MARKUS SCHUCK
BEETHOVEN UND SCHUMANN IN BONN - CHANCE FÜR DIE KULTURELLE UND TOURISTISCHE PROFILIERUNG EINER STADT IM STRUKTURWANDEL

Ein hochstehendes kulturelles Angebot bietet einer Stadt eine ideale Voraussetzung, Touristen zum mehr tägigen Aufenthalt zu bewegen. Zudem haben die Städte in den vergangenen Jahren erkannt, dass Tourismus längst einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt. Zu diesen Städten gehören auch Bonn und seine Region, die in der Hotellerie und Gastronomie über 10.000 Menschen beschäftigen. Bonn hat das Glück, als Bundesstadt und ehemalige Bundeshauptstadt mit einem attraktiven Kulturangebot von Oper, Schauspiel, Konzertwesen und Museen ausgestattet zu sein.
    Zusätzlich ist die Geschichte der Stadt gleich mit zwei bedeutenden deutschen Komponisten verbunden: Zum einen Ludwig van Beethoven, in Bonn 1770 geboren und getauft, 1792 nach Wien umgezogen, zum anderen Robert Schumann, am 4. März 1854 in die Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich überführt, dem heutigen Schumannhaus, dort am 29. Juli 1956 nach knapp zweieinhalbjährigen Aufenthalt gestorben und in Bonn auf dem Alten Friedhof begraben. Das sind ideale Voraussetzungen, um gegenüber anderen Städten ein eigenständiges, einzigartiges Musikprofil zu entwickeln. Ob Bonn seine Chancen tatsächlich in diesem Bereich nutzt, kann nur in Zusammenhang mit der gesamtstädtischen Entwicklung gesehen werden. Denn das kulturelle und touristische Potential haben in den vergangenen Jahren durch den zwingend notwendigen Strukturwandel in Gesamtstadt und Kultur neue Rahmenbedingungen erhalten.

Von der Hauptstadt zur Bundes- und UN-Stadt mit internationalem Kongresszentrum

Mit dem Verlust der Hauptstadtfunktion durch den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991 und dem Wegzug von Teilen der Bundes regierung, Parlament, Bundesrat und zahlreicher Botschaften im Jahr 1999 mussten die Verantwortlichen der Stadt Ersatz für den fehlenden Polit- und Tagungstourismus - allein jeder Bundestagsabgeordnete hatte die Chance, ein oder zwei Reisegruppen für eine mehrtägige Fahrt nach Bonn einzuladen, die dann Hotels, Gaststätten und Sehenswürdigkeiten füllten - finden und einen Imagewechsel mit touristischer Neuprofilierung vornehmen.
    Mit Hilfe der Ausgleichsmaßnahmen des Bundes konnte die befürchtete Strukturkrise verhindert und ein neues Profil erarbeitet werden. In erster Linie gelten dabei alle städtischen Bemühungen der Neuprofilierung Bonns als Zentrum für Internationale Zusammenarbeit und internationale Tagungs- und Kongressstadt, seit 1996 unterstützt durch das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
    Entscheidende Prägung gewann das Profil durch die Ansiedlung einzelner UN-Organisationen, die Bonn zur ersten UN-Stadt Deutschlands machte und damit verhinderte, dass Bonn seine bisherige internationale Bedeutung verliert. Um die UN-Organisationen gruppieren sich mittlerweile 150 staatliche und nichtstaatliche Organisationen und Institutionen der internationalen und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit, ab dem kommenden Jahr voraussichtlich der weltweit wirkende Auslandssender Deutsche Welle, ca. 70 diplomatische Vertretungen (Botschaften, Außenstellen und Generalkonsulate) und wichtige Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung wie das Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) und das Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI).
    Zur weiteren Stärkung Bonns als deutsche UN-Stadt haben der Bund, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bonn im Beisein von UN-Generalsekretär Annan und Bundespräsident Rau die Vereinbarung über die Ansiedlung internationaler Einrichtungen in Bonn und das Internationale Kongresszentrum Bundeshaus Bonn am 27. Februar 2002 in Berlin unterzeichnet. Mit den beiden historischen Bonner Plenarsälen (Bundeshaus und Wasserwerk), einer neuen Tagungshalle und dem Petersberg bei Bonn kann die Bundesstadt damit in Zukunft über ein Tagungsensemble verfügen, das internationalen Maßstäben entspricht.
    Mit der geglückten Neuprofilierung als UN-Standort und internationaler Tagungs- und Kongressstadt konnte Bonn einen drohenden Einbruch bei den Übernachtungszahlen ausgleichen, eine Entwicklung, die natürlich automatisch dem Kulturleben zugute kommt. Eine Analyse der T& C GmbH im Jahresbericht 2000 zeigt, dass Bonn im Jahre 1999 trotz Regierungsumzug einen erheblichen Aufschwung im Hinblick auf die ermittelten Übernachtungen erzielen konnte. Lediglich das Ergebnis für das Jahr 2000 musste um 2,2 Prozent nach unten auf insgesamt 1.107.000 Übernachtungen verändert werden1. Insgesamt zeigt sich jedoch von 1998 bis 2000 eine Steigerung von 2 Prozent.
    Wie wichtig ein internationales Kongresszentrum für Bonn gerade nach Wegzug vieler Diplomatischer Vertretungen ist, zeigt eine erste Auswertung der Übernachtungszahlen aus dem Jahr 20022. Zuwächse lassen sich hier nur bei den Spitzenreitern unter den ausländischen Gästen wie USA, Großbritannien, Frankreich, Niederlande und Italien (zwischen 4,6 und 7 %) erkennen, starke Rückgänge dagegen bei den Gästen aus Afrika (21,4 %) und den Golfstaaten (40 %). Dennoch bleibt der Anteil der internationalen Besucher mit ca. 15 % zumindest unverändert.

Strukturwandel in der Kultur durch den Wegfall der Kulturförderung

Mit dem Wegfall der Hauptstadtfunktion ergab sich zwangsweise eine zweite Strukturdiskussion im Bereich Kultur. Mit der vom Bund ab 2003 angekündigten Einstellung der jährlichen Kulturfördermittel in Höhe von 35,8 Millionen Euro stand das bisherige umfangreiche und qualitätsvolle Kulturangebot zur Diskussion. Eine Reihe von sorgenvollen Fragen bestimmten die Sitzungen im Kulturausschuss und Rat: Kann sich die Stadt einen Drei-Sparten-Betrieb noch leisten? Reichen die finanziellen Mittel aus, um ein qualitätsvolles, breitangelegtes Kulturangebot weiterhin zu garantieren? Wie kann ein Abbau in den Kulturbetrieben sozialverträglich gestaltet werden?
    Die neue finanzielle Situation erforderte eine grundlegende, parteiübergreifende Strukturdiskussion im Bereich Oper, Schauspiel und Konzertwesen. In der gemeinsamen Erkenntnis, dass Bonn als zukünftiger Kongress- und Kulturstandort mit internationalem Anspruch nicht auf sein vielfältiges Kulturangebot verzichten kann, entschied die Politik gemeinsam mit einer Expertenkommission den Erhalt des Drei-Sparten-Betriebes, geleitet durch einen Generalintendanten. Die um 35,8 Millionen
Euro gekürzte Finanzierung des Kulturetats wird ab 2003 mit 21,6 Millionen Euro aus dem städtischen Gesamthaushalt teilweise kompensiert. Der noch offen stehende Betrag von 14,1 Millionen Euro muss im Theaterhaushalt eingespart werden. In nackte Zahlen gekleidet bedeutet das die Herauslösung von ca. 145 Stellen aus dem Theater bis zum 31. Juli 2003. Beeindruckt durch das mutige Bekenntnis aller großen Parteien zur Bonner Kultur hat die Bundesregierung weitere 44,5 Mio. Euro bis 2010 zum sozialverträglichen Abbau bereitgestellt. Trotz der neuen finanziellen Eckdaten verfügt damit das Bonner Haus im Vergleich zu anderen Städten über gute Rahmenbedingungen, die eine hervorragende kulturelle Arbeit zulassen. Ob diese Arbeit letztendlich geleistet wird und neue Besucherschichten gewonnen werden, hängt von den leitenden Persönlichkeiten im Kulturbereich der Stadt ab, die zur Zeit ebenfalls neu besetzt werden. Neuer Generalintendant wird ab der Spielzeit 2003/ 2004 Klaus Weise sein. Noch zu besetzen ist ab 2003 der Posten des GMD und der des Intendanten der Internationalen Beethovenfestes.

Kulturelle Profilierung im Strukturwandel

Eingebettet In diese gesamtstädtischen Entwicklungen ist nun die spezielle Bedeutung von Beethoven und Schumann zu betrachten. Gerade mit Ludwig van Beethoven, der weltweit mit deutscher Kultur identifiziert wird, besitzt Bonn eines der wichtigsten touristischen Alleinstellungsmerkmale. Welchen Stellenwert Beethoven für die Stadt Bonn selbst hat, zeigen die zahlreichen nationalen und internationalen Aktivitäten der Stadt mit Internationalen Beethovenfest, dem Orchester der Beethovenhalle und dem Verein Beethoven-Haus Bonn e. V., die zusammen jährlich ca. 155.000 Besucher anziehen.
    Ein Vergleich der Besucherzahlen mit anderen Bonner Kultureinrichtungen zeigt jedoch, dass herausragender Publikumsmagnet die Museumsmeile Bonn ist. Dank des Bundes konnte in der unmittelbaren Nähe zum alten Plenarbereich mit dem Haus der Geschichte, der Kunst und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und dem Bonner Kunstmuseum innerhalb kürzester Zeit ein attraktives Museumszentrum entstehen, das beeindruckende Besucherzahlen aufweist.
    Besuchten im Jahr 2000 bereits 560.000 Personen die Ausstellungen der Bundeskunsthalle, so konnte die Anzahl im Jahr 2001 mit 1,2 Mio. Besuchern mehr als verdoppelt werden. Seit der Eröffnung vor nunmehr neun Jahren verzeichnet die Bundeskunsthalle nunmehr 7 Mio. Besucher. Rund 780.000 Besucher zählte das Haus der Geschichte im Jahr 2001, von denen 630.000 die Dauerausstellung und 250.000 die Wechselausstellungen besuchten. Erfolgsrezepte beider Museen sind die Einzigartigkeit der Ausstellungen und die professionelle Vermarktung. Der Anteil der ausländischen Besucher, zumeist aus den Benelux-Ländern, liegt bei beiden Einrichtungen bei ca. 30 % an Wochen-enden, in der Woche bei ca. 20 %. Das Besucher-potential des angegliederten Bonner Kunstmuse-ums ist dagegen mit 185.000 Besuchern im Jahr 2000 und 96.000 im Jahr 2001 deutlich geringer, kann aber durch die fehlenden finanziellen Res-sourcen im Bereich Marketing begründet werden.
    Der Besuchertrend im Bereich Kultur hin zur Museumsmeile bestätigt sich durch die aktuell vor-liegenden Ergebnisse der Passantenbefragung3 in Bonn im April/ Mai 2001, die im Rahmen des Praxisprojektes "Stadtmarketing: Imageanalyse der Bundesstadt Bonn und Seiner Umgebung" von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg durchgeführt wurde. Dabei wurden 869 Besucher der Bundesstadt in einem mündlichen Interview mit Hilfe standardisierter Fragebögen an verschiedenen Stellen der Stadt (Museumsmeile, Innenstadt, Flughaben, Hotels etc.) befragt. Hauptgrund für einen Bonnbesuch ist danach neben dem Privatbesuch (27 %) das Motiv Kultur und Bildung (23,2) und hier zu 80 % die Bonner Museen4. Damit liegt der Bonner Kulturwert im Vergleich zum Bundesdurchschnitt nach Angaben der Fachhochschule um 6 % höher.
    Ziel einer weiteren städtischen Profilierung hinsichtlich Beethoven und Schumann muss es daher sein, die Besucherpotentiale der Museumsmeile für den Musikbereich zu erschließen. Dass hier eine Möglichkeit besteht, zeigt eine vom Land NRW geförderte Bevölkerungsumfrage5 in der Rheinschiene zur Fragestellung Mobilität in der Kulturregion?, durchgeführt vom Zentrum für Kulturforschung in Bonn.
    Angeregt durch Kultureinrichtungen der Region sollte die Studie eine Analyse potentieller Interessenten unter den bisherigen "Nichtnutzern" kultureller Angebote in der Region bieten, um so eine effizientere Öffentlichkeitsarbeit zu leisten oder zielgruppenorientierte Serviceangebote zu entwickeln. Fast 4.500 mündliche Interviews wurden im Jahr 2000 durchgeführt, in dieser Größenordnung zum Thema Kultur ein absolutes Novum. Aus Bonner Sicht beteiligten sich zudem das Beethovenfest, das Orchester der Beethovenhalle, die Bundeskunsthalle und das Haus der Geschichte.
    Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen zunächst6: Je kulturinteressierter die Befragten sind, desto offener sind sie für die verschiedensten Angebote und Veranstaltungen. An erster Stelle steht hierbei die Musik, dann folgt Theater- und Kabarett und an dritter Stelle erst die Museen. Betrachtet man den Musikbereich gesondert, so ergibt sich bei den Besuchern des Beethovenfestes7 und der Konzerte des Orchesters der Beethovenhalle8 eine Bevorzugung der klassischen Musik, gefolgt von Jazz-, Chor- und Rock-/ Popkonzerten. Selbst bei einer Betrachtung der Antworten aller befragten Bürger der Rheinschiene liegen Klassikkonzerte in der Beliebtheitsskala gleichauf mit Rock-/ Popkonzerten.
    Erwartungsgemäß ergeben sich für das Internationale Beethovenfest Besucherschnittmengen mit dem Orchester der Beethovenhalle. Aufmerksamkeit verdient jedoch die Besucherschnittmenge von Beethovenfest und dem Orchester der Beethovenhalle mit dem Haus der Geschichte und der Bundeskunsthalle. So haben 76 % der Beethovenfestbesucher bereits das Haus der Geschichte besucht, 65 % die Bundeskunsthalle9. Bei den Besuchern des Orchesters der Beethovenhalle waren 73 % schon einmal im Haus der Geschichte und 67 % in der Bundeskunsthalle10. Offensichtlich erreichen die Museen, das Beethovenfest und das Beethovenhallenorchester mit ihren Angeboten die gleichen Zielgruppen, ein Ergebnis, das den Schluss zulässt: Wer eine kulturelle Einrichtung der Museumsmeile besucht, könnte potentieller Nutzer oder Interessent für ein Musikangebot von Beethovenfest und Beethovenhallenorchester sein und umgekehrt.

Mit dem Digitalen Beethovenhaus neue Besucherschichten erschließen

Mit seinem Projekt Digitales Beethovenhaus versucht zur Zeit das Beethovenhaus das Potential der Bonner Museumsbesucher an sein Haus zu binden. Seit 1889 vom Verein Beethoven-Haus als Museum in privater Trägerschaft gehalten, befindet sich im Beethovenhaus neben dem Museum und seinen Sammlungen das Beethoven-Archiv als wissenschaftliches Forschungsinstitut, ein Verlag und der als architektonisches Kleinod nicht nur national bekannten Kammermusiksaal H. J. Abs. Ca. 90.000 Besucher11 zählt das Beethovenhaus zur Zeit jährlich, von denen ein großer Teil in erster Linie wegen des Beethovenhauses nach Bonn gekommen ist12. Eine beachtliche Zahl, beschränkt sich doch der Besuch des Hauses zur Zeit auf das Betrachten der hochwertigen Exponate und wertvollen Autographe13.
    Natürlich kann das Beethovenhaus noch nicht mit den Besucherzahlen der Museumsmeile konkurrieren, doch zeigt der Anteil von 60 % auslän discher Besucher - vor allem aus Japan und Korea - das hohe internationale Interesse an Beet hoven, touristisch von besonderer Bedeutung, da sich mit dem Besuch aus diesen Ländern meist ein mehrtägiger Aufenthalt in Bonn verbindet.
    Mit dem Projekt Digitales Beethovenhaus will nun der Leiter Prof. Dr. Andreas Eckhard, der Verein Beethovenhaus Bonn und die Stadt die Attraktivität der Kulturstätte entscheidend verbessern. Projektpartner ist die vor Ort ansässige GMD-Forschungszentrum Informationstechnik GmbH, mittlerweile fusioniert mit dem Frauenhofer-Institut.
    Im Mittelpunkt des Projektes steht die Errichtung eines multimedialen, digitalen Beethoven-Salons im Haus "Im Mohren" direkt neben dem Beethovenhaus. Dazu sollen nach Meinung der Projektträger Leben und Werk Beethovens in Form einer virtuellen Welt für die Besucher dreidimensional erfahrbar gemacht werden. Musikhandschriften und andere komponistenbezogene Dokumente werden farbig digitalisiert, somit das "Weltkultur-erbe Beethoven" durch den Einsatz neuester Techniken bewahrt. Alle Angebote des Beethoven-Hauses werden über das Internet weltweit mit dem Anreiz bekannt gemacht, andere Beethovensammlungen zur Teilnahme am Digitalen Beethoven-Haus zu bewegen. Mit dem umfangreichen Internetauftritt verbindet sich abschließend die Hoffnung, den Internetbesucher zum Besuch vor Ort zu bewegen.

Ausbau des Internationalen Beethovenfestes

Ein weitere Positionierung des Bonner Profils als Beethoven-Stadt erfolgt durch das seit 1999 wiederbelebte Beethovenfest. Vorher hat es seit 1845 immer wieder vergebliche Versuche gegeben, dem Beethovenfest ähnlich wie Bayreuth und Salzburg einen unverwechselbaren internationalen Rang zu verschaffen.
    Der Ende 2003 scheidende Intendant Prof. Dr. Franz Willnauer - ausgestattet mit einem reichen Erfahrungsschatz aus seiner Leitungszeit bei den Salzburger Festspielen und beim Schleswig-Holstein-Festival - hat mit dem wiederbelebten Beethovenfest zukunftsträchtige Ansätze verwirklicht, die dem Festival im internationalen Wettbewerb zumindest wieder einen hohen Rang einräumen und namhafte Sponsoren an das Festival binden. Zu einem musikalischen Kraftzentrum mit Beethoven an der Spitze und weltweiter Ausstrahlung und Anziehungskraft hat es sich jedoch noch nicht entwickelt. Ob sich die Ansätze daher zu einem Erfolg weiterentwickeln, werden die kommenden Jahre und Jahrzehnte zeigen.
    Hinsichtlich der Besucherzahlen besteht noch Entwicklungspotential. Mit einer Auslastung der Konzerte von nunmehr nahezu 80 Prozent konnten im Jahr 1999 20.500 Besucher bei 40 Konzerten, im Jahr 2000 30.500 Besucher bei 52 Konzerten und im Jahr 2001 26.000 bei 44 Konzerten erreicht werden.
    Neue Touristenpotentiale sollen mit den Auftritten in der Kulturhalle bei der ITB sowie in Zusammenarbeit mit der T& C GmbH erschlossen werden.
    Großen Anteil an der internationalen Ausstrahlung hat die Deutsche Welle - seit Wiederbelebung der Beethovenfeste in einer gGmbH neben der Stadt Mitgesellschafter -, die ständig einzelne Konzerte des Beethovenfestes in alle Welt überträgt.

Neue Konzerthalle als Zugpferd für den Bonn-Besucher

Schließlich betätigt sich das Orchester der Beethovenhalle im In- und Ausland als Werbeträger der Stadt für Beethoven. Um seine Bedeutung für die Beethovenstadt Bonn mit Internationalem Beet hovenfest herauszustellen, entschloss sich der Stadtrat trotz der bereits geschilderten schwierigen Finanzlage im Bereich Kultur, die Orchesterzahl bis zum 1. August 2003 lediglich auf 106 Mitglieder zu reduzieren. Das Orchester bleibt zudem ein selbständiges Konzertorchester mit Verpflichtungen als Opernorchester. Mit einer Auslastung von 90 % besuchen ca. 35.000 Besucher jährlich die Konzerte14. Weiterer internationaler und europäischer Anziehungspunkt sind daneben die vom Orchester mitgetragene Streicherakademie sowie die Europäische Musikakademie, die junge ausländische Musiker sowie namhafte Dozenten nach Bonn ziehen.
    Zu einer zusätzlichen Attraktivität will der Bonner Kulturrat dem Orchester und dem Beethovenfest verhelfen. Sie fordern den Bau einer neuen Konzerthalle. Als Grund hierfür wird der bauliche und akustische Zustand der Beethovenhalle angeführt. Unabhängig vom tatsächlichen Zustand der Beethovenhalle bietet der Neubau einer Konzerthalle tatsächlich die Chance, zusätzliches touristische Potential zu erschließen und die musikalische Bedeutung einer Stadt zu steigern. Ähnliche Projekte in Köln (Philharmonie), Birmingham und nunmehr Dortmund beweisen dies allzu deutlich. Doch aufgrund der schwierigen finanziellen Lage in Bonn bleibt abzuwarten, ob sich genügend Befürworter für die Forderung des Bonner Kulturrates finden.

Mehr städtisches Engagement für Schumann

Eher bescheiden nimmt sich das städtische Engagement dagegen für Robert Schumann aus. Aus meiner Sicht unverständlich, denn bereits das Grab von Robert Schumann auf dem Alten Friedhof begründet eine besondere Verpflichtung der Stadt. Natürlich konnte Robert Schumann wegen seiner schweren Erkrankung in Endenich nicht mehr schöpferisch tätig sein. Seine bedeutenden Werke entstanden in anderen Städten. Dennoch üben das Sterbehaus sowohl für Künstler als auch für ein internationales Besucherpublikum einen besonderen Reiz aus. Nicht nur die Räumlichkeiten selbst, sondern Beschreibungen des Krankheitsbildes von Robert Schumann, sein Verhältnis zu Clara in den letzten Tagen und unterschiedliche Ausführungen zur Beziehung Clara und Johannes Brahms bewegen den Besucher.
    In den Räumlichkeiten des Schumannhauses befindet sich ein Konzertsaal, eine kleine museale Gedenkstätte und die Bonner Musikbibliothek. Eine einzigartige Verbindung, die zu einer ständigen Belebung der Gedenkstätte durch Konzert- und Bibliotheksbesucher, besonders Jugendliche, führt. Die Anzahl der jährlichen Besucher des - nicht im Zentrum der Stadt liegenden - Hauses beträgt 6.000 Besucher, davon ein Drittel ausländischer Besucher, zumeist aus dem asiatischen Raum15.
    Angeregt durch das mangelnde Interesse der Stadt und angesichts des aus meiner Sicht vorhandenen, nicht unerheblichen Potentials habe ich mit dem Kabarettisten Andreas Etienne 1998 das kleine Schumannfestival Endenicher Herbst initiiert. Gemeinsam mit dem Förderverein des Schumannhauses wollen wir mit diesem Festival den zweiten bedeutenden Komponisten dieser Stadt aus dem Schatten Beethovens hervorholen. Die Voraussetzungen in Endenich sind dafür ideal, verfügt doch dieser Stadtteil über die größte Dichte an kulturellen Einrichtungen in Bonn. So befinden sich hier auf engstem Raum das Theaterhaus der Springmaus, das Theater im Ballsaal, das preisgekrönte Programmkino "Rex-Lichtspiele", die gerade für den Bereich Jazz, Rock und Pop überregional bekannte Veranstaltungsstätte "Harmonie" sowie bedeutende kirchliche Räume.
    Das jährlich stattfindende Festival erreicht - mit geringfügigen finanziellen Mitteln ausgestat tet - ca. 3.000 Besucher. Durch die Einbeziehung der in Bonn ansässigen Botschaften und Außenstellen, die Beteiligung des Internationalen Beethovenfestes, des Orchesters der Beethovenhalle und der größten europäischen Jugendchor-Föderation mit Sitz in Bonn, Europa Cantat, verfügt das Festival über europäische und internationale Kontakte, die Konzerte mit ausländischen Ensembles in Endenich ermöglichen.
    Natürlich kann die Bedeutung der Aktivitäten um Robert Schumann für den Tourismus nicht den Stellenwert erreichen, den Beethoven für diese Stadt hat. Dennoch gibt es in den kommenden Jahren zwei bedeutende Schumann-Tage, 2006 der 150. Todestag und 2010 der 200. Geburtstag. Zwei Gedenktage, die eine einmalige Chance bieten, sich kulturell und damit auch touristisch mit Schumann zu profilieren. Seitens der Initiatoren des Endenicher Herbstes besteht die Hoffnung, dass die Stadt diese Chance nutzt.

Notwendigkeit kultureller Netzwerke

Abschließend zeigt sich bei allen neuen und alten Aktivitäten um Beethoven und Schumann: Kulturelle Veranstaltungen allein laden nicht automatisch zum mehrtägigen Aufenthalt in der Bundesstadt ein, sondern ziehen eher den Tagesgast an. Das bestätigen sowohl die Aussagen des neuen Geschäftsführers der T& C GmbH Tilmann Flaig16, die Aussagen der Konzertveranstalter als auch die Untersuchung der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg17. Helfen kann nur eine Vernetzung aller Angebote sowie eine Ausschöpfung der vorhandenen Ressourcen, wie es Tilmann Flaig in einem Interview, befragt zum neuen Profil der Stadt, zum Ausdruck brachte18: Beethoven und die Kultur, die romantische rheinische Landschaft und unsere optimalen Tagungsressourcen sind die zentralen Themen.
    Aus diesen Themen - erweitert um Schumann - müssen mit interessierten Reiseveranstaltern mehrtägige Veranstaltungspakete geschnürt werden. So findet z. B. 2002 von April bis Dezember das kulturelle Themenprojekt Rheinreise mit 250 Veranstaltungen von Köln bis Bingen statt. Entsprechende Präsentationen auf der ITB sollten eine Hilfe sein, die notwendigen Verbindungen zu Reiseveranstaltern herzustellen.
    Nicht verzichten darf die Stadt zudem bei der zukünftigen Tourismuswerbung auf das Merkmal "ehemalige Hauptstadt". Bei der Passantenbefragung der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg dachten mehr als 53,7 % der Befragten spontan an "ehe malige Hauptstadt", gefolgt von "Rhein" (32,9 %) und "Beethoven" (30,4 %)19. Eine geeignete und notwendige touristische Attraktion zum Thema "ehemalige Hauptstadt" könnte hierbei mit dem Projekt des Hauses der Geschichte Weg der Demokratie geschaffen werden, bei dem im Rahmen eines Rundganges an die ehemaligen Regierungseinrichtungen und deren historische Funktion erinnert werden soll20. Natürlich braucht Bonn noch Zeit, um die genannten Potentiale auszuschöpfen. Dennoch kann bereits jetzt festgestellt werden, dass weder Regierungsumzug noch die damit verbundenen Strukturveränderungen zu dem eigentlich erwarteten Einbruch im Bereich des Tourismus geführt haben. Bonn befindet sich auf einem guten Weg, den Strukturwandel erfolgreich abzuschließen. Auf diesem Weg bieten Beethoven und Schumann der Stadt die einmalige Chance, ihr kulturelles Angebot und damit ihre Attraktivität als internationale Kongress- und Tagungsstadt entscheidend zu steigern.

Markus Schuck ist Stadtrat der Bundesstadt Bonn und Kulturpolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion.


1 Vgl. Geschäftsbericht der Tourismus & Congress (T& C) GmbH Region Bonn/ Rhein-Sieg/ Ahrweiler für das Jahr 2000, S. 7ff.

2 Nach einer internen Analyse der Übernachtungszahlen Januar-November 2001 der T& C GmbH.

3 Präsentation der Ergebnisse der Passantenbefragung in Bonn April/ Mai 2001 Präsentation der Ergebnisse der Passantenbefragung in Bonn April/ Mai 2001 für die Bundesstadt Bonn Amt für Wirtschaftsförderung, Drucks. 0210484, Ausschuss für Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie v. 13.03. 2002.

4 Präsentation der Ergebnisse der Passantenbefragung in Bonn April/ Mai 2001, a. a. O., S. 17.

5 Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene Untersuchung des Zentrums für Kulturforschung, Kurzzusammenfassung regionalspezifischer Aspekte, Bonn, Mai 2001.

6 Vgl. Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene, a. a. O., S. 21.

7 Vgl. Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene, a. a. O., Auswertungsbericht für das "Internationale Beethovenfest Bonn", S. 6.

8 Vgl. Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene, a. a. O., Auswertungsbericht für das Orchester der Beethovenhalle, S. 5.

9 Vgl. Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene, a. a. O., Auswertungsbericht für das "Internationale Beethovenfest Bonn", S. 7f.

10 Vgl. Mobil in der Kulturregion? Eine Bevölkerungsumfrage in der Rheinschiene, a. a. O., Auswertungsbericht für das Orchester der Beethovenhalle, S. 7.

11 Nach einer internen Erhebung des Beethovenhauses.

12 Eine interne, nicht repräsentative Besucherbefragung bei 213 Besuchern kommt zum Ergebnis, dass 46 % der Befragten das Beethoven-Hauses als Hauptgrund ihres Bonn-Besuches angaben.

13 Nach der internen Besucherbefragung des Beethoven-Hauses gelten als Favoriten der Ausstellung die "Instrumente" (35,2 %) und die "Autographe" (16,1 %).

14 Natürlich bezieht sich die Besucherzahl auch auf eine große Anzahl von Kammerkonzerten.

15 Interne Angaben des Hauses.

16 Vgl. Geschäftsbericht der Tourismus & Congress (T& C) GmbH Region Bonn/ Rhein-Sieg/ Ahrweiler für das Jahr 2000, S. 9: Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer hat sich nach dem Geschäftsbericht der Wert im Jahr 2000 auf 2,8 Tage erhöht, einen großen Anteil stellen dabei mit 2,1 Aufenthaltstagen die Kongress-und Veranstaltungstouristen.

17 Vgl. Präsentation der Ergebnisse der Passantenbefragung in Bonn April/ Mai 2001, a. a. O., S. 24 Betrachtet man die Reisegründe der Tagesgäste, zeigen sich signifikante Unterschiede zu den Übernachtungsgästen: Das Motiv "Kultur/ Bildung" wird bei den Tagesbesuchern dreimal so oft genannt.

18 Bonnjour, März 2002, S. 12.

19 Vgl. Präsentation der Ergebnisse der Passantenbefragung in Bonn April/ Mai 2001, a. a. O., S. 18.

20 Die Finanzierung ist zur Zeit noch nicht gesichert.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001