Manfred Schoof
Die Sendung mit der Maus

Kindersendungen im Fernsehen haben eine große Bedeutung, die sich aus ihrem stark prägenden Einfluss auf Kinder begründet. Daher sind "gute" Kindersendungen, die Urteilskraft und die Fähigkeit zur Differenzierung der wahrgenommenen Bilder und Informationen fördern und Kinder zum Fragenstellen, kurz, zum selbstständigen Denken anregen, wichtig im Hinblick auf die Erziehung.

Dieses Phänomen war sicherlich auch für Gerd K. Müntefering, Leiter des Kinderprogrammes beim Westdeutschen Rundfunk der Grund, dass er sich zu Anfang der 70er-Jahre mit dem Filmemacher Armin Maiwald zusammensetzte, um die Konzeption für eine Kindersendung zu schaffen, die über die bis dahin üblichen Spaßfilmchen à la Micky Maus hinausgehen sollte. Eine Sendung, die nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Maximum an Informationen bieten sollte. Spannend sollte sie sein, auch für die Eltern. Eine Sendung an prominenter Stelle, sonntags vor dem internationalen Frühschoppen der ARD.

Wichtig war auch das Format: Kurze Geschichten, die selten länger als fünf Minuten dauerten und die unterbrochen bzw. verbunden wurden von allerlei Späßen der kleinen orangefarbenen Maus, die so lustig mit den Augen klappern kann und die zum Symbol für die wohl wichtigste und beliebteste deutsche Kindersendung werden sollte. Zur Maus haben sich mittlerweile noch ein kleiner Elefant und eine Ente gesellt.

Zum Inhalt wurden erstmals Begebenheiten und Gegenstände des täglichen Lebens gemacht; vom Brötchen zum Rasenmäher, vom Auto bis zur Zahnpasta. Und dies alles wurde so witzig, so heiter dargestellt, dass auch die Erwachsenen – die Eltern – ihren Spaß dabei haben und den Kindern erklärend Hilfestellung leisten, sich als begleitende Gefährten verstehen konnten.

Dieses Konzept ging auf und es bewies, dass nicht nur Micky Maus und Co. Spaß machen können. In diesem neuen Format sollte auch die Musik eine besondere Rolle spielen. Es war klar, es sollte nicht nur eine Krach-Bumm-Boing-Musik sein, die sich aufs Verstärken von Effekten konzentriert und die sich sonst harmlos "dahinbewegt".

Gute Filmmusik hat eine wichtige ergänzende Funktion. Sie erregt und verstärkt in großem Maß Emotionen und hat eine starke Erinnerungswirkung. Sie soll Partner, oder "zweites Standbein zum Bild" sein, d. h. nicht nur bloßer Geräusch- oder Klangeffekt ohne tiefere Bedeutung. Sie sollte auch Kunst sein, d. h. sich nicht in Oberflächlichkeit und Klischees verlieren und die Kinder mit kindlicher bzw. kindischer Niedlichkeit langweilen, sondern auch ihre Vielseitigkeit vermitteln. Kinder sind ja in puncto musikalischer Bildung unvorbelastet, sie sind offen für alles, egal ob das einfache, liedhafte Melodien, klassische Orchesterbesetzungen oder Geräuschkompositionen sind. Wir Komponisten als die "Macher" sollten uns dessen bewusst sein.

Hier liegt auch der Einstieg in eine Musik der besonderen Art. Einige Beispiele: Als es um die Musik über die Herstellung von Stahl ging (große Maschinen, Produktionshallen, qualmende Schlote), begaben Armin Maiwald, der Regisseur, und ich uns auf einen Schrottplatz, wo wir Eisenträgerstücke, Bleche, Stangen usw. verschiedenster Größe sammelten, um deren Klänge im Studio einzeln aufzunehmen. Danach wurde damit eine Melodie komponiert, die sich trefflich mit – in diesem Falle – Pauken und anderen Instrumenten kombinieren ließ. Ähnliches haben wir wirkungsvoll mit Hölzern verschiedener Art inszeniert, denn gelegentlich hat man auch die Musiker bei der Herstellung ihrer Musik beobachten können, was wiederum – wie aus Fanpost zu erfahren war – die Kinder zum Nachahmen anregte. Dies ist ein typisches Beispiel von Anregungen, die Nachwirkung zeigen.

Ein anderes Beispiel, bei dem die klassische Kunstmusik zum Einsatz kam: Es ging um die Geschichte über ein Bäumchen, das auf einem Friedhof an ein Grab gepflanzt wurde. Tod und Leben waren hier ganz nahe beieinander, das Bäumchen wuchs und es lebten schließlich viele Vögel und andere Kleintiere in seinen Zweigen. Ich entschied mich hier für ein Streichquartett, das ich im klassischen Wiener Stil komponierte und das die Geschichte von dem Bäumchen auf glückliche Weise ergänzte. Man könnte sagen, es war ein Streichquartett in einem Satz, wobei die Musik nicht oberflächlich – plakativ – auf jedes Detail einging, sondern eher ruhig, mal fließender, mal dramatisch-effektiver, mit dem Bäumchen mitwuchs, mitlebte – eine parallele Geschichte erzählte.

Ein weiteres Beispiel ist die Musik zur Serie Rund um den Dom, die in Köln entstanden ist. Hierbei ging es in einer Folge auch um die Orgel des Doms, die vorgeführt werden sollte. Ich ließ den Domorganisten Prof. Clemens Ganz neben einigen "klassischen" typischen Orgelklängen auch einen Blues spielen, den ich zunächst nur für diese Folge komponiert hatte, der aber schließlich zur Hauptmelodie für diese Serie wurde. Diese Folge war insofern besonders informationsreich, als ich den Organisten nicht nur sein Instrument erklären ließ, sondern man ihn auch beim Bluesspielen sah und hörte.

Es ist wohl kein Zufall, dass viele Jazzmusiker für die Herstellung von Musiken für Kinderfilme herangezogen werden. Wolfgang Dauner, Klaus Doldinger – Die unendliche Geschichte –, Ingfried Hoffmann – Deutsche Sesamstraße – sind hierfür gute Beispiele. Jazzmusiker reagieren spontan auf Gehörtes, sie reagieren und korrespondieren während des gemeinsamen Musizierens auf besondere, wirkungsvolle Weise miteinander. Auch dadurch ist die Jazzmusik in ihrer vielfältigen, lebendigen Struktur für Kinder sehr gut nachvollziehbar, miterlebbar. Deshalb ist sie wohl auch zu einem wichtigen Element in der musikalischen Gestaltung nicht nur von Kinderfilmen geworden. Sie ist nicht immer gleich erkennbar. Oft sind es nur ihre Strukturen, die einen musikalischen Rahmen schaffen. Darüber hinaus ist sie auch zu einer Art Gegenentwurf zur Neuen Musik des 20. Jahrhundert geworden, obwohl dies zur Zeit ihrer Entstehung nicht abzusehen war.

Was zeigen uns diese Beispiele? Sie zeigen uns, dass Kinder offen sind für jede Art von Klangereignis. Sie sind besonders in ihren ersten Lebensjahren empfänglich und unvorbelastet, weil Erwachsene noch nicht allzu oft die musikalische Erlebniswelt der Kinder beeinflusst haben. Deshalb sind Sendungen wie Die Sendung mit der Maus oder die Sesamstraße so wichtig.

Fernsehen kann also in richtigen Dosierungen Kinder mit der Welt, in die sie hereinwachsen, vertraut machen. Es kann Ängste nehmen, z. B. wenn das Leben und Miteinanderleben von Tieren in verständlicher Weise veranschaulicht wird. Naturgewalten wie Blitz und Donner, Wasser in seiner vielfältigen Gestalt kam man mit sachlichen fasslichen Schilderungen viel von ihrer furchteinflößenden Wirkung nehmen. Wenn dann die Komponisten eine adäquate Musik dazu liefern, ist die Welt der Kleinen wieder ein Stück reicher geworden und sie werden in späterer Zeit möglicherweise Begebenheiten und Dingen unseres täglichen Lebens wieder begegnen, die sie schon kennen. Woher? Aus der Sendung mit der Maus.


Manfred Schoof ist Professor an der Musikhochschule Köln.
 


erschienen in: Musikforum H. 94/2001