Auf das industrielle Zeitalter
folgt das kulturelle Zeitalter, meinen die Futurologen. Kulturelle Qualitäten
sollen dann über die Erfolge von Unternehmen entscheiden und kulturelle
Faktoren zunehmend die Standortqualität von Dörfern, Städten
und Regionen bestimmen. Es gibt neuerdings Ökonomen, welche die Bedingungen
für die längerfristige Entwicklung an den so genannten K-Faktoren
festmachen, das sind Kenntnisse, Kommunikation und nicht zuletzt Kunst
und Kultur.
Aber
wie viel Kultur braucht unsere moderne Gesellschaft? Und welche Kultur
meinen die Futurologen, Kulturmanager und Ökonomen? Und wie organisiert
und definiert sich Kultur? Wer soll sie am Ende finanzieren? Endgültige
Antworten darauf sind kaum zu erwarten. Selbst die Frage, wie viel Geld
wir in Deutschland gegenwärtig für unsere Kultur ausgeben, lässt
sich nur annäherungsweise beantworten. Ist es viel im Vergleich zu
unseren Nachbarländern oder den USA? Wie viel davon entfallen auf
die öffentliche Hand, die privaten Haushalte, die Sponsoren und Unternehmer?
Das wirtschaftliche Gewicht der Kultur und das Volumen der öffentlichen Förderung
Bemühen wir zuerst die
Statistik, wobei wir das heillos verwirrende Labyrinth unterschiedlicher
und wenig vergleichbarer Abgrenzungen des Kulturbereiches betreten. In
Deutschland sind 1996 im Kunst-, Medien- und Kulturbereich (einschließlich
der vor- und nachgelagerten Bereiche) mehr als 43,5 Mrd. EURO an Wertschöpfung
erbracht worden mit gut einer Million Beschäftigten. Das sind 2,5
bzw. 3 Prozent aller Wirtschaftsbereiche. Der Unterbereich der privaten
und öffentlichen Theater und Orchester wies eine Wertschöpfung
von 2,5 Mrd. EURO auf und beschäftigte 60.000 Personen. Neuere Zahlen
sind nicht verfügbar.1
Finanziert wird der Kulturbereich i. e. S.2
in Deutschland zum überwiegenden Teil von der öffentlichen Hand,
also durch die Steuerzahler in ihrer Gesamtheit. Die öffentliche Hand,
nämlich der Bund, die Länder sowie Städte und Gemeinden,
haben 1998 netto 7,6 Mrd. EURO und nach Abzug der unmittelbaren Einnahmen
(Eintrittsgelder u. ä.) rund 6,6 Mrd. EURO (Grundmittel) für
die Kultur i. e. S. ausgegeben.3
Das sind 80 EURO je Kopf der Bevölkerung und 0,34 % des Bruttoinlandsprodukts.
Davon machten die Fördermittel für Theater und Musik mehr als
vierzig Prozent und pro Kopf 34 EURO aus. Das sind keine ungewöhnlich
hohen Ausgaben, jedenfalls nicht für ein Land, das als Kulturstaat
gelten will und daraus Reputation und Standortvorteile ableitet. Österreich
konnte sich in den 90er-Jahren einer höheren Pro-Kopf-Förderung
rühmen. Die öffentlichen Beiträge zur Kulturförderung
sind zudem in Deutschland seit Mitte der 90er-Jahre real eindeutig gesunken.
Auch
im Vergleich zu anderen Ländern fällt der Kulturbereich Deutschlands
mit seinen drei Prozent Beschäftigten keineswegs aus dem Rahmen. Für
Frankreich wurde der Anteil der Beschäftigen im kulturellen Sektor
(1986) auf vier und für Großbritannien (1994) auf fast zwei
Prozent der Erwerbstätigen geschätzt. Selbst in den USA, die
manchmal als kulturelles Entwicklungsland gesehen werden, lag der Anteil
der Wertschöpfung in der Kulturindustrie (1988) bei 2,5 % des Bruttoinlandsproduktes
(Throsby 1994).
Die Kulturstatistik
kann das Gewicht und den Einfluss des Kulturbereichs auf die Wirtschaft
und Gesellschaft nicht befriedigend ausdrücken. Gesamtzahlen sagen
nichts aus über Prioritäten und Ausstrahlung von Kulturausgaben.
Kultur, mit ihrer Vernetzung und ihren ständigen Grenzüberschreitungen,
ist eine maßgebende Antriebskraft für Kreativität, Spontaneität,
Fantasie sowie Innovation und Bildung, für die Einübung des intellektuellen
Dialogs und des Widerspruchs. Nicht zuletzt wird Kultur auch als wichtiger
Standortfaktor angesehen, der den Tourismus stimuliert und die Ansiedlung
moderner Unternehmen fördert. Kommerzielle Verwendbarkeit kann aber
nicht der alleinige Maßstab für die Bedeutung und die Prioritäten
der Kultur sein. Was ist aber der Stellenwert der Kultur im öffentlichen
Diskurs und im Urteil der deutschen Öffentlichkeit? Können wir
uns die einmalige Kultur- und Musiklandschaft überhaupt noch leisten?
Unaufhaltsame Verteuerung: die Musik als Beispiel für das Kostendilemma
Wie steht es damit in einem
konkreten Fall, der Live-Aufführung von Musik? Kaum irgendwo auf der
Welt gibt es so viele Opernhäuser, Orchester und Musikfestspiele wie
in Deutschland. Eine fast paradiesische Musiklandschaft breitet sich hier
aus und erweckt noch immer den Neid anderer Kulturnationen. Ausgangspunkt
für diesen Reichtum in Deutschland waren sowohl die Hofkultur des
17. und 18. Jahrhunderts als auch der Ehrgeiz des gebildeten Bürgertums
im 19. Jahrhundert. Aber auch in der Wirtschaftswunderwelt Westdeutschlands
und selbst in der kargen DDR-Gesellschaft wurden keine Kosten gescheut,
um die Opernhäuser und Konzertsäle in neuer Pracht erstehen zu
lassen und die großen Sinfonieorchester neu aufzubauen. Der Staat
trägt jedoch auch für die laufenden Betriebskosten die Hauptlast
der Finanzierung.
Musik
ist überall und unaufhörlich. „Soviel Musik war nie",
stellte kürzlich Peter Richter fest.4
Niemals war soviel Musik so leicht verfügbar. Ein Schlaraffenland
der Musikkultur oder nur der Triumph von Kommerz und Betrieb? Auf den
ersten Blick boomen Orchestermusik und Musikfestspiele. In den letzten
fünf Jahren stagnierte jedoch die Besucherzahl der fast 150 Kultur-
und Theaterorchester bei rund 3,6 Millionen. Gestiegen ist aber die Zahl
der Aufführungen, d. h. die Zahl der Besucher je Konzert hat also
deutlich abgenommen. Im Vergleich zu den Sinfonieorchestern sank die Zahl
der Besucher in den 90 öffentlichen Opernhäusern und Musiktheatern
(und auch die der Aufführungen). Ausgebreitet haben sich allerdings
die privaten Musicaltheater. Hinzu kommen außerdem noch die vielen
Aufführungen der Rundfunkorches ter, unabhängigen Orchestergruppierungen
der alten und modernen Musik sowie die Gastspielreisen ausländischer
Orchester. Überwältigend ist auch die Fülle der Musikfestspiele,
die im Sommer ganz Deutschland überziehen. Läuft dieser finanziell
überfettete Musikbetrieb weitgehend vor den Ohren eines übersättigten
Publikums ab? (Umbach 1991).5
Der Musikbetrieb
in Deutschland ist - ökonomisch und finanziell gesehen - zweigeteilt.
Auf der einen Seite findet sich das Gros der öffentlich geförderten
Orchester, Theater- und Opernhäuser, die sich neuerdings immer häufiger
- vor allem in den neuen Bundesländern - Sorgen um ihre Überlebensfähigkeit
machen müssen. Als öffent liche Regiebetriebe sind sie jedoch
einer bürokratisch gesteuerten Kulturpolitik und seit Mitte der 90er-Jahre
dem harten Sparkurs der öffentlichen Hand unterworfen. Als Ausnahme
ragt Bayern hervor. Wegen des finanziellen Notstands drohen in der Bundeshauptstadt
Berlin dagegen weitere Kürzungen. Daneben gibt es den nicht- offiziellen
Musikbereich, der wohl von der öffentlichen Hand nicht selten unterstützt,
ständig ums Überleben kämpfen muss und keinerlei Garantien
für seine Beschäftigten hat, die zudem in der Regel deutlich
geringer bezahlt werden als im öffentlichen Musik bereich. Zum privat
finanzierten Musikbereich gehören die Musicaltheater, die Open-Air-Konzerte
sowie Großveranstaltungen der Rock- und Popmusik, die sich in letzter
Zeit eines wachsenden Zuspruchs erfreuten.
Sämtliche
Bereiche des Musiklebens sind jedoch unausweichlich einer Kostenkrankheit
unterworfen, über deren Folgen sich weder die Kulturpolitiker noch
die Kulturmanager ausreichend klar sind. Die Aufführungskünste
leiden darunter, dass ihre Arbeitsproduktivität - im Gegensatz zum
industriellen Bereich - kaum steigt. Die Brandenburgischen Konzerte beanspruchen
heute die gleiche Anzahl von Musikern wie vor 280 Jahren, und auch die
Zahl der Zuhörer ist nicht beliebig vermehrbar. Das Gleiche gilt für
Kammermusik und Opernaufführungen. Was dagegen mit den Löhnen
der Gesamtwirtschaft zunimmt, sind die Gagen und Gehälter der Musiker.
Die Kosten eines Orchesters und eines Opernhauses bestehen zum überwiegenden
Teil aus Löhnen und Lohnnebenkosten. Gleichzeitig nahmen der technische
Aufwand und die Größe der Orchester zu und nicht zuletzt wuchsen
die Spitzengagen für Sänger, Solisten und Dirigenten massiv an.
Steigende Löhne und Gagen führen bei stagnierender Produktivität
unweigerlich zu einem Kostendilemma. Es wurde von William Baumol und William
Bowen 1966 als Kostenkrankheit der Aufführungskünste bezeichnet,
der man mit vier Reaktionen begegnen kann: Entweder füllt die öffentliche
Hand die wachsende Lücke zwischen Kosten und Einnahmen durch höhere
Zuschüsse oder die Eigeneinnahmen (die Preise der Eintrittskarten
und die Sponsorenmittel u. ä.) steigen oder der Output bzw. Input
- die Zahl der Aufführungen und der Musiker - vermindern sich. Letztlich
verbleibt noch die Möglichkeit, dem permanenten Kostendruck durch
Qualitätsabfall zu begegnen, indem weniger geprobt wird, die Zahl
der Neuinszenierungen abnimmt, sich billigere Aufführungen ausbreiten
oder das Repertoire schrumpft.
Die Baumol'sche
Kostenkrankheit wurde in vielen Analysen des Theater- und Musikbetriebs
nachgewiesen. Mit Hilfe der Theaterstatistik kann man die finanzielle Verschlechterung
auch für die deutsche Theaterlandschaft belegen. Die Einspielquoten,
d. h. der Anteil der eigenen Betriebseinnahmen an den Ausgaben, hat sich
in den letzten 40 Jahren für die öffentlichen Theater insgesamt
von fast 40 auf 15 Prozent verringert, neuerdings allerdings wieder leicht
verbessert. Das Pendant, die öffentlichen Betriebszuschüsse,
machen also gegenwärtig 84 Prozent der gesamten laufenden Ausgaben
aus. Für die gut 50 öffentlich finanzierten Kulturorchester verminderten
sich die Einspielquoten von 45 auf gut 30 Prozent, wobei die Ergebnisse
je nach Theater und Orchester stark variieren. Wohl hält die Zunahme
der öffentlichen Betriebszuschüsse an, aber nach Abzug des allgemeinen
Preisanstiegs haben in den letzten fünf Jahren die Zuschüsse
sowohl für die öffentlichen Theater als auch für die selbstständigen
Kulturorchester abgenommen. Aus einer globalen Kostenanalyse, nämlich
der längerfristigen Entwicklung der realen Stückkosten je Aufführung
oder Besucher, geht das gleiche Elend der Kostenkrise hervor. Um die Zuwächse
der Inflationsraten bereinigt, nahmen die Betriebskosten je Besucher in
den westdeutschen Theatern (zu denen die Opernhäuser gehören)
im Zeitraum von 1956 bis 1990 jährlich um mehr als sechs Prozent zu,
bei den Kulturorchestern lagen die realen Kostenzuwächse je Konzert
bei jährlich 3- 4 Prozent.
Konkret
bedeutet die Baumol'sche Kostenkrankheit, dass sich der Musik- und Theaterbetrieb
ständig und unausweichlich mit dem Problem von Einsparungen herumschlagen
muss, wenn sich die öffentliche Hand nicht mehr in der Lage sieht,
die Zuschüsse - wie in der jüngsten Vergangenheit - real zu erhöhen.
In letzter Zeit könnten die statistischen Daten den Anschein erwecken,
als ob der Kostendruck nachgelassen habe. Dahinter verbergen sich jedoch
viele Gründe, die einmal mit den Rationalisierungen und Einsparungen
im Theaterwesen zu tun haben. Aber beunruhigender dürfte eine weitere
Erklärung sein, nämlich ein Aufweichen der Qualität von
Theater- und Opernaufführungen. Immer häufiger geht es aber auch
um Fusionen von städtischen Theatern, um die Schließung von
Betriebsstätten und neuerdings um den Abbau des künstlerischen
Personals. Daneben lassen sich andere Anzeichen einer Verarmung des Musiklebens
beobachten: ein überalterter Abonnentenstamm, der eine ständige
Wiederkehr des gleichen Repertoires verlangt, eine Konzentration der Hochkultur
in den großen Städten, eine immer stärkere Kommerzialisierung
des Musikangebots mit dem Vordringen des Starkults und der immer schnelleren
Rotation der Intendanten und Regisseure sowie die Expansion der Eventkultur
und die Aushöhlung des Musikunterrichts.
Die Reaktion
der Öffentlichkeit auf die Verarmung des Musikbetriebes ist eher resignierend
trotz des zeitweiligen Aufschreis in den Feuilletons der Zeitungen und
bei den Betroffenen. Nur wenn es um so genannte nationale Kulturgüter
geht, wie z. B. bei den Einsparungen, die der Bund vor einiger Zeit bei
der Finanzierung der Bayreuther Festspiele plante, werden solche Absichten
unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder rückgängig gemacht,
obwohl hier höhere Eintrittspreise ähnlich wie in Salzburg zu
rechtfertigen wären. Die Salzburger Festspiele haben einen privaten
Finanzierungsanteil von rund 75 Prozent bei extrem hohen Eintrittspreisen.
Festspiele als kulturelle
Boomindustrie
Deutschland ist ein Festspielland.
August Everding, dem früheren Präsidenten des Deutschen B ühnenvereins
zufolge, soll es hier über 200 Festspiele geben. Ihre Zahl wächst
von Jahr zu Jahr, und der Festspielboom scheint kein Ende zu nehmen, obwohl
auch hier sich die Zeichen der Übersättigung mehren. Millionen
von Besuchern genießen während der Sommermonate in Kirchen,
Klöstern, Schlössern, Scheunen und Festspielorten wie Bayreuth
und Baden-Baden die Aufführungen von Opern, barocker, klassisch-romantischer
oder auch moderner Sinfonie- und Kammermusik.
Fast
scheint es, als würden die Verkrustungen des Theater- und Musikbetriebes
im Festspielbereich aufgehoben sein. Doch kann man im Gegenteil auch argumentieren,
dass es gerade die bürokratischen und tariflichen Einschränkungen
im üblichen Musikbetrieb sind, die das Festspielleben stimulieren.
Hier kann man sowohl der Zwangsjacke des Tarifsystems als auch den hohen
Fixkosten des teuren Ensembletheaters aus dem Weg gehen. Seit zehn Jahren
bieten zudem die vielen osteuropäischen Orchester Anreize für
preiswerte Musikfestspiele. Wegen der geringeren marginalen Kosten bieten
Festspiele daher nicht selten einen Ausweg, um der Baumol'schen Kostenfalle
zu entgehen. Bei den Festspielen entfallen meist auch die Schwellenängste
der Besucher gegenüber den traditionellen Kulturtempeln und sie kommen
dem Verhalten und der Kaufkraft der deutschen Freizeitgesellschaft entgegen.
Nicht zuletzt entsprechen viele Festspiele auch der Sehnsucht nach Intimität
und einem sozialen Charakter des Musikhörens sowie dem Wunsch nach
unmittelbarer Begegnung von Künstlern und Publikum, die in den aufwendigen
Großformen verloren gegangen sind.
Reformbedarf im Kulturleben: Sicherheit vor Innovation und Risiko?
In der öffentlichen
Diskussion über die Finanznöte des Kulturbetriebs wird neuerdings
immer öfter auf das Beispiel Großbritanniens oder der USA verwiesen.
In diesen Ländern werden große oder sogar überwiegende
Teile der Kultur über die private Wirtschaft, über Stiftungen,
Spenden und Sponsoren finanziert. In Deutschland sind es ungefähr
410-460 Mio. EURO, bescheidene 4 bis 5 Prozent, die von den privaten Unternehmen
für Kultur ausgegeben werden. Für den Sport erreichten die Sponsorengelder
der deutschen Wirtschaft dagegen rund 1,3 Mrd. EURO. Im Gegensatz zu den
USA und auch Großbritannien sind allerdings die steuer lichen Anreize
für kulturelle Stiftungen und Spenden in Deutschland äußerst
dürftig. Reformen des uralten Stiftungsrechts und stärkere steuerliche
Anreize für Sponsoren stoßen auf die harte Front der Steuereintreiber.
Betrübt muss man feststellen, dass die Neureichen Deutschlands sich
kein Beispiel an amerikanischen Unternehmern wie David Packard, Ted Turner
oder Bill Gates nehmen, die viele Milliarden Dollar für ihre Stiftungen
spenden.
Nun lässt
sich nicht leugnen, dass der klassische Musikbetrieb in den USA und Großbritannien
mühsamer finanziert und riskanter betrieben wird als in Deutschland
oder Österreich. Damit ist aber noch keineswegs gesagt, dass er auch
inhaltsärmer sein muss. Es kann nur wenige Zweifel geben, dass die
Musikmacher in Amerika und England mit größerem Enthusiasmus
bei der Sache sind als in Deutschland, weil sie mehr Eigenverantwortung
tragen und sich stärker auf die Mitbeteiligung des interessierten
Publikums stützen müssen. Matthias Langhoff, der in Frankreich
inszeniert, macht dem deutschen Theatersystem den Vorwurf, es sei im Inneren
verkrustet durch die festgezurrten Tarif- und Abonnementstrukturen, das
erstarrte Ver h ältnis der Theatermacher zu ihrem Publikum, die Anrechtstraditionen
der Kulturcliquen und vieles andere.6
Der Vorwurf der zunehmenden Bürokratisierung ist auch von Franz Xaver
Ohnesorg, dem erfolgreichen Manager der Kölner Philharmonie, erhoben
worden, der nach einem Abstecher als Chef der New Yorker Carnegie-Hall
vor kurzem die Intendanz der Berliner Philharmoniker übernahm. Wolfgang
Sawallisch, der das Münchner Opernhaus nicht zuletzt wegen der bürokra
tischen Bevormundungen für einen Dirigentenposten in Philadelphia
verließ, preist die Begeisterungs fähigkeit und das Engagement
des amerikanischen Musikpublikums (Sawallisch 1993).
Der kulturelle
Auftrag der öffentlichen Hand soll nicht infrage gestellt werden,
nicht zuletzt auch deswegen, weil die deutsche Kulturlandschaft das Ergebnis
eines langen Reifeprozesses und einer mehrhundertjährigen Tradition
ist. Kultur und erst recht die Musik haben tiefe Wurzeln und brauchen daher
einen reichhaltigen Nährboden. Öffentliche Zuschüsse werden
daher auch weiterhin das wesentliche Instrument der Kulturfinanzierung
bleiben müssen, wenn auch über Ausmaß, Form und Prioritäten
gestritten werden darf. Schlimm wäre es, die vielfältige Kulturlandschaft
mit der Rasenmähermethode zu beschneiden. Die gegenwärtige kulturpolitische
Debatte konzentriert sich leider allzu sehr auf die finanziellen Aspekte.
Deutschland
leidet ganz allgemein an den Symptomen einer Überinstitutionalisierung.
Auch dem Kulturbetrieb kann man die reformabwehrende und träge Haltung
des gesamten deutschen Standortes vorwerfen. Wichtiger als Budgetfragen
wären daher grundlegende Reformen und Veränderungen im Verhältnis
von Staat, Kulturinstitutionen und Publikum. Einhalt zu bieten ist vor
allem der fortdauernden Neigung staatlicher und kommunaler Kulturbehörden,
sich in die künstlerischen und organisatorischen Belange der Theater,
Orchester und Museen mit Detailvorschriften einzumischen und so die Lust
an Innovationen und Experimenten zu bremsen.
Der Spardruck
der öffentlichen Kassen, die lange Zeit auch im Kulturbereich so munter
sprudelten, wäre eine einmalige Chance, inhaltliche, institutionelle
und organisatorische Reformen durchzusetzen und das erstarrte Verhältnis
zwischen Kulturbetrieb und Publikum aufzubrechen. Wettbewerb, Flexibilität
und Transparenz sind auch in der Kultur unverzichtbar. Konkret heißt
das: den Wust staatlicher Regelungen abzubauen, die öffentliche Förderung
der Elitekultur und der etablierten Institutionen zurückzudrängen,
neue Schichten der Bevölkerung und vor allem junge Leute an das Kulturangebot
heranzuführen ohne den gleichmacherischen Tendenzen der Kommerzkultur
nachzugeben. Die deutsche Kulturlandschaft wird von privaten Fördergeldern
nur am Rande profitieren, dort allerdings wertvolle Anstöße
geben können. Ein höherer Beitrag des privaten Sektors ist aber
nur dann denkbar, wenn das öffentliche Bewusstsein sich über
den gesellschaftlichen und sozialen Stellenwert der Kultur klarer wird
und die Entscheidungen nicht nur einer abgehobenen Klasse von Kulturbeamten
und -managern überlässt. Die Zeiten für die etablierte Musik-
und Kulturszene dürften in Zukunft noch härter werden. Aber diese
Gefährdung könnte auch der Anlass sein, um die einmalige Musik-
und Kulturlandschaft Deutschlands in der kundigen Öffentlichkeit mit
stärkerer Mitbeteiligung und Opferbereitschaft als bisher zu verteidigen.
Theater
und nicht zuletzt die Musik sind ein wichtiger Teil unserer geistigen Grundversorgung.
Sie in Zeiten schwacher Wirtschaftsentwicklung infrage zu stellen, wäre
kurzsichtig und ein Armutszeugnis für eine reiche Gesellschaft. Es
liegt an der Gruppe der Künstler, Vermittler, öffentlicher Institutionen
und privater Enthusiasten, sich gegen die drohende Erosion und Verflachung
des Kultur- und Musiklebens mit Leidenschaft zu wehren und die Vielfalt
unseres kulturellen Reichtums an die nächste Generation weiterzugeben.
Der Beitrag stützt sich auf das Buch Musik und Mammon, Nomos Verlag, Baden-Baden 1999.
Manfred Wegner hat als Ökonom langjährige Erfahrungen in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung erworben sowie eine zwanzigjährige Tätigkeit in der Europäischen Kommission in Brüssel hinter sich. Er war Gründungspräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, wirtschaftspolitischer Berater in Zentralasien und u. a. Gastprofessor in Seoul (Südkorea) und Cluj-Napoca (Rumänien).
1 Die statistischen Angaben verdanke ich Frau Marlies Hummel, Königswinter.
2 Sprech-und Musiktheater, Orchester, Museen, Sammlungen, Bibliotheken, Kunst-und Musikpflege, Denkmalschutz (ohne Verlagswesen, Rundfunk-und Fernsehen).
3 Je nach der Abgrenzung variieren die öffentlichen Nettoausgaben für kulturelle Angelegenheiten im Jahre 1998 zwischen 7,6 bis 16,6 Mrd. EURO, das sind pro Kopf rund 92 bzw. 204,52 EURO.
4 Klaus Peter Richter (1997), Soviel Musik war nie - Eine musikalische Kulturgeschichte, München.
5 Klaus Umbach (1990), Geldschein-Sonate - Das Millionenspiel mit der Klassik, Berlin.
6 Gerhard Jörger, Ein ZEIT-Gespräch: Dieses Theater macht depressiv, in: DIE ZEIT vom 18.11.1999.