MICHAEL ROSSNAGL

IMPULS UND INVESTITION - PERSPEKTIVEN DER PRIVATEN MUSIKFÖRDERUNG IN DEUTSCHLAND
ODER
KUNST IST NICHT EIN LUXUS IM LEBEN, SONDERN ETWAS UNGLAUBLICH NOTWENDIGES (GÉRARD MORTIER)

Man kann sich des befremdlichen Eindrucks kaum erwehren, dass heutzutage mehr über Kulturfinanzierung diskutiert wird als über die Kultur bzw. Kunst selbst. So fragte die neue musikzeitung vor gut einem Jahr, wen Inhalte, Werdegänge, Entstehungsprozesse noch ernstlich bekümmern würden, wenn es darum ginge, die staatliche Gewinn- und Verlustrechnung elegant auszubalancieren. Selbst im Goethe-Jahr dachte das Land der Dichter und Denker allen Ernstes daran, schnell noch einige unserer kulturellen Fenster im Ausland, Goethe-Institute genannt, zu schließen. Wo bleibt hier der Verfassungsauftrag der Kulturstaatlichkeit?

   Die prekäre finanzielle Lage der öffentlichen Haushalte macht es immer schwieriger, Mittel für freiwillige Leistungen, also auch für die vielfältigen Kultur- und Kunstbereiche, bereitzustellen. Und das, obwohl diese Bereiche ein großes Beschäftigungspotenzial enthalten. Man kann heute davon ausgehen, dass bei einem grob geschätzten Etat von 15 Milliarden DM der öffentlichen Hand etwa 1/2 Milliarde DM von Stiftungen und Firmen kommen. Das heißt, dass Staat und Kommunen immer noch den Löwenanteil tragen. Könner aber brauchen Gönner, so ein abgewandeltes Schlagwort der Deutschen Stiftung Musikleben. Der Ruf nach Unterstützung durch die Privatwirtschaft wird lauter und ungeduldiger, weil die Aufgaben immens zugenommen haben, nicht zuletzt aufgrund der Wiedervereinigung. Sponsoring ist inzwischen fast zu einem Reizwort geworden, das Missverständnisse provoziert, Erwartungen und falsche Hoffnungen weckt, Schlagzeilen macht, unzählige Symposien und Abhandlungen produziert. Und warum? Weil die Erwartungshaltungen auf beiden Seiten eminent gestiegen sind. Der Unternehmer demonstriert, dass er auch für die schönen Künste ein offenes Ohr, bzw. ein offenes Portemonnaie hat, während der Kunstschaffende auf Unterstützung angewiesen ist. Da kommt es nicht mehr auf Inhalte an, wenn das Marketingkonzept stimmt. Die beiden Fragen also lauten: Wie könnte man die angespannte Situation entschärfen? Welche Möglichkeiten der privaten Förderung gibt es?

   Nach wie vor herrscht die öffentliche Meinung vor, dass ein Sponsor die Kunst ausschließlich um ihrer selbst willen fördern solle, also ohne jegliche Gegenleistung. Ein positives Beispiel hierfür bietet der 1999 verstorbene schweizerische Mäzen und Musiker Paul Sacher, der über viele Jahre hinweg erhebliche Mittel für die Musikförderung bereitgestellt hat, ohne nach der Umwegrentabilität zu fragen. Sachers Gewinn vor dem Hintergrund, dass Reichtum auch Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber bedeutet, war ein ideeller. Er war ein Mäzen im ursprünglichen Sinne des Wortes: Er förderte die zeitgenössische Musik, weil sie Teil seines Lebens war. Paul Sacher gründete z.B. das Basler Kammerorchester (1926), die Schola Cantorum Basiliensis (1933) und das Collegium Musicum Zürich (1941). Darüber hinaus sicherte er bedeutende Komponistennachlässe für Europa, vor allem den Igor Strawinskys. Im Unterschied zu anderen großen Mäzenen des 20. Jahrhunderts fungierte Sacher nicht nur als Geldgeber, sondern er setzte sich mit den einzelnen Werken als professioneller Musiker auseinander und führte sie unter bestmöglichen Bedingungen auch selbst auf, u. a. durch die Verpflichtung namhafter Solisten. Paul Sacher, so patriarchalisch er auch manche Entscheidungen traf, gehörte mit Sicherheit zu den außergewöhnlichsten Mäzenen. Seiner Vision und Willenskraft gelang es, die kulturelle Landschaft nachhaltig zu beeinflussen und Perspektiven für die Zukunft zu entwerfen.

   Den idealen Sponsor hingegen, der ohne irgendeine Gegenleistung Geld spendet, gibt es nicht. Und wäre das überhaupt wünschenswert? Erst aus dem gegenseitigen Nehmen und Geben, aus dem partnerschaftlichen Interesse, das beide Seiten respektiert, entsteht eine positive Ausgangssituation. Die Tage, da es nach Münchens ehemaligem Kulturreferenten Siegfried Hummel für die Autofirmen Audi und BMW nichts "Schöneres" gab, als mit den Münchner Philharmonikern und der Münchner Musiktheater-Biennale zwei elitäre Kultureinrichtungen zu unterstützen, sind vorbei. Es war Ehrensache, sich inhaltlich nicht einzumischen, obwohl bereits damals ein ausgeklügelter Imagetransfer stattfand. Mit dem Slogan Weggefährte der Münchner Philharmoniker fuhren die Ingoldstädter zeitweise recht gut, mit den BMW Musiktheaterpreisen die anderen. In werbestrategischer Hinsicht profitierten alle Partner von diesen Kooperationen.

   Inzwischen sind die Zeiten rauer geworden. Die Werbekampagnen nehmen an Schärfe zu, sodass die gesponserten Institutionen anscheinend immer größere Zugeständnisse machen müssen. Privates Sponsoring kann aber auch anders aussehen. 1987 hat die Siemens AG neben den bereits bestehenden Stiftungen - der Carl Friedrich von Siemens Stiftung (München) mit ihren wissenschaftlichen Vortragsreihen, dem Ernst von Siemens Kunstfonds (München) mit seinem Schwerpunkt Bildende Kunst und der Ernst von Siemens Musikstiftung (Zug/Schweiz) mit einem hoch dotierten Musikpreis und weiteren Förderpreisen - ihr kulturelles Engagement durch ein eigenes Förderprogramm erweitert. Der konzeptionelle Schwerpunkt des Siemens Kulturprogramms liegt in der Entwicklung innovativer Ansätze im Bereich der zeitgenössischen Künste. Im Bereich Musik werden beispielsweise Kompositionsaufträge vergeben, Koproduktionen unterstützt und interdisziplinäre Veranstaltungen ausgerichtet. Innovation heißt zudem: anstoßen, Grenzen von Gattungen, Sparten, Räumen überschreiten, offen sein für Experimente und für Zukünftiges. Auf diese Weise werden weitere Möglichkeiten der kulturellen Förderung wahrgenommen. Natürlich kann es nicht darum gehen, alles und jeden zu unterstützen. Eine strenge Auswahl der Projekte muss sein, damit keine Beliebigkeit um sich greift. Der zu allen Zeiten notwendige Mut zum Risiko bleibt trotz intensiver, sachbezogener Diskurse der Fachleute auch hier erhalten, denn Kreativität lässt sich nicht in vorgeschriebene Bahnen zwingen, auch zeitlich nicht.

   Neben diesem Ansatz darf ein zweiter Aspekt nicht außer Acht gelassen werden:

Da Kunst, insbesondere die unbequeme, nicht nur im Elfenbeinturm diskutiert oder gefördert werden darf, sucht das Siemens Kulturprogramm konsequent den Weg in die Öffentlichkeit. So werden Auftrittsforen wie das Magnus-Haus in Berlin-Mitte bereitgestellt, das ausschließlich der zeitgenössischen Musik und jungen Spezialensembles vorbehalten ist. Dazu zählt auch die Rotunde im Neubau der Siemens AG in München, in der mit einer programmatischen Konzert- und Vortragsreihe höchst qualifizierte, aber nicht notwendigerweise prominente Künstler vorgestellt werden. Wechselnde Foren gibt es außerdem in Nürnberg, Dresden, Frankfurt am Main, Erfurt, Rom, Rotterdam und vielen weiteren Orten, oftmals in Verbindung mit den Bildenden Künsten. Das Kulturprogramm versucht die eigenen Mitarbeiter zum Besuch dieser und ähnlicher Veranstaltungen zu motivieren, aber natürlich ist jeder Interessierte herzlich willkommen. So ist neben der Künstlerförderung ein Ziel des Siemens Kulturprogramms, alte Vorurteile abzubauen und durch Offenheit und Neugier auf die vielfältigen kulturellen Entwicklungen zu setzen. Die genannten Aktivitäten dienen natürlich auch der Kommunikationserweiterung des Hauses Siemens, das mit einer über 150-jährigen Tradition, wie andere Firmen ebenfalls, erst die Voraussetzungen für Förderungen schaffen muss. Gerade Stiftungen sind als institutionalisiertes Mäzenatentum (Bernhard von Loeffelholz) besonders dazu geeignet, auch langfristig ausgerichtete Projekte zu übernehmen, nicht zuletzt im Hinblick auf neue, noch nicht etablierte Kunst. Somit könnte die öffentliche Hand trotz ihres gesetzlich verankerten Bildungsauftrages, an dem natürlich nicht gerüttelt werden soll und darf, wenigstens teilweise entlastet werden.

   Neben diesen geschilderten Ansätzen der privaten oder privatwirtschaftlichen Kulturförderung darf bei sämtlichen Investitionen in die Zukunft - und das stellt einen weiteren Aspekt des kulturellen Aufgabengebietes dar - das Vergangene nicht vergessen werden. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, wird auch die Zukunft in den Griff bekommen. Auf das Thema Musik bezogen heißt das: Historische Projekte wie die Bereitstellung von Gesamtausgaben, zeitkritische Analysen oder die Bemühungen von musica reanimata um die Aufarbeitung und Wiedererweckung der Entarteten Musik sind ebenso auf finanzielle Zuschüsse angewiesen wie kostspielige Restaurierungsarbeiten an gefährdeten Musikautographen, die jetzt vorgenommen werden müssen, damit auch zukünftige Generationen das kulturelle Erbe antreten können.

   Eines muss immer bedacht werden: Privatwirtschaftliche Unterstützung kann und darf nie Ersatz für die Zuwendung von Bund, Ländern und Gemeinden sein. Das bedeutet, dass z.B. steuerrechtliche Verbesserungen zugunsten größeren privaten Engagements nicht automatisch zu weiteren Kürzungen der öffentlichen Mittel führen dürfen. Der Staat kann sich nicht einerseits weiter aus der Verantwortung gegenüber Kultur und Bildung zurückziehen und andererseits Privatinitiativen durch komplizierte Steuervorschriften unterdrücken. Das Verfahren zur Einrichtung von Stiftungen muss seitens des Gesetzgebers grundsätzlich erleichtert werden, damit ein stiftungsfreundlicheres Klima entstehen kann. Dazu gehört u. a. die Vereinheitlichung der im Augenblick noch unterschiedlichen Genehmigungspraktiken der einzelnen Bundesländer. Diesen Steuerdschungel fürchten Sponsoren wie Gesponserte, und solange hier keine entscheidende Verbesserung eintritt, wird sich die Privatwirtschaft zurückhalten. Das wiederum spüren insbesondere Kulturschaffende, die mit äußerstem Einsatz Projekte behaupten, denen nichts Spektakuläres oder Innovatives anhaftet. Dennoch leisten sie wichtige Basisarbeit, ohne die manches Großvorhaben gar nicht möglich wäre. Das fängt beim Privatunterricht an und hört bei zeitaufwendigen, differenzierten Forschungsprojekten nicht auf. Auch in diesen Bereichen muss Unterstützung wirksam werden. Es dürfen nicht nur gesellschaftlich anerkannte oder gerade "angesagte" Projekte gefördert werden.

   In unserer demokratischen Gesellschaft darf die Notwendigkeit von Kunst nicht schlichtweg verdrängt werden, obwohl man sich angesichts der kulturpolitischen Debatten, in denen es hauptsächlich um finanzpolitische Aspekte geht, dieses Eindrucks nicht erwehren kann. Hier sind vor allem die Länder und Kommunen aufgefordert, ihrer Aufgabe nachzukommen, für die gesamte Kulturentwicklung Richtlinien vorzugeben. Der Kulturetat ist im Vergleich zu den anderen Ausgabenbereichen immer noch äußerst gering. Um die finanzielle Situation dennoch zu verbessern, wären neue Überlegungen vonnöten, obwohl nicht verhehlt werden soll, dass es für öffentliche Kulturinstitutionen grundsätzlich schwieriger ist, über die eigenen Zuwendungen hinaus private Fördermittel zu akquirieren. Renommierte Festivals oder andere spektakuläre Veranstaltungen haben es diesbezüglich offensichtlich leichter, schon weil sie gesellschaftliche Events darstellen. Neben der Unterstützung der Kultur durch den Staat oder privatwirtschaftliche Unternehmen muss es vernünftige, das heißt nicht nur auf dem Papier existierende Rahmenbedingungen geben, die jeden Bürger in seiner Verantwortlichkeit der Gesellschaft gegenüber bestärken, sodass auch ehrenamtliche Tätigkeit im Kultursektor wieder an Ansehen gewinnt.

   Wir alle müssen dazu übergehen, Kunst und Kultur nicht als subventionierten, entbehrlichen Luxusbestandteil unserer Gesellschaft zu betrachten. Der oftmals geäußerten Meinung vieler Bürger, dass sie nicht einsähen, warum Kultureinrichtungen ausgerechnet mit ihren Steuergeldern finanziert würden, begegnete seinerzeit August Everding mit dem Gegenargument: Ich gehe ja auch nie in ein öffentliches Schwimmbad, werde aber trotzdem zur Kasse gebeten.

Sich dieser Aufgabe zu stellen bedeutet, dass sich jeder seiner Verantwortung bewusst werden und Verantwortung übernehmen muss. Dabei ist die öffentliche Hand genauso gefordert wie privatwirtschaftliche Einrichtungen, Mäzenaten, Sponsoren und Stiftungen.

Michael Roßnagl ist Leiter des Büros Kulturprogramm der Ernst von Siemens-Stiftung.



erschienen in: Musikforum H. 93/2000



erschienen in: Musikforum H. 93/2000