dieser auch in der Debatte um Donaueschingen 1996 so heftig diskutierte Kulturauftrag ist inhaltlich so eindeutig jedoch nicht, wie es viele gerne hätten. Muss der Rundfunk wirklich Kompositionsaufträge vergeben? Muss er Sinfonieorchester unterhalten und Festivals veranstalten? Könnte er seinen Programmauftrag nicht auch erfüllen, wenn er auf das zurückgreift, was der Markt bietet?
So theoretisch und nur auf die Rundfunkgesetze bezogen kann die Frage jedoch nicht mehr beantwortet werden. De facto ist der Rundfunk in den letzten 50 Jahren zum größten Musikveranstalter der Bundesrepublik herangewachsen. Er hat im Laufe der Zeit unzählige Aufgaben im öffentlichen Musikleben übernommen und mit Gebührengeldern finanziert, die in anderen Staaten mangels Geldgeber gar nicht existieren oder aber von anderen öffentlichen oder privaten Einrichtungen übernommen werden. Das aus dem Föderalismus der Länder sich ergebende föderale System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist mitbeteiligt an der Ausbildung der deutschen "Kulturlandschaft", die zu den dichtesten der Welt gehört. Auf diese Weise entlastet und bereichert der Rundfunk die Städte und Länder erheblich.
Würde durch eine Neuordnung der Gebührenpolitik die Finanzkraft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedeutend geschwächt und müsste er seine programmbegleitenden Aktivitäten deshalb empfindlich einschränken, wären jedenfalls andere Institutionen und die Politik in viel höherem Maße finanziell gefordert als heute.
Dorothea Enderle ist Leiterin
der Musikabteilung des Südwestrundfunks.