TADEUSZ WIELECKI
DAS FESTIVAL "WARSCHAUER HERBST"

Der "Warschauer Herbst" ist ein verdientes, traditionsreiches Festival, eine Art Zeuge der Geschichte. Es ist das einzige Festival in Polen von internationalem Rang, das der zeitgenössischen Musik gewidmet ist, über viele Jahre hinweg die einzige Veranstaltung dieser Art in Mittel- und Osteuropa. Es ist immer noch lebendig und entwickelt sich in dem Maße, wie es das staatliche Kulturbudget (0,33 %) und die allgemeine Musiksituation erlauben. Das Festival wird durch den Verband Polnischer Komponisten organisiert, das Programm der folgenden Veranstaltungen bearbeitet die Repertoirekommission, die vom Verbandsvorstand berufen wird. Im Jahr 2001 fand der "Warschauer Herbst" das 44. Mal statt.
    Die Idee des Festivals entstand im Jahre 1956, in der Zeit des politischen Tauwetters nach Stalin, und obwohl die Regierung den Prozess der Demokratisierung schnell aufgab, existierte das Festival während des Kommunismus ohne Unterbrechung - mit zwei Ausnahmen - und wurde vom Staat mit öffentlichen Mitteln finanziert. Erst die neue ökonomische und soziale Situation des Staates hat die Finanzierung des "Warschauer Herbstes" unsicher gemacht. Heute spielt das Festival für die zeitgenössische Kultur Polens immer noch eine wichtige Rolle, doch die Kultur selbst - obwohl sie auf hohem Niveau steht - wird gering geschätzt. Die von der Massenkultur beeinflusste Gesellschaft, die die Kunst hauptsächlich als Unterhaltung versteht, will sie nicht. Das gilt auch für die Institutionen, die das soziale Leben mitprägen: Politiker, Medien und sogar die öffentliche Förderung. Vor allem will man sich zeigen und braucht die Kunst als Emblem, als Element feierlicher Anlässe. Man ist der Meinung, dass in dieser Funktion die Werke Beethovens oder Chopins besser geeignet sind als die Werke Spahlingers oder Szaloneks. Um eine moderne Einstellung zur Kultur muss man in Polen noch ringen.
    Es ist paradox, dass in die kommunistische Zeit die Glanzzeit des "Warschauer Herbstes" fällt. Das Festival schlug nämlich eine Bresche in den Eisernen Vorhang und war eine Insel der Schaffensfreiheit. Hier herrschte der sozialistische Realismus nicht, hier waren alle künstlerischen Extravaganzen möglich. Sie gaben ein Gefühl der Meinungsfreiheit allgemein und wurden als politische Distanzierung empfunden. Die Behörden haben diese Lage toleriert, um vor der Welt als liberale Förderer der Kunst zu gelten.
    In der Kunst selbst geschahen - ich denke an die ersten zwei Dekaden des Festivals - sehr spannende und neue Dinge, die von allgemeinem Interesse begleitet wurden. Nachdem die Polen im 2. Weltkrieg und in der folgenden Zeit der Isolationspolitik Stalins von den neuen Erscheinungen und Tendenzen des musikalischen Lebens in Westeuropa abgeschnitten worden waren, konnten sie mit Hilfe des Festivals mit doppeltem Eifer den Rückstand aufholen und die Werke von Schönberg, Berg, Webern, Varese, Bartok und Strawinsky kennen lernen. Gleichzeitig haben die Polen die aktuellen Vorschläge der Avantgarde dieser Jahre verfolgt: von Boulez, Nono, Dallapiccoli, Busotti, Kayn, Maderna, Cardew und Cage. Komponisten, Künstler, Kritiker und Musikwissenschaftler sind gerne nach Warschau gekommen, einerseits weil sie neugierig waren auf die Länder hinter dem Eisernen Vorhang, andererseits aber auch einfach deswegen, weil der Warschauer Herbst weltberühmt wurde. Das Festival wurde zum wichtigen Forum der Neuen Musik, das man mit den Donaueschinger Tagen oder der Biennale di Venezia gleichsetzen konnte.
    Fast von Anfang an hat sich das modernistische Image des Festivals herauskristallisiert: Musik mit konservativem Charakter spielt im Programm des "Warschauer Herbstes" nur eine marginale Rolle. Dabei ist der "Warschauer Herbst" offen für die Vielfalt der Erscheinungen und Tendenzen, für das also, was für die Musik unserer Zeit typisch ist, angefangen beim klanglichen Radikalismus, der von der Webern'schen Tradition kommt (Lachenman, Ferneyhough, Holliger), über die Strömungen, die mit der Musik der Vergangenheit und der Tradition verbunden sind, bis zur Audio-Art oder zu Klanginstallationen. Man sagt über den "Warschauer Herbst" zutreffend, dass er positiv eklektisch ist. Und so soll es auch sein, wenn das Festival möglichst umfassend über das aktuelle Musikgeschehen der Welt informieren will. Das Festival ist in Polen das einzige authentische Forum für zeitgenössische Musik. Die Programmhefte des "Warschauer Herbstes" sind für die polnischen Musikwissenschaftler oder Journalisten eine erste Informationsquelle über die neueste Musik. Genauso die Klangchronik, das heißt die Aufnahmensammlung, die nach jedem Festival herausgegeben wird. Bis vor kurzem umfasste diese Dokumentation nur die polnische Musik. Mit der CD Aimard plays Ligeti, herausgegeben im Rahmen der letztjährigen Chronik, wurde mit der Ausweitung auf die Weltmusik begonnen.
    Eines der drei Grundziele der Veranstalter des Festivals ist seit langem verwirklicht: das Heranführen des polnischen Hörers an die Klassik des 20. Jahrhunderts (das heißt an die Werke, die zu Beginn des Festivals zur Klassik gehörten). Inzwischen vergrößern sich die neuen Rückstände, die die Klassik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betreffen. Als Beispiel können "Gruppen" von Stockhausen dienen, die in Polen erstmals im letzten Jahr während des "Warschauer Herbstes" zu hören waren. Immer aktuell bleiben dagegen zwei andere Ziele: die Vorstellung der neuen polnischen und der weltweiten Musikströmungen. Die zeitgenössische Musik in Polen spielt ein bisschen "verrückt". Man sagt über sie, sie sei hermetisch, d. h. für eine kleine Gruppe von Spezialisten, abgehoben von der Realität. Deshalb ist es sehr wichtig, ein solches Stereotyp zu überwinden. Und es gelingt. Seit einigen Jahren besuchen den "Warschauer Herbst" neue Gruppen von Zuhörern, die Säle sind voll, manchmal gedrängt voll. Und was wichtig ist, die Mehrheit des Publikums bildet die Jugend. Es scheint, dass nach Jahren wieder ein Interesse für eine raffiniertere, kompliziertere Musik entsteht. Es bildet sich eine Elite von jungen Menschen heraus, die bessere Schulen und Hochschulen besuchen, keine Angst vor dem Schwierigen haben und sich gerade von den Konsumenten der Jugendkultur absetzen wollen. Diese Jugend sucht nicht nur nach dem "Neuen", dem "Anderen", nach der sehr breit verstandenen Exotik, sondern auch nach der Musik, die den Zuhörer gleichsam adeln könnte. Das bestätigt zum Beispiel das oben genannte Konzert mit "Gruppen", das in einer vollen Sporthalle mit überwiegend jungen Leuten stattfand. Das bestätigen auch andere Konzerte des letzten oder der vorhergehenden Festivals.
    Einerseits beobachten wir in starkes Interesse für den "Warschauer Herbst" sowohl bei den Hörern als auch - trotz allem - bei den Kulturbehörden, die das Festival als Veranstaltung mit großem Erfolg und Prestige einstufen. Andererseits spiegeln sich dieses Interesse und diese Anerkennung nicht in einer angemessenen finanziellen Unterstützung wider. Der "Warschauer Herbst" kämpft ständig mit finanziellen Problemen, was sich auf das Programm auswirkt: Es ist fast unmöglich, wirklich große oder untypische, kreativere Projekte zu planen. Dies macht die Organisation komplizierter und wirkt sich auf die Vorbereitungen der folgenden Festivals aus. Die Zuschüsse fließen sehr chaotisch und es ist unmöglich, ihre Höhe vorauszusehen.
    Obwohl mit dem "Warschauer Herbst" mehrere polnische Kulturinstitutionen wie die Nationalphilharmonie, das Polnische Radio oder das Polnische Fernsehen kooperieren, stellt die Unterstützung durch Botschaften, Kulturinstitute und Stiftungen der Staaten, deren Musik während des Festivals vorgestellt wird, eine wertvolle Hilfe dar. Manchmal findet eine engere Zusammenarbeit statt, vor allem dann, wenn die Musik des Staates breiter präsentiert wird. Unvergesslich ist das skandinavische Thema, das 1998 mit Unterstützung des Nordischen Ministerrates realisiert wurde.
    In der Regel findet das Festival in der zweiten Septemberhälfte statt und dauert acht Tage. Das diesjährige Festival war vom 21. bis 29. September 2001. Die wichtigste Komponistin war Galina Ustwolskaja. Alle ihre Sinfonien wurden vorgestellt, die erste für zwei Solostimmen und Orchester während des Eröffnungskonzerts mit dem Moskauer Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Jurij Simonov, die 2., 3., 4. und 5. mit der Mezzosopranistin Jadwiga Rappé und dem Orchester der Schlesischen Philharmonie unter der Leitung von Jacek Blaszczyk. Im Rahmen des "Holländischen Polders" traten die Ensembles Nieuw Ensemble und Loos aus Amsterdam auf. Außerdem fand die Uraufführung einer neuen, vom "Warschauer Herbst" bestellten Multimedia-Oper statt, "Tatooed Tongues" (Komponist Martijn Padding, Libretto Friso Haverkamp), die auf dem Werk von Swedenborg aufbaut. Im nächsten Jahr findet die Uraufführung zweier weiterer Opern statt, die vom Festival in Auftrag gegeben wurden: von Barbara Zawadzka zum Text von William Blake und von Osvaldas Balakauskas zur Poesie von Oskar Milosz. Zusammen bilden sie eine Art metaphysisches Triptychon mit dem Titel "Ziemia Ulro", das inspiriert wurde von der Idee eines Buches von Czeslaw Milosz, dem polnischen Nobelpreisträger, mit demselben Titel, der Idee von dem Bedürfnis nach unorthodoxer Geistigkeit. Eine Innovation des Programms ist "Continuum", eine Art Marathon, in dem jede Komposition autonom vorgestellt wird, d. h. ohne Zusammenhang mit den übrigen, anders also als bei der traditionellen Konzertsituation. Es wird zwei solche Veranstaltungen geben. Wenn es um polnische Musik geht, wird der wichtigste Moment der Auftritt des Nationalorchesters des Polnischen Radios aus Katowice sein, das neue Werke führender Musiker der mittleren Generation - Pawel Szymanski, Elzbieta Sikora und Eugeniusz Knapik - präsentieren wird.
    Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal Beziehungen zum Deutschen Musikrat angeknüpft. Sein Beitrag zum 44. "Warschauer Herbst" war das Konzert des Ensembles United Berlin, das am 22. September unter der Leitung von Peter Hirsch im Königsschloss stattfand. Die deutschen Musiker führten Werke von Hans-Peter Kyburz, Jakob Ulman und Mathias Spahlinger auf. Ich hoffe, dass dies erst der Anfang der Zusammenarbeit mit einer so einflussreichen Organisation wie dem Deutschen Musikrat ist und dass sie langfristig sein wird. Ich bin der Meinung, dass die Erfahrungen, die während des Festivals dank einer solchen Zusammenarbeit gewonnen wurden, eine gute Vorbereitung für bilaterale Kontakte und gemeinsame Projekte in der nicht mehr so fernen Zukunft im Rahmen der Europäischen Union sein werden.

Tadeusz Wielecki ist Komponist und Direktor des Festivals „Warschauer Herbst" in Polen.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001