HANS NEUHOFF
DIE ALTERSSTRUKTUR VON KONZERTPUBLIKA
QUERSCHNITTE UND LÄNGSSCHNITTE VON KLASSIK BIS POP IN KULTURSOZIOLOGISCHER ANALYSE

Einleitung Trotz einer fortschreitenden Medialisierung des Musikhörens bildet der Konzertbesuch nach wie vor ein überaus bedeutendes Standbein für das Musikleben in unserer Gesellschaft - ideell und wirtschaftlich. Und gegenüber den medienbasierten alltäglichen Konsumgewohnheiten - dem Musikhören über Tonträger, Radio, Fernsehen und Internet - bezeichnet der Konzertbesuch ohne Zweifel einen verbindlicheren, weil aufwendigeren Ausdruck kultureller Zugehörigkeitsentscheidung.
    Noch in den 60er Jahren galt für solche "Wahlhandlungen" der sozioökonomische Status, gemessen an Berufsprestige, Einkommen und Bildung, als wichtigster Bestimmungsfaktor - wie für die soziokulturelle Gliederung der Gesellschaft überhaupt. Das damals dominierende Schichtkonzept zielte - im Gegensatz zum marxistischen Klassenkonzept - auch auf die Einbeziehung kultureller Aspekte in die Sozialstrukturanalyse. Unterstellt wurde, dass sich schichtspezifische Lebenslagen auch in Einstellungen und beobachtbaren Verhaltensmustern niederschlagen. Gleichartige kulturelle Praxis wurde dabei als identitätsrelevante Eigenschaft großer ökonomischer Statusgruppen begriffen, die nicht zuletzt ihre alltagspraktische Erkennbarkeit und die Abgrenzung gegen andere Gruppen erlaubte. Die Schichtungsforschung hat dann auch in der Tat viele Belege für schichtspezifische Unterschiede in Konsum-, Sprach- und Freizeitverhalten sowie hinsichtlich kultureller Präferenzen, der allgemeinen Lebensgestaltung, Leistungsorientierung, Erziehungszielen u. a. m. liefern können.1 In der neueren kultursoziologischen Diskussion ist demgegenüber unter den soziodemographischen und sozioökonomischen Variablen das Merkmal "Lebensalter" zur bedeutendsten prädikativen und theoretischen Einzelgröße avanciert. Prädikativ insofern, als in statistischen Modellen keine andere Variable einen gleichen oder höheren Beitrag zur Varianzaufklärung leistet, wie das Lebensalter, theoretisch insofern, als diese statistische Leistungsgröße auch als tatsächliche Erklärung anerkannt wird.
    Den ersten großen Bruch mit dem sozioökonomischen Status als wichtigster Determinante für die soziale Großgruppenbildung bezeichnen die verschiedenen Jugend- und Jugendsubkulturen, wie sie seit Mitte der 60er-Jahre zunächst in der englischen und dann in mehreren anderen mitteleuropäischen Gesellschaften in Erscheinung getreten sind. Mit ihnen werden Abgrenzungen vollzogen, die nicht nur gegen andere ökonomische Statusgruppen, sondern dezidiert auch gegen die Generation der eigenen Eltern gerichtet sind.2 Das Alter wird zum bestimmenden Faktor der Gruppenzugehörigkeit.
    Nach Gerhard Schulze, der die gestiegene Bedeutung des Alters für die Großgruppengliederung der bundesrepublikanischen Gesellschaft in seinem Klassiker Die Erlebnisgesellschaft (1992) mit besonderem Nachdruck postuliert hat, sind wir jedoch längst in ein weiteres Stadium eingetreten. Noch zu Beginn der 1960er-Jahre, so Schulze in seinem gesellschaftsgeschichtlichen Abriss, war das Alter kein zentrales Merkmal der gesamtgesellschaftlichen Milieustruktur. Jugendalter und Adoleszenz bildeten unbeständige Statuspassagen, die fest in die Milieustruktur der Erwachsenenwelt eingebettet waren und auf die dort vorgezeichneten Positionen hin sozialisierten. Griff seit Mitte der 60er-Jahre dann das erläuterte Paradigma von Jugendkultur als Gegenkultur Raum, so hat sich dieses in den 80er- und 90er-Jahren seiner politisch-oppositionellen Attitüde entledigt und zu einer längerfristigen Existenzform gewandelt:

... jugendlich im Habitus, aber erwachsen im Geltungsanspruch. Altershomogene Beziehungen konstituieren soziale Milieus, die gegenüber anderen Milieus durch hohe Verdichtung von Kontakten abgegrenzt sind. [...] Unverkennbar zeichnet sich eine doppelte Segmentierung der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland nach Lebensalter und Bildungsgrad ab. Die wichtigste Grenzzone zwischen den Altersgruppen hat sich in einen Bereich um das vierzigste Lebensjahr herum verschoben. Jugend im traditionellen Sinne erscheint nur als erster Abschnitt in einer längeren Phase der Zugehörigkeit zu einem der jüngeren Hauptmilieus, deren Unterschiedlichkeit durch die Rede von der Jugendkultur verwischt wird.3

Damit wird das Alter, über jugendkulturelle Besonderheiten hinaus, zum ersten Milieuzeichen, das jeder Mensch im Übrigen zwangsläufig mit sich herumträgt und das zudem den Vorzug unmittel barer Evidenz besitzt. Statistisch bilden Alter und Bildung diejenigen Merkmale, mit denen sich die trennschärfsten Grenzlinien zwischen den von Schulze bestimmten fünf Erlebnismilieus ziehen lassen, die nichts anderes als die Großgruppenstruktur unserer Gesellschaft repräsentieren.
    Auch in anderen quantitativen Lebensstilforschungen hat sich die erwähnte statistische Leistungskraft der Altersvariablen gezeigt.
Unter den von Spellerberg berichteten Assoziationskoeffizienten beispielsweise zwischen sieben sozialstrukturellen Merkmalen und Lebensstilen steht das Alter, gefolgt von Bildung, an erster Stelle4. Ebenso notiert Hartmann in einer weiteren Lebensstilforschung die extrem hohe Leistungsfähigkeit der Altersvariablen in vergleichenden bivariaten Regressionsanalysen und multivariaten logistischen Regressionen.5 Dabei übertrifft das Alter insbesondere die klassischen Statusvariablen Berufsprestige und Einkommen bei der Erklärung der alltagsästhetischen Lebensgestaltung.

Die hervorragende Bedeutung des Merkmals "Alter" in den Sozialwissenschaften liegt im Übrigen in der Erfassung und Verknüpfung mehrerer status- und identitätsrelevanter Aspekte der Person durch ein Datum begründet. Inhaltlich umfasst die Altersvariable dabei die folgenden Komponenten:6

a. biologisches Alter
b. soziales Alter
c. Kohorten- oder Generationseffekte.

Das biologische Alter betrifft die normalen körperlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozesse im menschlichen Leben, denen - z. T. mit größeren Toleranzen - bestimmte Fähigkeiten, Bedürfnisse und Beschränkungen entsprechen. In der Regel werden neben den "harten" physischen Prozessen (Wachstum, Geschlechtsreife und Triebzufuhr, Leistungsfähigkeit, Gebrechlichkeit usw.) auch "weiche" kognitive Fähigkeiten und Dispositionen eingeschlossen. Bezüglich Kindheit und Jugend mag Letzteres mit geringen Fehlerrisiken behaftet sein und Entwicklungspsychologie ist denn in der Tat fast immer als kognitive Psychologie der beiden ersten Lebensjahrzehnte betrachtet worden. Mit der Einbeziehung des Erwachsenenalters in die entwicklungspsychologische Perspektive ("life-span developmental psychology"), wie sie seit Mitte der 70er-Jahre üblich geworden ist, kommen allerdings auch zahlreiche intervenierende Variablen ins Spiel und wird die Veranschlagung normaler endogener Ver änderungen sehr viel schwieriger. Viele Fähigkeiten entwickeln oder verlieren sich im Erwachsenenalter je nach Art der langjährigen Beanspruchung im Berufsleben und in anderen Bereichen (auch Transfereffekte), je nach Motivation, Selbstvertrauen u. a. m. sehr unterschiedlich. Eine Veranschlagung von Effekten des biologischen Alters nach Erreichen grundständiger kognitiver Fähigkeiten und dem Auslaufen der Pubertät erscheint daher schwierig und wird sich meist auf dichotome (jünger/ älter) oder trichotome Kategorisierungen (jung, mittel, alt) beschränken müssen.
    Das soziale Alter ist mit dem biologischen Alter eng verknüpft. Es betrifft die in einer Gesellschaft bestehenden formellen und informellen Sequenzsetzungen im individuellen Lebenslauf. Formell sind solche Setzungen von Lebensabschnitten, die mit institutioneller Grundlage zu bestimmten oder ungefähren Zeitpunkten in das Leben eingreifen (z. B. Einschulung, Wehr- oder Zivildienst, versicherungsrechtliche Einstufungen, Rentenalter, usw.). Informelle Sequenzsetzungen sind Erwartungen der Gesellschaft (oder von Gruppen) an Lebensführung oder Lebensleistung des Einzelnen, die sich mit dem Erreichen (oder Verlassen) bestimmter Altersstufen verbinden (z. B. Einnehmen von Geschlechtsrollen, Eintritt in das Erwerbsleben, Elternschaft, usw.). Liegt ein prinzipieller Zusammenhang von sozialem und biologischem Alter auch auf der Hand, so erweisen sich ihre erwartungsmäßige und ihre konkrete Verknüpfung, wie im Übrigen auch die Bewertung der Lebens alter in einer Gesellschaft, als historisch und gruppenspezifisch dennoch sehr variabel.
    Die Auswirkungen von sozialem und biologischem Alter auf Individuen und Gruppen werden im Begriff der A l t e r s e f f e k t e oder l e b e n s z y k l i s c h e n Effekte zusammengefasst.
    Kohorten- oder Generationseffekte betreffen im Unterschied hierzu zeitgeschichtliche Verhältnisse und Ereignisse, denen eine Alterskohorte (Generation) oder Teile einer Alterskohorte in einem bestimmten Lebensalter ausgesetzt ist und die sie als gemeinsame, mehr oder weniger prägende Erfahrung dauerhaft mit sich führt. Beispiele, die das Gemeinte besonders gut verdeutlichen, sind Kriege oder andere gesellschaftliche Umwälzungen, wie sie sich in der Rede von der Kriegsgeneration oder der 68er-Generation niederschlagen, die auf einen spezifischen mentalitätsbeeinflussenden Erfahrungshorizont verweist.
    Neben solchen evidenten Fällen ist jedoch vor allem eine Vielzahl weiterer, weniger offensichtlicher Generationseffekte anzunehmen, die alle gesellschaftsgeschichtlichen Bereiche, also auch den kultur- und technikgeschichtlichen Bereich oder Zusammenhänge zwischen diesen beiden betreffen können. Gemeint sind letztlich alle Tatsachen, die einen genera tionsspezifischen kollektiven Erfahrungsbestand bilden und sich bei vielen Individuen auf Einstellungen und Verhaltensweisen zu einer gegebenen Sache auswirken.
    Alterseffekte und Kohorten- oder Generationseffekte sind theoretisch strikt zu trennende Wirkungsgrößen. Von Alterseffekten ist zu erwarten, dass sie mit dem Verlassen der entsprechenden Altersphase abklingen und ggf. anderen Effekten Platz machen. Sie sind für Individuen nicht dauerhaft, sondern werden von der nachrückenden Gene ration, die nunmehr die entsprechende Phase erreicht, gleichsam übernommen. Generationseffek te auf der anderen Seite rücken mit der jeweiligen Trägerkohorte im Zeitpfeil vor und vergehen mit ihr. Sie wirken sich nicht oder anders auf die nachrückenden Generationen aus.
    In Querschnittsuntersuchungen ist es allerdings nicht ohne weiteres möglich, zwischen Alters- und Kohorteneffekten zu unterscheiden. Ob eine gegebene Einstellung oder ein Verhalten alters- oder kohortenabhängig ist, würde sich erst bei Befragung derselben Personen (oder anderer Repräsentanten einer definierten Gruppe) nach einem Zeitabstand von rund 20 Jahren erweisen (Längsschnittuntersuchung).7
    Für den Bereich des Musiklebens stellt sich nunmehr die Frage, ob und in welcher Weise auch die Konzertpublika verschiedener Musikarten durch eine je spezifische altersstrukturelle Komposition charakterisiert sind - oder nicht - und die empirischen Befunde hierzu im Lichte der erörterten Thesen und Konzepte sinnvoll interpretiert werden können. Soziologisch bildet ein Konzertpublikum dabei den Gruppentyp des Aggregats. Aggregate sind bestimmt durch hohe räumliche Nähe von Individuen bei geringer persönlicher Bekanntheit und "face-to-face"-Kommunikation zwischen ihnen. In vielen Fällen, etwa bei Demonstrationen, Sportveranstaltungen oder im Konzertsaal, beruht die Bildung von Aggregaten auf einem gemeinsamen Interesse der Individuen. Gerade wegen der Interessensbedingtheit und Freiwilligkeit des Besuchs aber bezeichnen solche Aggregate einen wichtigen Ort der gesellschaftlichen Kommunikation, zumal soziale Kontrolle und Bestätigung - anders als beim Fernsehpublikum - durch wechselseitige Inaugenscheinnahme der Anwesenden optimal gewährleistet sind.
    Im Folgenden wird die Altersstruktur von Konzertpublika der wichtigsten Musikarten des zeitgenössischen Musiklebens ausführlich beschrieben, kommentiert und interpretiert. Als Grundlage steht der Datensatz Publikumsanalysen im Konzertsaal zur Verfügung, der von Dezember 1998 bis November 1999 im Rahmen des gleichnamigen Forschungsprojektes am Fachgebiet Musikwissenschaft der Technischen Universität Berlin gewonnen wurde. Insgesamt 6 443 Besucher von 20 Konzerten wurden dabei auf einem vierseitigen Fragebogen zu musikbezogenen Themen sowie zu Einstellungen im Bereich handlungsstrukturierender Werte und sozialer Selbstbeurteilung befragt. Außerdem wurden die üblichen soziodemographischen Merkmale (einschließlich Haushaltsform) sowie Schulbildung und detaillierte Angaben zur Erwerbstätigkeit erfragt.
    Bei der Auswahl der Konzerte, die alle in Berlin stattfanden, wurde neben der adäquaten Repräsentation aller größeren Musikarten auch eine Binnendifferenzierung nach Stilrichtungen oder, im Bereich Rockmusik, nach "Härtegraden" angestrebt. Volkstümliche Musik, Schlager, Rock, Pop, Musical, Jazz, Blues und Liedermacher sind daher ebenso vertreten wie verschiedene Richtungen klassischer Musik, Techno, House und der Bolschoi Donkosakenchor. Tabelle 1 enthält eine Liste der befragten Publika und ihre Zuordnung zu Musik arten (Feinklassifizierung), die Angabe der Fall zahlen sowie eine Publikumsnummerierung, auf die im Folgenden wiederholt zurückgegriffen wird.
 
 

Tab. 1
Konzertpublika Berlin-Studie 1999
Nr.
    Publikum     Musikart
N
P 1
    Klaviertrio Christian Zacharias      Kammermusik des 19. Jh. 
430
P 2
    Berliner Barock Solisten     Barockmusik/Alte Musik
427
P 3
    Klaus Hoffmann     Liedermacher
454
P 4
    Freddy Quinn     Deutscher Schlager
424
P 5
    musik-biennale berlin     Neue Musik / Avantgarde
224
P 6
    Karel Gott     Siegel-Schlager
380
P 7
    Stefanie Hertel     Volkstümliche Musik
207
P 8
    Berliner Philharmonisches Orchester     Klassik des 19./20. Jh.
372
P 9
    Modern Talking     Disco-Pop
304
P 10
    Richard Wagner: Tristan und Isolde     Musikdrama/Oper
363
P 11
    Metallica     Hardrock, Heavy Metal
414
P 12
    Xavier Naidoo     Deutsch-Pop
232
P 13
    Shakti, John McLaughlin/Zakir Hussein     Ethno-Jazz, World Music
383
P 14
    REM     Rock/Pop
426
P 15
    Herbert Grönemeyer     Deutsch-Rock
363
P 16
    Taj Mahal     Blues
235
P 17
    Der Glöckner von Notre Dame     Musical
346
P 18
    Bolschoi Donkosaken     Osteuropäische Folklore
232
P 19
    Chicks on Speed     House-Music
129
P 20
    Carl Craig     Detroit Techno
98

 

Der Gang der Untersuchung erfolgt in drei Schritten. Im ersten Schritt wird nach Maßgabe der altersstrukturellen Ähnlichkeit mittels Cluster analyse eine Reduzierung der 20 Publika auf sechs Gruppen vorgenommen. Die Altersstrukturen der resultierenden sechs Gruppen werden anschließend beschrieben und kommentiert. An diese Querschnittsanalyse der zeitgenössischen Konzertlandschaft schließt sich als zweiter Schritt ein Vergleich mit den Ergebnissen der Demoskopie im Konzertsaal von Dollase et al. an, die 1979/ 80 in Köln eine ähnliche Befragung durchführten. Auf diesem Wege kann festgestellt werden, ob und wie sich die altersstrukturelle Zusammensetzung von Publika verschiedener Musikarten in den letzten 20 Jahren verändert hat (Längsschnittanalyse). In der Schlussbetrachtung schließlich werden die Befunde einer übergreifenden Interpretation im Lichte der skizzierten kultursoziologischen Thesen und Konzepte unterworfen.

1. Gruppenbildung und Querschnittsanalyse

Die Altersstruktur des sozialen Aggregats "Konzertpublikum" setzt sich aus den Komponenten Mittelwert, Streuung und Verteilungsform zusammen. Mittelwerte geben zwar eine "zentrale Tendenz" an, sind aber für sich betrachtet nur bedingt aussagekräftig. Erst Streuung und Verteilungsform vermitteln ein angemessenes Bild der jeweiligen altersstrukturellen Komposition, insbesondere der Homogenität oder Heterogenität verschiedener Gruppen. Abbildung 1 zeigt die Anordnung der 20 Publika (siehe Tab. 1) nach aufsteigendem Durchschnittsalter (x). Die Differenz zwischen dem jüngsten Publikum (Detroit-Techno/ Craig, x = 23,5 Jahre) und dem ältesten (volkstümliche Musik/ Hertel, x = 56,9 Jahre) beträgt 33,4 Jahre. Der Anstieg des Durchschnittsalters verläuft allerdings nicht, wie man dem Diagramm ebenfalls entnehmen kann, kontinuierlich, sondern zeigt mehrere Schübe, so den ersten mit Grönemeyer und Modern Talking, die von den Mittzwanziger- zu den Enddreißiger-Publika überleiten.

Abb. 1
Altersstruktur von 20 Konzertpublika (Berlin-Studie)
Mittelwerte und doppelte Standardabweichung



Anmerkung und Lesebeispiel: Die Publika sind von oben nach unten nach dem aufsteigenden Durchschnittsalter (Quadratkästchen) angeordnet. Die links und rechts der Mittelwerte ausgezeichneten Fehlerbalken markieren jeweils eine Standardabweichung (s) unterhalb und oberhalb dieses Wertes. Das bedeutet, dass sich 68 % der Besucher einer Veranstaltung innerhalb der bezeichneten Altersspanne befinden. Das Durchschnittsalter des Publikums S. Hertel beispielsweise beträgt 56,9 Jahre, die Standardabweichung 12,3 Jahre. 68 % der Besucher sind demnach zwischen 44,6 und 69,2 Jahre alt. Die genauen Werte für alle Publika können Tabelle 2 weiter unten entnommen werden.

Das Diagramm lässt außerdem sofort die er heblichen Differenzen in der Streuung des Alters erkennen. Während sich im WMF-Club z. B. eine altershomogene Population von 20- bis 30-Jährigen einfindet, streut das Publikum des Kammermusikabends Chr. Zacharias breit zwischen 33 und 68 Jahren.
    Die dritte Komponente der Altersstruktur, die Verteilungsform, lässt sich dem Diagramm nicht entnehmen. Sie betrifft die Merkmale Schiefe und Modalität, d. h. die relative Abweichung von einer symmetrischen Verteilung und die Anzahl der Gipfel im Kurvenverlauf. Beide Merkmale erfassen jedoch, wie weiter unten noch anschaulich gezeigt wird, relevante Eigenheiten verschiedener Gruppen.
    Geht man nun davon aus, dass die alters mäßige Zusammensetzung von Konzertpublika für verschiedene Musikarten eine jeweils charakteristische Struktur besitzt, so müsste eine (statistische) Gruppierung nach dem Kriterium der altersstrukturellen Ähnlichkeit diejenigen Publika zusammenfassen, die sich in Konzerten (historisch-stilistisch oder funktional) nahestehender Musikarten eingefunden haben.
    Abbildung 2 zeigt das Ergebnis einer hierarchischen Clusteranalyse, bei der die 20 Publika nach Maßgabe des arithmetischen Mittels (Durchschnittsalter), der Standardabweichung und der Schiefe ihrer Alterskurve einem schrittweisen Agglomerationsprozess unterworfen wurden.8 Zusammengefasst werden mit jedem Fusionsschritt jeweils diejenigen zwei Publika bzw. Cluster von Publika, die sich hinsichtlich der drei Kriterien am ähnlichsten sind. Die ersten Fusionen unter Distanzwert 1 werden demnach von (1) P11 Metallica und P14 REM, (2) von P8 Berliner Philharmoniker und P10 Wagner/ Tristan sowie (3) von dem bereits gebildeten Cluster {P11+ P14} mit P12 Xavier Naidoo vollzogen. Mit dem letzten Fusionsschritt unter Distanzwert 25 werden alle Publika in einem Cluster vereinigt.9
    Die Gruppierung links von der gepunkteten vertikalen Linie unter Distanzwert 8 gibt die Situation nach dem 14. Fusionsschritt wieder. Eine Betrachtung der resultierenden sechs Gruppen unter musikalischen Gesichtspunkten zeigt nun, dass - mit einer bemerkenswerten Ausnahme - tatsächlich genau solche Publika zusammengefasst werden, die auch nach musikalischen Begriffen zusammengehören.
    Den ersten Cluster der Sechserpartition bilden die fünf Publika 11, 14, 12, 19 und 20. Es ist der Cluster der Jugendmusikkulturen Pop und Rock, zu denen noch - bezeichnenderweise mit einigem Abstand - die neueren Dance-Richtungen House (P19) und Techno (P20) stoßen. Die genaue Altersstruktur dieser Gruppe "Hip, cool, and frantic" ist in Abb. 3 wiedergegeben. Zu beachten ist neben der charakteristischen linkssteilen Verteilungsform die Spanne der Prozentleiste auf der Ordinate des Diagramms: Sie reicht hier, anders als bei allen übrigen Gruppen, bis 40 %, weil allein 37,5 % der Fälle in der Altersgruppe von 18 bis 22 Jahren liegen (Altersklasse 20). Dem entspricht, dass die fünf Jugendpublika die geringste Standardabweichung und damit die am wenigsten offene Altersstruktur von allen befragten 20 Auditorien haben. Am geringsten überhaupt ist die Standardabweichung der beiden Dance-Publika. Sie sind auch, wie das Dendrogramm (Abb. 2) gut erkennen lässt, diejenigen, die als letzte Einzelpublika überhaupt in den Fusionsprozess eintreten, nämlich mit dem 13. bzw. 14. Schritt.
    Den zweiten Cluster bilden die Publika von Herbert Grönemeyer (P15) und Modern Talking (P9). Charakteristisches Merkmal dieses Clusters "Midlife Popper" (Abb. 4) ist die bimodale Verteilung mit einem ersten Gipfel bei den Zwanzigern und einem zweiten Gipfel bei den Mittdreißigern. Dieser zweite Gipfel ist v. a. bei Modern Talking stark ausgeprägt. Für die Erklärung kommen zwei Gründe in Betracht, die vermutlich zusammenwir ken. Zum einen verweist der starke zweite Gipfel 35-jähriger Frauen (Frauenanteil im Publikum = 77 %) auf die unterbrochene Karriere des Duos. Er repräsentiert die erste Generation von MT-Hörerinnen, der Rückgang bei den Endzwanzigerinnen die Trennung von Bohlen und Anders, der erste Gipfel bei den Zwanzigerinnen das Revival der beiden seit 1997. Offenbar besteht in diesem Bereich ein enger Zusammenhang zwischen Senderaktivität und Rezipientenrekrutierung. Zum anderen verweist der Rückgang im Verlauf der Zwanzigerjahre auf die einsetzende Mutterschaft in dem hier versammelten Milieu bildungsniedriger Personen und statusniedriger Berufsgruppen (Sekretärinnen, Friseusen, Verkäuferinnen). Anders als bei den spätzeugenden Akademikern (s. u.) kommen die Kinder hier bereits mit Anfang bis Mitte zwanzig und schränken die außerhäuslichen Aktivitäten aus zeitlichen und aus finanziellen Gründen für rund anderthalb Jahrzehnte ein.
 
 

Abb. 2
Hierarchische Clusteranalyse
Variablen (standardisiert): Mittelwert, Standardabweichung, Schiefe
Distanzmaß: City-Block
Fusionsalgorithmus:  Average Linkage

Zur Erläuterung des Dendrogramms siehe Text
 
 

Abb. 3
Altersstruktur Publikumsgruppe
"Hip, cool, and frantic"


 Anmerkung: Die Altersangaben der Befragten wurden um Werte klassiert, die ein Vielfaches von 5 bilden. Die Altersklasse 20 enthält Personen von 18-22 Jahren, die Klasse 25 Personen von 23-27 Jahren, usw. Um Profilverzerrungen zu vermeiden, wurden alle in diese und die folgenden Gruppen einbezogenen Publika auf gleiche Fallstärke gewichtet.

 

Abb. 4
Altersstruktur Publikumsgruppe
"Midlife Popper"



    Der zweite Gipfel bei Grönemeyer ist, anders als bei MT, schwächer als der erste. Der verhinderte Schauspieler spricht, obwohl selbst bereits Mitte 40, am stärksten die Zwanzigjährigen an. Bezüglich Bildung und beruflichem Status rangiert das Publikum von Grönemeyer etwas höher als das Publikum von Bohlen und Anders, es zeigt außerdem einen deutlich höheren Anteil an Studenten und Schülern (zusammen rund 20 %). Die Fraktion der 35-Jährigen in seinem Publikum repräsentiert vermutlich die Getreuen der "Bochum"-Generation, die Anhänger des Albums, mit dem Grönemeyer 1985 der Durchbruch als Sänger gelang.
    Der dritte Cluster "Highbrow Lights" umfasst die Publika der beiden Jazz/ Blues-Konzerte (P13, P16) und die Besucher des Liedermachers Klaus Hoffmann (P3). Die Bezeichnung "Highbrow Lights" spielt auf die Tatsache an, dass diese Musikarten, v. a. der Jazz, als Kunstmusikformen rezipiert (oder deklariert) worden sind, aber dennoch nicht Zigarette und Bier beim Hören verbieten. Beachtenswert ist die Feinheit, dass die beiden Jazzpublika zuerst fusionieren und Klaus Hoffmann mit einem Abstand hinzutritt (vgl. Abb. 2). Festzuhalten ist mit Blick auf die Diskussion weiter unten außerdem, dass die Streuung aller Publika dieser Gruppe deutlich geringer ist als die Streuung der im Mittel nahezu gleichaltrigen Publika bei Neuer Musik und im Musical (vgl. Abb. 8).
    Die auffällig symmetrische Verteilungsform der "Highbrow Lights" mit dem starken zentralen Block der Mittdreißiger bis Mittvierziger kontrastiert in bemerkenswerter Weise mit der Verteilungsform der zweiten (und "eigentlicheren") Highbrow-Gruppe, der Publikumsgruppe "Klassische Hochkultur" (Abb. 6). Aus diesem Grund sei zunächst ein Blick auf deren Altersstruktur geworfen.
    Die Gruppe "Klassische Hochkultur" umfasst die Publika von Philharmonikern (P8) und Wagneroper (P10), es treten hinzu der Kammermusikabend (P1) und die Barock-Solisten (P2). Mit einer Standardabweichung von 15,4 Jahren besitzt die "Klassische Hochkultur" von allen Publikums gruppen die breiteste Streuung. Das Balkendiagramm (Abb. 6, hier gebildet ohne P2) zeigt außerdem eine ausgeprägt bimodale Kurve mit einem ersten Gipfel bei den Dreißigjährigen und einem zweiten, sehr viel höheren Gipfel bei den Sechzigjährigen.
    Vergleicht man die Diagramme Abb. 5 und Abb. 6, so fällt auf, dass die "Highbrow Lights" genau dort den (massiven) Schwerpunkt ihrer Alters verteilung haben, wo die Gruppe "Klassische Hochkultur" einen Rückgang zu verzeichnen hat. Beide Befunde sind jedoch - wenn auch nicht aus den Daten selbst heraus - gut erklärbar.10
 
 

Abb. 5
Altersstruktur
Publikumsgruppe "Highbrow Lights"


 
 

Abb. 6
Altersstruktur
Publikumsgruppe "Klassische Hochkultur"



    Für den Abfall der "Klassischen Hochkultur" von dem Gipfel auf 30 Jahren bis zum Tiefpunkt auf 45 Jahren sind mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst und vor allem die längeren Ausbildungswege (Studium) von großen Teilen der Trägerschicht klassischer Musik verantwortlich, genauer: der spätere Berufseinstieg und die damit verbundene spätere Familiengründung.11 Der Abfall von 30 bis 45 Jahren hat nichts mit Desinteresse zu tun - eine reine Interessenslinie könnte vermutlich von 30 bis 60 Jahren mit dem Lineal durchgezogen werden. Er ist vielmehr dadurch zu erklären, dass ab Anfang 30 in dieser sozialen Gruppe die Kinder kommen und die außerhäuslichen Aktivitäten - nicht anders als für MT-Hörerinnen, nur zehn Jahre später! - einschränken bzw. andere Prioritäten setzen lassen. Ab Ende 40 kehrt sich diese Tendenz wieder um, die Kinder sind älter geworden und verlassen das Haus, dem Klassikgänger steht wieder mehr Zeit und (demnächst) mehr Geld zur Verfügung, um verstärkt in Philharmonie und Oper zu gehen.
    Unterstützt wird diese primäre Wirkungsgröße durch einen lebenszyklischen Effekt und einen Zufallsfaktor. Der lebenszyklische Effekt betrifft die allgemeine Zunahme des Interesses an klassischer Musik mit dem Lebensalter. Gut belegt ist in den Sozialwissenschaften nicht nur ein mit zunehmendem Alter steigendes Bedürfnis nach Ordnung, Ruhe, Harmonie und Tradition12 , das sich teilweise (Traditionsorientierung) auch in den musikalischen Präferenzen ausdrückt.13 Hartmann hat außerdem bei einer empirischen Studie zur Erklärungskraft und Dynamik von Lebensstilen für eine Reihe von Elementen der Alltagsästhetik Retrospektivfragen zur Rekonstruktion individueller Geschmackskarrieren gestellt, u. a. zu musikalischen Präferenzen. Dabei zeigten sich signifikante Zunahmen im Leben jeweils derselben Personen bei den Präferenzen für klassische Musik, Opern und Musicals sowie dem Lesen von Büchern. Abnahmen gab es dagegen besonders bei der Nutzung von Rock- und Popmusik. 14 Bezüglich der alltagsästhetischen Schemata von Schulze, die Hartmann reproduzierte, zeigten sich starke Kohorteneffekte beim Trivial- und beim Spannungsschema, während beim Hochkulturschema offensichtlich eher das Lebensalter eine Rolle spielt. [...] Die Präferenz für das Hochkulturschema nimmt zwar mit dem Alter signifikant zu, ändert sich aber in der Abfolge der Kohorten kaum.15
    Der erwähnte Zufallsfaktor, der die Ausprägung der Alterskurve "Klassische Hochkultur" zusätzlich unterstützen dürfte, betrifft die Koinzidenz ihrer Gipfel mit den Gipfeln in der Alterskurve der bundesdeutschen Bevölkerung insgesamt, bedingt durch den Erhebungszeitpunkt. Die Alterskurve der Bevölkerung besaß im Erhebungsjahr 1999 einen steilen Gipfel genau auf 60 Jahren und einen flachen (höheren) Gipfel auf 36 Jahren.16 Die Minima, die den Gipfel auf 60 Jahren bewirken, liegen einerseits auf der Kohorte 52-56 Jahre, bedingt durch den Geburtenausfall Ende des 2. Weltkriegs, andererseits auf der Kohorte 67-69 Jahre, bedingt durch den Geburtenausfall während der Wirtschaftskrise um 1932. Der bemerkenswert steile Abfall in den Balken 65 und 70 Jahre unserer Publikumsgruppe dürfte durch diesen Faktor jedenfalls mit bewirkt sein.
    Um die zur klassischen Hochkultur offenbar konträre Situation beim Jazz zu erklären, muss weiter ausgeholt und vor allem die Entwicklung der Altersstruktur des Jazzpublikums im Verlauf der letzten 25 Jahre betrachtet werden. Dies erfordert den Einbezug externer Daten und wird weiter unten aufgegriffen. Zunächst sei noch ein Blick auf die beiden restlichen Publikumsgruppen geworfen, die "Schunkelsenioren" (Abb. 7) und das ungleiche Paar "Schönberg & Schönberg".
 
 

Abb. 7 Altersstruktur
Publikumsgruppe
"Schunkelsenioren"



    Die "Schunkelsenioren", gebildet aus den Publika von Stefanie Hertel, Karel Gott, dem Donkosakenchor und Freddy Quinn, sind die älteste von allen Publikumsgruppen, streuen aber, wie festgehalten werden sollte, breiter als die Jugendgruppe "Hip, cool, and frantic" und auch als die weltoffenen "Highbrow Lights". Auch in dieser rechtssteilen Verteilung dürften der herausragende Balken auf 60 Jahren und der sprunghafte Abfall auf den Balken 65 und 70 durch die eben erläuterten Geburtenausfälle mit bedingt sein. Umso bemerkenswerter erscheint jedoch der Sprung zwischen 45 und 50 Jahren, da die Alterskurve der Bevölkerung an dieser Stelle genau in umgekehrter Richtung verläuft. Unter der Voraussetzung einer ausfallsfreien Bevölkerungskurve würde demnach die Ansiedlung dieser Musik in der Population ab 50 Jahre und ihre Abgrenzung zu den darunter liegenden Altersgruppen noch deutlicher ausfallen, als es ohnehin schon der Fall ist.
    Es verbleiben zwei Publika, die musikalisch Welten trennen, deren Altersstruktur aber eine "unheimliche Gemeinsamkeit" verrät: die Besucher der Musikbiennale, dem Berliner Festival für Neue Musik, und die Besucher des Glöckners von Notre Dame - dem Berliner Disney Musical. Die Fusion von "Schönberg & Schönberg"17 (Abb. 8) bedeutet freilich zunächst einmal, dass beide Publika in ihrer Altersstruktur keinem der 18 anderen Publika näher stehen als jeweils dem anderen Schönberg, und sie erfolgt, wie man hinzufügen sollte, mit dem 9. Fusionsschritt nicht gerade früh.
    Die Alterstruktur ist charakterisiert durch eine ähnlich breite Streuung, wie sie bei den Klassik-Publika festgestellt wurde (Skalierung!), doch sind die Auditorien jünger. Wie bei den Klassik-Publika steigt die Kurve zunächst rasch auf einen Gipfel bei 30 Jahren und fällt bis 45 Jahre wieder ab, anders als bei diesen erfolgt jedoch kein zweiter großer Aufschwung mehr, sondern nur ein geringfügiger Anstieg bis 60 Jahre (und dieser nur bei der Neuen Musik, nicht beim Musical). Beide Musikarten haben ihren Schwerpunkt also bei der Altersgruppe von 30 bis 35, ohne aber bei den älteren Jahrgängen - und das ist entscheidend - wegzubrechen.

2. Längsschnittanalysen

Bevor diese Befunde einer abschließenden Interpretation unterzogen werden, sei ein Blick auf die Vergleichsdaten der Demoskopie im Konzertsaal geworfen. Die Demoskopie ("Köln-Studie") ist eine den Publikumsanalysen ("Berlin-Studie") vergleichbare Untersuchung, die 1979/ 80 von dem Autorenteam Dollase, Rüsenberg und Stollenwerk in Köln mit der Befragung von insgesamt 13 Konzertpublika durchgeführt wurde. Der Vergleich von Publika der beiden Studien, die die gleiche Musik art repräsentieren, eröffnet bei dem gegebenen Abstand von 20 Jahren nunmehr die längsschnitt analytische Perspektive.
 
 

  Tabelle 2 führt auf der linken Seite die 20 Publika der Berlin-Studie und auf der rechten Seite die 13 Publika der Köln-Studie mit Durchschnittsalter (x - ) und Standardabweichung (s) auf. Die einzelnen Publika von Dollase et al. sind dabei jeweils demjenigen Publikum der Berlin-Studie gegenübergestellt, dem sie nach Maßgabe der Musikart am ehesten entsprechen. Die Leerzeilen zeigen an, dass für das entsprechende Publikum in der jeweils anderen Spalte kein Äquivalent existiert bzw. eine der Studien für eine Musikart mehr Publika besitzt als die andere.
    Drei Punkte sind dazu vorab festzuhalten:
Erstens ist der Bereich Rock/ Pop bei Dollase et al. mit zwei Publika (Jethro Tull und Boney M.) stark unterrepräsentiert, der Bereich klassische Musik mit fünf Publika (siehe Tab. 2) hingegen überrepräsentiert.
 
 

Abb. 8
Altersstruktur
Publikumsgruppe "Schönberg & Schönberg"



Zweitens besteht Grund zu der Annahme, dass die Durchschnittswerte von Dollase et al. in einigen, wenn nicht den meisten Stichproben, zu niedrig sind, und zwar aus folgenden Gründen. Die Fragebögen der Köln-Studie wurden an den Eingangstüren der jeweiligen Veranstaltungsorte wie Flyer verteilt und in der Pause und am Schluss dort wieder eingesammelt. Die Rücklaufquote betrug dabei im Durchschnitt 51 %, fiel aber in manchen Fällen auf 25 % ab (Gürzenich-Orchester). Die Datenerhebung der Berlin-Studie wurde durch Teams von rund 15 Helfern durchgeführt, die die ankommenden Besucher an geeigneter Stelle ansprachen (Ein lass, Garderobe, Foyer, Sitzblöcke etc.), den Zweck der Befragung erklärten und Fragebogen samt Kugelschreiber (als Geschenk) überreichten. Besonderer Wert wurde darauf gelegt, Segmente des ankommenden Besucherstroms bzw., bei den Open Airs im Bereich Rock/ Pop, ganze Reihen oder Block segmente wartender Besucher möglichst vollständig zu erfassen. Die Mischung aus persönlicher Ansprache und Incentive hat sich insgesamt in einer hohen Akzeptanz und den sehr viel höheren Fall zahlen in den Stichproben der Berlin-Studie niedergeschlagen. Bei der Feldarbeit zeigte sich aber immer wieder, dass jüngere Besucher schneller bereit waren, den Bogen anzunehmen, ältere Besucher hingegen aufwendiger überzeugt werden mussten. Es ist davon auszugehen, dass die Fragebögen der Köln-Studie tendenziell eher von jüngeren Besuchern angenommen und zurück gegeben wurden und die ermittelten Werte entsprechend verzerrt sind. Dabei ist folgerichtig weiter anzunehmen, dass diese Verzerrungen bei den strukturell älteren Publika, namentlich den Klassik-Publika der Studie, stärker ausfallen als bei den jüngeren.
 
 
Tab. 2
Alterstruktur Konzertpublika im Zeitvergleich
Berlin-Studie
1999
(Neuhoff)
Köln-Studie
1979/80
(Dollase et al.)
x
s
x
s
Techno/Craig
23,5
6,0
Xavier Naidoo
25,4
7,9
Metallica
25,7
7,7
REM
25,8
8,1
Jethro Tull
20,4
4,1
WMF/Chicks
25,9
5,1
H. Grönemeyer
29,8
9,6
Modern Talking
32,4
11,3
Boney M.
27,0
11,5
K. Hoffmann
39,5
9,9
K. Hoffmann
22,8
5,8
Wolf Biermann
27,7
7,5
Shakti
39,5
9,5
Jazzhausfestival
22,6
5,2
Taj Mahal
41,1
9,25
Stella Musical
41,2
13,6
Biennale
43,2
14,6
Neue Musik
29,5
14,8
Bln. Philharmoniker
48,9
15,5
London Symphony O.
37,7
15,1
Gürzenich Orchester
47,7
17,6
Klaviertrio (Zach.)
49,5
16,3
Orlando Quartett
39,0
18,9
Wagner/Tristan
49,7
14,9
Fidelio (Abo.)
37,1
15,3
Fidelio (Premiere)
39,3
16,5
Barock Solisten
51,7
14,9
B. Donkosaken
54,1
13,2
Freddy Quinn
55,6
9,73
Karel Gott
55,8
12,3
Peter Alexander
35,2
12,9
S. Hertel
56,9
12,3

Zur Erläuterung der Tabelle siehe Text oben
 

Drittens ist bei dem Datenvergleich zu beachten, dass bei der Berlin-Studie keine Fragebögen an Kinder ausgegeben wurden. Gerieten dennoch Bögen in die Hände von Kindern, wurden sie aussortiert. Generell wurde für die Aufnahme eines Bogens in den Datensatz ein Mindestalter von 17 Jahren vorausgesetzt, bei den Publika der Gruppen Pop/ Rock und Dance ein Mindestalter von 16 Jahren. Bei der Köln-Studie wurden hingegen auch Fragebögen einbezogen, die Kinder oder Jugendliche unter 16 Jahren ausgefüllt hatten. Sie weisen allerdings nur in wenigen Publika relevante Fallzahlen auf.

Der Datenvergleich führt unter Beachtung der genannten Einschränkungen zu folgenden Feststellungen:

1. Pop und Rock haben - erwartungsgemäß - heute wie vor 20 Jahren ein jüngeres Publikum. Das Boney M.-Konzert von 1979 hatte dabei seinen Schwerpunkt mit 27,0 Jahren tatsächlich in der strategischen Zielgruppe des Middle-of-the-Road-Formats, den Endzwanzigern (vgl. Wicke/ Ziegenrücker 1997, 319), wurde aber offenbar von vielen Besuchern auch zum Ziel eines Familienausflugs gemacht18 und streut daher bei unimodaler Verteilung mit Gipfel auf 26 Jahren relativ breit (s = 11,5). Der Anteil von Kindern bis 15 Jahre in dieser Stichprobe beträgt 14 % und ist der mit Abstand größte unter allen Stichproben der Köln-Studie. Der größte Erfolg der Gruppe, "Daddy Cool", lag zum Erhebungszeitpunkt drei Jahre zurück.
    Der Vergleich mit Modern Talking liegt auf der Hand. Für MT wurden zwei nahezu gleichstarke Gipfel auf 20 und auf 35 Jahren bei einem Rückgang auf der Gruppe der Endzwanziger regis triert und mit dem Karriereverlauf des Duos (Ersterfolg - Trennung - Revival) sowie der altersspezifischen familiären Situation (Kinder) in der Zielgruppe dieser Musik erklärt. Bereinigt man den Mittelwert von Boney M. um die Kinder bis 15 Jahre (entsprechend dem Vorgehen in der Berlin-Studie), beträgt das Durchschnittsalter dieses Publikums 28,6 Jahre und unterscheidet sich vom Durchschnittsalter bei Modern Talking nur noch um 3,8 Jahre. Das geringfügig höhere Durchschnittsalter bei MT ist also wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Gruppe zum Erhebungszeitpunkt schon länger im Geschäft war als Boney M. zum Erhebungszeitpunkt der Köln-Studie. Das Durchschnitts alter für kommerziellen Disco-Pop hat sich in den letzten 20 Jahren demnach praktisch nicht verändert.19
    Schwieriger sind Aussagen zur Rockmusik. Das ermittelte Durchschnittsalter von 20,4 Jahren bei Jethro Tull hat die Autoren der Köln-Studie selbst "verwundert" und könnte in der Grundgesamtheit etwas höher gewesen sein. Das Alter der beiden Berliner Rock-Publika, Metallica (Hard-Rock) und REM (Soft-Rock, Rock/ Pop), ist rund fünf Jahre höher und ist bei Metallica wahrscheinlich nach unten verzerrt.20 Vor allem REM hat heute einen ähnlichen internationalen Status wie Jethro Tull um 1980. Es ist daher plausibel - anders als für den Disco-Pop-, für die internationale Rockmusik einen tendenziellen Anstieg im Durchschnittsalter ihrer Hörer anzunehmen. Dies findet Unterstützung in der Entwicklung der Altersstruktur der Tonträgerkäufer in diesem Segment. So betrug 1993 der Anteil der Altersgruppe bis 29 Jahre an den Käufern von Rockmusik 67,2 %, 1999 hingegen nur noch 51,5 %, der Anteil der Gruppe 30 Jahre und älter ist entsprechend von 32,8 % auf 48,5 % gestiegen.21

2. Das Publikum des Liedermachers Klaus Hoffmann ist das einzige, von dem unmittelbare Vergleichsdaten für 1979 und 1999 vorliegen. Die Differenz des Durchschnittsalters beträgt dabei mindestens 16,7 Jahre, denn beim Klaus Hoffmann Konzert stellte sich das Problem der auskunftsunwilligen älteren Jahrgänge überraschenderweise hartnäckiger als bei Karel Gott oder Freddy Quinn. Man musste den Eindruck gewinnen, dass sich manches sozialdemokratische Studienratsehepaar bei der biografisch verankerten Identitätsarbeit nicht über die Schulter schauen lassen wollte. Sicher ist jedenfalls, dass das Publikum von Hoffmann mit seinem Künstler gealtert ist und dieser die nachrückenden Generationen nicht mehr ansprechen konnte. Hoffmann ist damit ein Musterbeispiel für den lokalen Generationskünstler - wie der Typus des Liedermachers, den er repräsentiert, insgesamt. Die Voraussage, dass sein Publikum bei der Besucherbefragung 2019 ein Durchschnittsalter von 60 Jahren haben wird, dürfte denn auch nur mit einem geringen Fehlerrisiko belastet sein.

3. Für den Bereich Jazz stellt sich zunächst die Frage, ob das Jazzhausfestival der Köln-Studie und die Konzerte von Shakti und Taj Mahal in Berlin sinnvoll miteinander verglichen werden können. Der Altersunterschied zwischen Köln und Berlin beträgt 17,7 Jahre, er ist also beträchtlich und wäre bei gegebener Vergleichbarkeit der Veranstaltungen als überaus bedeutend zu werten.
    Das Shakti-Konzert fand im Rahmen von "Jazz Across the Border" statt, dem zweiten (subventionierten) Festival für Jazzmusik der Stadt nach dem Berliner Jazzfest. Da "Jazz Across the Border" eine kulturübergreifende Konzeption verfolgt, spielen hier zahlreiche Crossover- oder Fusion- Formationen, die vermutlich eher ein jüngeres, jedenfalls nicht ein älteres Publikum anziehen dürften als die an den Modern Jazz und den Free Jazz anschließenden zeitgenössischen Stile oder gar als der Mainstream Jazz. Der Auftritt von McLaughlin und Zakir Hussein bezeichnete zwar den Höhepunkt des Festivals, wurde zugleich aber auch als (in Wahrheit nur halbes) Revival der kurzlebigen, aber legendären Formation um McLaughlin und den Geiger L. Shankar angekündigt, die Ende der 70er-Jahre mit ihrer virtuosen Verbindung von modalem Jazz und indischer Musik begeisterten. Man darf daher annehmen, dass das Konzert auch viele der alten Shakti-Fans anzog. Stilistisch und historisch bildet Shakti freilich eine eigentümliche Mischung, indem mit Altstar McLaughlin einer der innovativsten Köpfe des Jazz im Rahmen von zeitgenössischem Crossover figuriert, seinen Hörern dabei aber einen zweiten Aufguss bietet.
    Taj Mahal gehört zwar ebenfalls zu den Altstars des Genres, ist aber durchgängig aktiv gewesen und hatte - anders als Shakti - im Prinzip alle Chancen, auch die nachrückenden Generationen anzusprechen. Er kann auch nicht - anders als Hoffmann - als lokaler Generationskünstler betrachtet werden, sondern repräsentiert, zweifellos in individueller Konturierung, eine der großen musikalischen Richtungen des 20. Jahrhunderts, den Blues, der ja nicht zuletzt zur Keimzelle verschiedener bedeutender Rockstile geworden ist (z. B. The Rolling Stones).
    Wichtige Vergleichsdaten zur Beurteilung der vorliegenden Altersdifferenz finden sich bei Schmücker (1993), der die 1976er-Jazz-Studie von Dollase, Rüsenberg und Stollenwerck 1990, also 14 Jahre später, mit Erhebungen bei den Festivals in Moers und Münster sowie bei mehreren Einzelkonzerten teilreplizierte. Dollase et al. hatten 1976 zwischen zeitgenössischem Jazz und Mainstream Jazz unterschieden und für ersteren ein Durchschnittsalter von 23 Jahren, für letzteren von 30 Jahren ermittelt. Dieses Ergebnis wurde bei der Köln-Studie drei

Jahre später mit den Daten vom Jazzhausfestival, das zeitgenössischen Jazz präsentierte, bestätigt (Durchschnittsalter 22,6 Jahre).
    Schmücker replizierte 1990 nur für den zeitgenössischen Jazz und ermittelte ein Durchschnittsalter von genau 29 Jahren. Das Durchschnittsalter des Jazzkonzertpublikums ist demnach in der Zeit von 1979 (Köln-Studie) bis 1990 um 6,4 Jahre gestiegen. Die Altersklassenanalyse von Schmücker zeigte, dass bei gleichbleibendem Range die Anteile der jüngeren Gruppen dramatisch zurückgingen und die Anteile der Endzwanziger und Anfangdreißiger stark zunahmen. Schmücker lässt es denn auch an deutlichen Worten nicht fehlen:

Zusammenfassend bleibt in bezug auf das Alter zu konstatieren, dass das Jazzpublikum im Verlauf der 14 Jahre durchschnittlich gealtert ist. Jazz-Liveerlebnisse sind heutzutage ganz und gar nicht mehr eine Sache der ganz jungen Leute. [...] Die hohe Anzahl der über 30-Jährigen könnte sogar dafür sprechen, dass ein Teil des Publikums dem Jazz über die Jahre treu geblieben und einfach älter geworden ist, während von der jüngeren Generation kaum noch InteressentInnen hinzukommen. [...] Der Jazz verliert seine Jugend.22

Die Ergebnisse der Berlin-Studie erscheinen vor diesem Hintergrund nicht mehr als veranstaltungsbedingte Verzerrung, sondern als Fortsetzung, wenn nicht Verschärfung der von Schmücker beschriebenen Tendenz. In den neun Jahren von 1990 (Schmücker) bis 1999 ist das Durchschnittsalter des Jazz publikums nach Datenvergleich um 10,5 Jahre gestiegen, im Vergleich zu 1979 (Dollase et al.) um rund 17 Jahre. Die Prognosen für die Rekrutierung eines künftigen Jazzpublikums können daher nicht günstig ausfallen. Giorgio Cariotti, Eigentümer des Quasimodo, dem führenden (privaten) Jazzclub Berlins, in dem die Daten Taj Mahal erhoben wurden, bestätigt diese Befunde im Gespräch. Nach seinen Beobachtungen sind die Besucherzahlen im Jazz seit Jahren rückläufig, und zwar verstärkt. Insbesondere die jüngeren Jahrgänge blieben aus. Cariotti wird das Festival "Jazz in July", für Jahrzehnte ein Aushängeschild im Musikleben der Stadt, wegen der Verluste, die es ihm inzwischen beschert, künftig nicht mehr veranstalten.

4. Die Vergleichsdaten für die Neue Musik sind sehr gut, da den Autoren der Köln-Studie aufgrund besonderer räumlicher Bedingungen hier nahezu eine Totalerhebung gelungen ist. Neue Musik bezeichnet, anders als fast alle übrigen der hier behandelten Musikarten, weniger einen "Stil" oder ein Reservoir von Materialien und Techniken als vielmehr eine Idee und eine Institution. Der sie tragende Gedanke liegt darin, um eine Formulierung von Carl Dahlhaus aufzugreifen, dass Musik erst dann, wenn sie sich zu extremer Individualisierung vorwagt [...] eine Chance erhält, dem geschichtlichen Augenblick gerecht zu werden [...]23.
    Mehr noch als im Jazz bildet die Anhänger- und Hörerschaft Neuer Musik eine verschwindend kleine Minderheit im Gesamtzusammenhang musikalisch-symbolischer Austauschprozesse. Nach den Diskursen, Pamphleten und Programmgestaltungen in dem Bereich zu urteilen ist sie aber nicht etwa durch besondere Geschlossenheit gekennzeichnet, sondern eher durch Fragmentierung und ausgeprägte Rivalitäten.24 Nach einer These Max Webers bilden dabei Künstler- und Intellektuellenzirkel, die sich um eine Idee, ein Programm oder einen Protagonisten scharen, als Gemeinschaften Gleichgesinnter das funktionale Äquivalent öffentlicher Anerkennung.
    Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich bei verschiedenen Veranstaltungen Neuer Musik auch verschiedene Gruppierungen einfinden. Die beiden auf der Biennale befragten Publika (Berliner Sinfonie Orchester im Konzerthaus, Ensemble Modern in der Philharmonie) haben jedoch eine sehr ähnliche Altersstruktur (Mittelwertsdifferenz = 2,2 Jahre). Umso deutlicher fällt mit einer Differenz von 13,7 Jahren der Altersunterschied zur Köln-Studie aus. Sofern sich im Januar 1980 bei der "Klangerzeuger"-Reihe des WDR nicht ein außergewöhnliches Auditorium eingefunden hat, bleibt nur zu konstatieren, dass das Publikum der Neuen Musik ebenfalls älter geworden ist.

5. Bezüglich der Klassik-Publika fällt bei der Köln-Studie die - unplausible - Differenz von mehr als zehn Jahren zwischen Gürzenich-Orchester (47,7 Jahre) und Fidelio-Abonnement (37,1 Jahre) auf. Die Berliner Klassik-Publika sind sich demgegenüber in ihrer Altersstruktur sehr ähnlich. Problematisch sind auch die niedrigen Fallzahlen der Köln-Studie bei Gürzenich (N= 76) und Fidelio-Premiere (N= 70). Es wurde oben ferner argumentiert, dass in der Köln-Studie für die älteren Publika - und die Klassik-Gruppe ist die älteste in dieser Untersuchung - eine Verzerrung der Mittelwerte nach unten sehr wahrscheinlich ist.
    Es ist daher sinnvoll anzunehmen, dass die errechnete Differenz von 9,2 Jahren zwischen den Klassik-Gruppen der Köln-Studie (40,2) und der Berlin-Studie (49,4; mit P2 49,95 Jahre) in Wirklichkeit geringer ist und wahrscheinlich weniger als fünf Jahre beträgt, zumal in die Kölner Werte bis zu 7 % Kinder eingegangen sind. Die Klassik-Auditorien wären demnach nur geringfügig älter geworden.

6. Besonders drastisch sind die Verschiebungen in der Altersstruktur im Bereich Schlager ("Siegel-Schlager") und volkstümliche Musik. Zeichnen sich die entsprechenden Berliner Publika erneut durch sehr ähnliche Altersstrukturen aus, so kann vor allem das Publikum von Karel Gott (Berlin) als geeignetes Äquivalent zu Peter Alexander (Köln) betrachtet werden. Nicht nur beträgt die absolute Differenz hier nach 20 Jahren genau 20 Jahre, sondern auch die Standardabweichung ist praktisch unverändert geblieben. Die Hörerschaft des älteren Schlagers ist - selbst wenn man auch bei dieser Kölner Stichprobe eine Verzerrung nach unten konzediert - geradezu als geschlossene Struktur mit dem Zeitpfeil vorgerückt. Der Befund verweist vor allem auf die starke Personenbindung in diesem Bereich, wie sie bereits für das Hoffmann-Publikum festgestellt wurde. Für die volkstümliche Musik gilt im Übrigen Ähnliches, allerdings war hier bereits das Kölner Publikum im Durchschnitt rund 40 Jahre alt. Da der Konzertbesuch der "Schunkelsenioren" nach dem 60. Lebensjahr, wie Abb. 7 zeigt, stark nachlässt (und durch den bequemeren Fernsehkonsum ersetzt wird), ist die etwas geringere Stichprobendifferenz der Volksmusik leicht zu erklären. Daraus ergibt sich aber keine andere Prognose, als dass die "Schunkelsenioren" mit jedem Vorrücken der Balkenreihe auf der Altersskala weniger werden und das Publikum dieser Musikarten in absehbarer Zukunft ausstirbt - sofern die deswegen bereits getroffenen Maßnahmen nicht greifen. Die Kombination von gepopten Verdi-Arien ("Zeitlosigkeit") als Hauptgang und Elvis Presley-Imitationen (Rock-'n'-Roll-Zeit) als Nachspeise, wie sie von Helmut Lotti präsentiert wird, zielt jedenfalls bereits auf die Nachfolgegeneration des Siegel-Schlagers - einstweilen mit Erfolg.
    Der jüngere Schlager hat es in Deutschland sehr schwer und erscheint immer mehr als geradezu komisches Relikt aus einer vergangenen Zeit. Anders als Karel Gott oder Udo Jürgens, die solide handwerkliche Fertigkeiten mit ins Geschäft brachten und als konzertierende Künstler einen ganzen Abend zu gestalten vermochten, sind die meisten jüngeren Schlagersänger zu bloßen Imageträgern degeneriert oder brechen in unkontrollierte Selbstverulkung aus (Guildo Horn). Die wenigsten sind überhaupt in der Lage, ein Live-Programm zu bestreiten und so war der Playback-Wanderzirkus der ZDF-Hitparade mit U. Hübner die letzte traurige Verkaufsveranstaltung für einen heimatlos gewordenen Anachronismus - und ihre Einstellung schließlich im Dezember 2000 nichts als das verdiente Ende.

3. Schluss

Die Befunde zur altersstrukturellen Zusammensetzung von Konzertpublika verschiedener Musik arten können nunmehr einer Interpretation im Lichte der einleitend dargestellten Thesen und Konzepte zugeführt werden. Dem ist vorauszuschicken, dass das Alter zwar die wichtigste, selbstverständlich aber nicht die einzige relevante Variable für die sozialstrukturelle Komposition von Konzertpublika darstellt. Eine umfassendere sozialstrukturelle Analyse würde jedoch den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen und muss nachfolgenden Publikationen vorbehalten bleiben.

1. Konzertpublika der verschiedenen großen Richtungen des zeitgenössischen Musiklebens besitzen eine jeweils charakteristische altersstrukturelle Zusammensetzung. Die Differenzen betreffen die Merkmalsaspekte Durchschnittsalter, Streuung und Verteilungsform (Modalität, Schiefe). Damit bestätigt sich zunächst die aus der neueren Kultursoziologie abgeleitete Erwartung, dass das Lebensalter für die Konstitution spezifischer Aggregate (Menschenansammlungen) kollektiver kultureller Praxis, welche die Konzertpublika darstellen, eine Funktion besitzt. Anders ausgedrückt: Die gesellschaftlichen Rekrutierungsräume für die Konstitution solcher Aggregate sind partiell altersmäßig definiert. Insoweit ist unser Befund mit Schulzes These vereinbar, dass die Großgruppenstruktur unserer Gesellschaft wesentlich altersmäßig bestimmt ist und durch erhöhte (gruppeninterne) Binnenkommunikation - im Falle der Konzertpublika durch kognitiv- emotionalen Austausch und symbolische Affirmation - aufrechterhalten und bestätigt wird.

2. Das Maß und die Form, in dem die Konzertpublika die strukturierte altersmäßige Ungleichheit in unserer Gesellschaft reflektieren und gleichsam zur Aufführung bringen, ist allerdings sehr verschieden.
    Nach dem Merkmalsaspekt "Durchschnittsalter" repräsentieren die Publikumsgruppen "Hip, cool, and frantic" (= Pop, Rock, Dance) und "Schunkelsenioren" (= Schlager, volkstümliche Musik, Internationale Folklore) die Extreme von Jung und Alt unter allen Auditorien. Sie sind so weit voneinander verschieden, dass noch die Differenz zwischen den ältesten Jüngeren und den jüngsten Älteren (x - + s jüngere Gruppe) - (x - - s ältere Gruppe) = 11,4 Jahre beträgt. Die Distanz zwischen den beiden Gruppen schlägt sich auch in den (abgefragten) Gefallensurteilen über die jeweils anderen Musikarten nieder. Insbesondere Techno wird von den "Schunkelsenioren" einhellig abgelehnt ("gefällt überhaupt nicht"), während umgekehrt die Frantics ebenso einhellig die volkstümliche Musik verabscheuen. Auch in der Frage nach "unmöglichen" Musikarten, die "eigentlich verboten werden müssten", rangieren die Stile der jeweils anderen Gruppe, vor allem Techno und volkstümliche Musik, an erster Stelle. Man kann sagen, dass diese beiden Musikarten in unserer Kultur das Verhältnis der extremsten gegenseitigen Ablehnung repräsentieren - und in ihrer Hörerschaft extrem altersmäßig bestimmt sind.
    Nach dem Merkmalsaspekt "Streuung", der die altersmäßige Homogenität vs. Heterogenität der Publika erfasst, prägen die Gruppen "Hip, cool, and frantic" und "Klassische Hochkultur" den größten Unterschied aus. Die geringste Streuung zeigen dabei die beiden Dance-Publika P19 und P20. In den House- und Techno-Clubs schottet sich eine Alterskohorte mittels Musik (und Habitus) exklusiv gegen ihre Umwelt ab. Umgekehrt vermag keine andere Musikart so viel altersmäßige Verschiedenheit im Konzertsaal zu vereinigen wie die klassische Musik.
    Die breite altersmäßige Streuung der klassischen Musik ist dabei nicht - jedenfalls nicht primär - durch das im mittleren Bereich angesiedelte Durchschnittsalter von rund 50 Jahren zu erklären. Würde ein mittlerer Wert bereits die Streuung erhöhen, weil die natürlichen Grenzen an den Extremen nicht berührt werden, so müsste die Publikumsgruppe "Highbrow Lights" (= Jazz, Blues, Liedermacher) eine ebenso breite Streuung aufweisen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Genau diese Gruppe zeigt nach der jüngsten Gruppe "Hip, cool, and frantic" die geringste Streuung und damit eine besonders homogene altersmäßige Zusammensetzung.

3. Zur Erklärung der homogeneren bzw. heterogeneren altersstrukturellen Komposition der Publika - und dieser Aspekt bildet das Zentrum des kultursoziologischen Interesses - muss daher auf die verschiedene Wirksamkeit von Kohorteneffekten und Alterseffekten in verschiedenen Musikarten zurückgegriffen werden.
    In der Einleitung wurde erläutert, dass Alterseffekte (oder lebenszyklische Effekte) mit dem Erreichen bestimmter Altersphasen auftreten, mit ihrem Verlassen wieder abklingen und ggf. anderen Effekten Platz machen. Generationseffekte andererseits rücken mit der jeweiligen Trägerkohorte im Zeitpfeil vor (und vergehen mit ihr).
    Die Längsschnittbetrachtung des Durchschnittsalters vergleichbarer Publika heute und vor 20 Jahren zeigte, dass diese offenbar unterschiedliche Kohortenbindungen besitzen. Die stärksten Bindungen an eine Generation zeigten der ältere Schlager ("Siegel-Schlager"), die volkstümliche Musik, das Liedermacher-Publikum Klaus Hoffmann und der Jazz. Die Publika dieser Musikarten sind in den letzten zwei Jahrzehnten nach Maßgabe der Vergleichsdaten zwischen 16,7 und 20 Jahren gealtert. Die starke Erhöhung des Durchschnittsalters in diesen Auditorien verweist daher auf starke Kohorten- und schwache Alterseffekte. Ebenfalls gealtert, jedoch weniger stark, ist das Publikum der Neuen Musik mit 13,7 Jahren.
    Nur geringe Alterungsraten zeigen hingegen die klassische Musik (< 5 Jahre) und der Rock (ca. 5 Jahre, unsichere Datenlage), gar keine Alterungsrate der Mainstream-Pop. Die relative Konstanz der Altersstruktur verweist daher auf schwache Kohorteneffekte für den Konzertbesuch bei diesen Musikarten, die altersmäßige Verschiedenheit zwischen ihnen (x - klassische Musik ca. 50 Jahre, x - Pop ca. 25 Jahre) aber auf starke Alterseffekte.

4. Die Kohortenbindungen in Schlager, volkstümlicher Musik und bei den Liedermachern sind im Prinzip nicht überraschend und allenfalls in ihrer starken Ausprägung bemerkenswert. Sänger wie Peter Alexander, Karel Gott und Freddy Quinn repräsentieren die überaus erfolgreiche Periode des deutschen Nachkriegsschlagers der frühen und mittleren 60er-Jahre, der aus der Verknüpfung des spezifischen Lebensgefühls dieser Zeit und den emotionalen Entlastungen, die er anbot, bei großen Teilen der damaligen Zwanziger offenbar dauerhafte Bindungen schaffen konnte, bevor die massenhafte Zuwendung der jungen Leute zur Rockmusik Raum griff und das langsame Sterben des Schlagers begann (s. o.). Sängerinnen wie Maria Hellwig und Stefanie Hertel andererseits repräsentieren die neuere fernsehbasierte volkstümliche Musik, die seit Ende der 70er- und vor allem in den 80er-Jahren stark ausgebaut wurde und in regressiver Gegenbewegung zur Anglisierung der populären Musik auf bestimmte Teile der Altersgruppe um vierzig zielte. Die Verarbeitung generationsspezifischer Erfahrungen, der Nach-68er-Zeit, in den Texten und im gesamten Gestus von Klaus Hoffmann schließlich konnte den Liedermacher von vornherein nur zum lokalen Generationskünstler gedeihen lassen - ein Umstand, der im Abtritt eines Wolf Biermann noch deutlicher zutage tritt. Wirklich überraschend, ja bestürzend, ist hingegen der rapide Alterungsprozess in den Auditorien des Jazz. Jahrzehntelang, und ohne Zweifel noch in den 70er-Jahren, ein Zentrum erregender stilistischer Neuerung, das immer wieder junge Hörer in seinen Bann ziehen konnte, haben sich die Innovationspotenziale im Jazz heute hörbar erschöpft - ein Prozess, für den das untersuchte Konzert von McLaughlin, zweifellos einem der kreativsten musikalischen Köpfe der 70er-und frühen 80er-Jahre, im Zurschaustellen sinnloser Virtuosität exemplarisch sein dürfte. Der Jazz stirbt. War er immer schon, wie die Alterskurve seiner Publika zeigt (vgl. Abb. 5), eine Musik für die erste Lebenshälfte, so dürfte seine Hörerschaft mit dem Fernbleiben der nachrückenden Generationen in den kommenden Jahren auf einen einsamen Balken auf 45 Jahren zusammenschrumpfen. Die Position des Jazz in der Musiklandschaft der 60er- und 70er-Jahre ist von anderen Musikarten übernommen worden.

5. Das aktive Interesse (Konzertbesuch) an Pop/ Rock ist bei einer maximalen Effektstärke zwischen 18 und 22 Jahren altersbedingt (vgl. Abb. 3), beginnt aber spätestens mit Anfang/ Mitte dreißig nachzulassen und läuft dann aus. Hätten Gruppen wie REM oder Metallica bei ihren ersten Senderaktivitäten in den frühen 80er-Jahren Hörer Anfang zwanzig (oder auch Hörer Mitte dreißig) rekrutieren und binden können (Kohorteneffekt), so müssten heute in ihren Publika entsprechend starke Gruppen Mitte bis Ende dreißig (oder Anfang bis Mitte fünfzig) anzutreffen sein. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Alterskurve dieser Gruppen entspricht vielmehr dem zitierten, über Retrospektivfragen gewonnenen Befund Hartmanns, nach dem es im Leben jeweils derselben Personen Abnahmen "besonders bei der Nutzung von Rock- und Popmusik" gab25. Die Erneuerung der Trägergruppen dieser Musikarten erklärt sich also durch die Zufuhr neuer junger Besucher aus den nachrückenden Kohorten, die die ausscheidenden älteren Jahrgänge ersetzen.
    (Die "Verwunderung" von Dollase et al. über das Durchschnittsalter von 20 Jahren bei Jethro Tull, "bedenkt man, dass die Gruppe um den Flötisten und Sänger Ian Anderson schon seit einem Dutzend Jahren zu den Top-Gruppen im internationalen Rockmusikgeschäft gehört"26, lässt sich also befrieden: Die starken Kohorteneffekte, von denen die Autoren bei ihren späteren Analysen für die Ausprägung des Musikgeschmacks ausgehen, treffen im Bereich Pop/ Rock für den Konzert besuch jedenfalls nicht zu.)
    Allerdings weichen die Publika von Grönemeyer und Modern Talking (Gruppe "Midlife Popper") von dem beschriebenen Verlauf ein Stück weit ab. Der zweite Gipfel auf 35 Jahren bei diesen Gruppen (vgl. Abb. 4) wurde weiter oben bereits teilweise als Kohorteneffekt (Hörerbindung bei erster Sender aktivität Mitte der 80er-Jahre) und teilweise als Alters effekt (Kinder ab Mitte zwanzig) interpretiert. Als einziger erklärungsträchtiger Unterschied zwischen REM und Metallica einerseits sowie Grönemeyer und Bohlen/ Anders andererseits ist aber zu erkennen, dass es sich bei Ersteren um internationale (amerikanische), bei Letzteren um deutsche Gruppen bzw. einen deutschen Sänger handelt. Die hieraus abzuleitende Hypothese, dass lokale Musiker in Pop und Rock (aufgrund kommunikativer Vorteile) eher Kohortenbindungen erzielen als internationale Musiker, scheint jedenfalls plausibel und lohnte eine weitere Beachtung.
    Die Gründe für die starke Zuwendung zu Pop und Rock zwischen 18 und 20 Jahren können hier nur thesenhaft umrissen werden. Sie dürften einerseits in reifungsbedingter Triebzufuhr und motorischer Stimulationssuche sowie emotionaler Kompensation und Stabilisierung in einer Lebensphase schwieriger, aber notwendiger Orientierung und Selbstfindung zu suchen sein. Nach einer These von R. G. Klausmeier ermöglichen die Stile der Jugendmusikkulturen dabei eine Regression zum "grandiosen Selbst": die "schreiende Stimme" des Leadsängers symbolisiere sowohl den schreienden Säugling, als auch den lautstarken Vater und die aktive Mutter. In der Identifikation mit dem Sänger fühlt sich der Hörer als eine Art "grandioses Selbst": Er ist Vater, Mutter und Kind zugleich.
    Der Psychoanalytiker Udo Rauchfleisch sieht hierin übrigens eine mögliche Erklärung für das rauschartige, ekstatische Erleben, das wir mitunter bei Menschen finden, die sich von einer bestimmten Musik völlig gefangen nehmen lassen. Wir k önnen annehmen, daß der maniforme Zustand, in den sie geraten, dadurch bedingt ist, daß die Grenzen zwischen den verschiedenen Instanzen ihrer Persön lichkeit (Es, Ich und Über-Ich) auf gelöst werden und es zu einer Verschmelzung mit archaisch- narzisstischen Konfigurationen kommt27. Rauchfleisch verweist auch auf den großen narzisstischen Gewinn, den der Hörer durch Idealisierung der musikalischen Protagonisten und anschließende Verschmelzungen mit den Ideal trägern und Teilhabe an ihrer Großartigkeit erzielen kann. Solche Prozesse könnten bei der (altersbedingten) Entwicklung eines kohärenten Selbst mitunter eine wichtige Funktion erfüllen.
    Andererseits dürften auch Abgrenzungsbestrebungen gegenüber Älteren sowie Gruppenzwänge für die altersspezifische Zuwendung zu Pop und Rock eine Rolle spielen. Und schließlich noch scheint die mediale Inszenierung von Bekanntheit und Aktualität (nicht nur bei jungen Menschen) gewisse mimetische Bereitschaften zu aktivieren: die Bereitschaft, das zu präferieren, von dem man glaubt, dass es vielen gefällt. So zeigte eine jüngere Untersuchung von Stefanie Rhein (Magisterarbeit PH Ludwigsburg, unveröffentlicht) zu musikalischen Präferenzen von Schülern, dass solche Videoclips positiver beurteilt wurden, die aktuell auf der Playlist von MTV standen.

6. Auch die Befunde zur klassischen Musik verweisen auf schwache Kohorten- und starke Alterseffekte. Die breite Streuung und der bimodale Kurvenverlauf machen jedoch deutlich, dass diese Effekte anders zu interpretieren sind als in Pop und Rock. Die Rekrutierung von Besuchern klassischer Musik verläuft offenbar kontinuierlich durch alle Altersgruppen und nimmt dabei mit steigendem Alter immer mehr zu. Diese Beobachtung stimmt überein mit dem (ebenfalls zitierten) Befund Hartmanns, der "signifikante Zunahmen im Leben jeweils derselben Personen bei den Präferenzen für klassische Musik, Opern und Musicals sowie dem Lesen von Büchern" festgestellt hatte 28 . Der Rückgang der Jahrgangsstärken von der Altersklasse 30 auf die Altersklasse 45 (vgl. Abb. 6) in diesen Auditorien konnte ebenfalls mit einem Alters effekt erklärt werden: einer Auswirkung des sozialen Alters, da die Elternschaft in dieser Alters- und Bildungsgruppe die außerhäusliche Aktivität des Konzertbesuchs vorübergehend einschränkt.
    Die möglichen Gründe für die mit dem Alter zunehmende Zuwendung zur klassischen Musik können hier ebenfalls nur thesenhaft umrissen werden. Auf das steigende Bedürfnis nach Ruhe, Ordnung, Harmonie und Tradition wurde bereits verwiesen. Der Aufruhr der Hormone hat sich beruhigt, familiäre, berufliche und soziale Positionen sind gefunden worden, diffuse Erwartungen und Vorstellungen haben einer realistischeren Sichtweise Platz gemacht. Während der anarchische Impetus, den Pop und Rock durch die einseitige Aufrufung grandioser Affekte in der Freizeit bedienen, sich verliert, wächst umgekehrt die Zuwendung zu den kontrollierteren klassischen Ausdrucks formen.
    Die breite Streuung des Alters in diesen Auditorien verweist schließlich noch auf einen weiteren Aspekt: auf die Verankerung der klassischen Musik in der Geschichte und den Institutionen unserer Gesellschaft. In den medialen Öffentlichkeiten mag sie im Hintergrund stehen, in den sozialen Strukturen wirkt einstweilen das Selbsterhaltungsstreben eines historisch gewachsenen Systems fort. Die breite Streuung der klassischen Musik veranlasst daher die These, dass die verschiedenen Musikarten in unterschiedlichem Maße funktional sind für die Konstitution und Reproduktion der altersbedingten Großgruppenstruktur in unserer Gesellschaft. Es genügt nicht, mit einer groben dichotomen Unterscheidung zwischen jüngeren und älteren Milieus und einer Bildungsvariablen zu arbeiten. Schulzes These, die wichtigste Grenzzone zwischen den Altersgruppen habe sich in einen Bereich um das vierzigste Lebensjahr herum verschoben, wird von der klassischen Musik offenkundig durchkreuzt (vgl. Abb. 6). Es ist die traditionellste lebendige Musik unseres Kulturraumes, die Musik des späten 18. und des 19. Jahrhunderts, welche unter allen zeitgenössischen Musikarten die verschiedenen Altersgruppen in unserer Gesellschaft weniger voneinander trennt und einander entgegenstellt, als vielmehr vereint.

Dr. phil. Hans Neuhoff ist wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Universität Berlin für die Forschungsgebiete Kunst- und Avantgardemusik des 20. Jh., Popularmusik, indische Musik, Sozialpsychologie der Musik und Musiksoziologie.



1 Laszlo A. Vaskovics, Artikel Schicht, in: Günter Endruweit und Gisela Trommsdorf, Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart, 1989, S. 559.

2 Dick Hebdige, Subculture. The Meaning of Style, London, 1979.

3 Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frank furt/ Main, 1992, S. 368.

4 Annette Spellerberg, Soziale Differenzierung durch Lebensstile, Berlin, 1994, S. 192.

5 Peter H. Hartmann, Lebensstilforschung. Darstellung, Kritik und Weiterentwicklung, Opladen, 1999, S. 202ff.

6 Zu den folgenden Ausführungen vgl.: Klaus-Ernst Behne, Musikalische Konzepte – zur Schicht- und Altersspezifität musikalischer Präferenzen, in: Forschung in der Musikerziehung, 1975, S. 39. Rainer Dollase und Michael Rüsenberg, Hans J. Stollen werk, Demoskopie im Konzertsaal, Mainz, 1986, S. 180ff. Klaus-Jürgen Tillmann, Sozialisationstheorien, Reinbek, 1996, S. 18ff. Peter Hartmann, a. a. O., S. 215ff.

7 Eine behelfsmäßige Lösung des Problems besteht in der Verwendung von Retrospektivfragen.

8 Eine nähere Erklärung der Clusteranalyse kann hier aus Platzgründen nicht gegeben werden. Der interessierte Leser sei auf die leicht greifbaren Darstellungen bei Jürgen Bortz, Statistik. Für Sozialwissenschaftler, Berlin, 1993, S. 522ff. und Klaus und Bernd Erichson Backhaus, Wulff Plinke, Rolf Weiber, Multivariate Analysemethoden, Berlin, 1996, S. 261ff. hingewiesen.

9 Die Distanzwerte im Dendrogramm stellen eine standardisierte Transformation (Standardskala 0 bis 25) der tat sächlichen City-Block Distanzwerte zwischen den Clustern dar.

10 Eine Erklärung für den Nicht-Besuch von Konzerten aus den eigenen Daten würde voraussetzen, dass sowohl Besucher wie Nicht-Besucher befragt wären. Dies war bei der vorliegenden Stichprobengewinnung natürlich ausgeschlossen.

11 Heribert Engstler, Die Familie im Spiegel der amtlichen Statistik. Lebensformen, Familienstrukturen, wirtschaftiche Situation der Familien und familiendemographische Entwicklung in Deutschland. Bundesministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend, Bonn, 1998, S. 83ff. Thomas Klein, Pluralisierung versus Umstrukturierung am Beispiel partnerschaftlicher Lebensformen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 51, Heft 3, 1999, S. 469-490.

12 Gerhard Schulze, a. a. O., S. 189.

13 Klaus-Ernst Behne, Musikpräferenzen und Musikgeschmack, in: Herbert Bruhn, Rolf Oerter und Helmut Rösing (Hrsg.), Musikpsychologie, Reinbek bei Hamburg, 1993, S. 347.

14 Peter H. Hartmann, a. a. O., S. 227.

15 Peter H. Hartmann, a. a. O., S. 230.

16 Vgl. Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 1998 für die Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden, 1998, S. 59.

17 Gemeint sind Arnold Schönberg, der bedeutendste Komponist Neuer Musik im 20. Jahrhundert, und Claude-Michel Schönberg, neben Lloydd Webber der erfolgreichste Komponist im neueren Musical ("Les Misérables").

18 Rainer Dollase et al., a. a. O., S. 40.

19 Erklärungsbedürftig bliebe noch der Rückgang in der MT-Kurve auf die Endzwanziger insoweit, als es für ihn bei Boney M. offenbar kein Korrelat gibt. Die wahrscheinlichste Erklärung sieht wie folgt aus: Das MT-Konzert fand an einem Montagabend statt (Open Air, Beginn 20.00 Uhr, Ende 23.00 Uhr), das Boney M.-Konzert an einem Freitagabend. Der Hinweis von Dollase et al., viele Besucher hätten die Veranstaltung "zum Ziel eines Familienausflugs gemacht", deutet auf eine Frühabendveranstaltung (Freitag!) hin, zu der die Kinder mitgebracht werden konnten. Beim MT-Konzert war genau dies nicht der Fall, das Kinderproblem kam daher voll zum Tragen.

20 Die Erhebung fand gleich nach dem Einlass statt und nutzte mit Erfolg die Wartezeit bis zur Vorgruppe. Insbesondere berufstätige und daher ältere Metallica-Fans, die sich nicht eigens für den Tag freinehmen konnten oder wollten, kamen aber offenbar später zur Veranstaltung.

21 Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, Jahrbuch 1995, Starnberg, 1995, S. 29. Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, Jahrbuch 2000, Starnberg, 2000, S. 28.

22 Fritz Schmücker, Das Jazzkonzertpublikum. Das Profil einer kulturellen Minderheit im Zeitvergleich, Münster, 1993, S. 78.

23 Carl Dahlhaus, "Vorwort", in: Hans Heinz Stuckenschmidt, Neue Musik, Frankfurt, 1981, VIII.

24 Die Differenzen zwischen den beiden Berliner Festivals für Neue Musik, musik-biennale und Inventionen, sind nur ein Beispiel hierfür.

25 Peter H. Hartmann, a. a. O., S. 227.

26 Rainer Dollase et al., a. a. O., S. 40.

27 Udo Rauchfleisch, Musik schöpfen, Musik hören. Ein psychologischer Zugang, Göttingen, 1996, S. 95.


erschienen in: Musikforum H. 95/2001