STEFANIE SCHWARZE
EIN VERLAG ZWISCHEN TRADITION UND ZUKUNFT

Der Musikverlag Friedrich Hofmeister, einer der ältesten Musikverlage der Welt, wurde 1807 von dem gleichnamigen Friedrich Hofmeister in Leipig gegründet. Angegliedert wurden bereits im gleichen Jahr ein Buchverlag sowie ein Leihinstitut für Musikalien.
    Gleichzeitig gründet Hofmeister eine Kommissionsabteilung, durch die er im Laufe der Zeit bedeutende Verlage des In- und Auslandes, wie Hug & Co (Zürich), Ricordi (Mailand), August Cranz (Hamburg) in Leipzig vertritt. Einige Zeit später folgt der Handel mit Musikerporträts und mit Klavieren eigener Fabrikation an. Dies war der Anfang des Friedrich Hofmeister Musikverlages, der sich bis heute im Besitz der Familie des Gründers befindet.
    Im Februar 1852 überträgt Friedrich Hofmeister den Verlag seinen Söhnen Adolph Moritz (1802– 1870) und Wilhelm Friedrich Benedict (1824– 1877). Vor allem Adolph Hofmeister führt in der Zukunft den Verlag weiter, während sich Wilhelm zunehmend den Naturwissenschaften widmet, 1863 Leipzig verlässt, um eine Professur in Heidelberg und ab 1872 in Tübingen anzunehmen und zu einem der führenden Naturwissenschaftler seiner Zeit wird. Die Hofmeister-Straße, in der Nähe des Leipziger Hauptbahnhofes ist nach ihm benannt. Über die Nachkommen Wilhelm Hofmeisters vererbt sich das Geschäft an den Urenkel des Gründers, an Carl Wilhelm Günther (1878– 1956) weiter. Angeklagt wegen Steuerhinterziehung kann er noch rechtzeitig fliehen, wird 1952 widerrechtlich durch die SED-Regierung enteignet, in Abwesenheit zu Zuchthaus verurteilt und sein gesamter Besitz, beschlagnahmt. Mit über 70 Jahren beginnt er in Frankfurt mit dem Wiederaufbau des Verlages. Gleichzeitig besteht die Firma in Leipzig als VEB Friedrich Hofmeister (Volkseigener Betrieb). 1964 – nach dem Tode der Witwe, Eva Günther – geht der Verlag in Erbfolge an den Neffen Karl Heinz Schwarze über.
    1992 erfolgt nach Schwierigkeiten mit der Treuhand die Restitution des ehemaligen VEB-Verlages und auch des Gebäudes an Karl Heinz Schwarze. Der Verbleib des Buch- und Kunstbuchverlages Schmidt & Günther mit den entsprechenden Vermögenswerten, ebenfalls 1952 enteignet, ist formal nicht mehr nachvollziehbar und bleibt verschwunden.
    Nach der kompletten Sanierung des völlig heruntergewirtschafteten Hauses wird im Juni 1996 die endgültige Rückkehr des Verlages an seinen Gründungsort Leipzig vollzogen. Er ist damit der einzige Verlag, der nach der Wende wieder vollständig an seinen Gründungsort residiert. Friedrich Hofmeister war eine außerordentlich vielseitige Persönlichkeit, die sich auch nachdrücklich für allgemeine Belange der Verleger und Musikalienhändler einsetzte. Er war ein energischer Verfechter des Urheberschutzes. Auf sein Betreiben hin wurde im Jahr 1829 die Conventional Acte zum Schutz gegen unerlaubten Nachdruck von allen führenden Musikverlegern der Zeit unterzeichnet und gleichzeitig der Verein der Musikverleger gegen musikalischen Nachdruck gegründet, aus dem später der Deutsche Musikverleger Verband (DMV) hervorgeht. Fast drei Jahrzehnte war Friedrich Hofmeister General-Sekretär des Vereins. Auch ist es seinem Bemühen zu verdanken, dass die Musikverleger dem 1825 gegründeten Börsenverein im Jahre 1834 endlich gleichberechtigt beitreten konnten.
    Untrennbar verbunden ist der Name Hofmeister auch mit der Herausbildung des deutschen Biblio graphiewesens, und das zu einer Zeit, in der es weder eine Pflichtabgabeverordnung für Neuerscheinungen noch ein Kommunikationssystem gab. Seit 1819 druckte er zunächst einige Nachträge zu dem von Carl Friedrich Whistling herausgegebenen Handbuch der musikalischen Literatur, und – anknüpfend daran – publizierte er seit 1829 die Musikalisch-Literarischen Monatsberichte sowie deren Zusammenfassungen, die Jahresverzeichnisse der Musikalien und Musikschriften, die noch bis 1990 erschienen (ab 1943 in Partnerschaft mit der Deutschen Bücherei, Leipzig).
    Die Persönlichkeit Hofmeisters bliebe unvollständig gewürdigt, wollte man nicht auch seiner besonderen menschlichen Qualitäten gedenken: zu vielen Komponisten baute er über die geschäftlichen Kontakte hinaus Freundschaften auf, die jahrelang währten. Vielen damaligen Zeitgenossen gab er die Möglichkeit einer Erstveröffentlichung ihrer Frühwerke. Bereits in den frühen Verlagsverzeichnissen waren alle wichtigen Komponisten der Zeit vertreten. Neben vielen Aktivitäten im Wohltätigkeitsbereich legte Hofmeister einen Botanischen Garten in Reudnitz an, den er später auch der Öffentlichkeit zugänglich machte.
    Von Anfang an war ein Schwerpunkt des Verlages, neben Werken der Haus- und Kammermusik auch spezielle Ausgaben für den Unterricht zu veröffentlichen. Das Interesse des Verlages galt von Anfang an dem Publikum für die Liebhabermusik sowie Beginn der regulären Ausbildung an Schulen und Konservatorien. Auf diesem Gebiet hat er viel Grundlegendes geschaffen. Zahlreiche Schul- und Studienwerke für verschiedene Instrumente – viele davon aus der frühesten Zeit des Verlages – belegen dies. Einige Schulen sowie zahlreiche Etüdenwerke aus dem 19. Jahrhundert gehören heute noch immer zur Standardliteratur für die Instrumentalausbildung.
    Es spricht für den Weitblick des Gründungs- Verlegers, dass sich am Profil des Programmes nie Grundsätzliches geändert hat. Das Repertoire wurde bereichert, wobei natürlich die jeweiligen Zeitströmungen Art und Auswahl der Ausgaben prägten und man stets versuchte, neue Ideen zu verwirklichen. Eine der erfolgreichsten Ausgaben des Verlages war die heute noch bekannte Liedersammlung Der Zupfgeigenhans. Allein 1920 wurde er in einer Auflage von 120.000 Exemplaren gedruckt.
    Die Verlagspolitik zu DDR-Zeiten führte dazu, dass das Titelangebot bei Hofmeister reduziert wurde, Titel nicht mehr aufgelegt oder aus Gründen des Exports an den Deutschen Verlag für Musik weitergegeben wurden – das Resultat unterschiedlicher Rechtsauffassungen zwischen West und Ost. Die so herbeigeführte Ausdünnung des Programms hat selbstverständlich dem Ruf des Verlag geschadet, Komponisten sind weggegangen oder hatten vor der Wende kein Interesse im VEB Hofmeister zu veröffentlichen.
    Nach der Wende war daher einer der ersten Schritte, dem Verlag wieder das Profil zu geben, dass ihn zuvor ausgezeichnet hatte. Bereits vor der offiziellen Rückübertragung wurde der VEB-Katalog gesichtet und es wurde begonnen, dem Verlag durch spezielle Instrumtenten-Schwerpunkte wieder ein Profil zu geben. Vorhandene Schulen wurden überarbeitet und dem aktuellen Standard angepasst. Neue Schulen wurden projektiert, da der Schwerpunkt Unterrichtsliteratur auch weiterhin maßgebend bleiben soll.
    Zudem besitzt der Verlag ein fast vollständiges Archiv seit dem Gründungsjahr 1807, mit wertvollen Originalen und Stichen, auf das er zurückgreifen kann. Zu Unrecht vergessene Komponisten des 19. Jahrhundert werden neu überarbeitet der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.
    Heute umfasst das Verlagsprogramm Ausgaben für nahezu alle Orchesterinstrumente, für Blockflöte, Klavier, Orgel, Mandoline und Akkordeon, sowie ein umfangreiches Angebot an Chorliteratur. Das jetzt aktuelle Verlagsprogramm ist jederzeit einsehbar unter: www.hofmeister-musikverlag.com
    Einen besonderen Schwerpunkt bilden die Orchesterstudien für alle Instrumente, die seit vielen Jahrzehnten als Hofmeister Orchesterstudien in der Musikwelt bekannt sind. Während der VEB-Zeit wurde mit dieser Tradition gebrochen, doch seit der Wende werden die entstandenen Lücken geschlossen. Vor einiger Zeit wurde ein neues ehrgeiziges Projekt auf diesem Gebiet ins Leben gerufen: Eine chronologisch geordnete Sammlung von Orchesterstudien aus Werken der Weltliteratur von Bach bis zur Gegenwart für das Fagott: In Umfang und Konzeption einzigartig.
    Der Hofmeister-Verlag zeichnet sich durch Offenheit und Flexibilität gegenüber Neuem aus. Der traditionsreiche Verlag besitzt ein junges Team. So wird eine fast 200jährige Tradition gepaart mit jungen Ideen. Die jüngsten Initiativen des Verlages sind daher nicht nur geprägt vom Ausbau des vorhandenen Programmes, sondern auch vom Enga gement für zeitgenössische Komponisten. Zeitgenossen mit gemäßigt-modernen Kompositionen finden zunehmend Aufnahme in den Verlag. Nach Möglichkeit werden eingesandte Manuskripte auch gern im Verlag durchgespielt.
    Neben der traditionellen Rolle des Verlages bildet sich zunehmend auch eine weitere Funktion für den Musikverlag heraus. Das Produzieren des Notenmaterials durch den Verlag allein kann den Komponisten auf lange Sicht nicht mehr genügen. Dafür brauchen sie künftig keine Verlage mehr. Die Entwicklung im Computernotensatz, d. h. das Entwickeln von Software, die für jeden erschwinglich und auch beherrschbar ist, kann den Verlagen auf lange Sicht ihre originäre Tätigkeit beschneiden.
    Deshalb will der Verlag gemeinsam mit den Komponisten eine Öffentlichkeit schaffen, die sich jenseits der Printmedien befindet. Gemeint sind die Intensivierung des eigentlichen Kerngeschäfts der Verlage, das Akquirieren von Aufführungsmöglichkeiten, das Knüpfen von Beziehungen im Kulturbereich und natürlich vor allem das intensive Bewerben der neuen Werke, die der Komponist in der Form nicht realiseren kann.
    Als entscheidender Vorteil gegenüber den größeren Verlagshäusern erweist sich hier einmal mehr, dass der kleiner dimensionierte Privatverlag schneller und flexibler auf solche funktionalen Verschiebungen reagieren kann. So wurden verschiedene Projekte entwickelt, um sich den veränderten Ansprüchen der Autoren (Komponisten, Bearbeiter und Herausgeber) an ihren Verlag zu stellen. Der Rahmen bewegt sich entsprechend des Verlages zwischen Klassik und Moderne

Ein Projekt für die nahe Zukunft heißt CD-Label und damit die Erweiterung der Verlagsaktivitäten. Das Label soll dazu dienen, nicht nur den Komponisten, sondern auch den jungen Musikern die Möglichkeit zu geben, sich kommerziell und öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Für den Verlag ist es eine Plattform, die Tradition in die Zukunft zu überführen.

Stefanie Schwarze ist seit 1996 Geschäftsführerin des Musikverlages Friedrich Hofmeister. Im März 2002 hat sie den Verlag verantwortlich übernommen.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001