Konzert- und Künstleragenturen
bilden den wesentlichen Motor einer nicht greifbaren Kunstlandschaft mit
ständig wechselnden Präferenzen und einer eigenen, nicht vorausschaubaren
Dynamik. Entwickelt hat sich das Agenturwesen in Deutschland, um den bürgerlichen
Gesellschaftsschichten ein Konzertwesen zu ermöglichen, das zunächst
ja nur dem höfischen Leben vorbehalten war. Es ist gleichermaßen
Ausdruck eines selbst verwalteten (d. h. ohne staatliche Hilfe, aber auch
ohne staatliche Eingriffe) Kulturbedarfs einer kunstliebenden Bildungsbürgerschicht
wie zur selben Zeit der Qualitätsgarant für eben diese kulturelle
Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens.
Oftmals
gingen Konzertdirektionen aus Musikalienhandlungen hervor, die über
lange Zeit ein ebenso naheliegender wie gängiger Umschlagplatz für
alle erdenklichen "Angebote" und "Gesuche" innerhalb eines regen Musiklebens
waren. Von Anfang an mussten diese privaten Konzertanbieter sowohl zu wirtschaften
wissen, als auch ein Gespür für die Bedürfnisse und Wünsche
des Publikums haben - nicht zu unterschätzen ist natürlich die
Notwendigkeit einer ausgeprägten Musik- und Menschenkenntnis, die
für den sensiblen Umgang mit Künstlern erforderlich ist.
Die Arbeit
der Musikagenturen fußt im Wesentlichen auf zwei Säulen: der
Durchführung von Konzerten vor Ort (Publikum) sowie der Vermittlung
von Musikern allerorts. Auf diese Weise wurde erreicht, dass zum einen
das Publikum an einem Ort in Kontakt kam mit den unterschiedlichsten Musiziertraditionen,
Interpretationen usw. und die Musiker ihrerseits sich vor unterschiedlich
geprägten Hörerwartungen präsentieren konnten. Ihre Aufgabe
ist es, den (irrationalen) Geschmack eines nicht einschätzbaren Publikums
zu bedienen - und das unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Daneben müssen
Künstlerpersönlichkeiten entdeckt und aufgebaut werden.
Momentan
sind die Zeiten für die Kultur alles andere als rosig. Zum einen erzwingen
die leeren Staatskassen rigide Einschnitte bei allen Subventionierungen
von öffentlicher Hand. Hierbei ist leider wieder einmal die Kultur
in einem unverantwortlich hohem Ausmaß betroffen. Zum anderen spüren
wir schmerzlich die Folgen des Wegbrechens einer fundierten kulturellen
Bildung als eines selbstverständlichen Teils unseres gesellschaft
lichen Lebens. Weder in den Rahmenplänen der Schule noch in unserem
täglichen Leben nimmt die klassische Musikausbildung einen nennenswerten
Platz ein. "Häppchen-Klassik" und "Easy-Listen ing" sind die propagierten
Tendenzen der Gegenwart. Sie vermitteln den Eindruck, dass unsere Musiktradition
weiterhin besteht. Von daher "fehlt" auch eingefleischten Musikliebhabern
scheinbar gar nichts. Es ist nur nicht die Musik des klassischen Konzertbetriebes.
Zusätzlich verursacht dieses Phänomen, dass immer häufiger
und immer selbstverständlicher die Aufmerksamkeit für die Musik
auf außermusikalische Themen gelenkt wird.
Eines
dieser Phänomene sind die "Wunderkinder". Zwar hat es zu allen Zeiten
"Früh-Vollendete" gegeben, doch zeichnete sich nach dem Phänomen
"Anne-Sophie Mutter" eine neue Tendenz ab: An die Stelle der genialen Musikalität
trat bei vielen die technische Perfektion, bisweilen sogar ohne Grundkenntnisse
des musikalischen Kontextes sind sie
nicht mehr als gedrillte perfektionierte
Musikmaschinen. Mitunter wird heutzutage sogar versucht, durch geschickte
Vermarktung - z. B. durch das Sensationssiegel "Jugend" - mangelnde künstlerische
Präsenz und Aussagekraft zu überlagern; eine doppelte Mogelpackung:
wird doch dem Publikum "mindere (da noch nicht künstlerisch ausgereifte)
War e" angeboten und dem Solisten eine nicht oder noch nicht vorhandene
Kompetenz vorgegaukelt. Für diesen Musikernachwuchs hat das in vielen
Fällen zur Folge, dass auch großes Talent sich nicht entwickeln
kann, sondern durch gnadenlose Vermarktung früh zu Geld gemacht wird
- solange der junge Solist gefragt ist. An dieser Stelle sind auch die
Konzertdirektionen gefragt, zu deren Aufgaben es ebenfalls gehört,
zum Wohle der Entwicklungsmöglichkeiten eines jungen Talents den Ehrgeiz
der jungen Musiker (allzu oft aber auch besonders den ihrer Eltern) zu
bremsen und auf die Gefahren des Verheiztwerdens aufmerksam zu machen.
Das klassische Beispiel für die gelungene Karriere eines Wunderkindes
ist die von Lord Yehudi Menuhin, der als Dreizehnjähriger durch die
Welt tourte, das Publikum zu unglaublichen Begeisterungsstürmen bewegte;
Albert Einstein wird nachgesagt, er habe sich nach dem Hören von Menuhins
Spiel geäußert, nun wisse er, dass es einen Gott gibt. Dennoch
bekam der junge Geiger die Freiräume, seine Musikalität und seine
Persönlichkeit so zu entwickeln, dass er schließlich weit über
das Musizieren hinaus durch seine Menschlichkeit, nicht zuletzt durch seinen
Unterricht bei Adolf Busch und sein Engagement zu einer der bedeutendsten
Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts werden konnte.
Auf der anderen Seite besteht für viele hervorragende Nachwuchskünstler
das Probleme, dass sie es unverdientermaßen schwer haben, sich ein
Publikum zu erobern, wenn sie nicht durch irgendetwas zunächst spektakulär
auf sich aufmerksam machen. Hilfreich ist in dieser Hinsicht der Einsatz
älterer Musikerkollegen, besonders natürlich von Dirigenten.
Hier erweist sich immer wieder das Vertrauensverhältnis zwischen dem
gestandenen Künstler und seinem Agenten von großer Bedeutung.
Natürlich muss ein großer Dirigent davon ausgehen können,
dass ihm nur wirklich hoffnungsvolle Nachwuchstalente vorgeschlagen werden.
Dann allerdings kann ein Zusammenführen von zwei Künstlern eine
so großartige Karriere wie die des Geigers Frank Peter Zimmermann
in Gang setzen. Als Lorin Maazel von dem damals noch unbekannten jungen
Geiger hörte, fragte er bei der Konzertdirektion Adler nach, ob dort
ein Walkman und eine Kassette mit einer Aufnahme von Zimmermann vorlägen;
man möge ihm beides am nächsten Tag auf dem Weg zum Flughafen
zur Verfügung stellen, damit er sich den jungen Künstler anhören
könne. Ein kurzes Anhören genügte, um Maazel davon zu überzeugen,
dass hier ein großes Talent vorlag, für das sich einzusetzen
es sich lohnen würde. Nur eins von vielen Beispielen, wie eine gesunde
Kulturszene zu ihrem Fortbestehen beiträgt.
Ein weiterer
Bestandteil ist natürlich das Publikum, das weit über das "Konsumieren"
hinaus auch eine aktive Rolle bei der Gestaltung des kulturellen Lebens
spielt. Das Publikum hat einen Anspruch auf Musikveranstaltungen von höchster
Qualität und es fordert diese auch ein. Dennoch ist seit einiger Zeit
eine Veränderung in der Struktur des Publikums zu bemerken. Das traditionelle
Abonnentenpublikum wandelt sich nach und nach. Viele Musikliebhaber möchten
zwar weiterhin Konzerte besuchen, sich aber nicht mehr am Anfang einer
Konzertsaison für das folgende Jahr festlegen. Der Konzertbetrieb
ist gut beraten, sich dieser Entwicklung anzupassen, z. B. mit einem flexibleren
Abonnementsangebot.
Es ist
wichtig, der "Event"-Kultur etwas entgegenzusetzen, da sie das zahlende
Publikum abzieht, oftmals ohne dafür eine wirkliche Gegenleistung
zu erbringen. Der große Name allein ist kein Garant für gute
Konzerte. Oft genug wird ja nicht einmal der große Name geboten,
sondern nur ein klischeehaftes Motto. Gute Konzerte aber braucht man, um
ein Gespür für das Wesen der Musik vermitteln zu können.
Dass ein Kulturbedarf besteht (auch an Hochkultur), wird nicht bezweifelt
und ist jüngst durch eine Studie des DIW erneut belegt. Darin wird
sogar festgehalten, dass der Kulturbedarf in Berlin höher ist als
in jeder anderen deutschen Großstadt. Es ist nur hier - wie in allen
anderen Bereichen - eine sich wechselseitig beeinflussende Beziehung zwischen
Angebot und Nachfrage zu bemerken. Gerade in Berlin ist das Angebot, rein
quantitativ, sehr hoch - zu hoch in vielen Fällen, in denen der Musikliebhaber
erst durch die Kritik erfährt, dass er ein Konzert, das er gerne besucht
hätte, verpasst hat. Diese Situation hat sich noch einmal verschärft
durch das Eindringen von Kulturmanagern in das Gebiet der freien Konzertveranstalter.
War bislang die von öffent licher Seite vorgegebene Aufgabe an die
Kultur manager vornehmlich die eminent wichtige Orchesterpflege, so streben
viele Orchester (über ihre Verwaltungen) an, selber zu Veranstaltern
zu werden. Allenthalben wird über Out-Sourcing gespart, nur im Kulturbereich
mit seinen ohnehin schon leeren Kassen wird den Kulturinstitutionen mit
ihren schwerfälligen, kostspieligen Verwaltungsapparaten neben einer
teuren Umwandlung zu Konzertveranstaltern auch noch zugemutet, diese Aufgabe
künftig rentabel durchzuziehen. Es kann nicht sein, dass der Staat
sich aus der Verantwortung der Orchesterpflege stiehlt, die er den Kulturinstitutionen
übertragen hat, nur um die Subventionen zu sparen und die Institutionen
sich an den freien Veranstaltern über horrende Mieten zu sanieren
versuchen.
Das unüberschaubare
Angebot birgt nicht nur für den Konzertbesucher Schwierigkeiten, sich
in der Masse zu orientieren. Auch die Konzertbetreiber geraten in Bedrängnis.
Um sich von der Masse abzusetzen, werden scheinbare Schwerpunkte in der
Programmgestaltung und Durchführung des Konzertbetriebs gesetzt, deren
Erfindung immer wieder ein anderer für sich beansprucht und die doch
selten mehr sind, als neues Wasser auf alte Mühlen zu schütten:
Derzeit ist es z. B. modisch, sich die Jugendarbeit auf die Fahnen zu schreiben.
Töricht ist es zu glauben, dass damit automatisch das "Publikum von
morgen" gesichert ist. Eine musikalische Ausbildung ist von Familien und
Schulen kaum noch zu erwarten. Und es wird immer schwieriger werden, jungen
Leuten - deren Eltern und Lehrer häufig ja auch nicht ins Konzert
gehen - die Notwendigkeit eines Konzertbesuches klar und schmackhaft zu
machen. Billige Karten für Schüler und Studenten müssen
dabei eine Selbstverständlichkeit sein, sind aber weder d i e Lösung
noch ein neuer Ansatz. Gerade in Berlin zeigt der engagierte Jugendkulturservice,
dass er über ein hervorragendes Netz verfügt, von dem Schüler
und Berufsschüler profitieren können. Teilweise stößt
das Angebot aber auf entmutigend wenig Interesse, oder es wird starker
Missbrauch mit den Karten betrieben, indem sie gar nicht die Schüler
erreichen und die Konzerte letzten Endes von Lehrern besucht werden.
Neue
Modelle der Zusammenarbeit müssen gefunden werden. Dabei muss auch
die Signalwirkung Berlins für die ganze Republik in Betracht gezogen
werden. Es sollte im Interesse aller Beteiligten gemeinsam das Bewusstsein
gefördert werden, wie wichtig es ist, sich für den Erhalt der
Musik einzusetzen. Es geht ja schließlich nicht nur den Konzertbetreibern
das Publikum verloren. Auch dem Publikum geht ein Teil seiner Kulturtradition
verloren. Wünschenswert wäre es, wenn ein Geflecht von Organisatoren,
freien Veranstaltern und Solisten entstehen würde.
Witiko Adler ist Inhaber der Konzertdirektion Hans Adler Berlin und der Westdeutschen Konzertdirektion Köln.