OLAV ROßBACH
KONFERENZ "RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIE FÖRDERUNG VON KULTUR: MUSIK IM 21. JAHRHUNDERT" AM 21. SEPTEMBER 2001 IN WARSCHAU

Wenn die kulturellen Beziehungen zu Polen nicht wachsen, gibt es auch keine weitere Annäherung der benachbarten Staaten. Diese oft gehörte Sentenz war Antrieb für den Deutschen Musikrat, sich beim großen polnischen Festival für Zeitgenössische Musik, dem Warschauer Herbst, zu präsentieren und auf Kontaktsuche zu gehen. Die 44. Auflage dieses achttägigen Festivals in der polnischen Hauptstadt wurde deshalb zur Plattform für ein bilaterales Symposion zu Rahmenbedingungen für die Förderung von Kultur. Die Rolle der Musik im 21. Jahrhundert. Zudem wurde ein Konzert des Deutschen Musikrates am 22. September 2001 in das Festivalprogramm eingebunden. Im Reisegepäck hatte der Deutsche Musikrat dazu das 18-köpfige Ensemble UnitedBerlin mit einem für Ausführende und Zuhörer gleichermaßen aufregenden Programm: Die Auswahl von Werken von Hans-Peter Kyburz, Jakob Ullmann und Mathias Spahlinger bot ein Spektrum deutscher Musikschaffender. Die ausgewählten Werke, die neben einem Standardinstrumentarium für Spezialinstrumente und Gerätschaften gesetzt sind, spielten insbesondere mit dem Wechsel und der Kombination von Klang und Geräusch, was beide Teile, das Ensemble unter der Leitung von Peter Hirsch, wie das Publikum im ausverkauften Saal des Warschauer Königsschlosses, phasenweise atemlos machte.
    Am gleichen Ort, am Rande der Warschauer Altstadt, hatte am Vortag das Symposion einen Strauß an Themen angerissen. Der polnische Kulturminister Zielinski erläuterte zur Eröffnung die Lage des neu gegründeten Polnischen Musikrates. Erstmals bereits 1956 von Musikern und Kompo nisten gegründet, stand dieser unter politischer Kontrolle, weshalb er sich nach außen als lose Gruppierung prominenter Komponisten darstellte, um sich der Einflussnahme möglichst zu entziehen. Nach dem Ende der Volksrepublik Polen fiel der letztlich doch zentral gelenkte Verbund auseinander. Auf Initiative des Komponistenverbandes gibt es seit dem Jahr 2000 nun wieder einen Polnischen Musikrat. Noch steckt er in den Anfängen. Durch Austausch wie dem mit dem Deutschen Musikrat arbeiten beide Seiten jedoch auf dessen Einbindung in den internationalen Dialog sowie die Befruchtung in Strukturfragen und Projektideen hin. Zu letzteren hatte insbesondere der Präsident des Deutschen Musikrates, Prof. Dr. Franz Müller-Heuser, mit viel Erfahrung und einem großen Angebot aufzuwarten. Alle Bereiche des Musiklebens fasse der Deutsche Musikrat ins Auge. Das spiegele sich besonders in seinen politischen Arbeitsgebieten wider, zur Zeit mit den Schwerpunkten: Künstlersozialversicherung, Ehrenamt, Urhebervertragsrecht als Teil des Urheberrechtes und die Kampagne ""Hauptsache Musik". Auf erhöhtes Interesse stießen erwartungsgemäß seine Ausführungen zu den Tätigkeiten des Deutschen Musikrats in Sachen Zeitgenössischer Musik.
    Aus der Bundesrepublik waren kompetente und repräsentative Teilnehmer angereist, darunter Dr. Gerti Peters, Referatsleiterin Musik beim Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien sowie Medienvertreter. GEMA-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Reinhold Kreile als Vertreter der Musikurheber legte in seinem Referat den Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit der Urhebergesellschaften. Das sei in einer immer internationaler wirtschaftenden Welt vonnöten, um Ansprüche der Urheber wirksam geltend machen zu können. Diese Kooperation müsse von den jeweiligen Staaten erlaubt, besser noch gewünscht sein. Doch im Digitalzeitalter scheinen nach den Rechtsprechungen der vergangenen Jahre die Ansprüche der Urheber innerhalb der neuen Gegebenheiten verankert zu sein, so Kreile. Schließlich gab er noch einen Hinweis auf die nötige Solidarität unter den Urhebern durch eine unterschiedliche Bewertung in den Bereichen U-und E-Musik zugunsten letzterer; eine Konstellation, die im Prinzip alle Urheberrechtsgesellschaften weltweit positiv bewerten.
    Edward Pallasz von der ZAIKS (Polnische Gesellschaft für Urheberrecht), wies darauf hin, dass in Spanien die Pro-Kopf-Ausgabe der Bevölkerung für Urheberrechte viermal so viel betrage wie in Polen. Dieses massive finanzielle Missverhältnis aufzulösen bezeichnete Edward Pallasz als zentrale Aufgabe seiner Organisation. Die Polnische Gesellschaft für Urheberrecht zeigt ein besonderes Engagement bei der Musikförderung. So engagierte man sich durch Stipendien und Preise, in der Phonothek des polnischen Komponistenverbandes und durch Tantiemenvorauszahlungen an Komponisten, die an groß angelegten Werken arbeiten.
    Prof. Dr. Jan Bleszynski steht als Berater des Kulturministers in Urherberrechtsfragen vor der Aufgabe, das polnische Urheberrecht vorausschauend an die EU-Rahmenrichtlinie anzupassen. Zwar sei 1994 die wesentliche Umsetzung bereits erfolgt, es gebe jedoch noch strukturelle Probleme. Die Themenpalette dieser ersten deutsch-polnischen Begegnung war bewusst weit gefasst, um Brennpunkte zu ermitteln. Für das kommende Jahr ist mit der Vertiefung eines Schwerpunktes eine Fortsetzung geplant. Eine Dokumentation der diesjährigen Veranstaltung ist beim Deutschen Musikrat in Vorbereitung.

Symposionteilnehmer Polen

Prof. Dr. Jan Bleszynski, Berater für Urheberrechtsfragen des Kultusministeriums
Prof. Andrzej Chlopecki, Vorsitzender der Stiftung der Freunde des "Warschauer Herbstes"
Kazimierz Kord, Präsident des Polnischen Musikrates, GMD der Nationalphilharmonie Warschau
Robert Kostro, Vizedirektor des Adam-Mickiewicz-Instituts
Krzysztof Knittel, Vorsitzender der Vereinigung polnischer Komponisten
Zygmunt Krauze, ehem. Vorsitzender der Internationalen Vereinigung der Zeitgen. Musik
Grzegorz Michalski, Direktor des Nationalen Chopin-Institutes
Edward Pallasz, Vizevorsitzender der ZAIKS
Iwona Ryniewicz, Stiftung Kronenberg
Tadeusz Wielecki, Direktor des Festivals "Warschauer Herbst"
Prof. Andrzej Sylwester Zielinski, Kulturminister

Symposionteilnehmer Deutschland

Prof. Klaus Bernbacher, Vorsitzender des Hauptausschusses "Konzert des Deutschen Musikrates"
Detlef Heusinger, Komponist
Dr. Uli Kostenbader, Leiter Sponsoring bei DaimlerChrysler
Prof. Dr. Reinhold Kreile, GEMA-Generaldirektor
Prof. Dr. Franz Müller-Heuser, Präsident des Deutschen Musikrates
Dr. Gerti Peters, Referatsleiterin Musik beim Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien
Rainer Pöllmann, Redakteur für Neue Musik beim DeutschlandRadio
Michael Roßnagl, Leiter des Siemens Arts Program
Dr. Eckhart Rohlfs, Generalsekretär der Union der Europäischen Musikwettbewerbe für die Jugend

Moderator

Dr. Janunsz Cizek, Vizedirektor Abteilung für die Zusammenarbeit mit dem Ausland und die Europäische Integration, Ministerium für Kultur und nationales Erbe.
Theo Geißler, Herausgeber neue musikzeitung

Olav Roßbach ist Musikwissenschaftler und Mitarbeiter des Deutschen Musikrates im Förderprogramm für Zeitgenössische Musik


erschienen in: Musikforum H. 95/2001