Klaus-Ernst Behne
Zur besonderen Situation des film(musikal)ischen Erlebens

Wer sich über die menschliche Wahrnehmung informieren will, wird ein Standardwerk der Wahrnehmungspsychologie konsultieren und viel über unsere "fünf Sinne" lernen können: über Stäbchen und Zäpfchen, die Härchen auf der Basilarmembran, Geschmacksknospen etc. Er wird aber relativ wenig erfahren über das Zusammenwirken der einzelnen Sinne, dass wir in jedem Moment visuelle, akustische, taktile, gustatorische und olfaktorische Stimuli verarbeiten können, uns dadurch ein Bild von der Außenwelt machen und dass diese Informationen miteinander verknüpft und zeitlich relativ synchron aufgenommen werden: Einen vorbeifahrenden großen LKW höre und sehe ich zugleich, verspüre die Erschütterungen des Erdreichs, rieche u.U. mit Verzögerung die Abgase, nur der Geschmackssinn ist – zum Glück – nicht betroffen. Über alle denkbaren Interaktionen der Sinne, über multimodale Wahrnehmung, erfährt man in der Literatur relativ wenig; hier gibt es noch erhebliche Forschungsdefizite aufzuarbeiten.

Alltägliche Wahrnehmung ist jedoch in der Regel multimodal, und zwar vor allem audiovisuell, Auge und Ohr sind die dominanten Sinne. Die visuelle Komponente entfällt nur im Dunkeln (bis zu einem gewissen Grade) oder wenn man die Augen schließt, beispielsweise um konzentrierter zu hören. Umgekehrt wird oft darauf hingewiesen, dass man die Ohren nicht schließen könne, also immer hören müsse.1

Durch die beiden Jahrtausend-Erfindungen, Schallplatte und Film, haben sich nun insbesondere die Bild- und die Musikwahrnehmung grundlegend geändert. Seitdem kann Musik ausschließlich und jederzeit auch in Abwesenheit der Musiker gehört werden, ist beliebig oft wiederholbar; Gleiches gilt für die bewegten Bilder des Films. Die gut 100-jährige Geschichte der "modernen" Medien (auch die Schrift ist ja bereits ein Medium!) ist eine Geschichte der sich stetig wandelnden menschlichen Wahrnehmungskompetenz. Alle frühen medialen Darbietungsformen von Kultur sind in einem gewissen Sinne defizitär (der fehlende Ton des Stummfilms, die stark verrauschte, aber von Thomas Mann wegen ihrer brillanten Wiedergabequalität begeistert gelobte Schallplatte, die eigenwillige Welt des Hörspiels), doch die Menschen haben relativ schnell gelernt, mit diesen Mängeln umzugehen, das Fehlende zu kompensieren. Die frühen Stummfilm-Besucher waren gebannt und fasziniert von den Bildern, aber auch irritiert durch den fehlenden Ton, weshalb die Musik sehr früh hinzugefügt wurde. Trotzdem lernten die Zuschauer erstaunlich schnell, dass sich aus einzelnen Film-Einstellungen, z. T. unterbrochen von Texteinblendungen sowie "untermalt" von bewegter Musik, ein Drama, ein Gesamtkunstwerk bilden konnte.

Den Stummfilm als eine besonders ausgefallene mediale Gattung gab es nur gut drei Jahrzehnte, er entwickelte sich von einer Jahrmarktsattraktion innerhalb kürzester Zeit zu einem Massenmedium, aber auch zu einem avantgardistischen Medium. In den Zwanzigerjahren entstand eine anspruchsvolle Theorie des Films2, die zugleich praktisch umgesetzt wurde3. Die drei Stummfilmjahrzehnte sind vermutlich eine der intensivsten Phasen kollektiver medialer Lernerfahrungen gewesen. Wie lernfähig der Mensch ist, lässt sich auch daran ablesen, dass das junge Filmpublikum der Gegenwart, wenn es zum ersten Mal einen Stummfilm erlebt, die wahrnehmungspsychologischen Spielregeln dieser Gattung in aller Regel relativ schnell versteht und der Darbietung sinnvoll folgen kann, sofern es nicht ohnehin durch Zitate in Video-Clips bereits etwas über Stummfilm gelernt hat.

Solche Lernprozesse hat es in der gesamten Menschheitsgeschichte gegeben, etwa durch Theater und Oper, beides Gattungen der Wahrnehmung, die in einem ähnlichen Sinne artifiziell sind wie die medialen Gattungen seit Schallplatte und Stummfilm. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass im 20. Jahrhundert neuartige Wahrnehmungskonstellationen in erheblich schnellerer Abfolge auftraten als je zuvor.

Eine unvollständige Liste der verschiedenartigen Situationen bzw. Medien-Gattungen, in denen wir heute Sprache, Musik und Geräusch (häufig in veredelter Form) als "kulturellen Produkten" begegnen, könnte (in willkürlicher Reihenfolge) umfassen: Gottesdienst, Video-Clip, Theater, Stummfilm, Radio, Tonfilm, Spielfilm, Hörspiel, Dokumentarfilm, Internet, Konzert, Werbespots, Schallplatte, Musikfilm, Oper, Hintergrundmusik, Musik im Walkman, Sound Design, Klanginstallation.

In diesen und vergleichbaren Situationen wissen wir, was uns erwartet, stellen uns wahrnehmungspsychologisch jeweils darauf ein, welche Informationen geboten bzw. welche uns gattungsspezifisch vorenthalten werden (z. B. die Bilder im Hörspiel). Dabei ist im Einzelfall schwer feststellbar, wann der Begriff der Wahrnehmungsgattung oder der der Wahrnehmungssituation angemessen ist; im Falle des Hörspiels und des Video-Clips ist die Frage relativ eindeutig zu beantworten. Wahrnehmungskompetenz äußert sich heute u. a. darin, inwieweit wir für die genannten sowie weitere Situationen Erwartungs- und Reaktionsmuster entwickelt haben, die uns in die Lage versetzen, jedem medialen Genre zu folgen, im jeweiligen Kontext die Aufmerksamkeit spezifisch auszurichten. Die summarische, keineswegs vollständige Aufzählung soll lediglich illustrieren, wie unterschiedlich die Wahrnehmung heute organisiert sein kann.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie außerordentlich komplex man sich mögliche Wirkungen von Filmmusik vorstellen muss, bei erheblichen Veränderungen in der gut hundertjährigen Filmmusik-Geschichte, mit erheblichen Unterschieden zwischen Individuen mit verschiedenen medialen Erfahrungen.

Wenn eingangs bestimmte mediale Gattungen als defizitär bezeichnet wurden, was bestimmte Anteile der ansonsten multimodalen alltäglichen Wahrnehmung betrifft, so impliziert dies einen Mangel und ist deshalb bei näherer Betrachtung irreführend. Es sind nämlich die Künste schlechthin durch eine bewusste Reduktion auf Teilbereiche unserer Sinneswahrnehmug gekennzeichnet (Musik, Bildende Kunst, Poesie etc.). Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist die künstlerische Fotografie: Auch nach Erfindung des Farbfilms blieb sie vorrangig eine Geschichte der Schwarz-Weiß-Fotografie, gekennzeichnet durch die Reduktion von etwas Alltäglichem, nämlich der Farbe.

Diese Reduktionen in den verschiedenen Künsten sind sicherlich von der Erwartung begleitet, dass dadurch eine Konzentration der Wahrnehmung auf einen oder wenige Sinne erreicht werden kann und somit eine differenziertere, intensivere, von der alltäglichen Wahrnehmung abgehobene Rezeption begünstig wird. Dies gilt sicherlich für große Zeiträume der Geschichte der Künste, bis zur Idee des Gesamtkunstwerkes, die dann im 20. Jahrhundert partiell großen Einfluss ausübte.

Wenn wir uns im Folgenden auf die beiden wichtigsten Sinne, Auge und Ohr, beschränken, so gilt allgemein, dass das Visuelle das Auditive dominiert. Das ist sicherlich richtig; ob dieses Ungleichgewicht sich jedoch in Prozenten ausdrücken lässt, etwa im Verhältnis 80 : 20, sei bezweifelt. Eher wäre die audiovisuelle Filmwahrnehmung (Tonfilm, mit Musik) als ein Paradigma der geteilten, changierenden Aufmerksamkeit zu begreifen. In bunter Folge sind es (vor allem) die Bilder, die Sprache, die Musik, die Geräusche, die im Kopf des Betrachters einen geschlossenen, dramatischen Handlungsablauf entstehen lassen, wobei es jedoch der Regisseur (durch Schnitt, Ton/Musik-Montage) in der Hand hat, welche Informationskanäle jeweils in den Vordergrund treten sollen. Während alltägliche Wahrnehmung eher durch konstante Wahrnehmungsanteile gekennzeichnet sein dürfte (es sei denn, wir werden erschreckt), ist vor allem der dramatische Spielfilm à la Hollywood durch changierende, "auskomponierte" Aufmerksamkeit geprägt. Wenn man sich Alfred Hitchcocks berühmte Duschszene vergegenwärtigt, so wird deutlich, dass die starke Wirkung, die hiervon ausging, vermutlich gerade darauf zurückzuführen ist, dass lediglich an dieser einen Stelle des Films die visuelle und die auditive Schicht zugleich größte Aufmerksamkeit fordern.

Die Wirkung von Filmmusik, nämlich eine bestimmte, gibt es nicht! Bereits der umfassende Katalog von Funktionen der auditiven Schicht von Zofia Lissa (1965) machte deutlich, welch unterschiedliche Mechanismen aus dem auskomponierten Verhältnis von Bild und Ton resultieren können, reizte andererseits Hansjörg Pauli4, den gesamten Wirkungskatalog auf drei Prinzipien (Paraphrasierung, Polarisierung, Kontrapunktierung) zu reduzieren, was ihm später wiederum zu verkürzt erschien5. Was die Wirkungen der Filmmusik betrifft, können wir wenigstens von zwei verschiedenen Wahrnehmungsmodi ausgehen6. Der eine ist eher fotografisch, Bild-orientiert. Er lässt sich mit Fotos und Musik demonstrieren wie in dem berühmten und gern zitierten Kuleschow-Effekt7: Die Fotografie eines Schauspielergesichtes, das emotional eher uneindeutig war, wurde zu verschiedener Musik gezeigt und entsprechend unterschiedlich interpretiert.

Der zweite Modus baut auf filmischen Konventionen auf – Schnitt, Montage, Ellipse etc. –, die musikalisch beeinflusst, modifiziert werden. So kann eine Folge von harten Schnitten homogener, geschlossener wirken, wenn sie gewissermaßen an einem musikalischen Bande geführt werden. Sofern die Handlungsstruktur durch Bild und/oder Text nicht eindeutig vorgegeben ist, kommt es der Musik zu, durch das Prinzip der "besten Interpretation" ("Welche Deutung gibt am ehesten Sinn?") für Klarheit zu sorgen. Stärker noch als bei diesem Wahrnehmungsmodus sind kognitive Anteile, interpretative Aktivitäten beim Publikum zu erwarten, wenn disparate Informationen gegeben werden, etwa ein trauriges Gesicht mit fröhlicher Musik. Es hängt dann vom jeweiligen Kontext ab, welchen Sinn der Zuschauer der Szene zuschreibt. Auch wenn sich in einer längeren Filmszene nichts ändert, die Musik hingegen abrupt einsetzt oder wechselt, suchen die Zuschauer nach einer Erklärung, etwa dem nicht sichtbaren Auftritt eines Bösewichtes.

Diese beiden knapp skizzierten Wahrnehmungsmodi sollen die Vielfalt filmmusikalischer Effekte nicht simplifizieren, lediglich zwei denkbar verschiedene Arten der Wahrnehmungseinstellung illustrieren. Tatsächlich sind die Wirkungen von Filmmusik um einiges komplexer und differenzierter, wie einem soeben publizierten Modell von Bullerjahn (2001) zu entnehmen ist. Die Autorin unterscheidet zunächst die Filmmusik- sowie die Rezipientenebene. Die Wirkungen von Filmmusik hängen davon ab, welchen Ausdruck die Musik enthält, mit welchen Parametern (z. B. Tempo) und welchen kollativen Eigenschaften (z. B. Ambiguität) sich die Musik beschreiben lässt. Auch der assoziative Gehalt der Musik, die Relation zum Bild und zur Sprache kann eine Rolle spielen.

Diese Filmmusikebene wird aber relativiert durch die Rezipientenebene: Alter und Geschlecht, Intelligenz und Erfahrung, Musikpräferenzen und Stimmung können letztendlich dafür entscheidend sein, wie der Film als Ganzes erlebt wird.

Am umfassendsten ist schließlich der Katalog auf der Wirkungsebene: Bannung und Vereinnahmung, strukturelle Wahrnehmung, emotionale Einfühlung sind nur drei von sieben Erlebnisfeldern, die separat zu betrachten wären, um die Vielfalt denkbarer Wirkungen der Filmmusik angemessen zu beschreiben. Das Modell von Bullerjahn basiert auf der Analyse von 70 einschlägigen empirischen Studien und kann derzeit als der umfassendste theoretische Ansatz betrachtet werden.

Zumindest erwähnt sei abschließend die Tatsache, dass viele von uns einerseits gelegentlich ins Kino gehen, aber zumeist täglich fernsehen, u. a. Spielfilme, die man auch im Kino gesehen hat oder hätte sehen können. Was sind die Unterschiede zwischen Kino- und TV-Filmerleben, wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Zunächst lassen sich eine Reihe von objektiven Tatbeständen benennen, worin sich die beiden Situationen in der Regel unterscheiden:
 
 

Kino-Situation heimische Fernseh-Situation
(sehr) große Leinwand (kleiner) Bildschirm
hervorragende (überwältigende) Tonqualität bescheidene/mittlere Tonqualität
dunkler Kinosaal (helles) Wohnzimmer
einem längeren Programm ausgesetzt Abbruch/Wechsel zu anderem Programm jederzeit normal
kaum Gesprächsmöglichkeiten Gespräche mit Mitbewohnern sind normal
Essen und Trinken sind Ausnahme häufiges Essen und Trinken
(im Hauptprogramm) keine Unterbrechung Unterbrechungen (Toilette, Werbung, Telefon) eher normal
in großer Gemeinschaft allein oder in Kleingruppe

Diese Unterschiede können sich dahingehend auswirken, wie Film und Musik erlebt werden. Einschränkend ist jedoch festzuhalten, dass die Kino-Sitten sich partiell (Gespräche, Essen und Trinken) den TV-Gewohnheiten annähern. Insgesamt wird man aber feststellen können, dass die Unterschiede zwischen beiden Rezeptionssituationen gravierend sind.

Trotzdem hat all das keinen Einfluss auf das Verständnis eines Films! Man wird lediglich erwarten, dass die Erlebnistiefe im Kino subjektiv größer erscheint, zumindest muss das Publikum dieser Meinung sein, sonst würde es sich das Eintrittsgeld sicherlich sparen. Der Kino-Boom der vergangenen Jahre, in Zeiten totaler TV-Versorgung, ist nur zu begreifen, wenn man unterstellt, dass das Publikum dem (technologisch aufgerüsteten) Kinosaal ein erhebliches Erlebnis-Plus zuschreibt. Dies wird sicherlich nivelliert, wenn die Beamer wesentlich preiswerter werden und sich u. U. viele, um das Wohnzimmer als Kinosaal zu gestalten, von ihrer Wohnzimmerschrankwand trennen.

Die oben skizzierten Wirkungen der Filmmusik sind im Kino möglicherweise höher zu veranschlagen. Weil die aufwendige Tonqualität der Musik mehr Gewicht verleiht, wenn man sich die Größe der Leinwand vergegenwärtigt, kann man jedoch mutmaßen, dass die Konkurrenz von Auge und Ohr im Kino noch unerbittlicher ausgetragen wird als im heimischen Puschen-Kino.



1 Behne, Klaus-Ernst, Zu einer Theorie der Wirkungslosigkeit von (Hintergrund-) Musik. Musikpsychologie Bd. 14, 1999, Göttingen, 7–23.
2 Siebert, Ulrich Eberhard, Filmmusik in Theorie und Praxis. Eine Untersuchung der 20er und frühen 30er Jahre anhand des Werkes von Hans Erdmann, Frankfurt/M. (P. Lang) 1990.
3 Erdmann, Hans; Becce, Giuseppe & Brav, Ludwig, Allgemeines Handbuch der Filmmusik, 2 Bände, Berlin & Leipzig 1927.
4 Pauli, Hansjörg, Filmmusik: Ein historisch-kritischer Abriß, in: Schmidt, H.-Chr. (Hg.): Musik in den Massenmedien Rundfunk und Fernsehen. Perspektiven und Materialien, Mainz 1976, 91–119.
5 Pauli, Hansjörg, Filmmusik: Stummfilm, Stuttgart 1981.
6 Behne, Klaus-Ernst, Überlegungen zu einer kognitiven Theorie der Filmmusik, in: K.-E. Behne, Gesehen–Gedacht–Gehört, Regensburg 1994, 71–85.
7 Bullerjahn, Claudia, Grundlagen der Wirkung von Filmmusik, Augsburg 2001, S. 137.


Prof. Dr. Klaus-Ernst Behne ist Präsident der Hochschule für Musik und Theater Hannover, an der er 20 Jahre das Fach Musikpsychologie gelehrt hat.
 
 
 
 


erschienen in: Musikforum H. 94/2001