EIN HEIKLER BALANCEAKT ZWISCHEN KUNST UND KOMMERZ
GEDANKEN ZUR ROLLE VON MUSIKFESTIVALS IN UNSERER ZEIT
Die Stadt Bonn ist für die Wiederbelebung des ihrem größten Sohn gewidmeten traditionsreichen Musikfestes gelobt und bedankt, aber auch bestaunt worden: In Zeiten leerer Kassen ein neues Festival? Dazu gehört Mut und Optimismus. Den hat der Rat der Stadt gewiss bewiesen. Aber das Internationale Beethovenfest Bonn, unter diesem anspruchsvollen Namen 1999 erstmals - getragen von einer eigens dafür gegründeten GmbH - veranstaltet, ist als Festival-Neugründung keineswegs ein Einzelfall.
Von "Bach in Köthen" bis "Orff in Andechs", vom Internationalen Donaufest in Ulm und Neu-Ulm bis zum Lausitzer Musiksommer, vom Länderdreieck Bayern, Thüringen, Tschechien, das sich stolz ein "Festival Mitte Europa" leistet, bis zum Schwarzwald, wo man im Verbund der Touristenorte Freudenstadt, Baiersbronn und Alpirsbach keck "Renaissance und Lebensfreuden" zum Festivalthema erhoben hat, kurz: von der Insel Rügen bis zur Kurstadt Baden-Baden gibt es zahlreiche, in den letzten Jahren neu ins kulturelle Leben getretene Musikfestspiele. Auch dort, wo man nicht gleich mit dem Ehrentitel "Festspiele" operieren möchte, handelt es sich doch zumeist um hoch ambitionierte, oft sogar erfolgreiche Versuche, in dieses sichtlich höchst attraktive Marktsegment der Kulturindustrie einzudringen.
Wie kommt es, dass Festivals an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert - trotz Ebbe in den Kassen der öffentlichen Hand, trotz der Sparwelle bei Ländern und Kommunen, trotz Orchesterfusionen und Theaterschließungen - wieder "in" sind? Die Frage kann nur mit einem kurzen Blick in die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts beantwortet werden. Nach einem wahren Gründungs"boom" nach 1945 trat in den 70er- und 80er-Jahren eine Phase der Geringschätzung, ja Ächtung des Festspielgedankens ein. Für beide Entwicklungen gibt es plausible Gründe.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der zunächst von den Modellen Bayreuth und Salzburg abgeleitete Festspielgedanke rasch zu einem bestimmenden Faktor unseres Musiklebens entwickelt. Mit atemberaubender Schnelligkeit und in großer Dichte wurde Mitteleuropa von neuen Festspielen überzogen, die sich unabhängig von und zusätzlich zu dem langsam wieder in Gang kommenden, die Folgen des Krieges allmählich überwindenden traditionellen Theater- und Musikleben unserer Städte etablierten. Das Holland-Festival, die Berliner Festwochen, das Edinburgh-Festival und die Festspiele von Aix-en-Provence sind nur die prominentesten Beispiele für diese Entwicklung.
Der Wunsch, die Wunden des Krieges, mit dem Hitler ganz Europa überzogen hatte, mit dem Heilmittel der Kunst zu schließen; der Wille, dem in Feindbildern erstarrten nationalstaatlichen Denken die Kräfte demokratischer Erneuerung und vorurteilsloser Öffnung entgegenzusetzen und schließlich die Hoffnung, durch internationalen Austausch von künstlerischen Spitzenleistungen das kulturelle Gefälle zwischen Sieger- und Verlierermächten auszugleichen und die Basis für ein dauerhaftes friedliches Nebeneinander zu gewinnen: Das waren die wesentlichen Elemente für die erstmals in solcher Fülle in Erscheinung tretende "Kunstbetriebsform" Festspiele.
Zugleich entwickelten sie sich, neben ihrer Funktion kulturpolitischer Repräsentation, zu Orten ästhetischer Demonstration. Was immer an künstlerischen Trends, Moden und Revolutionen, an neuen Inszenierungs- oder musikalischen Interpretationsstilen in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts unsere Gemüter bewegte, nahm fast ausnahmslos seinen Ausgang von den Festspielen jener Zeit. Man denke nur an das Neu-Bayreuth Wieland Wagners, an die zu den Zeiten des "Eisernen Vorhangs" brisanten Konzert-Novitäten aus dem Westen beim Warschauer Herbst, an die Hochglanz-Ästhetik der Karajan'schen Opernproduktionen bei den Salzburger Festspielen oder an die Entdeckung der amerikanischen Pop-Art-Künstler bei Gian Carlo Menottis Spoleto-Festival.
Eigentlich war diese Erfolgsstory am Ausgang der 60er-Jahre zu Ende. Die auffällige Pause bei den Neugründungen von Musikfestivals zwischen 1970 und 1990 ist wohl als Folge der Achtundsechziger-Bewegung zu interpretieren, die ja mehr als nur die eingeschliffenen Gewohnheiten unseres Kulturverständnisses und die Rituale unseres Kunstkonsums nachhaltig verändert hat. Mit dem Ruf nach der Basisdemokratie verstummte der Wunsch nach der Elitekunst. Festspiele waren politikfern, reaktionär, "out". Einer Generation, die sich zugute hielt, dass die Musikrevolution, da sie ohnehin die gesellschaftliche Struktur nicht transzendieren, geschweige denn die Klassenschranken durchbrechen konnte, (wenigstens) zu einer Revolution des kapitalistischen Marktes geworden sei (Konrad Boehmer, 1971), war Kultur, die sich nicht der Politik dienstbar machen ließ, insgesamt suspekt und Festspiele als Inbegriff kapitalistischer Kunstgesinnung und konsumorientierter Ästhetik waren bei ihr vollends verpönt.
Nach dieser Unterbrechung, die ein gutes Jahrzehnt nachgewirkt hat, erleben wir jedoch staunend einen Gesinnungswandel, gerade bei jungen Menschen. Ein neues, unverkrampftes Interesse für Festspielkultur ist unversehens entstanden und begleitet, ja stimuliert die anfangs beschriebene neue Welle von Festivalgründungen, die inzwischen zu einer internationalen Festivallandschaft von zuvor nicht gekannter Dichte geführt hat. Damit sind Festspiele und Festivals auch zu einem Wirtschaftsfaktor bisher ungeahnten Ausmaßes geworden.
Die doppelte Namensgebung für die scheinbar gleiche Sache hat ihren guten Grund. Parallel zu der geradezu flächenbrandartigen Ausbreitung dieser neuen "Kunstbetriebe", vornehmlich auf dem Musiksektor, ging nämlich eine typologische Veränderung vor sich, die sowohl den inneren Organismus als auch die äußere Wirkungsweise erfasste: Zu konstatieren ist der Wandel von einer traditionell als kulturelle Höchstleistung verstandenen Kunstform zu einer vom technischen Perfektionsideal unserer Industriegesellschaft bestimmten Organisationsform. Aus Festspielen alter Prägung wurden, allein schon der Sprachenwechsel macht es deutlich, Festivals, sozusagen made in USA.
Die wesentlichen Merkmale dieses neuen Typs sind, positiv gesehen, professionelles Management und ästhetische Toleranz; der kritische Befund muss dem freilich noch die Elemente starker Marktorientiertheit und restaurativer Kunstgesinnung, gelegentlich auch populistischen Starkults hinzufügen. Wirtschaftliche Stabilisierung und künstlerische Stagnation gehen oft Hand in Hand. Und mit dem Erfolg kam auch das Kalkül. Sowohl die in neuen Glanz getauchten guten alten "Festspiele" als auch das stromlinienförmig geschnittene "Festival" neuer Prägung lernten schnell die Spielregeln des zusammenwachsenden Europa; die Stichworte heißen Kooperation und mediale Verwertbarkeit.
Gewiss, die moderne Marktforschung hat uns gelehrt, auch die Leistungen und Produkte von Kunst und Kultur als - wenn auch besonders schützenswerte - "Ware" anzusehen, die im "Markt" positioniert werden muss. Festivals sind aufgrund ihrer Herausgehobenheit aus dem üblichen Kulturangebot von dieser Forderung besonders betroffen. Sie verdanken nicht nur ihr künstlerisches Flair und ihre Eigenart, sondern inzwischen ihre Existenzberechtigung ausschließlich der Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit ihres Profils; diese Elemente allein garantieren auch den "Unique Selling Point" für ein erfolgreiches Marketing.
Aber - davon bin ich fest überzeugt - erst wenn ein Konzept und seine Umsetzung durch bedeutende Künstler zusammentreffen, wenn sich "Idee" und "Ambiente" sinnvoll ergänzen, hat das "Produkt" eine Chance auf dem heute übersättigten Musikmarkt. Dies trifft speziell für das neu in die europäische Festivallandschaft eingetretene Internationale Bonner Beethovenfest zu. Denn mit dem Namen Beethoven, der laut einer jüngsten Untersuchung weltweit als "Nummer 1" mit deutscher Kultur identifiziert wird, sind ideale Voraussetzungen für eine erfolgreiche "Markt-Positionierung" dieses traditionsreichen, nach einer kritischen Phase wiederbelebten Musikfestes gegeben. Ein musikalisches Konzept zu entwickeln, das ungeachtet solcher Marketing-Überlegungen von Qualitätsbewusstsein, künstlerischem Anspruch, Wagemut und Fantasie zeugt, sehe ich als Intendant dieses Festivals als eine große Chance an.
Ein Festival, das Beethovens Namen trägt, muss den bedeutendsten Künstlern aus der ganzen Welt Gelegenheit geben, sich der Herausforderung seiner Werke immer von neuem zu stellen. Und natürlich muss ein Beethovenfest in der Geburtsstadt des Komponisten einem immer wieder neuen - heimischen wie internationalen - Publikum Beethovens Gesamtwerk in maßstäblichen Interpretationen als lebendiges Erbe stets neu vermitteln.
Aber die Aufgabe, dieses Festival in die Zukunft zu führen, kann nicht lauten, einen Kanon des Gültigen aufzustellen, sondern eine Plattform des Möglichen zu schaffen. Und das gilt auch für die Möglichkeit des Brückenschlags zwischen Kultur und Wirtschaft. Denn in Gestalt und Werk Beethovens dominieren jene Eigenschaften, die sich auch als wesentliche Instrumente für ein wertorientiertes strategisches Marketing erwiesen haben: Internationalität, Kreativität, Innovation und Kontinuität. Hier kann auch der Ansatz für die Gewinnung von Sponsoren gefunden werden, die das positive Image der künstlerischen Veranstaltungen, die sie fördern sollen, auf das Unternehmen oder das Produkt, das ihren Namen trägt, übertragen wollen.
Festivals leben heute im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz. Nur der künstlerische Anspruch rechtfertigt die gesellschaftliche Herausgehobenheit - nur diese jedoch begründet das Engagement der öffentlichen Hand, der Medien und der Sponsoren. So wird nicht nur in Bonn, sondern allerorten jeder neue Festspielsommer zu einer Gratwanderung zwischen Kunstgesinnung und "Wirtschaftsnutzen". Aber nicht die "Unschuld" von Kunst und Kultur steht auf dem Spiel, sondern die Chance von Festspielen und Festivals, aufrichtige Partnerschaften zu begründen, ohne die Autonomie der künstlerischen Inhalte zu verspielen. Glückt dieser schwierige Balanceakt, sollte uns um den Stellenwert von Festivals in der Kulturindustrie von heute und morgen nicht bange sein.
Prof. Dr. Franz Willnauer ist Intendant der Internationalen Beethovenfeste Bonn GmbH.
Der Text ist die überarbeitete
Fassung eines Beitrags für den Bonner General-Anzeiger vom 15. September
2000.