BARBARA HÜPPE
KAUFHAUS ALS KULTURKAUFHAUS

Dass Künstler vom Verkauf ihrer Kunst leben, ist selbstverständlich. Dass Kultur stark von finanziellen Mitteln abhängig ist, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Diskussion in der Bundeshauptstadt. Ein Kaufhaus KulturKaufhaus zu nennen, wirkt auf viele Menschen dennoch befremdlich - zumindest auf den ersten Blick. Immer wieder wird der Unternehmer Peter Dussmann deshalb auf die Frage angesprochen, ob im Wort KulturKaufhaus nicht ein Widerspruch liege. Seine Antwort: Kunst und Kultur seien schon immer "käuflich" gewesen und vieles, von dem wir heute als Kulturerbe sprechen, sei als bezahlte Auftragsarbeit entstanden. Der Name seines Berliner Medienkaufhauses sei also ehrlich, denn es biete Kulturgüter zum Kauf an.
    Dussmann das KulturKaufhaus - nicht nur der Name des Geschäfts ist ungewöhnlich, auch die Idee, die sich hinter dem Namen verbirgt. Im Oktober 1997 wurde das Medienkaufhaus an der Berliner Friedrichstraße eröffnet. Schon im zweiten Jahr seines Bestehens schrieb es schwarze Zahlen. Das KulturKaufhaus ist damit einer der wenigen Gewinner im Berliner Einzelhandel. Auch im bundes weiten Branchenvergleich ist Dussmann das KulturKaufhaus erfolgreich: Während Buch- und Musikmarkt stagnierende oder sinkende Umsätze melden, wuchs der Umsatz des KulturKaufhauses auch im vierten Geschäftjahr zweistellig.

Die Idee eines Medienkaufhauses

Als die Dussmann-Gruppe, ein weltweit tätiges Dienstleistungsunternehmen, seine neue Hauptverwaltung an der Berliner Friedrichstraße bezog, fanden sich für die Ladenflächen in den unteren Etagen keine Mieter. Mit dem Leerstand wollte man sich aber nicht abfinden. Die einfache Idee lag daher nahe: Das Know-how des Dienstleistungsunternehmens wurde auf den Handel übertragen, der Kunde in den Mittelpunkt der Konzeption gestellt. So entstand das auf die Bedürfnisse der Hauptstadtkunden zugeschnittene Medienkaufhaus.

Alle Medien unter einem Dach

Alle Medien unter einem Dach anzubieten, das ist ein wichtiger Teil des Konzeptes. Neben 180.000 Buchtiteln aller Genres und 10.000 Hörbüchern sind im CD-Klassik- und CD-Pop/ Jazz-Bereich je 80.000 Titel im Angebot. Abgerundet wird das Sortiment durch 8.000 Filmtitel auf DVD und Video sowie ein umfangreiches Softwareangebot. Seit seiner Eröffnung wurde das Haus durch eine Papeterie ergänzt und im Herbst 2001 eröffnete der Notenshop des KulturKaufhauses. Ein großes Angebot auf vier Etagen und 5.000 m2 Verkaufsfläche machen ein Geschäft aber noch nicht erfolgreich. Das Sortiment ist nur ein Teil des Konzeptes. Der zweite, ebenso wichtige, heißt Kunden orientierung, durch mehr Service und neue Ideen.

Die Umsetzung des Dienstleistungsgedankens

Der Dienstleistungsgedanke, der mit dem KulturKaufhaus auch auf den Handel übertragen wurde, zeigt sich am deutlichsten in den langen Öffnungszeiten. Montags bis samstags von 10 bis 22 Uhr sowie an sechs Sonntagen im Jahr lädt das Kaufhaus zum Stöbern, Verweilen und natürlich auch zum Kaufen ein. Möglich macht das die sogenannte Prokuristen-Regel. Leitende Angestellte dürfen in Berlin auch außerhalb der gesetzlichen Öffnungszeiten arbeiten. Also ernannte man im KulturKaufhaus einen Teil der rund 100 Mitarbeiter zu Prokuristen, die, ihrer Stellung entsprechend, am Umsatz des Hauses beteiligt sind.
    Damit das Konzept funktioniert, ist es von den Menschen abhängig, die neben dem Produkt auch die Dienstleistungsidee verkaufen. Daher setzt das KulturKaufhaus bei seiner Personalauswahl auf die richtige Mischung aus Branchenkennern und Quereinsteigern. Mitarbeiter, die für ein bestimmtes Sortiment zuständig sind, tragen die Verantwortung dafür und bestimmen, welche Produkte eingekauft werden. Das System ist erfolgreich - die Buchhändler und Verkäufer sind ganz nah am Kunden, sie wissen, welche Artikel ihre Kundschaft besonders nachfragt. Das Sortiment ist damit genau am Bedarf orientiert, dem spezifischen Bedarf des Hauptstadt-Publikums am Standort Berlin Friedrichstraße. Aus diesem Grund nimmt beispielsweise die Weltmusik-Abteilung im KulturKaufhaus viel mehr Platz ein als die Chart-Hits. Und das Medienkaufhaus, das nur wenige Minuten von Staatsoper, Komischer Oper und Konzerthaus am Gendarmenmarkt entfernt ist, widmet der Klassik-CD eine eigene Etage.
    Die Selbstständigkeit der Mitarbeiter ist aber nicht auf das Sortiment begrenzt. Auch für die Dekoration ihrer Schaufenster sind die einzelnen Abteilungen zuständig. Natürlich gibt es ein einheitliches Design, aber auf welche Produkte die Kaufhaus-Kunden besonders aufmerksam gemacht werden, entscheiden die Abteilungen. Kreativität und Eigenverantwortung sind gewünscht und gefordert. Dazu gehören Veranstaltungsideen ebenso wie Verbesserungsvorschläge für Inneneinrichtung und Produktpräsentation. Ein Beispiel für die Kundenorientierung durch Verkaufserfahrung ist der Notenshop: Häufigen Kundennachfragen begegnete die CD-Klassik-Abteilung zunächst mit einem aus gewählten Angebot an Noten. Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass in Berlin-Mitte der Bedarf an Noten und musikalischem Zubehör groß war und ein umfangreicheres Sortiment erforderte. Das Kaufhaus reagierte mit der Eröffnung eines eigenen Notenshops. Dieser bietet neben 100 Metern Noten, die der Kunde durch eine neue Präsenta tionsform selbst durchstöbern kann, auch eine große Auswahl an Instrumentenzubehör. Typisch KulturKaufhaus: das Keyboard im Notenshop - hier können nicht nur Musikpädagogen den Schwierigkeitsgrad von Musikstücken vor dem Notenkauf testen. Weitere Beispiele: die Ausweitung des Software-Sortiments im Bereich Macintosh-Produkte. Kunden sind hier vor allem die vielen Werbeagenturen in Berlin-Mitte. Auf die häufigen Fragen nach Großkunden-Regelungen reagierte das Kaufhaus ebenfalls mit einer eigenen Abteilung. Diese arbeitet für das Hotel nebenan oder den Aussteller auf einer Berliner Messe ebenso wie für Bundesminis terien und Bibliotheken individuelle Angebote aus - von Produktvorschlägen bis zu Verpackung und Versand.
    Neben den kurzen Wegen - dem Motto "alle Medien unter einem Dach" - ist ein wichtiger Teil des Konzeptes des KulturKaufhauses das Serviceangebot. Davon profitiert der Großkunde ebenso wie der Kunde im Haus, der sich auf einer der zahlreichen AbspielStationen eine CD anhört oder sich im Servicecenter neben dem tragbaren CD-Spieler auch noch eine Lesebrille ausleiht. So ausgerüstet kann er dann im Restaurant oder im Café des Hauses ein Buch anlesen und sich eine CD vor dem Kauf in Ruhe anhören.
    Selbst bei einem so vielfältigen Sortiment und dem Angebot an Dienstleistungen könnte die Gefahr bestehen, sich nicht klar genug von der Konkurrenz abzuheben. Dussmann das KulturKaufhaus achtet daher stark auf die Einhaltung seines Corporate Design. Die Farben schwarz und rot dominieren nicht nur die Einrichtung des Hauses, sondern auch alle seine Publikationen: von der Produktanzeige über den Image-Prospekt bis hin zum monatlichen in hoher Auflage erscheinenden Veranstaltungskalender "Der Vielfalter". Denn rund zehnmal im Monat wird das Kaufhaus zur Kulturbühne. Der Eintritt zu den Veranstaltungen ist immer frei, und wenn möglich, wird mit den Veranstaltungen der multimediale Charakter des Hauses verdeutlicht. So finden neben klassischen Lesungen CD-Präsentationen, Konzerte und Themenabende (z. B. zum Tango) statt. Kooperationspartner wie Botschaften, Opernhäuser, Kleinkunstbühnen und Theater präsentieren sich und ihre Künstler mit Previews oder Hintergrundgesprächen. In Zusammenarbeit mit Verbänden und Medien wird zu Podiumsdiskussionen und Pressekonferenzen geladen. Die Veranstaltungen - auch für sie ist eine eigene professionelle Abteilung verantwortlich - sind damit ein weiteres wichtiges Element im Konzept des KulturKaufhauses. Schließlich locken attraktive Themen und bekannte Gäste Kunden und Pressevertreter ins Haus. Die Veranstaltungen tragen so maßgeblich dazu bei, den Einkauf im KulturKaufhaus zum Erlebnis zu machen. Da der Eintritt immer frei ist, empfinden Kunden die Veranstaltungen als zusätzlichen Service, als kostenlose Anregung und als Einladung zu verweilen. Sie können ebenso in ein Kulturereignis hineinschnuppern wie in anderen Abteilungen des Hauses Bücher und CDs durchstöbern.

Das KulturKaufhaus als Teil einer Unternehmensgruppe

Das kulturelle Engagement des KulturKaufhauses und der Dussmann-Unternehmensgruppe, zu der es gehört, ist nicht auf die Veranstaltungen beschränkt. Seit mehr als zehn Jahren engagiert sich die Dussmann-Stiftung für den Erhalt von Kulturdenkmalen in der Region Dresden. Das bekannteste Einzelprojekt ist die Großspende von drei Millionen DM für den Wiederaufbau der Silbermann-Orgel der Dresdener Frauenkirche. In Berlin setzt sich das Unternehmen vor allem für die Staatsoper Unter den Linden ein. Auch in diesem Bereich mit neuen Ideen: Die Dussmann-Gruppe stellt dem Förderverein der Oper Räume und Technik zur Verfügung und finanziert die Gehälter für zwei Mitarbeiter für das Fundraising, die dazu beitragen sollen, das Bestehen der Oper in Zeiten abnehmender öffentlicher Unterstützung zu sichern.
    Dussmann das KulturKaufhaus ist ein Tochterunternehmen der Berliner Dussmann-Gruppe, eines weltweit tätigen Multidienstleisters. Auch wenn die Kernkompetenz der Unternehmensgruppe bei Dienstleistungen rund um Gebäude (Gebäudetechnik, Sicherheit, Reinigung, Catering) sowie bei Dienstleistungen für Senioren liegt, passt das KulturKaufhaus in das Unternehmenskonzept. Mit dem Kaufhaus kann das Unternehmen einer breiten Öffentlichkeit zeigen, dass es innovativ und kundenorientiert arbeitet. Auch als Marketing- und PR-Instrument hat sich das Kaufhaus bewährt, da gerade durch Initiativen, z. B. für die Freigabe der Ladenöffnungszeiten, eine breite Öffentlichkeit auf die Unternehmensgruppe aufmerksam wurde.

Barbara Hüppe ist Pressesprecherin des Dussmann-KulturKaufhauses.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001