Immer suchen gesellschaftliche und technologische
Entwicklungen nach Bezeichnungen, und irgendwann
obsiegt dann eine Epochenbezeichnung
über konkurrierende Begriffe. Heute ist die „Informationsgesellschaft"
oder die „Wissensgesellschaft"
in aller Munde. Solche Termini sind immer
problematisch, weil sie aus der komplexen
Vielfalt der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
eine einzige Dimension herausgreifen, um sie
semantisch zur Epochenbezeichnung zu erhöhen.
Und dennoch sind solche Bezeichnungen notwendig,
weil sie die im Strom der Zeit vom zeitgenössischen
Bewusstsein kaum merklichen Veränderungen
auf einen Nenner bringen. Der Vater des
Terminus „Wissensgesellschaft" ist der amerikanische
Soziologe Robert E. Lane, der 1966 über
die „Knowledge Society" schrieb. Sein Kollege
Daniel Bell hat den Begriff übernommen und in
seinem Buch über die postindustrielle Gesellschaft
popularisiert.1)
Natürlich will ein Begriff wie „Informationsgesellschaft"
oder auch „Wissensgesellschaft" früheren
Epochen nicht unterstellen, dass Informationen
und Wissen in ihnen keine Rolle gespielt hätten.
Aber die ständig wachsende Verwendungshäufigkeit
des Terminus „Wissensgesellschaft" zeigt die
Zentralität an, die der Information in unserer pluralistischen,
von Globalisierungsängsten geschüttelten
und von Globalisierungserwartungen enthusiasmierten
Wohlstandsgesellschaft zukommt. Zu
Arbeit und Kapital tritt als dritte Quelle der Wohlstandswertschöpfung
die Information hinzu, die anders
als die beiden ersten Quellen mit Hilfe der Informationstechnologien
auf sich selbst angewandt
und so unerschöpflich gemacht werden kann. So
hoffen jedenfalls die euphorischen Vordenker der
Informationsgesellschaft.
Die Begrifflichkeit Informationsgesellschaft
oder auch Wissensgesellschaft hat zudem eine
wei tere Dimension, die als großes doppeltes Versprechen
gedeutet werden kann. Die Zentralität der
Informationen (oder im Plural des Wissens) als
ultimative Ressource nährt die Illusion, dass das
Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit
aufgehoben werden könnte. Moderne Gesellschaften
haben die Öffentlichkeit als Methode der
Problemreduktion erfunden, um ihren Mitgliedern
die Chance zu geben, sich über alles zu unterrichten,
worüber sie sich aus unmittelbarem Erleben
kein eigenes Urteil bilden können.
Wissenschaft hingegen ist die systematische Anstrengung,
das verfügbare Wissen auf allen Gebieten
in der Breite und in der Tiefe zu erweitern und
miteinander zu verknüpfen. Wissenschaft benötigt
Internationalität und Interdisziplinarität wie die
Lunge Luft zum Atmen. Öffentlichkeit braucht
Lo kalität und Regionalität. Nationale Medien sind
die Ausnahme, nicht die Regel. Die Regel sind
regionale und lokale Medien. Öffentlichkeit ist
hoch selektiv, es gibt zwar Kriterien der Selektion,
die bestimmen, welche Chance ein Thema hat,
öf fentlich zu werden, aber der Zufall spielt eine
bedeutende Rolle. Wissenschaft hingegen ist systematisch,
jeder Beliebigkeit abhold. Aber dennoch
wird die Informationsgesellschaft etwas Neues
bringen bzw., sie hat bereits Novitäten erzeugt.
Eines Schriftstellerlobes konnte sich ein Journalist
erfreuen, der kürzlich schrieb, am Ende des
20. Jahrhunderts verfügten kleine Jungs über mehr
Informationen über die Welt als Voltaire, Kant und
Goethe zusammen. Der mittlerweile verstorbene
polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski beurteilte
mit etwas hinterhältiger Ironie den Urheber
dieser Feststellung als „gescheit", weil er seine
Beobachtung ohne Triumph verkündet habe. Er
mache auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam,
die wir im täglichen Durcheinander aus dem Blickwinkel
verlieren, die aber dennoch eine gefährliche
und rätselhafte Warnung bildet.
Tatsächlich wissen wir heute über die Welt bei
weitem mehr als vor 200 oder 100 Jahren. Wissenschaft
und Technik haben für eine Explosion des
Wissens gesorgt, deren Ende sich in keiner Weise
andeutet. Neun von zehn Wissenschaftlern, die jemals
gelebt haben, sind unsere Zeitgenossen. Das
hat zur Folge, dass das verfügbare Wissen sich
alle zehn Jahre in den verschiedenen Disziplinen
verdoppelt. So z. B. enthält eine beliebige Werktagsausgabe
der New York Times mehr Informationen,
als dem durchschnittlichen Europäer des
17. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben zur Verfügung
standen. Aber dass wir heute klüger seien
als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter, das
wagt niemand zu behaupten, nicht einmal der von
Andrzej Szczypiorski gelobte Journalist.
Aber wir wissen mehr als unsere Väter und
Großväter, und dieses Wissen verdanken wir der
Ubiquität und Omnipräsenz der Medien. Die Allgegenwart
der Medien ist der Grund dafür, dass
die Medien in der heraufkommenden Informationsgesellschaft
mehr noch als zuvor als ihr zentrales
Nervensystem Geltung beanspruchen können.2)
Die explosionsartige Vervielfältigung der technisch
erreichbaren Informationsmöglichkeiten verlangt
vom Mediennutzer ein viel größeres Maß an
souveräner Entscheidungskompetenz. Aufklärung
heute kann deshalb verstanden werden als eine Befreiung
von den Fesseln fremdbestimmter Kommunikation.
Die Transparenz des Mediensystems und
seine Inpflichtnahme durch ethische Mindestnormen
ist deshalb die erste Forderung der Rezipienten
an die Medienproduzenten. Die technologische
Modernisierung der Medien und ihre Globalisierung
verschärft das Spannungsverhältnis zwischen
journalistischer Praxis und den Anforderungen der
Medienethik.
Jedem, der sich als Konsument oder gar Produzent
mit Medieninhalten beschäftigt, drängt sich
die Frage auf, ob künftig allein der Markt die
Moral definiert, ob allein die Botschaft, die beim
Publikum ankommt – gemessen an Einschaltquote
oder Auflagenhöhe – die moralischen Standards
der Informationsgesellschaft bestimmen soll. Es
geht um die Möglichkeiten und Begrenzungen der
Verantwortung der Produzenten von Medienangebo
ten ebenso wie um den verantwortlichen Umgang
mit Medieninhalten bei den Konsumenten. Diese
Fragen sind auch deshalb von einer zwingenden
Aktualität, weil unsere mittlerweile fast 20-jährigen
Erfahrungen mit dem dualen System der Rundfunkordnung
in Deutschland Zweifel haben entstehen
lassen, ob Markt und Qualität deckungsgleiche
Größen sein können.
In zwei Schritten soll die Thematik erschlossen
werden. Zunächst wird erläutert, was mit dem
Ausdruck „Informationsgesellschaft" gemeint ist.
Dann soll – zweitens – untersucht werden, ob
diese Informationsgesellschaft andere oder neue
ethische Maßstäbe verlangt. In diesem Zusammenhang
verdient auch die Frage eine gründlichere
Prüfung, womit so etwas wie eine Spezialethik für
Journalisten begründet werden könnte oder ob die
Ethik der Kommunikation, wie sie seit Jahrtausenden
Geltung beansprucht, lediglich der technisch
vergrößerten Reichweite der Kommunikatoren angepasst
werden muss.
Informationsgesellschaft sein: die Verabschiedung
der Relevanz des Alltagswissens. Weil Erfahrung
im Sinne von tradierter Erfahrung sehr stark an Bedeutung
verlieren wird, muss das Leben zu einem
permanenten Prozess des Umlernens werden. Wir
kennen schon heute die Formel bei Begrüßungen
von Berufsanfängern: Nun vergessen Sie alles, was
Sie auf der Schule oder in der Uni gelernt haben.
Die Globalisierung der Märkte und – als ihre
Voraussetzung die Globalisierung der Informationsnetze
– sorgt einerseits dafür, dass sich die
Galaxie des abendländischen Wissens mit Lichtgeschwindigkeit
ausdehnt und dieses Wissen zudem
überall zur Verfügung steht, sodass das menschliche
Gedächtnis nicht länger herausgefordert wird.
Andererseits entscheidet die Schnelligkeit des Wandels,
die Sensibilität für Zeitdifferenzen über die
Chancen auf dem Markt, sodass heute niemand
wissen kann, was er morgen wissen muss, um sich
wirtschaftlich zu behaupten.
Die Welt der Informationsgesellschaft wird beherrscht
von dem Triumvirat von Hardware, Software
und dem Menschen. Hardware ist nicht länger
ein Produkt aus Eisen, sondern eine millionenfache
Wiederholung winziger Siliziumtransistoren. Das
Milliardengeschäft namens Software ist eine logische
Abstraktion, die von den Zeiten und Räumen
der Maschinen prinzipiell absieht, um sie in der Theorie,
aber auch nur in ihr, zu beherrschen.3) Hardware
und Software sind unschlagbar im Suchen,
Speichern, Rechnen. Aber der Mensch ist un schlagbar
im Bewerten, in der Interpretation und in der
Herstellung des Kontexts. Die Sintflut der Daten,
die sich täglich über uns ergießt, bietet keinen Sinn.
Sinn ergibt sich erst aus dem Kontext, und dieser
kann nur vom Menschen hergestellt werden.
Sowohl die Produzenten wie die Distributoren
wie auch die Rezipienten medialer Angebote haben
sich in der Informationsgesellschaft der Herausforderung
zu stellen, aus der Sturmflut von Informationen
jene herauszufiltern, die relevant sind für
die eigene Lebensführung, für die politische Willensbildung,
für die kulturelle Orientierung.
Das „Neue" der Informationsgesellschaft besteht
nicht in einer grundsätzlich veränderten Qualität
im Vergleich zur modernen Massenkommunikation,
sondern in einer veränderten Quantität der
Informationsdichte, die der einzelne Journalist wie
auch der einzelne Rezipient zu bewältigen hat.
Eine qualitative Veränderung allerdings ist in
der Re-Individualisierung der Massenmedien zu
sehen. Die technischen Möglichkeiten der Datenkompression,
der Digitalisierung und des interaktiven
Zugriffs ermöglichen dem Nutzer der Multimedia-
Angebote eine enorme Steigerung seiner
Souveränität als Konsument. Jeder wird sich künftig
seine Information, Bildungs- und Unterhaltungs
programme nach seinen speziellen Bedürfnissen
und Interessen zusammenstellen können.
Das Grundgesetz der Massenkommunikation lautet:
Einer druckt oder sendet, viele lesen, hören
oder sehen das Gleiche. Das neue Grundgesetz
von Multimedia heißt: Jeder wird sein eigener Programmdirektor,
jeder entscheidet selbst, welchen
Inhalten er die knappe Ressource seiner Aufmerksamkeit
zuwendet.
Das ist das Wesentliche dieser neuen Technologie,
dass sie alle anderen Medien und Kommunikationsformen
in sich aufnehmen wird. Datenströme
aller Art, Stichwort Computer-Autobahnen, wachsen
mit Fernsehen, Radio, Telefon, PC und elektronischen
Zeitungen zusammen. Der dazugehörige
Begriff heißt: United States of Media, also der vereinigte
Medienzustand. In ihm lösen sich alle bisher
gewohnten Trennlinien und Arbeitsteilungen
zwischen den verschiedenen Mediengattungen auf,
Arbeit kann dann zunehmend aus Büros ausgelagert
werden und zu Hause stattfinden. Einkaufen,
zur Bank gehen, Postamt aufsuchen ebenfalls. Die
Sphären Freizeit und Arbeit, Heim und Büro werden
sich miteinander verschränken.
Die explosionsartige Vervielfältigung und die
globale Verfügbarkeit des Informations- und Unterhaltungsangebotes
und die daraus erwachsene Selektionsnotwendigkeit
verschärfen die Frage nach
den Entstehungsbedingungen der gesellschaftlichen
Konstruktion von Wirklichkeit. Hinter dieser
nur scheinbar akademischen Frage verbirgt sich
eine ganze Batterie von offenen Problemen, unter
denen der Zusammenhang von Gewaltdarstellungen
im Fernsehen und Kriminalitätserwartungen
des Publikums nur ein Problem ist.
Welche konkrete politische Bedeutung diese
Frage hat, haben die amerikanischen Kommunikationsforscher
George Gerbner und Larry Gross
schon vor Jahren in einer interessanten Untersuchung
aufgezeigt. In ihrer Studie über Gewaltdarstellungen
im Fernsehen und Gewaltvorstellungen
des Publikums haben die Forscher herausgefunden,
dass Personen, die viel fernsehen – heavy viewers
mit täglich mehr als drei Stunden – etwa zehnmal
häufiger Furcht hatten, selbst ein Opfer von Gewalt
zu werden, als Zuschauer, die wenig oder gar
nicht fernsehen.4)
Amerikanische Politikwissenschaftler haben die
These von der wirklichkeitsverzerrenden Wirkung
eines hohen Fernsehkonsums kürzlich bestätigt
gefunden. Mit zunehmender Dauer des Fernsehkonsums
nimmt die Bereitschaft zum überindividuellen
Engagement, zum Vertrauen in Institutionen
oder Mitmenschen und auch zur Teilnahme an
Wahlen ab. Robert D. Putnam behauptet: Je mehr
man fernsieht, desto weniger Vertrauen hat man zu
Institutionen und Personen. Je mehr man Zeitung
liest, desto größer ist das Vertrauen generell.5)
Das dazu passende – bildungsbürgerlich obligate
– Goethezitat findet sich in den Zahmen
Xenien:
Dummes Zeug kann man viel reden
Kann es auch schreiben.
Wird weder Leib noch Seele töten.
Es wird alles beim Alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht,
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht.
Goethes Warnung vor der Knechtschaft des Bildes
wird trotz der enorm wachsenden Möglichkeiten
der aktiven Nutzung des MultimediaAngebotes
nichts von seiner Berechtigung verlieren. Denn
für die zunächst überwiegende Zahl der Nutzer
des Multimedia-Angebotes wird die explosionsartige
Vervielfältigung des Fernsehangebots im
Vordergrund stehen. Dem wird der Einzelne nur
durch eine seiner individuellen Interessenlage entsprechend
programmierte Angebotsselektierung
beikommen können. Multimedia liest dem Benutzer jeden
Wunsch sozusagen von den Augen
ab und versorgt ihn mit dem Programm, das ihm
das liebste ist, das ein Optimum und Maximum
an individueller Information und Unterhaltung
verspricht.
Da das Entspannungsbedürfnis auch künftig im
Vordergrund der medialen Nutzungsmotive stehen
wird, kann der Liebhaber von Action- oder Science-Fiction-
Programmen künftig noch mehr solche
Programme erleben, die er schon kennt, noch häufiger
das erfahren, was er schon weiß. Das Ergebnis
ist eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit, die der
Bamberger Soziologe Gerhard Schulze als Kaspar
Hauser-Syndrom bezeichnet.6)
Der passive Nutzer von Multimedia gerät in die
Nachbarschaft des kommunikativ total isolierten
Menschen. Er begegnet sich nur noch selbst und
er wird wenig Grund haben, dies zu ändern, wenn
er sich nach einiger Zeit dabei wohlfühlt, in der
Stallwärme des eigenen Ichs7) zu sitzen. Der stets
anregende Blick über den Rand des ohnehin geschrumpften
Tellers wird dem passiven Nutzer von
Multimedia schwer fallen. Dies dürfte allerdings
auch für einen Teil der aktiven Nutzer gelten, die
sich den neuen Möglichkeiten gezielt zuwenden
und über ihre Computer immer wieder im Internet
miteinander kommunizieren. Der Kommunikationszweck
gilt dem Hauptinteressensgebiet, dessen
Wissensbestände so enorm erweitert werden
können. Multimedia holt den entfernten Partner so
nah heran, dass er tatsächlich nah zu sein scheint.
Diese Umschichtung von Nah- und Fernkontakten
verdichtet das Hauptsächliche und vernichtet
gleichzeitig das Nebensächliche, das in der persönlichen
Kommunikation von Gesicht zu Gesicht immer
wieder für Überraschung sorgt.
Zunächst wird Multimedia allerdings eine
The orie bestätigen, die wir schon bisher aus der
Kommunikationswissenschaft kennen: die Wissenskluft-
Theorie. Heinz Bonfadelli und Ulrich
Saxer, die schweizerischen Initiatoren der Wissenskluft-
Forschung, werden interessante Arbeiten
schreiben können.8) Schon bei der Konsumption
von Fernsehprogrammen fanden sie heraus: Fernsehen
macht die Klugen klüger und die Dummen
dümmer. Diejenigen, die über eine aktive Intelligenz
verfügen, werden die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten nutzen, um
ihren Wissensvorsprung auszubauen.
Wer sich eher passiv und selbstbezüglich den
neuen perfektionierten Medien zuwendet, wird
nicht mehr von mehr wissen, sondern nur mehr
desselben. Diese Wissenskluft wird auf absehbare
Zeit nicht nur eine Kluft zwischen Intelligenten
und weniger Intelligenten, aktiven und eher passiven
Nutzern, sondern auch eine Kluft zwischen
Jüngeren und Älteren sein.
Deshalb ist auf den Erwerb von Kompetenz
im Umgang mit dem multimedialen Angebot
be sondere Aufmerksamkeit zu lenken. Es ist deshalb
hoch erfreulich, dass der Rat für Forschung,
Technologie und Innovation der Bundesregierung
in seinen Feststellungen und Empfehlungen zur Informationsgesellschaft
1995 dem Bildungswesen
seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt und in
eindringlicher Weise die neuen Chancen skizziert,
aber auch die Notwendigkeit einer multimediagerechten
Medienpädagogik und Medienkompetenz
betont hat.
Für die Politik schafft die Vergrößerung und
Beschleunigung der Informationsmöglichkeiten
und vor allem ihre Globalisierung eine ganze Fülle
neuer Fragestellungen. Die erste und vielleicht
wichtigste ist die Frage, ob und inwieweit die Konstituierung
von Öffentlichkeit als eines transparenten
Diskurszusammenhangs durch die integrierten
Informations- und Kommunikationstechnologien
berührt wird.
Das Prinzip Öffentlichkeit ist mit der Entfaltung
der modernen Demokratie, mit der prinzipiellen
Austauschbarkeit von Regierung und Opposition,
so unmittelbar verknüpft, dass seine faktische
Einschränkung oder partielle Aufhebung schwerwiegende
Probleme für das politische System heraufbeschwört.
Insofern kommt auf die öffentlich-rechtlichen
Anstalten, die die Grundversorgung
des Publikums mit politik- und kulturrelevanten
Informationen sicherstellen und einen Diskursrahmen
für die Öffentlichkeit herstellen müssen,
eine gewachsene Verantwortung zu. Ich glaube
nicht, dass die repräsentative Demokratie dadurch
infrage gestellt wird, dass Multimedia prinzipiell
jedem Bürger die Möglichkeit anbietet, sich unmittelbar
am politischen Willensbildungsprozess
zu beteiligen. Diese Möglichkeit hat er auch schon
heute.
Dennoch wird die Einbeziehung der Bürger in
die Kommunikationsnetze und die direkte Erreichbarkeit
aller politischen Akteure grundlegende Veränderungen
des demokratischen Prozesses auch
außerhalb der Hoch-Zeiten der Politik, der Wahlkämpfe,
zur Folge haben. Politische Akteure, die
sich der neuen Technologien zur Selbstdarstellung
besser als andere zu bedienen verstehen, gewinnen
kommunikative Vorsprünge. Ob das multimediale
Angebot langfristig die Verlockungen populistischer
Entscheidungen verstärkt oder verringert, ob
dadurch Politikverdrossenheit abgebaut oder vergrößert
wird, das ist heute noch nicht auszumachen.
Zum Erwerb von Medienkompetenz gehört
allerdings auch, die Fundamente unseres kulturellen
Erbes freizulegen, und das ist die Schriftlichkeit.
Unsere Kultur und auch unsere Religion lebt
von der Schriftlichkeit. Man muß lesen, Celeste,
hat Marcel Proust seine Haushälterin ermahnt. Nur
durch Lesen können Menschen sich selbst begegnen,
sich ihrer selbst vergewissern und Selbstvertrauen
und Vertrauen zu anderen entwickeln. Nur
so können in der Postmoderne Orientierungsprobleme
abgebaut werden.
Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf ist Präsident der Universität Erfurt.
Der Aufsatz ist erschienen in: Glanzlichter der Wissenschaft, hrsg. v. Deutschen Hochschulverband, Stuttgart, Meins und Meins 1998, S. 5– 13. Wir danken für den gekürzten Abdruck.
1) Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review, 5, 1966, 650ff. Vgl. auch: Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York, 1973, S. 2l2– 265.
2) Vgl. hierzu Wolfgang Bergsdorf, Deutschland an der Jahrtausendwende, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B1– 2, 2000, S. 21.
3) Vgl. Friedrich Kittler, Computeranalphabetismus, in: Universitas, 49, Nr. 573, 1994, S. 245ff.
4) Georg Gerbner/ Larry Gross u. a., The Mainstreaming of America: Violence Profile No. II, in: Journal of Communications, 30, 1980, S. l0ff.
5) Robert D. Putnam (Hrsg.), Gemeinschaft und Gemeinsinn, Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh, 2001.
6) Gerhard Schulze, Erlebnisgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 12, 2000, 3ff.
7) A. a. O.
8) Vgl. hierzu z. B. Heinz Bonfadelli, Die Wissenskluft-Perspektive. Medien und gesellschaftliche Information, Konstanz, 1994; Ulrich Saxer, Medieninnovation und Mediendistanz, in Walter A. Mahle (Hrsg.), Medienangebot und Mediennutzung, Berlin, 1989, S. 145ff. AKM-Studien, Band 31.