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NEUE MUSIK UND MARKT
DAS SIEMENS ARTS PROGRAM

Es sind keineswegs populäre Hörgewohnheiten, an denen sich das Siemens Arts Program bei seinen Projekten im Bereich der zeitgenössischen Musik orientiert. Und doch finden die Konzerte eine große Zuhörerschaft. Mit maßgeschneiderten Programmen für unterschiedliche Zielgruppen werden unternehmerische Ziele auf ungewöhnliche Weise erreicht.
    Kunst und Kultur fördert die Siemens AG bereits seit Bestehen des Unternehmens. Im Laufe der über 150-jährigen Geschichte haben sich in diesem Zusammenhang unterschiedliche Stiftungen gegründet, die die verschiedenen Themenfelder erschließen und weiterentwickeln. So legt die im Nymphenburger Schloss in München beheimatete Carl Friedrich von Siemens-Stiftung ihren Schwerpunkt auf die kontinuierliche Förderung der Wissenschaften, der Ernst von Siemens-Kunstfonds unterstützt Museen beim Ankauf von Kunstwerken und bei der Veröffentlichung von Katalogen, und die renommierte Ernst von Siemens-Musikstiftung vergibt alljährlich den Ernst von Siemens-Musikpreis. Darüber hinaus gewährt diese Stiftung jedes Jahr zweckgebundene Zuwendungen zur Förderung von jungen Komponisten, Ensembles, Institutionen, Editionen und Einzelpersonen im In- und Ausland, die sich in besonderer Weise um die zeitgenössische Musik verdient gemacht haben und wichtige künstlerische Aufbauarbeit leisten. Außerdem zeichnet die Stiftung musikwissenschaftliche Arbeiten aus. Das Unternehmen selbst nutzt die Mittel des klassischen Kultursponsorings für seine Geschäftszwecke und leistet damit einen nicht unerheblichen Beitrag zur Entwicklung klassischer wie populärer Kultur in der ganzen Welt.

Das Siemens Arts Program

1987 entschloss sich die Siemens AG, ihren umfangreichen Aktivitäten im Kulturbereich ein Programm zur Förderung vor allem zeitgenössischer Kunst hinzuzufügen. Das Siemens Arts Program (vormals Siemens Kulturprogramm) arbeitet seither an aktuellen Projekten in verschiedenen Sparten - quasi als Forschungsabteilung auf dem Gebiet der Kultur. Den Abteilungen Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Musik sowie Zeit- und Kulturgeschichte ist der experimentelle Ansatz gemein. In Kooperation mit wechselnden Partnern werden an Standorten der Siemens AG Ausstellungen konzipiert, Kompositionsaufträge vergeben, damit verbundene Produktionen gefördert, Festivals veranstaltet, Mitarbeiterprojekte erdacht und aktuelle diskursive Projekte realisiert.

Handlungskonzepte

Das Siemens Arts Program arbeitet auf der Grundlage spezifischer, zielorientierter Handlungskonzepte. Um die Organisationsziele zu erreichen, wird ein bestimmtes Instrumentarium eingesetzt. Das Prinzip besteht aus der Planung, Abstimmung und Kontrolle sämtlicher Aktivitäten innerhalb der Gesamtorganisation und der Orientierung am Denken und Handeln des Menschen. Im Vordergrund stehen hierbei nicht Profitüberlegungen, sondern andere, dem wirtschaftlichen Gewinn des Unternehmens beigeordnete Ziele - entscheidend ist also nicht der auf finanziellen Gewinn ausgerichtete Austausch von Waren und Geld, die zentralen Anliegen bestehen vielmehr in der Wahrnehmung öffentlicher Interessen, der Vermittlung von Wert und Nutzen der Kunst sowie in dem Einklang von Zielen der Unternehmung und Bedürfnisbefriedigung der Zielgruppen.
    Das Siemens Arts Program bedient sich der Mittel klassischen Marketings. Die Analysen des Marktes, der Preispolitik, der Distribution, der Mitbewerber am Markt sowie der bestehenden Kommunikationsstukturen werden spartenübergreifend diskutiert. Dabei werden Stärken, Schwächen, Chancen und Gefahren der Arbeit miteinander in Einklang gebracht. Die Ergebnisse der Analysen beeinflussen die Programmarbeit maßgeblich.
    Die Frage nach den Zielgruppen wird auch bei der Arbeit des Musikprogramms im Siemens Arts Program auf unterschiedlichen Gebieten immer wieder gestellt. Die Wichtigkeit der Marktsegmentierung kann nicht nachdrücklich genug betont werden. Niemals kann eine Organisation auch nur die geringste Marketing-Effizienz erreichen, wenn sie den Gesamtmarkt so behandelt, als ob alle Marktteilnehmer ein gleiches Interesse an dem Produkt hätten und über die gleichen Ressourcen verfügten. Es besteht kein Zweifel darüber, dass gewisse Teile des Marktes schneller und positiver auf das Produkt reagieren als andere.1
    Hinsichtlich der Zielgruppen des Siemens Arts Program besteht eine starke Diversifizierung.
    Es handelt sich hierbei um Mitarbeiter des Unternehmens, um Fachpublikum sowie um die breite Öffentlichkeit.

Projekte für Mitarbeiter

Ein Hauptbestandteil der Arbeit des Siemens Arts Program sind speziell für Mitarbeiter konzipierte Projekte. Zu jedem Konzert werden Einführungsveranstaltungen, Moderationen oder Künstlergespräche organisiert. Sie sollen ein Publikum ansprechen, das wenig Erfahrung mit neuer Musik hat. Dabei werden die Hörgewohnheiten der Mitarbeiter respektiert und bei Ungewohntem Hilfestellungen zu einem besseren Verständnis angeboten.
    Im Vortragssaal "Rotunde" im Münchner Siemens-Hauptgebäude findet seit zwei Jahren die Reihe Konzert & Vortrag statt. Der hausinterne Raum dient zumeist als Tagungsraum, bietet darüber hinaus aber auch ideale Bedingungen für Kammermusik und Vorträge. Insgesamt 150 Zuhörer finden in der Rotunde Platz. So entsteht vor allem bei solistischen Konzerten eine für Kammermusik wichtige, intime Situation. Die Spannung zwischen einem Konzert, unbekannten Werken auch der jün geren Geschichte und einem aktuellen wissenschaftlichen Vortrag baut sich hier nicht durch die gegenseitige Bezugnahme auf - das Dargebotene zu beobachten, zu vergleichen und zu verbinden, ist Aufgabe des aufmerksamen Zuhörers. So ist die Reihe nicht als Verschmelzung zweier Themen gedacht, vielmehr sollen zwei unterschiedliche Horizonte in einem Abend vereint werden. Während einer Programmhälfte steht der Musiker im Mittel punkt der Betrachtung. Ausgewählte, zumeist jüngere Künstler aus den Sparten DJ/ Elektronische Musik, Schlagzeug, Gitarre u. a. entwickeln in enger Absprache mit dem Siemens Arts Program Konzertprogramme, die sie selbst und ihre Instrumente aus ungewohnten Blickwinkeln zeigen. Viele der gespielten Werke sind dem Publikum nicht unmittelbar präsent.
    In den Vorträgen setzen sich namhafte Wissenschaftler mit allgemein interessierenden kulturgeschichtlichen Themen auseinander. Diese sind so gewählt, dass eine implizit angelegte Dialogsituation zwischen Musik- und Vortragsteil spürbar wird. So wurde beispielsweise die Flötistin Dorothee Oberlinger vorgestellt. Passend hierzu, jedoch ohne direkte Bezugnahme, war in Lisa Kosoks Vortrag von Entstehung und Wandel der Sonntagskultur die Rede.
    Zu Konzert und Vortrag werden neben Mitarbeitern des Unternehmens und öffentlichem Publikum regelmäßig auch Auszubildende eingeladen. Spezielle Einführungs- und Diskussionsveranstaltungen erleichtern den jungen Leuten den Abbau von Hemmschwellen und helfen ihnen, Zugang zu der Materie zu finden.
    Siemens Corporation USA hat eine umfangreiche Kooperation mit dem Silk Road Project begonnen. Initiator des Gesamtprojekts ist der Cellist Yo-Yo Ma. Den Anstoß dazu gab eine amerikanische Initiative mit dem Ziel, asiatische Musik in aller Welt bekannt zu machen und durch die Kombination unterschiedlichster Künstler, Stile und Instrumentarien neue Synergien zu erzeugen. Die gemeinsamen Aktivitäten umfassen Konzerte, Lectures und Festivals rund um den Globus. Ein Schwerpunkt liegt auf der Musik der Länder entlang der Seidenstraße.
    Die stetige Erweiterung des Dialogs von Kunst und Industrie ist ein Ziel des Siemens Arts Program. Im Rahmen des Silk Road Project werden im Rahmen eines Künstlerfördermodells sechs Sti pendien für zweimonatige Arbeitsaufenthalte in sechs amerikanischen Siemens-Niederlassungen vergeben. Die Forschungsstipendien bieten Künstlern aus Asien die Möglichkeit, die amerikanische Kultur zu studieren sowie den industriellen Alltag als Inspirationsquelle zu nutzen und ihre Recherchen in diesem Themenbereich zu vertiefen. Der industriellen Arbeitswelt wiederum eröffnet sich dabei ein Zugang zu künstlerischem Denken und Handeln. Die Siemens-Mitarbeiter werden in die Suche nach inspirierenden Fabrikationsfaktoren, kulturellen Besonderheiten der Region, Künstlern verschiedener Sparten oder wichtigen kulturellen Veranstaltungen der Region einbezogen. Die Siemens-Niederlassungen stellen den Komponisten den jeweiligen Erfordernissen entsprechende Arbeitsräume zur Verfügung. Eine Besonderheit des Projekts ist auch die Unterbringung der Künstler in "Siemens-Familien". Jeder Mitarbeiter ist eingeladen, als Gastgeber dem Künstler "sein Amerika" näher zu bringen. Der Musiker soll die Chance bekommen, mit der Kultur in unmittelbaren Austausch zu treten und ein Stück Amerika hautnah zu erleben. Im Gegenzug ist der Künstler mit seiner Arbeit in der Region präsent: In Lunchbreak-Konzerten, in abendlichen Lectures und über eine Listening-Station in der Kantine hat der Gast Gelegenheit, seine bisherige und aktuelle Arbeit Mitarbeitern und deren Familien zu präsentieren. Geplant sind außerdem School-Outreaches zu benachbarten Highschools. Die Auswahl der Composer-Performer treffen Siemens Arts Program, Siemens Corporation USA, Yo-Yo Ma und das Silk Road Project-Team gemeinsam. Als Teil des Silk Road Project präsentieren die Künstler die durch die Stipendien inspirierten Werke in Abschlusskonzerten der Öffentlichkeit.

Projekte für ein Fachpublikum

Ein weiterer Bestandteil der Arbeit des Siemens Arts Program sind Projekte, die sich überwiegend an eine Fachhörerschaft wenden und gleichzeitig Künstlern Inspiration und Förderung bieten. Dazu gehört zum Beispiel das über vier Jahre hinweg und bisher mit einem Deutschland-Schwerpunkt veranstaltete Nachwuchsforum der Gesellschaft für neue Musik und des Ensemble Modern. Mit Unterstützung von Deutschem Musikrat, GEMA-Stiftung, Deutschland Radio und Hessischem Rundfunk jährlich durchgeführt, fördert das Forum junge Komponisten, Interpreten und Musikologen auf höchstem Niveau. Das Ensemble Modern, das führende Ensemble für zeitgenössische Musik in Europa, vermittelt den jungen Künstlern Erfahrung und Wissen von unschätzbarem Wert. Künstler und Wissenschaftler erhalten Gelegenheit, miteinander zu diskutieren und in einen Dialog der Disziplinen zu treten. Teaching … is no longer the transmission of a body of useful information, but's conversation, alone, together, whether in a place appointed or not in that place, whether with those concerned or with those unaware of what is being said. We talk, moving from one idea to another as if we were hunters.2 Das Nachwuchsforum bietet Raum zur Kommunikation - sowohl für den aktiven Teilnehmer, den Komponisten, Interpreten und Musikologen, als auch für ein interessiertes Fachpublikum. Hier entsteht der Freiraum, über den Tellerrand zu schauen und Erfahrungen mitzuteilen, andere Berufsgruppen verstehen zu lernen und neue Kontakte zu knüpfen, etwas von dem Erlernten zu präsentieren und Ideen für die Zukunft mitzunehmen.

Projekte für die Öffentlichkeit

Ein Schwerpunkt der Arbeit des Siemens Arts Program besteht darin, die neue Musik für ein breites Publikum zu öffnen. Neben klassischen Konzertformen werden ungewöhnliche Orte bespielt und Maßnahmen entwickelt, um auch fachfremde Menschen zu erreichen.
    BOX 30/ 70 ist eine mobile Klanginstallation - unterwegs in verschiedenen Städten Europas. In einem umgebauten Container können sich Besucher intensiv mit dem Hören ihrer alltäglichen Umwelt befassen. Klänge und Geräusche aus dem Außenraum werden in einem mikrofonierten Resonanzrohr auf dem Containerdach transformiert und gestimmt. Ein Betonlautsprecher in der Nähe der Box strahlt diese veränderten Außenklänge in Echtzeit in den öffentlichen Raum ab. Auch ins Innere der Box werden diese Klänge übertragen. In dem künstlich abgeschlossenen Raum kann der Besucher hören, sehen und ruhen - wie in einem Chill-out-Room. Die Echtzeitübertragung erfolgt hier im zeitlichen Verhältnis von 30 zu 70 in einem stetigen Wechsel mit Kompositionen aus dem "Alphabet of Sounds". Diese Datenbank ist ein work in progress aus transformierten Stadtklängen, das die beiden Komponisten Sam Auinger und Bruce Odland in den 13 Jahren ihrer gemeinsamen Arbeit aufgebaut haben. 2001 konnte die Installation auf öffentlichen Plätzen intern von den Mitarbeitern der Siemens AG auf einem Werksgelände in Berlin erlebt werden. Danach folgten als Standorte die Tage für neue Kammermusik in Witten, Rotterdam als Kulturhauptstadt Europas, das Festival Format 5 in Berlin, der Düsseldorfer Altstadt Herbst, die Dresdner Tage der neuen Kammermusik sowie das Festival Wien Modern. Die sich erweiternde Arbeit, die von jedem Ort einen musikalischen Anteil mitnimmt und somit ihr Gedächtnis erweitert, wird in weitere Länder reisen. Koproduzent ist "singuhr - hörgalerie in parochial", Berlin.
    Zielgruppe für dieses Projekt ist nicht die spezialisierte musikalische Fachwelt, sondern das Laufpublikum von der Straße. Angelockt durch den grasgrünen Anstrich der Box auf den zumeist von Skateboardern besetzten Plätzen, lässt sich für solch eine Arbeit ein erweitertes Publikum erschließen. Die vorgefundene klangliche Situation wird künstlerisch verarbeitet und ist als "Konzert" ohne die Hemmschwelle eines Konzertsaales für jedermann zugänglich.

Ein Etwas breitet sich in der Magengegend aus, und noch bevor ich wieder aufspringe, wird es angenehm. Ein dunkler, warmer Ton nimmt mich mit, hebt mich hoch, trägt, und ich merke, wie meine Schultern herabsinken. Der Fuß wippt mit. Der Ton wird Rhythmus, kehrt immer wieder, immer wieder und zerschneidet das Dunkel in kleine Portionen. - So beschreibt die Germanistin Kirsten Longin ihre Erfahrungen mit "BOX 30/ 70".

Eine außergewöhnliche neue Initiative des Bereichs Musik im Siemens Arts Program ist Orpheus Kristall, eine Oper in zwei Medien. Diese in Zusammenarbeit mit der Münchener Biennale produzierte mehrteilige Arbeit ist unter der Webadresse www.orpheuskristall.com seit Oktober 2001 in einer Netzfassung im Internet als work in progress zu erleben. Die Aufführung einer Bühnenversion erfolgt im Mai 2002 in München. Das Projekt realisiert die Idee eines Musiktheaters, das auch die Potenziale von Computern und weltweiter Vernetzung einsetzt. Die Münchener Biennale als Internationales Festival für neues Musiktheater arbeitet hauptsächlich an Bühnenproduktionen. Von daher bedeutet die Internet-Fassung von Orpheus Kristall ein über die bisherigen Gepflogenheiten hinausgehendes Projekt.
    Orpheus Kristall bringt das world wide web mit der klassischen Oper zusammen. Es vermisst den Raum zwischen den Medien, setzt sich der Spannung einer noch nicht überblickbaren neuen Realität aus und versucht sich in diesem Gefüge - zwischen dem "barbarischen" technologischen Internet und dem "hochkulturellen" Medium Oper - produktiv zu verhalten.

Jens Cording ist Projektleiter des Bereichs Musik beim Siemens Arts Program.



1 Philip Kotler, Marketing für Nonprofit-Organisationen, Stuttgart 1978, S. 101.

2 John Cage, A Year from Monday, 1967.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001