Musik als persönliche
und gesellschaftliche Lebensäußerung ist allumfassend und allgegen
wärtig. Sie ist dabei ein komplexes Medium der Kommunikation, somit
also an der Formung der Kultur im weitesten Sinne wesentlich und direkt
beteiligt. Kultur entsteht nicht anders als durch Kommunikation.
Wirtschaft
ist – entgegen der landläufigen Sicht der orthodoxen Wirtschaftslehre
– ein kulturell eingebetteter, geistig-kreativer Prozess der Entdeckung
und Gestaltung sinnvoller und ergiebiger Handlungsmöglichkeiten für
die Erzeugung von und den Handel mit Waren und – in jüngerer Zeit
deutlich vermehrt – Dienstleistungen. Wirtschaften ist also ebenfalls primär
und essenziell Kommunikation und es kann nicht verwundern, dass Musik auf
zwei kommunikativen Ebenen des Wirtschaftens von Wichtigkeit ist:
In diesen beiden Ebenen kommt
eine verbreitete Vorstellung von „Musik als Wirtschaftsfaktor" zur Geltung,
die als konventionell bezeichnet werden kann und die als abstraktes Theorem
weitgehend unbestritten ist. Probleme ergeben sich erst, wenn es um die
praktische Gestaltung und Umsetzung geht.
Diese
konventionelle Sicht ist von Nützlichkeitserwägungen bestimmt
– gesehen vom Standpunktder wirtschaftlichen Verwertung her – und dazu
geeignet nachzuweisen, dass Ausgaben für Musik und die staatliche
Förderung des Musiklebens keineswegs ausschließlich Konsum,
sondern – zu mindest indirekt – auch Investition in die wirtschaftliche
Entwicklung darstellen. Musik nützt der Wirtschaft selbst dann, wenn
sie privat als Hausmusik ausgeübt wird, denn sie stimuliert die Nachfrage
nach Instrumenten, Noten und Unterweisung. Diese ökonomische Sicht
auf den gesellschaftlichen Sinnbezug von Musik ist nicht die einzig mögliche,
aber eine seit Jahren in den Vordergrund getretene. Sie wird der Bedeutung
der Musik nur partiell gerecht, ist aber andererseits eine Realität,
der es sich lohnt etwas näher nachzugehen.
Investitionen
in musikalische Aktivitäten können in verschiedenen Richtungen
wirksam werden: Einrichtung und Unterhaltung von Orchestern und Ensembles,
Förderung kompositorischer Arbeit, Ausbildung von Musikern und allgemeine
Musikerziehung. Letzteres geht in der Debatte um Bildungsreformen oft unter.
Ein vitales Musikleben – seinerseits eine indirekte Ressource der Wirtschaftsförderung
– muss die Seite des Publikums ebenso ins Auge fassen wie die Angebotsseite
der künstlerisch-musikalischen Produktion. Das verbreitete Denken
von der Angebotsseite her ist eine der traditionellen Ökonomie zu
verdankende,
fatale Vorprägung,
die von der Erwartung genährt wird, dass ein gutes Produkt (hier also
gute musikalische Leistungen) sich dank seiner Qualität an sich von
selber am Markt (bzw. in der Öffentlichkeit oder beim Publikum) durchsetzen
muss. Der in den letzten Dekaden in der Wirtschaft dramatisch angestiegene
Aufwand für Marketing spricht eine deutliche Sprache: Nichts verkauft
sich von selbst; im Gegenteil: Erfolg hat, wer geschicktes Marketing zu
Wege bringt.
Im Musikleben
ist das nicht grundsätzlich anders. Die noch im 19. und teilweise
im 20. Jahrhundert zumindest in bestimmten Schichten geförderte Haltung,
dass es zum guten Ton eines gebildeten Menschen gehört, aus eigenem
Antrieb ins Konzert (oder ins Theater, ins Museum usw.) zu gehen, hat heute
kaum noch Geltung. Das Publikum will angesprochen und verlockt werden,
und das nicht nur durch Plakate, Handzettel und Annoncen, sondern durch
umfassende, nachhaltige, substanzielle Öffentlichkeitsarbeit, die
ein Milieu, eine Szene, eine Klientel, einen Fan-Club, oder wie immer die
soziologischen Kategorien heißen mögen, kreiert und festigt.
Öffentlichkeitsarbeit muss verstanden werden als Investition in das
kulturelle Kapital musikalischer Produktion, das die Wege zum Publikum
aufbereitet.
Die wirtschaftlichen
Effekte von Ausgaben für musikalische Aktivitäten auf den genannten
Ebenen besitzen einen beachtlichen territorialen (räumlichen) Aspekt,
indem sie den Zufluss von Kaufkraft (Kaufkraftimport) an den Ort des Geschehens
anregen. Ein überörtlich oder überregional anziehendes musikalisches
Einzel- oder Dauerprojekt bringt zusätzliche, den Ticketpreis meist
um ein Vielfaches überragende Geldausgaben der Interessenten mit sich,
z. B. Umsätze des örtlichen Einzelhandels und des Dienstleistungsgewerbes
sowie Steuereinnahmen der Kommune. Auch dies gilt auf der Angebotsseite
ebenso wie auf der Nachfrageseite. Eine Musikhochschule zieht Studierende
und Dozenten an, eine Veranstaltung holt Interessenten aus der nahen oder
fernen Umgebung heran.
Der Import
von Kaufkraft ist eines der stärksten Argumente, wenn es um die Finanzierung
und Subventionierung von musikalischen Veranstaltungen geht. Bleibt die
Nutzung einer musikalischen Veranstaltung eine Sache der ansässigen
Interessenten (was aus anderen als ökonomischen Gründen seine
eigene Berechtigung hat), wird lokal oder regional lediglich eine Kaufkraftverschiebung
zu Lasten anderer privater Ausgaben bewirkt. So profitieren beispielsweise
weder Hotels noch Läden oder das Transportgewerbe von innerörtlich
bleibenden Veranstaltungen. Aus diesem Zusammenhang erklärt sich die
besonders bei öffentlichen Subventionsgebern verbreitete Erwartung,
dass musikalische Veranstaltungen durch ihre besonderen Programme und Qualitäten
für einen möglichst weit reichenden touristischen Effekt sorgen.
Folgt
man dieser Erwartung auf der Ebene der Programmgestaltung und Werksinterpretation
– statt auf der Ebene der Öffentlichkeits arbeit –, läuft man
Gefahr, musikalische Inhalte um des Tourismus willen „zu verschönern"
und damit Distanz zu den künstlerisch Interessierten und vielleicht
auch zum heimischen Publikum zu schaffen. Dies muss allerdings nicht so
sein. Die notwendige Balance auf der Ebene der Programmgestaltung kann
nur durch eine erfahrene Intendanz erreicht und gehalten werden.
Die kulturtouristischen
Wirkungen musikalischer Veranstaltungen sind ein besonders komplexes Problem
der Praxis, das im Folgenden noch im Einzelnen angesprochen wird. Es muss
aber deutlich hervorgehoben werden, dass sich hinter dieser Argumentation
eine verkürzte Auffassung von Wirtschaft verbirgt. Sie ist um jene
Schaffensbereiche verkürzt, die nicht marktförmig abgewickelt
werden, bei denen – um ganz konkret zu sein – keine Umsatzsteuer fällig
wird und die auch nicht in die Berechnung des Bruttosozialproduktes aufgenommen
werden. Dennoch handelt es sich um wirtschaftliche und natürlich gesellschaftliche
Werte. Diese Werte werden in kulturpolitischen Diskussionen und Entscheidungen
häufig nur unterbelichtet wahrgenommen. Dies gilt selbstverständlich
nicht nur für musikalische Aktivitäten. Betrachtet man Wirtschaft
als jenen gesellschaftlichen Bereich, in dem wertvolle Beiträge zum
Wohlergehen aller und zur Gestaltung individueller und sozialer Lebensverhältnisse
erarbeitet werden, so ist beispielsweise Hausmusik ebenso wie ein auf die
lokale Szene beschränktes Konzert, z. B. das frei zugängliche,
öffentliche Konzert eines Kur-Orchesters, zweifellos ein solcher Beitrag,
vergleichbar mit dem Eigenbau eines Einfamilienhauses oder der Anlage eines
privaten Gemüsegartens.
Die fiktive
Bewertung solcher nicht-marktförmigen Leistungen in Geld ist nicht
nur problematisch, sondern setzt auch einen schiefen Maßstab, als
ob Wirtschaften immer und überall über die Geldschiene laufen
müsse und andere soziale Geltungsansprüche zu etwas Nachrangigem
gemacht werden dürften. Nicht immer und überall ist die markt-förmige
(tauschförmige) Leis tungsübertragung die überlegene Form,
schon gar nicht, wenn andere als monetäre Bewertungen einen hohen
Rang einnehmen.
Die positiven
(konstruktiven, kreativen, fördernden) Wirkungen, die von musikalischer
Praxis her auf die Wirtschaft ausgehen, sind mit den zu oft im Vordergrund
stehenden direkten Effekten bei weitem nicht voll ausgelotet. Ein dem kulturtouristischen
eng verwandter Aspekt ist die Steigerung der Attraktivität von Standorten
für Wohn- und Gewerbezwecke. Urbane Zentren ab einer gewissen, nur
im Einzelfall bestimmbaren Größenordnung müssen, um für
Industrie- und Gewerbeansiedlungen
attraktiv zu sein, (natürlich
neben anderen Kulturstätten) über eine vitale Musikszene verfügen,
die von Musiktheatern über Musikschulen bis zu Jazz-Clubs und regelmäßigen
Rock- und Popveranstaltungen reicht. Was hier von kulturellen Einrichtungen
geleistet wird, gehört streng genommen in die Standortwerbung (City-Marketing)
und müsste zu einem bedeutenden Teil von der zuständigen Wirtschaftsbehörde
finanziert werden.
Die Bedeutung
der Musik, und zwar gerade der Musik, als Wirtschaftsfaktor geht über
die eben genannten Aspekte weit hinaus. Die vielleicht in einschlägigen
Kreisen nicht eindringlich genug wahrgenommene Erkenntnis, dass Wirtschaften
ein kulturell gebundener, geistig-kreativer Prozess ist, stellt den schaffenden
Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Auch wenn sich die (Privat-)
Wirtschaft nicht anders arrangieren kann als über den Markt und damit
über geldförmige Dispositionen, so stehen doch hinter diesen
Handlungen immer geistige Kräfte mit ihren Einfällen und Visionen,
ihren Wahrnehmungs- und Gestaltungsfähigkeiten. Wahrnehmungs- und
Gestaltungs fähigkeiten entwickeln und schulen sich durch Kommunikation,
beginnend im frühen Kindesalter und (möglichst) nie endend im
Laufe eines individuellen Lebens. Kommunikation ist die dem physischen
Training durch Sport analoge Form der Bildung geistiger und emotionaler
Kräfte. Daran hat Musik einen überragenden Anteil.
Zahlreiche
wissenschaftliche Untersuchungen und Studien an Einzelprobanten und ganzen
Schulklassen, auch neurologische, haben ergeben, dass die regelmäßige
Ausübung (nicht nur der Konsum) von Musik einen steigernden Effekt
auf das gesamte Gehirnpotenzial, also auch auf die kognitiven Leistungen
hat.1
Die kreativen Leistungspotenziale, die sich
in einem geeigneten pädagogischen Umfeld bei Kindern erzielen lassen,
sind persönlichkeitsbildend. Das bedeutet, dass sie untrennbar mit
der späteren beruflichen Sphäre ebenso verbunden sind wie mit
der gesamten Lebensgestaltung eines Menschen. Die in Deutschland dringend
gewordene Bildungsreform muss eine Wende zugunsten eines kognitiven und
ästhetischen Trainings der menschlichen Wahrnehmungs- und Denkkapazität
schon bei Kindern einschließen.
Die Wirtschaft
profitiert hiervon in zweierlei Weise. Zum einen sind leistungsfähige
Individuen die unverzichtbare Voraussetzung erfolgreichen Wirtschaftens
(als geistig-kreativer Prozess). Zum anderen ist die „Kunst der gekonnten
Lebensführung", also die Formung des individuellen Lebensstils die
Quelle jeglicher privater Nachfrage am Markt. Bekanntlich hat der Markt
zwei Seiten und nur wenn beide auf korrespondierendem Niveau kommunizieren
können, ergibt sich eine zufriedenstellende
Abstimmung zwischen Produktion
und Konsumtion. Individuelle und unvermittelte Kommunikation zwischen Produzenten
und Konsumenten ist nur in Ausnahmefällen möglich, etwa in der
Maßschneiderei oder beim Hausbau. Bei indirekter Kommunikation (Befragung
mit anschließender statistischer Analyse durch Marktforschung und
ähnliche Aktivitäten) kann sich leicht ein Gestaltungsgefälle
einstellen mit der Folge, dass Menschen dann wirklich nur Verbraucher sind.
Es gibt
reichlich gute Gründe, das Musikleben einer Gesellschaft auf allen
Ebenen nachdrücklich zu fördern, und zwar auch im Interesse einer
stabilen Wirtschaftsentwicklung. Dieser Satz dürfte weitgehend unstrittig
sein. Aber aus ihm kann man nicht folgern, dass jede beliebige Initiative
auf diesem Gebiet förderungswürdig ist. Die Probleme liegen in
der Präzisierung und überzeugenden Begründung der Kriterien,
nach denen Stützungsmaß nahmen gewährt werden. Diese Kriterien
sind natürlich ein Politikum ersten Ranges.
Auf einer
ganz ähnlichen Ebene der kulturpolitischen Logik liegt das bekannte
Argument, dass die finanziellen Möglichkeiten der staatlichen Kulturbudgets
begrenzt seien und deshalb restriktiv vorgegangen werden müsse. Wer
würde dem widersprechen wollen? Und doch liegt darin ein fundamentales
Problem, weil die gestaltenden Wirkungen musikalischer Aktivitäten
in der Gesellschaft quer zu den traditionellen Ressorts liegen und dort
konstruktive und weiterführende Beiträge leisten, z. B. Steigerung
der Lebensort- und Gewerbeattraktivität einer Stadt. Wer davon profitieren
will, sollte folglich seinerseits bereit sein, entweder einer Aufstockung
der Kulturhaushalte zuzustimmen oder im eigenen Ressort Mittel zur Verfügung
zu stellen. Die gegenwärtige Praxis der öffentlichen Finanzpolitik
ist zu weiten Teilen unangemessen und auf lange Sicht destruktiv, besonders
in einem Land, dessen Wirtschaft zur Hauptsache auf menschlicher Leistungs-
und Schaffenskraft beruht.
Verlässt
man die Ebene allgemeiner Argumentation zu „Musik als Wirtschaftsfaktor"
und betrachtet konkrete Projekte, wird das Bild der Möglichkeiten
und Probleme ein buntes, sich vielfach überlappendes und von unscharfen
Trennlinien durchsetztes Gemälde, das es den Beteiligten nicht immer
leicht macht, kurz und bündig treffsichere Entscheidungen zu fällen.
Hier ist ein erstes pragmatisches Postulat zu beachten:
Musikalische Veranstaltungen, die sich tatsächlich wirtschaftlich tragen und deren Stützung durch die öffentliche Hand und andere Donatoren gerecht fertig werden sollen, bedürfen neben einer selbst verständlichen musikalischen Sachkenntnis des professionellen Projektmanagements, das nun seinerseits auf Erfahrung und Praxiswissen beruht und von kultureller Kompetenz getragen wird.
Die Praxis ist zu vielfältig,
um sie hier in voller Breite darstellen zu können. Eines der häufigsten
Projekte sind regelmäßig wiederkehrende musikalische Veranstaltungen
in Form von oder im Rahmen von (meist thematisch fixierten) Festwochen
oder Festspielen. Die ökonomische Basis dieser Projekte ist gewöhnlich
ein erhoffter und in der
Regel auch erfüllter
Kulturtourismus mit seinen wirtschaftlichen Effekten. Der Kernbegriff in
diesem Zusammenhang ist Kaufkraftimport.
Kaufkraftimport
ist wegen seines Multiplikatoreffektes meist das zentrale Argument für
öffentliche Unterstützungen musikalischer Veranstaltungen. Hintergrund
dieses Argumentes ist dieTatsache, dass nur wenige Veranstaltungen sich
vollständig und unmittelbar aus eigener Kraft finanzieren können
und dass Subventionen aus kommunalen oder staatlichen Haushalten leichter
zu rechtfertigen sind, wenn sie investiven Charakter haben, das heißt
einen Zustrom von Kaufwilligen von außen induzieren. „Außen"
bezieht sich jeweils auf die Zuständigkeitsgrenzen einer Geld gebenden
Kommune, eines Bezirks oder Landes, die über die so genannte Umwegrentabilität
mit einem indirekten Rückfluss an Mitteln rechnet. Kaufkraftimport
auf kommunaler Ebene beginn schon damit, dass Interessenten aus Nachbarkommunen
anreisen. Aus der Perspektive eines Landes handelt es sich lediglich um
interne Kaufkraftmigration. Die Logik des Denkens in Import- und Exportkategorien
als Basis wirtschaftlichen Wachstums würde eines Tages ihr Ende finden,
falls das große Projekt „Globalisierung" einmal komplettiert sein
wird. Bis dahin müssten die Ökonomen eigentlich eine neue Theorie
erfinden.
Unter
Multiplikatoreffekten versteht man die vernetzten Fortpflanzungswirkungen
von Ausgaben eines Sektors in den verbundenen Sektoren. Das klassische
Beispiel sind die zu erwartenden Umsatzsteigerungen in den Zulieferbereichen
der Veranstaltung (z. B. Dienstleistungen aller Art) und im touristischen
Umfeld (Hotels, Restaurants, Transportservice, Souvenirläden usw.),
die nun ihrerseits im rückläufigen Vorfeld für weitere Umsatzsteigerungen
sorgen. Die Logik dieser Argumentation besteht darin, dass Geld nicht zu
verschwinden pflegt, sondern im Geflecht der Märkte verbleibt, soweit
es wieder ausgegeben und nicht gehortet wird. Es ist allerdings ein Nullsummenspiel,
wenn kein Kaufkraftimport stattfindet. Der Effekt einer konkreten Veranstaltung
ist die spezifische Akzentuierung und Sortierung der Marktwirkungen, die
auf die Dauer zu einer orts- oder regionalspezifischen Profilierung der
Wirtschaftsstruktur führen, z. B. die charakteristische Dienstleistungsstruktur
in einem Fremdenverkehrsgebiet. Multiplikatoreffekte haben folglich auf
die Dauer auch strukturelle Wirkungen. Das vor über achtzig Jahren
eingeführte Projekt „Salzburger Festspiele" hat in der Stadt und ihrer
Umgebung eine prägende Wirkung auf die Wirtschafts-, insbesondere
die Dienstleistungsstruktur ausgeübt. Entfiele dieses Projekt, wären
dramatische Einbrüche in die lokale Wirtschaftstruktur und die Beschäftigungslage
unvermeidlich. Die aktuelle Wirtschaftsstrukturist ein Reflex auf die Akzente
der nachhaltigen – in diesem Fall kulturellen – Aktivitäten. Die öffentlichen
Subventionen sind Wirtschaftsförderung und -gestaltung par excellence
in konjunktureller und struktureller Hinsicht. Das gilt natürlich
nicht nur für Kulturförderung, sondern analog für Sport,
Bildung, Forschung, Tourismus usw.
Aus den
marktvermittelten Wirkungen von Ausgaben in einem Sektor ergeben sich weiterhin
auch steuerliche Mehreinnahmen, vor allem aus der Mehrwert- und der Gewerbesteuer
sowie – über den Umweg der Stabilisierung und Verbesserung der Beschäftigungslage
– auch aus der Einkommens- und der Ertragssteuer. Diese auch Umwegrentabilität
genannten wirtschaftlichen Umfeld- und Fernwirkungen von Kaufkraftimporten
erfordern, wenn sie in einem konkreten Fall genau ermittelt werden sollen,
relativ aufwendige Modellrechnungen. Deren Kosten lohnen sich für
einen Einzelfall kaum, zumal sich die Verhältnisse schnell ändern
können. Schätzungen dagegen sind zwar nicht besonders präzise,
bieten aber oft hinreichende Entscheidungsgrundlagen, wenn die Größenordnungen
auf die realen Verhältnisse vor Ort ausreichend Bezug nehmen. Modellrechnungen
täuschen manchmal Präzision vor, wo die Unschärfe der Wirklichkeit
eigentlich nur offene Wahrnehmungen und annäherungsweise Reaktionen
zulässt.
Die touristische
Schiene der Erlangung von Kaufkraftzuwanderung hat ihre Tücken und
Probleme, da sie nämlich nicht nur Effekte der Umwegrentabilität
fördert und damit steuerliche Rückflüsse in die Gemeindekassen
erwarten lässt, sondern auch Aufwand und Folgemaßnahmen verursacht,
vornehmlich solche der kommunalen Infrastruktur. Ob sich ein touristisches
Entwicklungsprojekt aus kommunaler Sicht am Ende tatsächlich „rechnet",
ist eine kaum definitiv zu beantwortende Frage. Die Unplanbarkeit von Erfolg
(nicht nur auf diesem Gebiet) macht deutlich, dass ein langfristig angelegtes
Projekt nur leitplankenförmig gesteuert werden kann und dass sich
bei der Wirkungsschätzung einer musikalischen Veranstaltung, die auf
kultur touristische Wirkungen zielt, die entscheidende Frage stellt, ob
sie zu den Kernattraktivitäten des lokalen Tourismus gehört oder
nur ein Stein in der Krone ist. Mit anderen Worten: Nutzt die Veranstaltung
die ohnehin vorhandene touristische Infrastruktur nur mit oder ist sie
deren eigentlicher Auslöser?
Aus diesen
vielleicht etwas verwirrend wirkenden Vernetzungsüberlegungen ergibt
sich ein weiterer pragmatischer Grundsatz, der zur prinzipiellen Vorsicht
rät, sich nicht auf Berechnungen (deren mathematische Exaktheit leicht
täuschen kann) zu verlassen. Die verwickelten Wirkungsvernetzungen
sind meist mathematisch gar nicht abbildbar, und ein Impuls hat sich schon
wieder verändert, kaum dass seine Effekte berechnet wurden. Viele
„Modellbauer" beschränken sich dann lieber auf die erfassbaren Ausschnitte
der Wirklichkeit, als dass sie die Unwägbarkeiten zuließen und
– zumindest als Interpretationsplattform – das ganzheitliche Erfassen der
räumlichen und kategorialen Vernetzungen zur Grundlage machen und
eine pragmatische Politik der kontrollierten Wagnisse praktizieren.
Das methodische
Problem ist grundsätzlicher Natur und tritt in der Praxis vor allem
dort verstärkt auf, wo menschliche Handlungszusammenhänge tangiert
werden. Für praktisches Handeln ergeben sich häufig Risiken,
wenn man versucht, eine Sache aus ihrem realen Umfeld losgelöst zu
bearbeiten und womöglich für sich zu optimieren (eine Methode,
die in der Ökonomie üblich ist und fatale Folgen in der Wirklichkeit
haben kann). Daraus lässt sich ein weiteres pragmatisches Postulat
ableiten:
Es gibt keine isolierten Ereignisse; jedes Ding hat seinen realen Kontext und dieser ist für Entscheidungen oft ausschlaggebender als die Sache selbst.
Dieser Grundsatz hat universelle
Bedeutung. Er beschränkt sich nicht auf die Bewertung der wirtschaftlichen
Effekte, sondern muss auch bei der inhaltlichen Konzipierung eines Projektes
beachtet werden. Die Attraktivität musikalischer Veranstaltungen ergibt
sich aus einem Kranz manchmal gegenläufig wirkender Komponenten. Um
nur einige dieser Komponenten zu nennen: das Programm, der oder die Interpreten,
das Ambiente der Spielstätte, das übrige kulturelle Umfeld, die
jahreszeitliche Lage, die regionalen Besonderheiten, das politische Klima.
Die kulturtouristische
Wirksamkeit eines musikalischen Projektes, z. B. eines Festivals, hängt
häufig weniger vom musikalischen Programm als von den äußeren
Umständen eines (exklusiven, extra vaganten, einmaligen, unnachahmlichen,
sinnlich-provokativen, erinnerungsträchtigen usw.) Ambientes ab. Dieses
zu gestalten, steht nicht selten im Vordergrund. Das Ambiente wirkt in
der Wahrnehmung inhaltlich mit, vergleichbar mit der Kulisse eines Theaterstückes.
Eine
Stadt, die sich eine kulturtouristische Wirkung durch ein musikalisches
(Dauer-) Projekt ausrechnet, muss in wenigstens einigen dieser Komponenten
eine die regionale, besser noch die überregionale Szene überragende
Besonderheit bieten können. Gute Klassik – klassische Musik ist einer
der bedeutendsten Programminhalte von Festspielen und Festivals – wird
fast überall geboten. Es gibt kaum noch klassische Musikliteratur,
die nicht mehrfach auf Tonträgern verfügbar ist und mit denen
man sich bequem ein privates „Heimkonzert"arrangieren kann. Bedeutende
Orchester, Solisten und Dirigenten sind mit ihren eigenen Ausdrucksformen
und Interpretationen an jeden beliebigen Ort „heimholbar".
Diese
Entwicklung zu einem in sich gekehrten Individualismus des heimischen Kunstgenusses,
besonders in der Musik2
, wirkt den Bemühungen um leibhaftige (Live-) Musik, die zudem noch
mit Reisen verbunden ist, tendenziell entgegen. Wer ein solches Projekt
heute noch ins Leben rufen oder ein bestehendes am Leben erhalten will,
hat es mit ganz anderen Widerständen zu tun als noch vor vielleicht
zwanzig oder dreißig Jahren. Die scheinbare Bequemlichkeit eines
Heimkonzertes vom Tonträger fällt um so weniger auf, je weniger
Live-Erfahrung aus eigener musikalischer (Amateur-) Praxis und Konzerterlebnissen
an der Persönlichkeitsbildung beteiligt gewesen sind. Versäumnisse
in der Bildungsarbeit haben einen sehr langen Zeitverzug.
Die universelle
Erkenntnis, dass das Ambiente die Wahrnehmung einer Sache beeinflusst,
und zwar sowohl das physische als auch das soziale und geistige Ambiente,
unterstreicht, dass ein Live-Konzert ein- und dasselbe Stück anders
erleben lässt als ein Konzert vor dem Lautsprecher oder unter dem
Kopfhörer. Hieran wird noch einmal klar, welche fundamentale Bedeutung
musikalische Bildung besitzt und welchen Beitrag die Bildungspolitik zu
einem vitalen Musikleben leisten kann.
Die Pragmatik
professionellen Kulturmanagements im Dienste3
eines musikalischen Projektes muss von der Erkenntnis und praktischen Erfahrung
ausgehen, dass Musik eine bedeutende Ebene der kulturformenden Kommunikation
darstellt und dass es in einem konkreten Projekt darum gehen muss, (profan
gesagt) die Kommunikationskanäle einzurichten oder herzurichten, d.
h. die Verbindungen zum Publikum im Vorfeld einer Veranstaltung oder im
weiten, öffentlichen Umfeld einer dauerhaften Institution zu gestalten.
Es handelt sich keineswegs bloß um Marketing im herkömm lichen,
betriebswirtschaftlichen Sinne des Bekanntmachens einer Ware, auch nicht
um traditionelle Öffentlichkeitsarbeit durch Pressemitteilungen und
Ähnliches. Das sind zwar wichtige Instrumente, aber der entscheidende
Aspekt ist die soziale Konstruktion einer dem Projekt oder der Institution
zugewandten, auf Dauer (also auf Wiederholung) angelegten Szene durch Kommunikation.
Kommunikation
ist auch der Kern wirtschaftender Tätigkeiten und diese sind per se
kulturell bestimmt, schon durch die darin benutzten, für die Öffentlichkeit
verständlichen Ton-, Bild- und Wortsprachen. Wirtschaft funktioniert
nicht ohne Kommunikation. Sie benutzt allerdings meist nur die Zeichen
und die ästhetischen Wirkungen dieser Sprachen; ihre Semantik ist
jedoch auf die Geldebene bezogen. Welche dieser Sprachen im Einzelfall
zweckmäßig ist und mit welchen Inhalten (Botschaften) und Intentionen
dies geschehen soll, ist nicht ganz ins Belieben gestellt, sondern bedarf
einer nachvollziehbaren Rückbindung zu den künstlerischen Inhalten.
Die gesellschaftliche
Bedeutung der Musik liegt indessen ganz woanders als im Bereich der Wirtschaft,
obwohl diese ein notwendiges Fundament stellt. Die Wirkung von Musik auf
Menschen ist ambivalent. Sie kann besänftigen oder aufregen, sie kann
erheben oder banalisieren, sie kann friedenstiftend wirken oder zur Revolte
mobilisieren. Selbst Hass und Kriegsgeschrei kann sie transferieren. Die
Wirtschaft kann alle diese emotionalen und ästhetischen Facetten nutzen,
wenn sie es darauf anlegt. Diese Nutzungen kontrastieren oft mit dem Bildungsanspruch
musikalischer Praxis, welchem die Formung der Persönlichkeit vorschwebt.
Musik,
zumindest bestimmte Formen von Musik, kann vielleicht noch etwas Weiterreichendes
leisten. Der türkische Schriftsteller Yas¸ar Kemal hat einmal
angemerkt, dass die wahre Veränderung der Welt zum Besseren nur möglich
sein wird, wenn die Menschen lernen zuzuhören. Das wird man sicher
so verstehen können, dass die auf merksame Wahrnehmung von Feinheiten
und Zwischentönen in kulturellen Dialogen eben die Kunst des Zuhörens
voraussetzt. Wo kann man das Zuhören besser lernen als in der Musik?
Prof. Dr. Peter Bendixen ist Ökonom und Kulturwissenschaftler und Vorstandsmitglied des Rudolf-Arnheim-Instituts für Kunst, Musik und Kulturökonomie in Hamburg.
2 Vgl. Peter Bendixen, Musik und Kommerz – Was bleibt übrig von der Klassik? in: P. Bendixen/ U. H. Laaser (Hrsg.), Geld und Kunst – Wer braucht wen? Opladen 2000, S. 81– 106. Vgl. in weiterer Perspektive auch P. Bendixen, Musikkultur und das Kulturverständnis der Ökonomie, in: Kultur, Bildung, Politik – Festschrift für Hermann Rauhe zum 70. Geburtstag. Hrsg. v. Hanns-Werner Heister und Wolfgang Hochstein, Hamburg 2000, S. 337– 357.
3 Der dienende Charakter des Kulturmanagements kann gar nicht deutlich genug unterstrichen werden. Ausführ-liches dazu in: P. Bendixen, Einführung in die Kultur- und Kunstökonomie. 2. Aufl. Wiesbaden 2001, sowie ders.: Einführung in das Kultur-und Kunstmanagement, Wiesbaden 2001.