MUSIKALISCHE ZEITFRAGEN


MEMORANDUM DES BUNDESFACHAUSSCHUSSES MUSIK UND MEDIEN ZUR MUSIKKULTUR IM ZEITALTER DIGITALER MEDIEN

Das nachfolgend abgedruckte Memorandum "Musikalische Zeitfragen", eine vom Bundesfachausschuss Musik und Medien in seinen letzten Sitzungen erarbeitete Stellungnahme zur Musikkultur im Zeitalter digitaler Medien, ist vom Präsidium des Deutschen Musikrates bei seiner Sitzung am 15. September 2000 mit Zustimmung zur Kenntnis genommen und an die Generalversammlung weitergeleitet worden. Das Memorandum und die daraus abgeleiteten Empfehlungen des Bundesfachausschusses Musik und Medien die an diePolitik, an Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen und an die Fachöffentlichkeit gerichtet sind, wurden von der Generalversammlung am 28. Oktober 2000 angenommen.

Einleitung

Neue Musik- und Medientechnologien hatten seit Anbeginn gravierende Auswirkungen auf künstlerische und kulturelle Entwicklungen des Musiklebens. Die Technik der Musikinstrumente entsprach immer dem jeweiligen Stand der Handwerkskunst. Wichtige Erfindungen wurden für den Instrumentenbau ausgewertet. Die Stiftwalze z.B., die um 950 am Hofe des Kalifen von Bagdad erfunden wurde, diente als Speicher für Tonfolgen und machte die Erzeugung von Musik unabhängig vom Spiel des Instrumentalisten. Die bereits um 1900 massenhaft einsatzfähige Schallplatte konservierte erstmals in der Geschichte die Schwingungen von Musik, Geräusch und Sprache, sodass Tondokumente von realen Klangereignissen für die Nachwelt erhalten blieben, mit zahlreichen Konsequenzen für die Rezeption von Musik, wie z.B. die Fixierung neuer Standards für künstlerische Interpretation und Qualität. Aber auch die fast beliebige Verteilung von Musik wurde durch Schallplatte, Lichttonfilm, Magnetband und vor allem durch das Radio, das zeitsynchron ein Konzert (oder eine politische Ansprache) in viele Wohnzimmer übertrug, möglich, später - nach der Transistorisierung - konnte praktisch jeder Ort auf der Welt erreicht werden. Das Fernsehen schließlich veränderte vollkommen das Freizeitverhalten fast aller Menschen in der Welt mit erheblichen Folgen für das Familienleben, für den Stellenwert kultureller Angebote, für das Konsumverhalten usw. Das Telefon machte die globale Kommunikation von Mensch zu Mensch auf auditivem Wege möglich, ersetzte in gewisser Weise den Brief, das Telegramm oder die physische Begegnung. Heute werden praktisch alle Massenmedien, die Studiotechnik wie auch neue Musikinstrumente von den Möglichkeiten der Digitaltechnik und der Chipbausteine geprägt.

Bedeutung des Computers

Schon in den 60er- und 70er-Jahren steigerten sich dramatisch die Kapazität und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, obwohl gleichzeitig die Größe der Computer ständig abnahm. Der Mikroprozessor revolutionierte als Chip die Computertechnologie und bereitete ihre Massenanwendung vor.

   Der Computer als eine multifunktional einsetzbare Maschine spielt für die moderne Medientechnologie eine bedeutsame, wenn nicht gar die zentrale Rolle. In wenigen Jahren wandelte sich der Computer vom simplen Rechenknecht der Mathematiker und Informatiker zur vielseitigen Schreibmaschine für jedermann und ab Ende der 80er-Jahre entwickelte er sich zu einem schöpferischen Werkzeug für ideenreiche Konstrukteure, Designer und Künstler, da er sich für komplexe Konstruktionszeichnungen ebenso eignete wie für die Gestaltung von Grafiken, Bildern und Klangstrukturen.

   Als ein multifunktionales Musikinstrument lässt er sich beispielsweise zur Klangerzeugung einsetzen wie ein Synthesizer, er kann Klänge verändern wie ein Filter oder Effektgerät (Sound-Processing), er speichert Klänge wie eine Tonbandmaschine (Sound Sampler/Harddisk-Recording) und als MIDI-Controller steuert bzw. automatisiert er komplette musikalische Prozesse ähnlich wie früher die Stiftwalze in der Drehorgel oder der Lochkartenstreifen im Orchestrion.

   Außerdem verarbeitet der Computer musikalisches Wissen, sei es, dass er zum Notendruck eingesetzt wird, sei es, dass er als Hilfsmittel zum Komponieren oder Analysieren von Musik dient oder als Multimedia-Basis für das interaktive Musiklernen, wie z.B. zur Gehörbildung.

Da der Computer eine informationsverarbeitende Maschine ist (im Unterschied zum lediglich informationsgesteuerten Automaten), wird es erstmals in der Technikgeschichte möglich, dass neben mechanischen Prozessen auch abstrakte Problemlösungen an eine Maschine überantwortet werden können, gewissermaßen geistige Tätigkeiten, die bislang der menschlichen Intelligenz vorbehalten waren. Z.B. experimentieren Musikwissenschaftler mit künstlich-intelligenten Begleitautomaten, die auf musikalische Strukturen quasi eigenständig reagieren, also zugleich analytisch und kompositorisch tätig werden.

   Dabei gilt festzuhalten, dass eine neue Technik neue, wünschenswerterweise nützliche Funktionen mit sich bringt und alte Funktionen verbessert, z.B. vereinfacht, verbilligt usw. Immer sind damit aber auch gewisse Verluste, möglicherweise auch ungünstige Folgen verbunden, die oft nicht sogleich bemerkt oder deren Bedeutung gering geschätzt werden. Das Pianoforte wies gegenüber dem Cembalo (das rasch in Vergessenheit geriet und neu entdeckt werden musste) eine Reihe von Vorteilen auf, dennoch kann aus heutiger Sicht behauptet werden, dass ein Pianoforte das Cembalo nicht vollständig ersetzen kann.

   Ebenso verliert jedes neue Speichermedium gegenüber dem vorherigen einige Eigenschaften, auch wenn es natürlich über neue, dem alten Medium überlegene Eigenschaften verfügt (bzw. verfügen sollte). Zwar gehen die alten Medien nicht unbedingt verloren, aber zumindest wird ihre Wertigkeit verändert und ihr Einsatz unterliegt neuen Bedingungen. So hat z.B. das Foto die Malerei verändert, das Fernsehen den Film, DVD (= Digital Versatile Disk) wird Audio und Video verändern, der Computer und das Internet werden alles verändern.

Analyse der technologischen Entwicklung

Bei genauerer Betrachtung der technischen Innovationen werden die bereits eingetretenen bzw. zu erwartenden Veränderungen im Wesentlichen von drei wichtigen Entwicklungen getragen:

1) von einer umfassenden Digitalisierung der medientechnisch vermittelten Informationen aller Wahrnehmungsebenen (häufig durch den Begriff Multimedia umschrieben)

2) von der totalen und globalen Vernetzung der Informations- und Kommunikationstechnik (vor allem über das Internet)

3) von einer zunehmenden Simulation (oder Emulation) von Zuständen, Ereignissen, Handlungs- und Wahrnehmungsprozessen (modelling, simulation, emulation).

ad 1) Die fast vollständig abgeschlossene Digitalisierung der wichtigsten Komponenten moderner Informations- und Kommunikationstechnologie führt zu einer bisher noch nie da gewesenen technischen Konvergenz aller Datenträger und Übertragungseinrichtungen.

Während analoge Medien für die besonderen Ansprüche der Datenspeicherung spezifiziert werden mussten (z.B. Papierdruck für Texte, mechanische Klangspeicherung bei der Schallplatte, elektro-magnetische Verfahren beim Tonbandgerät, chemooptische bei Film oder Foto), nimmt ein digitaler Datenträger mit ausreichender Kapazität - wie etwa die DVD - praktisch alle Datenformate an, lediglich die Codierung der digitalen Daten unterscheidet sich noch je nach Einsatzzweck und gewünschter Qualität. Mit dem Schlagwort Multimedia wird eben diese Fähigkeit der computerbasierten Datensysteme beschrieben, obwohl im Grunde gemeint ist, dass unterschiedlichste Datenströme nunmehr auf einem einzigen Medium ("Unimedium") fixiert werden können. Zur Zeit kann beobachtet werden, dass analoge Speichertechniken (Schallplatte, Audiocassette, Videoband, Lichtton) endgültig veralten und durch digitale Medien (CD, MD und vor allem DVD als flexibles Zukunftsmedium) ersetzt werden. Ob sich das Magnetband in digitaler Nutzung (z.B. DAT) noch in Nischenbereichen halten kann, muss sich erweisen.

ad 2) Aufgrund der Digitalisierung der Daten wird auch der weitgehend beliebige Austausch von Informationen über elektronische Netze leichter möglich. Das global gespannte Internet transportiert (zur Zeit allerdings noch durch vergleichsweise geringe Transferraten gebremst) jedes beliebige Datenpaket, ob Text, Bild, Musik, Video oder Steuerprotokolle. Dadurch kommt es auch in diesen Anwendungsbereichen zu einer umfassenden technischen Konvergenz, denn zwischen den bisher organisatorisch weitgehend getrennten Techniken zum Speichern von Daten (Schallplatte, Audio-CD oder CD-ROM, DVD, Audio- und Videocassette), zum Senden und Empfangen von Informationen (Rundfunk, TV) und zur bidirektionalen Kommunikation (Telefon, Funkverkehr) bestehen keine prinzipiellen Unterschiede mehr. Zukünftige digitale Übertragungstechniken - vor allem das Universal Mobile Telecommunication System UMTS - ob terrestrisch oder satellitengestützt organisiert, eignen sich zum Senden eines Rundfunkprogramms, aber auch zur schnellen Internet-Datenübertragung usw.

Das globale Netz aus Telefonleitungen, Glasfaser- und Funkverbindungen hat die Infrastruktur für die bislang größte Medienrevolution: die medientechnische Synthese von Fernsehen, Computer und Telefon. Ein digitales Netz überträgt Telefongespräche ebenso wie Texte, Bilder, Klänge oder Videokonferenzen. Jedes System, das digitale Informationen verarbeitet, kann verwendet werden, um unterschiedlichste Informationstypen zu verbreiten.

Das digitale Netz ist grundsätzlich in der Lage, Informationen offline (Download: Audio/Video-on-demand) und online (Streaming: RealAudio/Video) zu übertragen. Außerdem ist der Verteilungsmodus einer Übertragung im Unterschied zu den herkömmlichen Medien flexibel wählbar, sowohl das Aussenden von Daten von einem Punkt zu mehreren Empfängern (Single-Point-to-Multiple-Point; offline bei der CD, online beim Radio) als auch der synchrone Austausch von Daten zwischen zwei Kommunikationspartnern (Telefon = Single-Point-to-Single-Point), oder gruppenorientierte Kommunikationsformen (Multiple-Point-to-Multiple-Point) wie beim Videoconferencing sind grundsätzlich mit vergleichsweise geringen Hardware-Anpassungen und entsprechenden Protokollen realisierbar.

Vor allem die Mensch-Maschine-Interaktion kommt als neue Funktion von Technik in die multimediale Datenwelt hinein, wird von vielen sogar als die wichtigste Komponente betrachtet. Darüber hinaus basiert aber auch die zwischenmenschliche Kommunikation auf den Computersystemen, z.B. handelt es sich bei Kommunikationsvorgängen im Internet genau genommen um eine Mensch-Maschine-Mensch-Interaktion, also um eine maschinenvermittelte Kommunikation.

Und die Allgegenwart der Computer wächst ständig: Gab es in der Mainframe-Ära noch einen Computer für viele und in der nachfolgenden PC-Ära einen Computer für eine Person, so wird die Zukunft durch den Überall-Computer (viele Computer für eine Person) geprägt; es gibt ihn global vernetzt, aber auch integriert in vielen Gegenständen des alltäglichen Lebens, im Auto, im Organizer, im Handy, eventuell sogar in der Kleidung und im Küchengerät ("Denkende Gegenstände") und natürlich in allen elektronischen Musikinstrumenten und Studiogeräten.

ad 3) Da die Computertechnik als innovative technologische Basis für alle neueren Informations- und Kommunikationssysteme Verwendung findet, kann auf die Vorteile einer flexiblen Programmierung von Datenübertragung, Prozesssteuerung und Informationsmanagement zurückgegriffen werden. Da der Computer eine informationsverarbeitende Maschine ist, die für unterschiedlichste Anwendungen programmiert, für spezifische Aufgaben optimiert und für Problemlösungen eingesetzt werden kann, ergeben sich neue Qualitäten der maschinellen Funktionalität, die es zuvor bei technischen Systemen nicht gab, die der menschlichen Intelligenz bislang vorbehalten waren. Computersysteme sind für die Lösung abstrakter Aufgabenstellungen einsetzbar, sie sind in einem gewissen Rahmen lernfähig ("neuronale Netze") und sie eignen sich zur Simulation von Vorgängen, komplexen Systemen und menschlichen Handlungsabläufen. Mit Computerprogrammen können Lösungsstrategien modelliert und virtuelle Welten realisiert werden. Eine wichtige Simulation menschlichen Handelns ist die Interaktion, d. h. der Computer reagiert sinnvoll auf bestimmte Aktionen des Benutzers (z.B. in einem Musiklernprogramm), er ist in einem begrenzten Umfang dialogfähig (bei Anfragen an automatisch gesteuerte Datenbanksysteme) und er simuliert Teilbereiche unserer Erlebniswelt (etwa die Welt der Oper in dem Adventure "Opera fatale"), sodass er Probleme zu lösen hilft, ohne dass der Mensch physisch in eigentliche Gefahr gerät.

Schlagworte wie Cyberworld oder Cyberspace versprechen neuartige Eindrücke in unwirklichen Welten, assoziieren Science-Fiction-Träume mit grenzüberschreitenden Erfahrungen. Dass Menschen bei ihren Ausflügen in die virtuellen Welten ein gravierender Realitätsverlust droht, ist nur eine der Befürchtungen, die häufig zu hören sind. Aber es wäre nur eine logische Weiterentwicklung der schon immer durch die Medien intendierten Loslösung von der Alltagswelt. Und auch die Künste (Musik, Theater, Bildende Kunst, Literatur, Tanz usw.) konstruierten immer Modelle der Wirklichkeit, übersetzten Realitäten in artifizielle und virtuelle Kontexte, schafften Illusionen und Visionen. Das Künstliche und das Künstlerische haben nicht von ungefähr den gleichen Wortstamm.

Bedeutung für Mensch und Gesellschaft

Neue Medientechnologien haben sich seit den ersten Urwaldtrommeln immer auf die Informationsvermittlung und Kommunikation zwischen den Menschen ausgewirkt. Unnötig zu wiederholen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich durch Gutenbergs Buchdruckerkunst, durch Bells Telefon, durch Radio, Film, Fernsehen ergeben haben.

Die digitalen Medien prägen die heutige Gesellschaft vor allem in dreierlei Hinsicht:

1) durch neuartige Interaktionsformen (human/machine-interaction)

2) durch neue Kommunikationsformen (global village)

3) durch die Virtualisierung von Handlungs- und Ereignisräumen (virtual reality).

ad 1) Der Mensch gewöhnt sich zunehmend an die Interaktion mit der Maschine, die auf seine Wünsche reagiert (Interaktion), sich gegebenenfalls an seine individuellen Bedürfnisse anpasst (Adaption) und ihn im Idealfall "versteht" (künstliche Intelligenz = KI). Im einfachsten Fall handelt es sich um ein Auswahlmenü (z.B. bei der Einstellung eines Bankautomaten, eines Keyboard-Sounds oder einer Telefon-Mailbox), bei gehobenen Lernprogrammen oder Expertensystemen reagiert der Computer mit individuell abgestimmten Übungsaufgaben und im Idealfall agiert der Computer wie ein menschlicher Partner, wie z.B. ein KI-gesteuerter Begleitautomat die musikalischen Wünsche des Solisten erkennt (ansatzweise bereits realisiert). Ob die emotionale Komponente, die einer menschlichen Beziehung normalerweise innewohnt, auf Dauer bei der Mensch-Maschine-Interaktion vermisst wird oder gar emuliert wird, muss sich noch herausstellen. Zusätzlich zur Mensch-Maschine-Interaktion stoßen wir auf die Interaktion von Maschine mit Maschine (immer zum Nutzen des Menschen bleibt zu hoffen) und auf die maschinenvermittelte Interaktion zwischen Menschen (z.B. Synchronisation des Live-Musizierens bei Konzerten oder Studioaufnahmen mittels Sequencer).

ad 2) Die zunehmende Vernetzung der Informations- und Kommunikationskanäle wirkt sich bereits nachhaltig auf die Kommunikation zwischen den Menschen aus. E-Mails verdrängen den handgeschriebenen Brief, das Fax, vielleicht auch das Telefonat, die Bestellung per Internet ersetzt den Gang zum Händler und kann elektronisch bezahlt werden, der Chatroom ersetzt den Stammtisch, das Online-Konzert macht den Besuch eines Festivals überflüssig. Digitale Information kann absolut aktuell sein (Real Time), wird das Konzert dennoch verpasst, lässt es sich später anhören und anschauen. Denn alles kann gespeichert und jederzeit von jedem individuell abgerufen werden (Video/Audio-on-demand). In gewisser Weise macht das Internet unabhängig von Zeit und Raum. Alle Medien, auch die herkömmlichen, sind technische Übertragungswege, die zwischen die menschlichen Sinne geschaltet werden. Die digitalen und global vernetzten Medien werden eine bisher ungekannte totale Kommunikation zwischen den Menschen erlauben und gerade deshalb wird sich die Aufmerksamkeit der mehr oder weniger bewussten oder bekannten Selektivität medientechnischer Kommunikation widmen. Medien können immer nur partielle Informationen über ein Ereignis oder einen Wissensgegenstand weiterleiten. Aber auch die digitale Umwandlung einer bereits medientechnisch gespeicherten Information reduziert zwangsläufig den Informationsgehalt, auch wenn dies bei hoher Qualität des jeweiligen technischen Verfahrens nicht unbedingt bemerkt oder als Verlust empfunden wird, wie es z.B. bei modernen Komprimierungsverfahren der Fall ist. Digitalisierung verändert (analoge) Information, technisch und qualitativ; z.B. vernichtet eine Datenreduktion (z.B. MP3) - auch wenn sie technisch erwünscht sein mag - dauerhaft und unumkehrbar gewisse Informationsanteile und auch eine reine Datenumwandlung kann Informationen unabsichtlich verändern oder verfälschen, u. U. mit ästhetischen Konsequenzen. Jede Digitalisierung reduziert letztlich den ursprünglich analogen Datenstrom. Daher muss die Auswirkung auf das Zielformat der Datenübertragung genau recherchiert werden, jedenfalls bei kulturell wichtigen oder gar unersetzlichen Datenbeständen (z.B. alten Rundfunkaufnahmen). Vielfach muss mit unmerklichen, aber musikalisch dennoch relevanten Einbußen gerechnet werden, wie z.B. bei der Gleichsetzung einer Interpretation mit dem (letztlich digitalen) Notenbild, ein Problem, das jeder MIDI-Arrangeur kennt, wenn er beim Sequencing Quantisierungsverfahren anwendet.

Dringend notwendig wird hingegen Selektion bei der Kommunikation mit technisch vermittelter Information, eine vordringliche Aufgabe, um aus der Informationsüberfülle nützliches Wissen zu gewinnen. Während die herkömmlichen Medien aufgrund sinnvoller oder zumindest nachvollziehbarer kommerzieller Kriterien eine Auswahl von verfügbarer Information liefern, finden sich im Internet banale, überflüssige, redundante und wertvolle Informationen technisch absolut gleichwertig nebeneinander. Suchmaschinen finden jedes Wort, aber sie liefern keinen Hinweis auf die Nützlichkeit des Suchergebnisses. Zwar wird das Internet als digitale (und multimediale) Weltbibliothek gepriesen, aber bis diese Vision Wirklichkeit wird, werden neue Methoden zur Filterung der unendlichen Datenströme notwendig. Ob der Mensch sich dabei auf technische Lösungen verlassen kann, ist mehr als fraglich; letztlich wird es auf seine Bildung ankommen, ob wertvolles Wissen aus der reinen Information gewonnen werden kann.

Es kann auch sein, dass der Mensch mit der Information zufrieden sein wird, der musikalische information overflow, den die Medien schon ohne Internet erzeugten, scheint zumindest vermuten zu lassen, dass der Hörer ohne ästhetische Wertung auszukommen vermag ("Orientierung im Netz").

ad 3) Technische Simulation schafft eine bisher nie gekannte Virtualisierung aller Bedienungs-, Handlungs- und Lebensprozesse. Bei der Entwicklung der Musikinstrumente von der körpereigenen Stimme über das mechanische Instrument als manuell bedientem Klangwerkzeug zum elektrisch betriebenen, verstärkten und schließlich elektronischen Klangerzeuger führt ein konsequenter Weg zum immer abstrakteren, flexibleren und perfekteren Musikinstrument. Auf dem Computerbildschirm werden mechanische Instrumente nachgebaut (physical modelling), komplette Studioeinrichtungen ersetzt (virtual studio) und akustische Räume simuliert, um virtuelle Erlebniswelten zu generieren.

Bezüge zu alten Arbeitsfeldern werden zwar hergestellt, um das Ungewohnte der neuen Werkzeuge abzumildern, so heißt ein Textprogramm z.B. "Word", ein Composerprogramm wird "Ludwig" und ein Notendruckprogramm "Sibelius" genannt, aber es ist unvermeidlich, dass die Handlungswelt des Menschen zunehmend von virtuellen Realitäten bestimmt wird. Das physische Erleben von realen Dingen weicht in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen dem Umgang mit elektronischen Bilder- und Klangwelten, die menschliche Erlebniswelt wird von simulierten Wirklichkeiten, von modellhaften Konstruktionen und Imaginationen bestimmt, Imaginationen, die früher im Traum vorkamen, durch immer perfektere Illusionsmaschinen jedoch einen gewissen Grad an Realität, eben virtuelle Realität, erlangen. Real sind letztlich nur die Interfaces zum virtuellen Gegenstand, die Mausbedienung etwa oder der Joystick oder die Tastatur des Synthesizers, die keine Hämmer mehr in Bewegung setzen muss, obwohl ein Flügelklang zu hören ist.

Das Internet kann als ein "virtueller Raum" betrachtet werden, der neue Formen globaler Interaktionen zwischen Mensch und Computer und - medientechnisch vermittelt - zwischen kommunizierenden Menschen ermöglicht.

Das Erleben von Raum und Zeit wird in gewisser Weise unabhängig von physischen oder physikalischen Bindungen, sodass sich neuartige Erlebniswelten auftun ("virtuelle Realität") und neue Formen der medialen Interaktion entstehen.

Diskutiert wird in diesem Zusammenhang die Gefahr der Entsinnlichung, insbesondere beim Umgang mit dem musikalischen Klang, aber die Einbeziehung von Medien im weitesten Sinne (u. a. auch eines Musikinstruments) erhöht notwendigerweise den Abstraktionsgrad, richtet den Blick vom Konkreten zum Abstrakten, verstärkt das Moment des Virtuellen. Die zum Gesang benutzte Stimme ist sinnlicher als das Anblasen einer Klarinette, das Streichen einer Saite ist sinnlicher als das Spiel auf einem Keyboard, der analoge Synthesizer wird als authentischer empfunden als der digitale, der Mausklick auf ein Sample ist nur das bisher letzte Glied in einer Kette von zunehmenden Abstraktionsgraden der Bedienung eines Musikinstruments. In ähnlicher Form könnte man den Übergang von der Höhlenzeichnung zum digitalen Bild, vom Phonographen zum CD-Player, vom Theater zum virtuellen 3D-Raum u. a. m. beschreiben.

Die Auffassung von dem, was Musizieren (ungeachtet der musikalischen Qualität) eigentlich ist, kann sich nicht mehr nur auf manuelles Instrumentalspiel im herkömmlichen Sinne beziehen, auch das Scratchen des DJs, das eher planende Arrangieren mit einem MIDI-Sequencer, das taktgenaue Starten eines Sound Samples oder Loops, das Zusammenspiel mit einem Rhythmusautomaten oder Composersystem sind als legitime Formen des Musizierens anzuerkennen.

Technologische Veränderungen der Musikkultur

Die gesamte Geschichte der Musik belegt den engen Zusammenhang von Musik und Technik: Z. B. setzte die Konstruktion der Tasteninstrumente eine Präferenz für die (gleichstufig) temperierte Stimmung mit 12 logarithmisch errechneten Frequenzen pro Oktave, ein System, auf dem nicht nur die musikästhetische Auffassung der Zwölftontheorie basiert, sondern auch das seit 1981 so erfolgreiche MIDI-System, das letztlich Tastennummern statt Tonhöhen überträgt. Elektroakustische und elektronische Klangerzeuger sowie die Studiotechnologie führten dann in den 50er-Jahren zur Ausbildung völlig neuer künstlerischer Ausdrucks- und Gestaltungsformen. Komponisten wie Karlheinz Stockhausen in Köln oder Pierre Schaeffer in Paris experimentierten mit neuen Klang- und Formstrukturen schon in den 50er-Jahren, lange bevor die Musikelektronik in das allgemeine Musikgeschehen eindringen konnte. Aber spätestens seit den 70er-Jahren basieren auch Sound und Stil der gesamten Pop/Rockmusik, z. T. auch der Jazzmusik, mit der Konstruktion elektroakustischer Instrumente und der wachsenden Bedeutung von Studiotechnik, Funk, Fernsehen, Film und Video für die Produktion und Distribution auf einer sehr engen Wechselbeziehung von Musik und Technik. Ohne Frage hat die besondere Rolle Deutschlands bei der Entstehung der elektronischen Musik wesentlich dazu beigetragen, dass die wichtigsten, weltweit bekanntesten deutschen Beiträge zur internationalen Popmusik, nämlich die elektronische Rockmusik der 70er-Jahre à la Kraftwerk und Tangerine Dream, aber auch die Technomusik der 90er-Jahre, ebenfalls auf innovativen und experimentellen Klängen beruhen.

Produktion und Reproduktion von Musik

Sieht man von traditionell geprägten Musikformen einmal ab, dann fällt auf, dass die Produktion von Musik sowohl im künstlerisch-kreativen als auch im technischen Sinne ohne den dominierenden Einsatz von elektronischen und computertechnischen Apparaturen nicht mehr vorstellbar ist. Auch wenn experimentelle Komponisten der Elektronischen Musik der 50er-Jahre als Vorreiter und Wegbereiter der Elektronifizierung von Musik betrachtet werden können, so sind es spätestens seit den 70er-Jahren eher die Musiker, Arrangeure und Komponisten der Pop- und Rockmusik bzw. Jazz/Rockmusik (hier unspezifisch im weitesten Sinne verstanden), die auf den elektroakustischen oder elektronisch verstärkten, manipulierten und generierten Sound setzen. Aber nicht nur der Sound lebt von elektronischen Klangstrukturen, auch die Stilistik und formale Aspekte der Popularmusik werden von den Möglichkeiten und Grenzen des elektronischen Equipments determiniert, so z.B. die Erweiterung der Spielweise und Klangwirkung einer Gitarre durch Rückkopplung und WahWah-Pedal bei Jimi Hendrix oder die Reduzierung von melodischen Sequenzen auf acht ständig repetierte Töne bei Jean Michel Jarre aufgrund der begrenzten Tonfolgen analoger Sequencer.

   Und auch wenn die Pioniere der experimentellen Computermusik schon in den 50er-Jahren lebten, der Einsatz von computergesteuerten, -berechneten, -gespeicherten und -generierten Klängen gehört spätestens seit den 80er-Jahren ebenfalls zur Domäne der Popularmusik und spezieller Formen der Jazzmusik. Z. B. nutzte vor allem die Popmusik die Möglichkeiten des MIDI-Sequencing, die digitalen Sampler wurden zur unverzichtbaren (strukturell bestimmenden) Basis des Techno der 90er-Jahre. Lediglich das Verschicken musikalischer Daten per Internet zum Zweck der gemeinsamen Komposition (NetArt) ist noch in den Händen von experimentierenden Köpfen, die zur Zeit als Vorreiter einer neuartigen Netzkunst mit eigenständigen ästhetischen Gesetzlichkeiten gelten können.

   Musikelektronik wurde im Zuge der technischen Fortentwicklung zur Massenware. Kostete ein Studiosynthesizer in den 70er-Jahre noch ca. 100.000 DM, so wird heute von Digitalsynthesizern oder Software-Synthesizern unter 3.000 DM eine vergleichbare oder höhere Leistung erbracht (einmal ungeachtet bestimmter Unterschiede von analoger und digitaler Klangerzeugung). Prinzipiell verfügt der Hobbymusiker über die gleichen Möglichkeiten der Musikproduktion wie der Profi; man könnte von einer Art Demokratisierung der Musikproduktion sprechen, die erstmals in der Geschichte der Musikkultur die Grenzen zwischen dem Berufsmusiker und Amateur verschwimmen lässt. Auch die Beherrschung eines Instruments ist angesichts mausbasierten Arrangierens am Bildschirm nicht mehr ausschlaggebend für den musikalischen (resp. kommerziellen) Erfolg.

   Die studiotechnische Seite der Musikproduktion (Reproduktion) wird seit dem Ende der 70er-Jahre in großem Umfange auf eine digitale Basis gestellt. Während kommerzielle elektronische Musikinstrumente schon Mitte der 80er-Jahre weitgehend digitalisiert waren, wurden die professionellen Studiosysteme in größerem Umfange erst in den letzten Jahren umgestellt. Nach und nach drang der Computer, zunächst als Mainframe-System, später auch auf der Basis preiswerter aber durchaus leistungsfähiger Personal Computer in die moderne Studiotechnik ein. Studiotechnik wird dadurch prinzipiell zur Massenware so wie ein Jahrzehnt vorher die Musikelektronik. Sieht man einmal von den besonderen Anforderungen an professionelle Studiotechnik (Sicherheitsstandards, Fachkompetenz, Organisation) ab, dann ist auch in diesem Bereich eine prinzipielle Verfügbarkeit der Studiotechnologie für jedermann entstanden. Sogar der neueste Standard hochwertiger Audioqualität (96 kHz/24 Bit) kann mit preiswerten Audiokarten für unter 1.000 DM auf jedem PC installiert werden.

   Durch die Digitalisierung aller Medientechnik ist überraschend schnell eine totale (nur durch industrielle Konkurrenz noch gebremste) Kompatibilität der Systeme eingetreten, Programme, die für den digitalen Videoschnitt entwickelt wurden, bieten gleich noch einige Audiospuren zur Bearbeitung des Soundtracks an. Umgekehrt werden MIDI-Sequencer mit Audiofunktionen versehen und erleichtern durch Einblendung von Videodaten die Vertonung von Videoclips.

   Virtuelle Synthesizer und virtuelle Studiogeräte machen unabhängig von bestimmten, normalerweise aufwendigen und teuren Hardware-Apparaturen. Software-PlugIns erweitern auf einfachste Weise die Bearbeitungsmöglichkeiten am Computerbildschirm, unterschiedliche Funktionen der Audio- oder Musikproduktion ergeben sich lediglich durch den Aufruf eines anderen Menüs oder einer neuen Bedieneroberfläche, die alte Gerätschaften zur besseren Vertrautheit mit der Bedienung nachahmt. Computerbasierte Musik- und Audiotechnologie und virtuelle Instrumente lassen die Unterschiede zwischen Komponist, Arrangeur, Instrumentalist, DJ und Hörer dahinschwinden. Zwischen dem planenden Gestalten am Bildschirm (dem Komponieren und Arrangieren) und dem manuellen Musizieren können praktisch beliebige Abstufungen der künstlerischen Produktion gewählt werden. Sogar der Musikhörer kann in den Prozess eingreifen, wenn er (wie es David Bowie z.B. angeboten hat), Teilarrangements eines Songs selbst variieren und neu kombinieren darf.

Heute kann Musik als technisches Produkt von jedem hergestellt werden, notfalls unter Zuhilfenahme von Software-Produkten, die aus vorgefertigten Samples patchworkartig ein Stück zusammenzustellen helfen oder automatisch ein Arrangement mit wählbarem Musikstil liefern. Es stellt sich die Frage, ob Musik in Zukunft noch als abgeschlossenes, authentisches, an eine Komponistenpersönlichkeit gebundenes Kunstwerk definiert werden kann oder ob dessen Entstehung inzwischen mehr auf Teamwork beruht (wie etwa viele Kompositionen der Beatles oder eigentlich alle Studioproduktionen neuerer Popmusik).

   Endgültig fließen die bisher getrennten Produktionsbereiche der Text-, Bild-, Sound- und Filmmedien bei Multimediaproduktionen zusammen. Multimedia wird das Verhältnis der Künste und der damit verbundenen Medien nachhaltig beeinflussen, womöglich total verändern. Die Verschmelzung von Audio und Video (Videoclip, Videokunst, Filmmusik = Soundtrack) ist in vollem Gange. Z. B. integriert der Soundtrack eines Films immer stärker die früher noch getrennten Bereiche Musik und Geräusch (obwohl schon die Wurlitzerorgel beim Stummfilm Musik und Geräuscherzeugung verband und Oska Salas Mixturtrautonium, ureigentlich als Musikinstrument konzipiert, zur Realisierung der grausigen Vogelschreie in dem Hitchcock-Thriller "The Birds" diente). Sounddesigner nähern sich dem kompositorischen Handwerk, ähnlich wie der DJ zum Instrumentalisten mutiert. Neueste Software generiert gleichzeitig aufeinander abgestimmte visuelle und auditive Objekte. Vom Studio INA GRM in Paris wurde eine CD-ROM produziert, die in künstlerischer und zugleich lehrreicher Absicht animierte Partituren zur klingenden Musik synchronisiert.

   Eine neue Medienästhetik ist bereits im Entstehen, greift Richard Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk auf und begreift das Zusammenwirken von verschiedenen medial vermittelten Wirkungen wie Ton, Licht, Animation in künstlichen Räumen als eine neue Stufe der Kunst, ansatzweise vielleicht im Videoclip oder in der Videokunst zu erahnen. Welche Rolle der Musik dabei zugedacht sein wird, ist momentan noch nicht auszumachen, wie überhaupt die synästhetische Ausweitung aller Künste es nicht mehr zulässt, von einer rein eigenständigen Entwicklung a priori auszugehen.

   Und welche Branche in der heutigen Medienwelt künftig die führende Rolle bei der Produktion neuer Medienkunst übernehmen wird, ist ebenfalls noch nicht entschieden, auch wenn die innovationsfreudige Computerindustrie zur Zeit die besten Aussichten hat.

Distribution von Musik

Die letztere Anmerkung gilt auch für die globale Verteilung von Musik, d. h. für die Übermittlung von Musik an den Hörer, für ihren Verkauf, für ihre Bekanntmachung.

   Da aufgrund der medientechnischen Konvergenz und der digitalen Codierung die gewachsene Einteilung der herkömmlichen Medienindustrien nach Speichermedium oder Verschickungsart weitgehend hinfällig geworden ist, dürfte es zu einer kritischen Konkurrenzsituation zwischen Schallplattenhandel, Funkmedien, Filmindustrie, neuen Multimediaproduzenten und vor allem neuen internetbasierten Firmen kommen. Da die Produktionskosten digitaler Musik (von dem großen Kostenfaktor der künstlerischen Honorare und der finanziellen Abgeltung von Urheberrechten einmal abgesehen) im Grunde genommen nebensächlich geworden sind und die kostenintensive Vervielfältigung von Musik auf physischen Speichermedien entfallen kann, besteht im Prinzip die Möglichkeit, dass jedermann als Musikproduzent und gleich auch als Musikhändler via Internet auftreten kann.

   Zwar ist das Internet als Verteilungsmedium noch zu langsam, jedoch wird die mögliche Transferrate schon bald so groß sein, dass theoretisch jeder seine eigene Radiostation einrichten kann, seine Musik als MP3-Dateien in ein Archiv zur Bestellung einer individuell zusammengestellten Auswahl legt oder multimediale Präsentationen anbietet (z.B. über bekannte Musiker), möglicherweise ohne Rücksicht auf bereits geltende rechtliche Einschränkungen. Das alles gibt es schon, nur fehlt bisher die massenhafte Anwendung aufgrund der noch bestehenden technischen Grenzen und psychologischen Hürden für den Normalanwender.

   Wenn diese erst einmal gefallen sind, dann werden sich die bisherigen Distributionssysteme erdrutschartig verschieben; schon jetzt gibt es zahlreiche jugendliche Internet-Fans, die sich über den Austausch von datenreduzierter Musik ihre CD-ROMs selbst brennen, in beliebiger Zusammenstellung und oft ohne Rücksicht auf bestehende Urheberrechte.

   Während die Musikproduzenten noch nach geeigneten Kopierschutzmaßnahmen suchen, um die illegale und zudem weitgehend ohne Qualitätsverlust zu bewerkstelligende Vervielfältigung digital codierter Musik zu verhindern, bilden sich im Internet neue Mechanismen der Distribution heraus, die vielleicht sogar einen direkten Kontakt zwischen Musiker und Hörer bzw. zwischen Fans erlauben und die bisherige Vermittlung der Medienindustrien per CD, Audiokassette oder Funk und die nachgelagerten Verteilungsfunktionen des Medienhandels überflüssig machen. Die derzeit vieldiskutierten Verfahren des Musikaustauschs (MP3) per Internet (z.B. Napster, Gnutella, Freenet) dürften nur die Spitze eines Eisbergs darstellen. Ob sich daraus eine digitaltechnisch geprägte Musikkultur mit neuen Distributionsverfahren und neuen ökonomischen Gesetzen des Musikmarkts entwickeln wird, ist derzeit noch nicht verbindlich abzusehen.

   Zweifellos wird der Rundfunk auch in Zukunft Musik direkt ausstrahlen oder Live-Veranstaltungen übertragen (über das eingeführte Sendernetz oder zunehmend auch über das Internet), aber hörerspezifische und anspruchsvollere Programminhalte wie Dokumentationen, Features, Hörspiele, Unterrichtsstoffe usw. ließen sich auf individuelle Anfrage aus den Archiven der Rundfunk- und Fernsehanstalten als Datei oder RealAudio/Video-Übertragung abrufen. Voraussetzung wäre natürlich, dass die Archive digital aufbereitet würden, gewiss ein teures und aufwendiges, auf Dauer aber lohnendes Unterfangen.

   Zweifellos sind aufwendige Pop- oder Klassikproduktionen nur von professionellen Schallplattengesellschaften zu leisten, aber die Frage scheint berechtigt, ob sich die mittlerweile kulturdominierende Popmusik nicht andere Wege der Produktion und Distribution sucht. In der Geschichte gibt es dafür genügend Vorbilder (etwa das jugendliche Interesse in den 40er-Jahren für den bei weißen Amerikanern an sich verpönten Rhythm & Blues oder die Verbreitung des Techno über die Diskotheken in den 90er-Jahren).

   Zweifellos werden Musikverlage auch weiterhin aufwendige Partituren drucken, aber schon gibt es Möglichkeiten, Notenmaterial mit zugehöriger MIDI-Datei downzuloaden, erklingen zu lassen und selbst auszudrucken, nicht unbedingt gleich alle Beethovensonaten, sondern nur die, die man gerade übt oder lehrt. Gerade für selten gespielte oder speziellen Zielgruppen zugedachte Musik (z.B. für pädagogische Zwecke) lohnt sich der traditionelle Notendruck kaum, sodass die elektronische Verschickung einen preisgünstigen Ausweg bietet, jedoch auch neue Wege der Verteilung öffnet.

   MIDI-Dateien, im Internet in großer Zahl vorhanden und sehr oft kostenlos abrufbar, lassen sich nicht nur abspielen, sondern auch ausdrucken, eventuell als Basis für einen semiprofessionellen, auf jeden Fall für die meisten Anwendungen in ausreichender Qualität möglichen Notendruck.

   Partituren können aber auch eingescannt und mit modernen Notendruckprogrammen relativ professionell neu gesetzt und im Falle älterer, nicht mehr urheberrechtlich geschützter Musik sogar publiziert werden, sodass ein wichtiges Standbein traditioneller Musikverlage möglicherweise wegbricht oder sich neu organisiert. Das geltende Urheberrecht wird durch die digitalen Produktions- und Distributionstechniken in vielfältiger Weise gefordert. Da es sich an überkommenen Medienstrukturen orientiert, werden zahlreiche Probleme zu lösen sein. Auf Dauer wird es nicht ohne größere Neustrukturierung der Rechtsfragen gehen, vor allem das Zusammenfließen der verschiedenen Informationsformen im Multimedia-Projekt macht deutlich, dass eine urheberrechtliche Trennung der Künste und Medien in Zukunft erhebliche Schwierigkeiten bereiten wird.

   Neue Marketingstrategien sind im Entstehen begriffen, Service- und Beratungsfunktionen werden neu entdeckt (z.B. in Form so genannter Multimedia-Clearing-Stellen), das Bundling von Leistungen und Inhalten (z.B. individueller Zuschnitt der verschickten Musikpakete) wird flexibler gehandhabt werden als je zuvor, usw.

Werden Abrechnungsverfahren wie E-Commerce sich durchsetzen - was zweifellos der Fall sein wird, wenn die Sicherheit der finanziellen Transaktion erst einmal gewährleistet ist - dann sind sogar steuerrechtliche Probleme zu erwarten, denn das Internet hält sich nicht an politisch erwünschte Steuergrenzen.

   Schwierigkeiten bereiten illegale Tausch- oder Kopieraktionen im Netz. Auch digitale Wasserzeichen und Kopierschutzmaßnahmen mit speziellen Codesystemen werden dies nicht verhindern können, da sie programmiertechnisch immer auch ausgehebelt werden und Rechtsverletzer durch geeignete Software im Netzverkehr anonym bleiben können. Nationale Alleingänge bei allen Rechtsvereinbarungen, die sich auf den Datenaustausch im Internet beziehen, können aufgrund der weltweiten Verknüpfung des Netzes immer unterlaufen werden. Daher sind internationale Abkommen zwischen Rechteinhabern, Verteiler- und Providerstationen dringend notwendig, aber voraussichtlich sehr schwierig zu erreichen.

   Schon B. Brecht hatte die Vision, dass der Rundfunk der "denkbar großartigste Kommunikationsapparat" wäre, wenn er über Feedback-Kanäle verfügen würde, wenn also die Aussendung von Information nicht nur in eine Richtung verliefe und der Zuhörer sich rückmelden könnte. Rundfunk oder TV per Internet macht genau dies möglich, zur Zeit zwar noch mit unzureichender Qualität und noch zu hohen Verbindungskosten, aber in Zukunft sicher mit weltweitem Erfolg und großen Auswirkungen auf die herkömmliche Balance der Medienindustrie.

Rezeption von Musik

Als das Hören von Musik noch an einen Aufführungsort gebunden war und der Musikliebhaber das Konzert mit musikalisch agierenden Instrumentalisten aufsuchen musste, war Musik noch ein wertvolles, einmaliges Ereignis. Die Flüchtigkeit von Musik wurde in früheren Zeiten sehr bedauert und als es gelang, mit dem Welte-Mignon-Reproduktionsklavier wenigstens das Tastenspiel zu konservieren, nahmen berühmte Pianisten um 1900 diese Möglichkeit gerne wahr. Durch mediale Speicherung und Verbreitung der Musik wurde sie unabhängig von Zeit und Ort, sie ließ sich beliebig vervielfältigen und wiedergeben, sie wurde allgegenwärtig und jeder konnte sich im Prinzip alle Musik der Welt, auch selten aufgeführte oder exotische Musik, ins eigene Heim holen. Aber gerade dadurch verlor Musik als temporäres Kunstgeschehen ihren besonderen Nimbus/Wert, das musikalische Aufführungsereignis verlor seine einmalige Bedeutung.

Heute haben wir eine Situation, in der Musik wie eine Massenware gehandelt wird, als Hintergrundmusik (MUZAK) ständig dudelnd den Einkauf, die Autofahrt und sogar das Telefonat begleitet. Musik ist ein Gebrauchsmuster, eine verderbliche Ware, fast wieder flüchtig, weil von Überproduktion, von einem akustischen information overflow begleitet.

   Die Vereinheitlichung der weltweit gehörten Musikstile, die schon seit den 40er-Jahren durch die elektroakustische Übertragung von Pop- und Rockmusik einsetzte und nationale Musikformen verdrängte oder vereinnahmte, wird sich durch die globale Vernetzung des Musikmarkts noch weiter verstärken. Regionale Musikkulturen werden eingeebnet, vielleicht aber auch gerade wegen der internationalen Normierung von medientechnisch vermittelter Musik neu entstehen. Vielleicht kommt es zu einer Art Zweiteilung von Musik: auf der einen Seite eine digitaltechnisch produzierte und vermittelte Musik für die alltägliche Anwendung (z.B. in der Werbung), für den popmusikalischen Massengeschmack, mainstream-optimiert, auf der anderen Seite ein Aufleben regionaler Live-Musik, handgemacht, vielleicht gemeinsam improvisiert, mit großer Bedeutung für die lokale Kulturszene, für die örtlich gebundene Gemeinschaft.

   Im Internet bilden sich allerdings bereits virtuelle Gemeinschaften, die sich ähnlich verhalten wie lokale Gruppen, z.B. spezialisierte Fanclubs, die sich der Pflege ihrer Musik widmen, mit eigenen Internet-Portals und neuen Gruppencodes und diffizil voneinander abgegrenzten musikalischen Interessen. Produktion und Rezeption von Musik werden im gemeinsamen Arbeiten an einem Stück vielleicht sogar verschmelzen. Erste Versuche, Musik im Internet kreisen zu lassen, dem kompositorischen Einfluss vieler Interessenten auszusetzen, wurden bereits unternommen.

   Medienphilosophen vermuten die Entstehung einer neu- bzw. andersartigen digitalen Kultur, die essenziell auf den Bedingungen von medientechnischer Digitalität und globaler Konnektivität aufsetzt und eigene ästhetische und soziokulturelle Gesetzlichkeiten entwickelt. Das sich im Wandel befindliche Verhältnis von Musikästhetik und Rezeptionsverhalten wird neu diskutiert werden müssen.

   Musik, die jederzeit erlebt werden kann, ohne dass sie dazu gespeichert werden muss (weil per Realtime oder Download praktisch totaliter verfügbar), wird wieder stärker zum Event ("Event-Kultur"), da beispielsweise eine Live-Übertragung aus irgendeinem Club irgendwo in der Welt prinzipiell kein Problem darstellt. Eventuell wird das (individuell erlebte) Musikgeschehen wieder ähnlich flüchtig werden, wie es vor der Erfindung der Tonträger einmal war.

   Ob die theoretisch erwartete Atomisierung und Demokratisierung des Musikmarktes (jeder Musiker bietet Musik weltweit an und kann von jedem Hörer prinzipiell rezipiert werden) faktisch funktionieren wird, sei dahingestellt. Gerade Musik wird eher selten vom Hörer gesucht, sondern aufgrund aktueller Trends, aufwendiger Promotion und gruppenspezifischer Kriterien ausgewählt. So genannte ‚Communities` werden gezielt von Marketing-Strategien analysiert und angesprochen. Dennoch ergeben sich für Nischenprodukte im Internet-Musikmarkt neue und vor allem preisgünstige Übermittlungsverfahren, weil der kommerzielle Zwang zu hohen Auflagen fast gänzlich entfällt.

Reflexion über Musik

Nicht nur die Produktion, Distribution und Rezeption von Musik als musikalischer Information in Form von Klängen, Noten und Dateien wird den durch neue Medientechnologie veränderten Rahmenbedingungen unterliegen, sondern auch die Produktion, Distribution und Rezeption des Wissens über Musik.

Es kann ein grundsätzlicher Wandel der wissenschaftlichen und technischen Informationsinfrastruktur angenommen werden.

   Betroffen sind in besonderer Weise das wissenschaftliche Publikationswesen sowie Lehre und Forschung. Universitäten setzen in Forschung und Lehre verstärkt auf die Möglichkeiten digitaler Datenerfassung, -aufbereitung und -vermittlung - und das in unterschiedlichster Form.

   Elektronische Publikationen können selbstverständlich auch musikalisches Wissen transportieren, Texte zur Musik, Bilder und Noten lassen sich elektronisch vermitteln.

Umgekehrt werden aber auch multimediale Inhalte, also z.B. Klanginformationen wie Sprache und Musik, mit Textinhalten verknüpft, sodass die Musikwelt in besonderer Weise von digitalen Verbreitungstechniken profitiert.

Folgende digitale Publikationsformen lassen sich unterscheiden:

1. Die digitale Publikation von Texten und Bildern in einer zum Buch analogen Form, meist als Electronic Book bezeichnet, eröffnet im Unterschied zum Printmedium sehr nützliche Möglichkeiten der schnellen Suche nach beliebigen Textstellen oder - bei weiter entwickelten Suchstrategien - auch nach dezidierten Textinhalten; eine Indizierung wird infolgedessen völlig überflüssig bzw. durch geeignete Metadaten ersetzt, die erheblich weitergehende Informationen ausweisen.

2. Aus dem Electronic Book entwickelt sich das Hypertext Book, das zusätzlich zum statischen Text anklickbare Querverweise, Lesezeichen, Icons usw. enthält und gegebenenfalls einen interaktiven Zugriff auf die Inhalte erlaubt, die auch die Notwendigkeit der seriellen Leseform aufheben kann.

3. Das Multimedia Book (z.B. auf CD-ROM) bezieht zusätzlich Audio- und Videoinhalte mit ein. Es hebt die Trennung zwischen Buchdruck und audiovisuellen Medien auf, eine für musikbezogene Publikationen (aber auch für Sprach-, Theater- und Filmwissenschaften) besonders bedeutsame Entwicklung, denn der Vorteil, Texte über Musik wie selbstverständlich mit erläuternden Klangbeispielen, animierten Grafiken (dynamischen Illustrationen, musiksynchroner Notendarstellung) oder kompletten Filmsequenzen zu verbinden, ist offenkundig und bleiben dem Papier allesamt vorenthalten.

4. Die nächste Stufe bildet das Internet Book, d. i. die vollständig internetbasierte Publikation mit Text, Bild, Audio und Video, aber auch mit Multimedia und Hypertext, Hyperlinks, mit global vernetzten Präsentations-, Distributions-, Feedback- und Verknüpfungsfunktionen, sodass z.B. eine Fußnote oder ein Literaturhinweis gleich zum Original oder zu themenverwandten Publikationen irgendwo auf einem anderen Server weiterführt, oder dass ein Info-Button einen Kontakt zum Autoren oder Verleger oder zu anderen Lesern herstellt.

5. Auch das Virtual Reality Book ist keine pure Zukunftsmusik; ansatzweise gibt es schon Bücher (CD-ROMs), die Wissen in virtuellen Räumen präsentieren, z.B. in dreidimensionalen Erlebnisräumen, die das interaktive Erleben von Literatur, den simulierten Besuch eines Museums oder das Hören von Musik in virtuellen Konzerträumen oder Opernhäusern ermöglichen.

Dabei steht Book hier lediglich stellvertretend für zahlreiche Publikationsformen. Die aufgeführten Möglichkeiten gelten ebenso für Zeitschriften, Jahrbücher, Kongressbände, Noteneditionen usw. Beiträge können sofort ins Netz gestellt werden, wenn sie eingetroffen sind, die periodische Auslieferung einer Fachzeitschrift ist nicht mehr zwingend notwendig und auch nicht das Warten des Herausgebers auf den letzten Beitrag für einen Kongressband oder eine Festschrift.

   Die Universitätsbibliotheken verändern sich zu weltweit verknüpften Mediotheken, die mehr und mehr dazu übergehen, Informationen (z.B. Dissertationen) bei vergleichsweise geringem Kostenaufwand in elektronischer Form als Volltext ins Netz zu stellen und damit global verfügbar und recherchierbar zu machen. Das Internet kann als eine einzige riesige Weltbibliothek betrachtet werden (virtual library).

   Die bislang gültige Aufgabenteilung zwischen wissenschaftlichen Autoren und Lesern sowie Fachverlagen, Buchhandlungen und (wissenschaftlichen) Bibliotheken wird durch die neuen Medien infrage gestellt. Schon die Möglichkeit, dass eine elektronische Publikation im Extremfall nur auf einem einzigen Server für die weltweite Nutzung bereitliegen muss, wird neue Zuständigkeiten und Kompetenzen bei der Wissensdistribution erzwingen. Es ist abzusehen, dass (musik)wissenschaftliche Fachverlage in Konkurrenz zu neuen Internetverlagen treten müssen, die von Hochschulinstituten, Fachgesellschaften oder Autorenkollektiven gegründet werden, zumal die Einwerbung von ausreichenden Druckkostenzuschüssen immer schwieriger wird.

Eine große Chance ergibt sich für die Rundfunkanstalten, wenn sie ihre Tonarchive digitalisiert ins Netz stellen, zahlreiche Dokumentationen, Features, Hörspiele und Schulfunksendungen, deren erneute Ausstrahlung mit Blick auf die Einschaltquote nicht lohnt, könnten einer interessierten Öffentlichkeit als erneutes Wissensangebot zugänglich gemacht werden.

Viele Probleme sind noch nicht gelöst: Die dauerhafte Präsenz von elektronischer Information im Internet ist nicht garantiert, wenn sich wissenschaftliche Institutionen nicht auf technische Standards und Qualitätsmaßstäbe einigen. Information muss authentisch bleiben, darf also nach einer offiziellen Veröffentlichung nicht mehr verändert werden, usw.

Standards für die Integration von Metadaten müssen entwickelt werden, damit effektive Suchstrategien greifen können. Zwar gibt es bereits funktionierende Vorschläge für Textinhalte, aber weder die Editions- noch die Musikwissenschaft hat bislang nennenswerte Kriterien für fachimmanente Metadatenformate entwickelt, die sich auf Noten, Klang- oder MIDI-Informationen beziehen, obwohl z.B. musikspezifische Suchkriterien in Melodiedatenbanken durchaus entwicklungsfähig erscheinen.

Musikseminare im Internet und computerbasierte Lern- und Übeprogramme funktionieren und bereiten - zumindest partiell - virtuelle Musikkonservatorien und Online-Universitäten vor. Studenten und Doktoranden schreiben sich an beliebigen Universitäten und Musikhochschulen der Welt für perfekt ausgearbeitete Vorlesungen, Kurse und Seminare ein, führen im Chatroom Online-Diskussionen, trainieren Gehörbildung am Computer und werden zum Abschlusstest mit dem Server eines zertifizierenden Instituts verbunden. Sogar Prüfungen mittels Videoconferencing wurden schon erfolgreich durchgeführt. Wissenschaftler finden sich per Internet zu wissenschaftlichen Symposien zusammen und die wissenschaftliche Kommunikation setzt in vielen Disziplinen - mehr und mehr auch in der Musikwissenschaft - auf E-Mail-Kommunikation und Mailing-Listen.

   Die Aufgaben des Expertenhörers als Musikkritiker und des Wissenschaftlers als Gutachter (Reviewing) werden eventuell ergänzt oder ersetzt durch die kritische (vielleicht treffendere, weil ehrlichere und unabhängigere) Reaktion der Leser selbst, die - wie es einige Internet-Verlage bereits handhaben - zugleich mit dem Buchangebot eingesehen werden kann. Leserbriefe können unbegrenzt an die Publikation angeheftet werden oder sich sogar zu Online-Diskussionen ausweiten.

   Das Papier als wissenschaftliches Kommunikationsmedium wird - wenn alle diese Entwicklungen greifen - sich als völlig unzulänglich erweisen, denn nur mit Text, Bild und Notenpartitur werden diese neuen Szenarien zur Präsentation wissenschaftlicher und künstlerischer Information nicht mehr zu erfassen sein.

Schlussfolgerungen

Da digitale und global verbundene Informations- und Kommunikationstechnologien fast alle Lebensbereiche des Menschen beeinflussen und kaum ein Berufsbild von diesen Veränderungen unberührt bleibt, ist die Vermittlung von Grundkenntnissen im Umgang mit modernen Medien praktisch in jedem Ausbildungsbereich notwendig. Der Erwerb einer ausreichenden Medienkompetenz ist in der Informationsgesellschaft zweifellos eine unabdingbare Voraussetzung für Studium, Berufsausbildung und Berufsleben.

Vor allem die Ausbildungsinstitutionen dürfen keine Angst vor neuen Medien pflegen. Eigentümlicherweise erwecken neue Medien immer in gesellschaftlich etablierten Kreisen (z.B. in der offiziellen Kultur- und/oder Bildungspolitik) eine gewisse Furcht vor veränderten Rahmenbedingungen der Informations- und Wissensvermittlung, davon zeugt schon Platons Warnung vor der Schrift oder der allgemeine Ärger der Schriftgelehrten über die Gutenberg'sche Buchdruckerei mit metallenen Lettern.

Zumindest in Deutschland ist die Gesellschaft gespalten, wenn es um die Einschätzung von Technologiefolgen geht, man findet einerseits euphorische Technikgläubigkeit, die momentan zunehmend aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus gespeist wird, und andererseits wenig begründete Technikfeindlichkeit oder Technikangst, letzteres eine Haltung, die vor allem in den 80er-Jahren gepflegt wurde, insbesondere von Geisteswissenschaftlern, Kulturträgern und bestimmten politischen Richtungen. Es gilt jedoch, einen praktikablen Mittelweg zu finden, der eine optimistische, erkundende Haltung gegenüber neuen Technologien mit kritischer Reflexion verbindet. Bevor eine nüchterne Technologiebewertung jedoch in einem gesellschaftlich relevanten Maße gelingen kann, müssen Ausbildungsinstitutionen jedem Bürger eine hinreichende Medienkompetenz vermitteln. Dies ist bisher versäumt worden, nicht nur im Bereich der Musikausbildung.

Daher muss sich z.B. die Ausbildung künftiger Musiklehrer und Musikwissenschaftler u. a. mit den verschiedenen Aspekten und Funktionen der neuen Informationstechnologien fachlich auseinandersetzen: Im Studium müssen Kenntnisse über digitale Musikproduktionen in den Studios erworben werden, über den Einsatz von Multimedia, über Soundverarbeitung, Sounddesign und Videoschnitt.

Medienkompetenz ist auch für die berufliche Zukunft unabdingbar, denn die Berufsfelder, vor allem die neu entstehenden, sind nicht mehr durch unterschiedliche Werkzeuge, manuelle Fertigkeiten und Organisationsstrukturen voneinander abgegrenzt, sondern im Extremfall nur durch unterschiedliche Aufgabenstellungen und Zielvorgaben, durch unterschiedlich genutzte Software-Funktionen und spezifische Anwendungen. (Medienkompetenz ist hier im weitesten Sinne verstanden, für die musikalische Ausbildung sind z.B. auch musiktechnologische Kenntnisse vonnöten.)

   Die notwendige Arbeitsumgebung, z.B. die Tonbandmaschine und das Mischpult eines Toningenieurs, werden am Bildschirm bereitgestellt, alte Gerätschaften werden in geeigneter Form digital simuliert (virtuelles Equipment), Bedienungsoberflächen und Grundfunktionen der Software-Technik gleichen sich dennoch an, werden mehr und mehr standardisiert. Z. B. besteht zwischen dem amateurhaften Erstellen einer MIDI-Komposition mit einer synchronisiert laufenden Videodatei und dem professionellen Schneiden eines Videoclips im Studio technisch kein prinzipieller Unterschied mehr. Mit der praktischen Bedienung eines virtuellen Studios kommt ein jugendlicher Computerfreak ohne ausgewiesene musikalische Kenntnisse möglicherweise besser zurecht als ein erfahrener, der herkömmlichen (analogen) Studiotechnik verschriebener Tonmeister. In vielen Bereichen führt diese Situation zu vorschnellen Entscheidungen in der Berufswelt, kaum ausgebildete Programmierer werden (weil offenbar mit Computern vertraut) auch dort eingesetzt, wo strategische Entscheidungen getroffen werden müssten, wo ästhetisches Urteilsvermögen notwendig ist, wo planerisches Talent gefragt ist. Entscheidend wird jedoch auf Dauer nur die eigentliche Fachkompetenz sein, die flexibel mit modernen Arbeitstechniken umgehen kann. Nicht der Informatiker führt den digital produzierten Werbeclip zum Erfolg, sondern der Ideenlieferant, der kreative Kopf eines Teams. Nicht der Internetanschluss macht den Musikunterricht in der Schule erfolgreich, sondern die Lehrperson, die eine vernünftige Anleitung zum Umgang mit den gefundenen Informationen liefert oder - noch wichtiger - entsprechende Inhalte überhaupt erst schafft. Medienkompetenz ist dazu eine Grundvoraussetzung wie die Beherrschung der herkömmlichen Kulturtechniken.

   Für politische Entscheidungen über die Zukunft von Bildung und gesellschaftlicher Zukunft überhaupt (nicht nur für die kulturelle Bildung) mag noch der Hinweis von Bedeutung sein, dass gerade die künstlerischen Disziplinen die kritische Akzeptanz neuer Technologien fördern können. Auf kaum einem anderen Gebiet fließen künstlerische, wissenschaftliche, pädagogische Fragestellungen so harmonisch, aber auch so subtil zusammen wie vor allem in der Musik bzw. in der musikalischen Auseinandersetzung mit neuer Technik. In einer künstlerischen, ja spielerischen Auseinandersetzung mit den Medien können die Wirkungen moderner Technologien auf Menschen und Gesellschaft künstlerisch, spielerisch und pädagogisch erprobt, positive und negative Folgen risikolos ermittelt und mögliche Konsequenzen für Forschung, Ausbildung und politische Entscheidungen formuliert werden, ohne dass wie in anderen Anwendungsbereichen mit nachhaltigen Problemen des Experiments für den Menschen gerechnet werden muss.

Nur wenn die Ausbildungsinstitutionen rasch auf die medientechnische Revolution mit geeigneten Konzepten reagieren (bzw. von der Politik dazu in die Lage versetzt werden), wird es gelingen, qualitativ hochwertige und langfristig zufriedenstellende Lebensentwürfe und Berufsbilder zu entwickeln, die den aufgezeigten globalen Entwicklungen angemessen sind.

Gelingt dies nicht in absehbarer Zeit, werden international ausgehandelte kommerzielle Interessen nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährden, sondern auch die historisch gewachsene besondere Musikkultur nivellieren, ein Prozess, der überall dort schon längst begonnen hat, wo die Einschaltquote die Qualität steuert. Die Materialien zur künstlerischen Produktion stehen jedem zur Verfügung, werden demokratisiert, die Wertediskussion wird nach neuen Qualitätskriterien suchen (müssen).
 


erschienen in: Musikforum H. 93/2000