MANFRED WEGNER
MUSIKKULTUR UND GELD -
EIN UNLÖSBARES DILEMMA?

Auf das industrielle Zeitalter folgt das kulturelle Zeitalter, meinen die Futurologen. Kulturelle Qualitäten sollen dann über die Erfolge von Unternehmen entscheiden und kulturelle Faktoren zunehmend die Standortqualität von Dörfern, Städten und Regionen bestimmen. Es gibt neuerdings Ökonomen, welche die Bedingungen für die längerfristige Entwicklung an den so genannten K-Faktoren festmachen, das sind Kenntnisse, Kommunikation und nicht zuletzt Kunst und Kultur.
    Aber wie viel Kultur braucht unsere moderne Gesellschaft? Und welche Kultur meinen die Futurologen, Kulturmanager und Ökonomen? Und wie organisiert und definiert sich Kultur? Wer soll sie am Ende finanzieren? Endgültige Antworten darauf sind kaum zu erwarten. Selbst die Frage, wie viel Geld wir in Deutschland gegenwärtig für unsere Kultur ausgeben, lässt sich nur annäherungsweise beantworten. Ist es viel im Vergleich zu unseren Nachbarländern oder den USA? Wie viel davon entfallen auf die öffentliche Hand, die privaten Haushalte, die Sponsoren und Unternehmer?

Das wirtschaftliche Gewicht der Kultur und das Volumen der öffentlichen Förderung

Bemühen wir zuerst die Statistik, wobei wir das heillos verwirrende Labyrinth unterschiedlicher und wenig vergleichbarer Abgrenzungen des Kulturbereiches betreten. In Deutschland sind 1996 im Kunst-, Medien- und Kulturbereich (einschließlich der vor- und nachgelagerten Bereiche) mehr als 43,5 Mrd. EURO an Wertschöpfung erbracht worden mit gut einer Million Beschäftigten. Das sind 2,5 bzw. 3 Prozent aller Wirtschaftsbereiche. Der Unterbereich der privaten und öffentlichen Theater und Orchester wies eine Wertschöpfung von 2,5 Mrd. EURO auf und beschäftigte 60.000 Personen. Neuere Zahlen sind nicht verfügbar.1 Finanziert wird der Kulturbereich i. e. S.2 in Deutschland zum überwiegenden Teil von der öffentlichen Hand, also durch die Steuerzahler in ihrer Gesamtheit. Die öffentliche Hand, nämlich der Bund, die Länder sowie Städte und Gemeinden, haben 1998 netto 7,6 Mrd. EURO und nach Abzug der unmittelbaren Einnahmen (Eintrittsgelder u. ä.) rund 6,6 Mrd. EURO (Grundmittel) für die Kultur i. e. S. ausgegeben.3 Das sind 80 EURO je Kopf der Bevölkerung und 0,34 % des Bruttoinlandsprodukts. Davon machten die Fördermittel für Theater und Musik mehr als vierzig Prozent und pro Kopf 34 EURO aus. Das sind keine ungewöhnlich hohen Ausgaben, jedenfalls nicht für ein Land, das als Kulturstaat gelten will und daraus Reputation und Standortvorteile ableitet. Österreich konnte sich in den 90er-Jahren einer höheren Pro-Kopf-Förderung rühmen. Die öffentlichen Beiträge zur Kulturförderung sind zudem in Deutschland seit Mitte der 90er-Jahre real eindeutig gesunken.
    Auch im Vergleich zu anderen Ländern fällt der Kulturbereich Deutschlands mit seinen drei Prozent Beschäftigten keineswegs aus dem Rahmen. Für Frankreich wurde der Anteil der Beschäftigen im kulturellen Sektor (1986) auf vier und für Großbritannien (1994) auf fast zwei Prozent der Erwerbstätigen geschätzt. Selbst in den USA, die manchmal als kulturelles Entwicklungsland gesehen werden, lag der Anteil der Wertschöpfung in der Kulturindustrie (1988) bei 2,5 % des Bruttoinlandsproduktes (Throsby 1994).
    Die Kulturstatistik kann das Gewicht und den Einfluss des Kulturbereichs auf die Wirtschaft und Gesellschaft nicht befriedigend ausdrücken. Gesamtzahlen sagen nichts aus über Prioritäten und Ausstrahlung von Kulturausgaben. Kultur, mit ihrer Vernetzung und ihren ständigen Grenzüberschreitungen, ist eine maßgebende Antriebskraft für Kreativität, Spontaneität, Fantasie sowie Innovation und Bildung, für die Einübung des intellektuellen Dialogs und des Widerspruchs. Nicht zuletzt wird Kultur auch als wichtiger Standortfaktor angesehen, der den Tourismus stimuliert und die Ansiedlung moderner Unternehmen fördert. Kommerzielle Verwendbarkeit kann aber nicht der alleinige Maßstab für die Bedeutung und die Prioritäten der Kultur sein. Was ist aber der Stellenwert der Kultur im öffentlichen Diskurs und im Urteil der deutschen Öffentlichkeit? Können wir uns die einmalige Kultur- und Musiklandschaft überhaupt noch leisten?

Unaufhaltsame Verteuerung: die Musik als Beispiel für das Kostendilemma

Wie steht es damit in einem konkreten Fall, der Live-Aufführung von Musik? Kaum irgendwo auf der Welt gibt es so viele Opernhäuser, Orchester und Musikfestspiele wie in Deutschland. Eine fast paradiesische Musiklandschaft breitet sich hier aus und erweckt noch immer den Neid anderer Kulturnationen. Ausgangspunkt für diesen Reichtum in Deutschland waren sowohl die Hofkultur des 17. und 18. Jahrhunderts als auch der Ehrgeiz des gebildeten Bürgertums im 19. Jahrhundert. Aber auch in der Wirtschaftswunderwelt Westdeutschlands und selbst in der kargen DDR-Gesellschaft wurden keine Kosten gescheut, um die Opernhäuser und Konzertsäle in neuer Pracht erstehen zu lassen und die großen Sinfonieorchester neu aufzubauen. Der Staat trägt jedoch auch für die laufenden Betriebskosten die Hauptlast der Finanzierung.
    Musik ist überall und unaufhörlich. „Soviel Musik war nie", stellte kürzlich Peter Richter fest.4 Niemals war soviel Musik so leicht verfügbar. Ein Schlaraffenland der Musikkultur oder nur der Triumph von Kommerz und Betrieb? Auf den ersten Blick boomen Orchestermusik und Musikfestspiele. In den letzten fünf Jahren stagnierte jedoch die Besucherzahl der fast 150 Kultur- und Theaterorchester bei rund 3,6 Millionen. Gestiegen ist aber die Zahl der Aufführungen, d. h. die Zahl der Besucher je Konzert hat also deutlich abgenommen. Im Vergleich zu den Sinfonieorchestern sank die Zahl der Besucher in den 90 öffentlichen Opernhäusern und Musiktheatern (und auch die der Aufführungen). Ausgebreitet haben sich allerdings die privaten Musicaltheater. Hinzu kommen außerdem noch die vielen Aufführungen der Rundfunkorches ter, unabhängigen Orchestergruppierungen der alten und modernen Musik sowie die Gastspielreisen ausländischer Orchester. Überwältigend ist auch die Fülle der Musikfestspiele, die im Sommer ganz Deutschland überziehen. Läuft dieser finanziell überfettete Musikbetrieb weitgehend vor den Ohren eines übersättigten Publikums ab? (Umbach 1991).5
    Der Musikbetrieb in Deutschland ist - ökonomisch und finanziell gesehen - zweigeteilt. Auf der einen Seite findet sich das Gros der öffentlich geförderten Orchester, Theater- und Opernhäuser, die sich neuerdings immer häufiger - vor allem in den neuen Bundesländern - Sorgen um ihre Überlebensfähigkeit machen müssen. Als öffent liche Regiebetriebe sind sie jedoch einer bürokratisch gesteuerten Kulturpolitik und seit Mitte der 90er-Jahre dem harten Sparkurs der öffentlichen Hand unterworfen. Als Ausnahme ragt Bayern hervor. Wegen des finanziellen Notstands drohen in der Bundeshauptstadt Berlin dagegen weitere Kürzungen. Daneben gibt es den nicht- offiziellen Musikbereich, der wohl von der öffentlichen Hand nicht selten unterstützt, ständig ums Überleben kämpfen muss und keinerlei Garantien für seine Beschäftigten hat, die zudem in der Regel deutlich geringer bezahlt werden als im öffentlichen Musik bereich. Zum privat finanzierten Musikbereich gehören die Musicaltheater, die Open-Air-Konzerte sowie Großveranstaltungen der Rock- und Popmusik, die sich in letzter Zeit eines wachsenden Zuspruchs erfreuten.
    Sämtliche Bereiche des Musiklebens sind jedoch unausweichlich einer Kostenkrankheit unterworfen, über deren Folgen sich weder die Kulturpolitiker noch die Kulturmanager ausreichend klar sind. Die Aufführungskünste leiden darunter, dass ihre Arbeitsproduktivität - im Gegensatz zum industriellen Bereich - kaum steigt. Die Brandenburgischen Konzerte beanspruchen heute die gleiche Anzahl von Musikern wie vor 280 Jahren, und auch die Zahl der Zuhörer ist nicht beliebig vermehrbar. Das Gleiche gilt für Kammermusik und Opernaufführungen. Was dagegen mit den Löhnen der Gesamtwirtschaft zunimmt, sind die Gagen und Gehälter der Musiker. Die Kosten eines Orchesters und eines Opernhauses bestehen zum überwiegenden Teil aus Löhnen und Lohnnebenkosten. Gleichzeitig nahmen der technische Aufwand und die Größe der Orchester zu und nicht zuletzt wuchsen die Spitzengagen für Sänger, Solisten und Dirigenten massiv an. Steigende Löhne und Gagen führen bei stagnierender Produktivität unweigerlich zu einem Kostendilemma. Es wurde von William Baumol und William Bowen 1966 als Kostenkrankheit der Aufführungskünste bezeichnet, der man mit vier Reaktionen begegnen kann: Entweder füllt die öffentliche Hand die wachsende Lücke zwischen Kosten und Einnahmen durch höhere Zuschüsse oder die Eigeneinnahmen (die Preise der Eintrittskarten und die Sponsorenmittel u. ä.) steigen oder der Output bzw. Input - die Zahl der Aufführungen und der Musiker - vermindern sich. Letztlich verbleibt noch die Möglichkeit, dem permanenten Kostendruck durch Qualitätsabfall zu begegnen, indem weniger geprobt wird, die Zahl der Neuinszenierungen abnimmt, sich billigere Aufführungen ausbreiten oder das Repertoire schrumpft.
    Die Baumol'sche Kostenkrankheit wurde in vielen Analysen des Theater- und Musikbetriebs nachgewiesen. Mit Hilfe der Theaterstatistik kann man die finanzielle Verschlechterung auch für die deutsche Theaterlandschaft belegen. Die Einspielquoten, d. h. der Anteil der eigenen Betriebseinnahmen an den Ausgaben, hat sich in den letzten 40 Jahren für die öffentlichen Theater insgesamt von fast 40 auf 15 Prozent verringert, neuerdings allerdings wieder leicht verbessert. Das Pendant, die öffentlichen Betriebszuschüsse, machen also gegenwärtig 84 Prozent der gesamten laufenden Ausgaben aus. Für die gut 50 öffentlich finanzierten Kulturorchester verminderten sich die Einspielquoten von 45 auf gut 30 Prozent, wobei die Ergebnisse je nach Theater und Orchester stark variieren. Wohl hält die Zunahme der öffentlichen Betriebszuschüsse an, aber nach Abzug des allgemeinen Preisanstiegs haben in den letzten fünf Jahren die Zuschüsse sowohl für die öffentlichen Theater als auch für die selbstständigen Kulturorchester abgenommen. Aus einer globalen Kostenanalyse, nämlich der längerfristigen Entwicklung der realen Stückkosten je Aufführung oder Besucher, geht das gleiche Elend der Kostenkrise hervor. Um die Zuwächse der Inflationsraten bereinigt, nahmen die Betriebskosten je Besucher in den westdeutschen Theatern (zu denen die Opernhäuser gehören) im Zeitraum von 1956 bis 1990 jährlich um mehr als sechs Prozent zu, bei den Kulturorchestern lagen die realen Kostenzuwächse je Konzert bei jährlich 3- 4 Prozent.
    Konkret bedeutet die Baumol'sche Kostenkrankheit, dass sich der Musik- und Theaterbetrieb ständig und unausweichlich mit dem Problem von Einsparungen herumschlagen muss, wenn sich die öffentliche Hand nicht mehr in der Lage sieht, die Zuschüsse - wie in der jüngsten Vergangenheit - real zu erhöhen. In letzter Zeit könnten die statistischen Daten den Anschein erwecken, als ob der Kostendruck nachgelassen habe. Dahinter verbergen sich jedoch viele Gründe, die einmal mit den Rationalisierungen und Einsparungen im Theaterwesen zu tun haben. Aber beunruhigender dürfte eine weitere Erklärung sein, nämlich ein Aufweichen der Qualität von Theater- und Opernaufführungen. Immer häufiger geht es aber auch um Fusionen von städtischen Theatern, um die Schließung von Betriebsstätten und neuerdings um den Abbau des künstlerischen Personals. Daneben lassen sich andere Anzeichen einer Verarmung des Musiklebens beobachten: ein überalterter Abonnentenstamm, der eine ständige Wiederkehr des gleichen Repertoires verlangt, eine Konzentration der Hochkultur in den großen Städten, eine immer stärkere Kommerzialisierung des Musikangebots mit dem Vordringen des Starkults und der immer schnelleren Rotation der Intendanten und Regisseure sowie die Expansion der Eventkultur und die Aushöhlung des Musikunterrichts.
    Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Verarmung des Musikbetriebes ist eher resignierend trotz des zeitweiligen Aufschreis in den Feuilletons der Zeitungen und bei den Betroffenen. Nur wenn es um so genannte nationale Kulturgüter geht, wie z. B. bei den Einsparungen, die der Bund vor einiger Zeit bei der Finanzierung der Bayreuther Festspiele plante, werden solche Absichten unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder rückgängig gemacht, obwohl hier höhere Eintrittspreise ähnlich wie in Salzburg zu rechtfertigen wären. Die Salzburger Festspiele haben einen privaten Finanzierungsanteil von rund 75 Prozent bei extrem hohen Eintrittspreisen.

Festspiele als kulturelle Boomindustrie
 
Deutschland ist ein Festspielland. August Everding, dem früheren Präsidenten des Deutschen B ühnenvereins zufolge, soll es hier über 200 Festspiele geben. Ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr, und der Festspielboom scheint kein Ende zu nehmen, obwohl auch hier sich die Zeichen der Übersättigung mehren. Millionen von Besuchern genießen während der Sommermonate in Kirchen, Klöstern, Schlössern, Scheunen und Festspielorten wie Bayreuth und Baden-Baden die Aufführungen von Opern, barocker, klassisch-romantischer oder auch moderner Sinfonie- und Kammermusik.
    Fast scheint es, als würden die Verkrustungen des Theater- und Musikbetriebes im Festspielbereich aufgehoben sein. Doch kann man im Gegenteil auch argumentieren, dass es gerade die bürokratischen und tariflichen Einschränkungen im üblichen Musikbetrieb sind, die das Festspielleben stimulieren. Hier kann man sowohl der Zwangsjacke des Tarifsystems als auch den hohen Fixkosten des teuren Ensembletheaters aus dem Weg gehen. Seit zehn Jahren bieten zudem die vielen osteuropäischen Orchester Anreize für preiswerte Musikfestspiele. Wegen der geringeren marginalen Kosten bieten Festspiele daher nicht selten einen Ausweg, um der Baumol'schen Kostenfalle zu entgehen. Bei den Festspielen entfallen meist auch die Schwellenängste der Besucher gegenüber den traditionellen Kulturtempeln und sie kommen dem Verhalten und der Kaufkraft der deutschen Freizeitgesellschaft entgegen. Nicht zuletzt entsprechen viele Festspiele auch der Sehnsucht nach Intimität und einem sozialen Charakter des Musikhörens sowie dem Wunsch nach unmittelbarer Begegnung von Künstlern und Publikum, die in den aufwendigen Großformen verloren gegangen sind.

Reformbedarf im Kulturleben: Sicherheit vor Innovation und Risiko?

In der öffentlichen Diskussion über die Finanznöte des Kulturbetriebs wird neuerdings immer öfter auf das Beispiel Großbritanniens oder der USA verwiesen. In diesen Ländern werden große oder sogar überwiegende Teile der Kultur über die private Wirtschaft, über Stiftungen, Spenden und Sponsoren finanziert. In Deutschland sind es ungefähr 410-460 Mio. EURO, bescheidene 4 bis 5 Prozent, die von den privaten Unternehmen für Kultur ausgegeben werden. Für den Sport erreichten die Sponsorengelder der deutschen Wirtschaft dagegen rund 1,3 Mrd. EURO. Im Gegensatz zu den USA und auch Großbritannien sind allerdings die steuer lichen Anreize für kulturelle Stiftungen und Spenden in Deutschland äußerst dürftig. Reformen des uralten Stiftungsrechts und stärkere steuerliche Anreize für Sponsoren stoßen auf die harte Front der Steuereintreiber. Betrübt muss man feststellen, dass die Neureichen Deutschlands sich kein Beispiel an amerikanischen Unternehmern wie David Packard, Ted Turner oder Bill Gates nehmen, die viele Milliarden Dollar für ihre Stiftungen spenden.
    Nun lässt sich nicht leugnen, dass der klassische Musikbetrieb in den USA und Großbritannien mühsamer finanziert und riskanter betrieben wird als in Deutschland oder Österreich. Damit ist aber noch keineswegs gesagt, dass er auch inhaltsärmer sein muss. Es kann nur wenige Zweifel geben, dass die Musikmacher in Amerika und England mit größerem Enthusiasmus bei der Sache sind als in Deutschland, weil sie mehr Eigenverantwortung tragen und sich stärker auf die Mitbeteiligung des interessierten Publikums stützen müssen. Matthias Langhoff, der in Frankreich inszeniert, macht dem deutschen Theatersystem den Vorwurf, es sei im Inneren verkrustet durch die festgezurrten Tarif- und Abonnementstrukturen, das erstarrte Ver h ältnis der Theatermacher zu ihrem Publikum, die Anrechtstraditionen der Kulturcliquen und vieles andere.6 Der Vorwurf der zunehmenden Bürokratisierung ist auch von Franz Xaver Ohnesorg, dem erfolgreichen Manager der Kölner Philharmonie, erhoben worden, der nach einem Abstecher als Chef der New Yorker Carnegie-Hall vor kurzem die Intendanz der Berliner Philharmoniker übernahm. Wolfgang Sawallisch, der das Münchner Opernhaus nicht zuletzt wegen der bürokra tischen Bevormundungen für einen Dirigentenposten in Philadelphia verließ, preist die Begeisterungs fähigkeit und das Engagement des amerikanischen Musikpublikums (Sawallisch 1993).
    Der kulturelle Auftrag der öffentlichen Hand soll nicht infrage gestellt werden, nicht zuletzt auch deswegen, weil die deutsche Kulturlandschaft das Ergebnis eines langen Reifeprozesses und einer mehrhundertjährigen Tradition ist. Kultur und erst recht die Musik haben tiefe Wurzeln und brauchen daher einen reichhaltigen Nährboden. Öffentliche Zuschüsse werden daher auch weiterhin das wesentliche Instrument der Kulturfinanzierung bleiben müssen, wenn auch über Ausmaß, Form und Prioritäten gestritten werden darf. Schlimm wäre es, die vielfältige Kulturlandschaft mit der Rasenmähermethode zu beschneiden. Die gegenwärtige kulturpolitische Debatte konzentriert sich leider allzu sehr auf die finanziellen Aspekte.
    Deutschland leidet ganz allgemein an den Symptomen einer Überinstitutionalisierung. Auch dem Kulturbetrieb kann man die reformabwehrende und träge Haltung des gesamten deutschen Standortes vorwerfen. Wichtiger als Budgetfragen wären daher grundlegende Reformen und Veränderungen im Verhältnis von Staat, Kulturinstitutionen und Publikum. Einhalt zu bieten ist vor allem der fortdauernden Neigung staatlicher und kommunaler Kulturbehörden, sich in die künstlerischen und organisatorischen Belange der Theater, Orchester und Museen mit Detailvorschriften einzumischen und so die Lust an Innovationen und Experimenten zu bremsen.
    Der Spardruck der öffentlichen Kassen, die lange Zeit auch im Kulturbereich so munter sprudelten, wäre eine einmalige Chance, inhaltliche, institutionelle und organisatorische Reformen durchzusetzen und das erstarrte Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Publikum aufzubrechen. Wettbewerb, Flexibilität und Transparenz sind auch in der Kultur unverzichtbar. Konkret heißt das: den Wust staatlicher Regelungen abzubauen, die öffentliche Förderung der Elitekultur und der etablierten Institutionen zurückzudrängen, neue Schichten der Bevölkerung und vor allem junge Leute an das Kulturangebot heranzuführen ohne den gleichmacherischen Tendenzen der Kommerzkultur nachzugeben. Die deutsche Kulturlandschaft wird von privaten Fördergeldern nur am Rande profitieren, dort allerdings wertvolle Anstöße geben können. Ein höherer Beitrag des privaten Sektors ist aber nur dann denkbar, wenn das öffentliche Bewusstsein sich über den gesellschaftlichen und sozialen Stellenwert der Kultur klarer wird und die Entscheidungen nicht nur einer abgehobenen Klasse von Kulturbeamten und -managern überlässt. Die Zeiten für die etablierte Musik- und Kulturszene dürften in Zukunft noch härter werden. Aber diese Gefährdung könnte auch der Anlass sein, um die einmalige Musik- und Kulturlandschaft Deutschlands in der kundigen Öffentlichkeit mit stärkerer Mitbeteiligung und Opferbereitschaft als bisher zu verteidigen.
    Theater und nicht zuletzt die Musik sind ein wichtiger Teil unserer geistigen Grundversorgung. Sie in Zeiten schwacher Wirtschaftsentwicklung infrage zu stellen, wäre kurzsichtig und ein Armutszeugnis für eine reiche Gesellschaft. Es liegt an der Gruppe der Künstler, Vermittler, öffentlicher Institutionen und privater Enthusiasten, sich gegen die drohende Erosion und Verflachung des Kultur- und Musiklebens mit Leidenschaft zu wehren und die Vielfalt unseres kulturellen Reichtums an die nächste Generation weiterzugeben.

Der Beitrag stützt sich auf das Buch Musik und Mammon, Nomos Verlag, Baden-Baden 1999.

Manfred Wegner hat als Ökonom langjährige Erfahrungen in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung erworben sowie eine zwanzigjährige Tätigkeit in der Europäischen Kommission in Brüssel hinter sich. Er war Gründungspräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, wirtschaftspolitischer Berater in Zentralasien und u. a. Gastprofessor in Seoul (Südkorea) und Cluj-Napoca (Rumänien).

1 Die statistischen Angaben verdanke ich Frau Marlies Hummel, Königswinter.

2 Sprech-und Musiktheater, Orchester, Museen, Sammlungen, Bibliotheken, Kunst-und Musikpflege, Denkmalschutz (ohne Verlagswesen, Rundfunk-und Fernsehen).

3 Je nach der Abgrenzung variieren die öffentlichen Nettoausgaben für kulturelle Angelegenheiten im Jahre 1998 zwischen 7,6 bis 16,6 Mrd. EURO, das sind pro Kopf rund 92 bzw. 204,52 EURO.

4 Klaus Peter Richter (1997), Soviel Musik war nie - Eine musikalische Kulturgeschichte, München.

5 Klaus Umbach (1990), Geldschein-Sonate - Das Millionenspiel mit der Klassik, Berlin.

6 Gerhard Jörger, Ein ZEIT-Gespräch: Dieses Theater macht depressiv, in: DIE ZEIT vom 18.11.1999.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001