Wolfgang Bergsdorf
Im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit: Die Informationsgesellschaft und ihr wachsender Ethikbedarf

Immer suchen gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nach Bezeichnungen, und irgendwann obsiegt dann eine Epochenbezeichnung über konkurrierende Begriffe. Heute ist die „Informationsgesellschaft" oder die „Wissensgesellschaft" in aller Munde. Solche Termini sind immer problematisch, weil sie aus der komplexen Vielfalt der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine einzige Dimension herausgreifen, um sie semantisch zur Epochenbezeichnung zu erhöhen. Und dennoch sind solche Bezeichnungen notwendig, weil sie die im Strom der Zeit vom zeitgenössischen Bewusstsein kaum merklichen Veränderungen auf einen Nenner bringen. Der Vater des Terminus „Wissensgesellschaft" ist der amerikanische Soziologe Robert E. Lane, der 1966 über die „Knowledge Society" schrieb. Sein Kollege Daniel Bell hat den Begriff übernommen und in seinem Buch über die postindustrielle Gesellschaft popularisiert.1)
Natürlich will ein Begriff wie „Informationsgesellschaft" oder auch „Wissensgesellschaft" früheren Epochen nicht unterstellen, dass Informationen und Wissen in ihnen keine Rolle gespielt hätten. Aber die ständig wachsende Verwendungshäufigkeit des Terminus „Wissensgesellschaft" zeigt die Zentralität an, die der Information in unserer pluralistischen, von Globalisierungsängsten geschüttelten und von Globalisierungserwartungen enthusiasmierten Wohlstandsgesellschaft zukommt. Zu Arbeit und Kapital tritt als dritte Quelle der Wohlstandswertschöpfung die Information hinzu, die anders als die beiden ersten Quellen mit Hilfe der Informationstechnologien auf sich selbst angewandt und so unerschöpflich gemacht werden kann. So hoffen jedenfalls die euphorischen Vordenker der Informationsgesellschaft.
Die Begrifflichkeit Informationsgesellschaft oder auch Wissensgesellschaft hat zudem eine wei tere Dimension, die als großes doppeltes Versprechen gedeutet werden kann. Die Zentralität der Informationen (oder im Plural des Wissens) als ultimative Ressource nährt die Illusion, dass das Spannungsfeld von Wissenschaft und Öffentlichkeit aufgehoben werden könnte. Moderne Gesellschaften haben die Öffentlichkeit als Methode der Problemreduktion erfunden, um ihren Mitgliedern die Chance zu geben, sich über alles zu unterrichten, worüber sie sich aus unmittelbarem Erleben kein eigenes Urteil bilden können.
Wissenschaft hingegen ist die systematische Anstrengung, das verfügbare Wissen auf allen Gebieten in der Breite und in der Tiefe zu erweitern und miteinander zu verknüpfen. Wissenschaft benötigt Internationalität und Interdisziplinarität wie die Lunge Luft zum Atmen. Öffentlichkeit braucht Lo kalität und Regionalität. Nationale Medien sind die Ausnahme, nicht die Regel. Die Regel sind regionale und lokale Medien. Öffentlichkeit ist hoch selektiv, es gibt zwar Kriterien der Selektion, die bestimmen, welche Chance ein Thema hat, öf fentlich zu werden, aber der Zufall spielt eine bedeutende Rolle. Wissenschaft hingegen ist systematisch, jeder Beliebigkeit abhold. Aber dennoch wird die Informationsgesellschaft etwas Neues bringen bzw., sie hat bereits Novitäten erzeugt.
Eines Schriftstellerlobes konnte sich ein Journalist erfreuen, der kürzlich schrieb, am Ende des 20. Jahrhunderts verfügten kleine Jungs über mehr Informationen über die Welt als Voltaire, Kant und Goethe zusammen. Der mittlerweile verstorbene polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski beurteilte mit etwas hinterhältiger Ironie den Urheber dieser Feststellung als „gescheit", weil er seine Beobachtung ohne Triumph verkündet habe. Er mache auf eine Selbstverständlichkeit aufmerksam, die wir im täglichen Durcheinander aus dem Blickwinkel verlieren, die aber dennoch eine gefährliche und rätselhafte Warnung bildet.
Tatsächlich wissen wir heute über die Welt bei weitem mehr als vor 200 oder 100 Jahren. Wissenschaft und Technik haben für eine Explosion des Wissens gesorgt, deren Ende sich in keiner Weise andeutet. Neun von zehn Wissenschaftlern, die jemals gelebt haben, sind unsere Zeitgenossen. Das hat zur Folge, dass das verfügbare Wissen sich alle zehn Jahre in den verschiedenen Disziplinen verdoppelt. So z. B. enthält eine beliebige Werktagsausgabe der New York Times mehr Informationen, als dem durchschnittlichen Europäer des 17. Jahrhunderts in seinem ganzen Leben zur Verfügung standen. Aber dass wir heute klüger seien als unsere Väter, Großväter oder Urgroßväter, das wagt niemand zu behaupten, nicht einmal der von Andrzej Szczypiorski gelobte Journalist.
Aber wir wissen mehr als unsere Väter und Großväter, und dieses Wissen verdanken wir der Ubiquität und Omnipräsenz der Medien. Die Allgegenwart der Medien ist der Grund dafür, dass die Medien in der heraufkommenden Informationsgesellschaft mehr noch als zuvor als ihr zentrales Nervensystem Geltung beanspruchen können.2)
Die explosionsartige Vervielfältigung der technisch erreichbaren Informationsmöglichkeiten verlangt vom Mediennutzer ein viel größeres Maß an souveräner Entscheidungskompetenz. Aufklärung heute kann deshalb verstanden werden als eine Befreiung von den Fesseln fremdbestimmter Kommunikation. Die Transparenz des Mediensystems und seine Inpflichtnahme durch ethische Mindestnormen ist deshalb die erste Forderung der Rezipienten an die Medienproduzenten. Die technologische Modernisierung der Medien und ihre Globalisierung verschärft das Spannungsverhältnis zwischen journalistischer Praxis und den Anforderungen der Medienethik.
Jedem, der sich als Konsument oder gar Produzent mit Medieninhalten beschäftigt, drängt sich die Frage auf, ob künftig allein der Markt die Moral definiert, ob allein die Botschaft, die beim Publikum ankommt – gemessen an Einschaltquote oder Auflagenhöhe – die moralischen Standards der Informationsgesellschaft bestimmen soll. Es geht um die Möglichkeiten und Begrenzungen der Verantwortung der Produzenten von Medienangebo ten ebenso wie um den verantwortlichen Umgang mit Medieninhalten bei den Konsumenten. Diese Fragen sind auch deshalb von einer zwingenden Aktualität, weil unsere mittlerweile fast 20-jährigen Erfahrungen mit dem dualen System der Rundfunkordnung in Deutschland Zweifel haben entstehen lassen, ob Markt und Qualität deckungsgleiche Größen sein können.
In zwei Schritten soll die Thematik erschlossen werden. Zunächst wird erläutert, was mit dem Ausdruck „Informationsgesellschaft" gemeint ist. Dann soll – zweitens – untersucht werden, ob diese Informationsgesellschaft andere oder neue ethische Maßstäbe verlangt. In diesem Zusammenhang verdient auch die Frage eine gründlichere Prüfung, womit so etwas wie eine Spezialethik für Journalisten begründet werden könnte oder ob die Ethik der Kommunikation, wie sie seit Jahrtausenden Geltung beansprucht, lediglich der technisch vergrößerten Reichweite der Kommunikatoren angepasst werden muss.

Informationsgesellschaft sein: die Verabschiedung der Relevanz des Alltagswissens. Weil Erfahrung im Sinne von tradierter Erfahrung sehr stark an Bedeutung verlieren wird, muss das Leben zu einem permanenten Prozess des Umlernens werden. Wir kennen schon heute die Formel bei Begrüßungen von Berufsanfängern: Nun vergessen Sie alles, was Sie auf der Schule oder in der Uni gelernt haben. Die Globalisierung der Märkte und – als ihre Voraussetzung die Globalisierung der Informationsnetze – sorgt einerseits dafür, dass sich die Galaxie des abendländischen Wissens mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnt und dieses Wissen zudem überall zur Verfügung steht, sodass das menschliche Gedächtnis nicht länger herausgefordert wird. Andererseits entscheidet die Schnelligkeit des Wandels, die Sensibilität für Zeitdifferenzen über die Chancen auf dem Markt, sodass heute niemand wissen kann, was er morgen wissen muss, um sich wirtschaftlich zu behaupten.
Die Welt der Informationsgesellschaft wird beherrscht von dem Triumvirat von Hardware, Software und dem Menschen. Hardware ist nicht länger ein Produkt aus Eisen, sondern eine millionenfache Wiederholung winziger Siliziumtransistoren. Das Milliardengeschäft namens Software ist eine logische Abstraktion, die von den Zeiten und Räumen der Maschinen prinzipiell absieht, um sie in der Theorie, aber auch nur in ihr, zu beherrschen.3) Hardware und Software sind unschlagbar im Suchen, Speichern, Rechnen. Aber der Mensch ist un schlagbar im Bewerten, in der Interpretation und in der Herstellung des Kontexts. Die Sintflut der Daten, die sich täglich über uns ergießt, bietet keinen Sinn. Sinn ergibt sich erst aus dem Kontext, und dieser kann nur vom Menschen hergestellt werden.
Sowohl die Produzenten wie die Distributoren wie auch die Rezipienten medialer Angebote haben sich in der Informationsgesellschaft der Herausforderung zu stellen, aus der Sturmflut von Informationen jene herauszufiltern, die relevant sind für die eigene Lebensführung, für die politische Willensbildung, für die kulturelle Orientierung.
Das „Neue" der Informationsgesellschaft besteht nicht in einer grundsätzlich veränderten Qualität im Vergleich zur modernen Massenkommunikation, sondern in einer veränderten Quantität der Informationsdichte, die der einzelne Journalist wie auch der einzelne Rezipient zu bewältigen hat.
Eine qualitative Veränderung allerdings ist in der Re-Individualisierung der Massenmedien zu sehen. Die technischen Möglichkeiten der Datenkompression, der Digitalisierung und des interaktiven Zugriffs ermöglichen dem Nutzer der Multimedia- Angebote eine enorme Steigerung seiner Souveränität als Konsument. Jeder wird sich künftig seine Information, Bildungs- und Unterhaltungs programme nach seinen speziellen Bedürfnissen und Interessen zusammenstellen können. Das Grundgesetz der Massenkommunikation lautet: Einer druckt oder sendet, viele lesen, hören oder sehen das Gleiche. Das neue Grundgesetz von Multimedia heißt: Jeder wird sein eigener Programmdirektor, jeder entscheidet selbst, welchen Inhalten er die knappe Ressource seiner Aufmerksamkeit zuwendet.
Das ist das Wesentliche dieser neuen Technologie, dass sie alle anderen Medien und Kommunikationsformen in sich aufnehmen wird. Datenströme aller Art, Stichwort Computer-Autobahnen, wachsen mit Fernsehen, Radio, Telefon, PC und elektronischen Zeitungen zusammen. Der dazugehörige Begriff heißt: United States of Media, also der vereinigte Medienzustand. In ihm lösen sich alle bisher gewohnten Trennlinien und Arbeitsteilungen zwischen den verschiedenen Mediengattungen auf, Arbeit kann dann zunehmend aus Büros ausgelagert werden und zu Hause stattfinden. Einkaufen, zur Bank gehen, Postamt aufsuchen ebenfalls. Die Sphären Freizeit und Arbeit, Heim und Büro werden sich miteinander verschränken.
Die explosionsartige Vervielfältigung und die globale Verfügbarkeit des Informations- und Unterhaltungsangebotes und die daraus erwachsene Selektionsnotwendigkeit verschärfen die Frage nach den Entstehungsbedingungen der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit. Hinter dieser nur scheinbar akademischen Frage verbirgt sich eine ganze Batterie von offenen Problemen, unter denen der Zusammenhang von Gewaltdarstellungen im Fernsehen und Kriminalitätserwartungen des Publikums nur ein Problem ist.
Welche konkrete politische Bedeutung diese Frage hat, haben die amerikanischen Kommunikationsforscher George Gerbner und Larry Gross schon vor Jahren in einer interessanten Untersuchung aufgezeigt. In ihrer Studie über Gewaltdarstellungen im Fernsehen und Gewaltvorstellungen des Publikums haben die Forscher herausgefunden, dass Personen, die viel fernsehen – heavy viewers mit täglich mehr als drei Stunden – etwa zehnmal häufiger Furcht hatten, selbst ein Opfer von Gewalt zu werden, als Zuschauer, die wenig oder gar nicht fernsehen.4)
Amerikanische Politikwissenschaftler haben die These von der wirklichkeitsverzerrenden Wirkung eines hohen Fernsehkonsums kürzlich bestätigt gefunden. Mit zunehmender Dauer des Fernsehkonsums nimmt die Bereitschaft zum überindividuellen Engagement, zum Vertrauen in Institutionen oder Mitmenschen und auch zur Teilnahme an Wahlen ab. Robert D. Putnam behauptet: Je mehr man fernsieht, desto weniger Vertrauen hat man zu Institutionen und Personen. Je mehr man Zeitung liest, desto größer ist das Vertrauen generell.5)
Das dazu passende – bildungsbürgerlich obligate – Goethezitat findet sich in den Zahmen Xenien:

Dummes Zeug kann man viel reden
Kann es auch schreiben.
Wird weder Leib noch Seele töten.
Es wird alles beim Alten bleiben.
Dummes aber vors Auge gestellt
Hat ein magisches Recht,
Weil es die Sinne gefesselt hält,
Bleibt der Geist ein Knecht.

Goethes Warnung vor der Knechtschaft des Bildes wird trotz der enorm wachsenden Möglichkeiten der aktiven Nutzung des MultimediaAngebotes nichts von seiner Berechtigung verlieren. Denn für die zunächst überwiegende Zahl der Nutzer des Multimedia-Angebotes wird die explosionsartige Vervielfältigung des Fernsehangebots im Vordergrund stehen. Dem wird der Einzelne nur durch eine seiner individuellen Interessenlage entsprechend programmierte Angebotsselektierung beikommen können. Multimedia liest dem Benutzer jeden Wunsch sozusagen von den Augen ab und versorgt ihn mit dem Programm, das ihm das liebste ist, das ein Optimum und Maximum an individueller Information und Unterhaltung verspricht.
Da das Entspannungsbedürfnis auch künftig im Vordergrund der medialen Nutzungsmotive stehen wird, kann der Liebhaber von Action- oder Science-Fiction- Programmen künftig noch mehr solche Programme erleben, die er schon kennt, noch häufiger das erfahren, was er schon weiß. Das Ergebnis ist eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit, die der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze als Kaspar Hauser-Syndrom bezeichnet.6)
Der passive Nutzer von Multimedia gerät in die Nachbarschaft des kommunikativ total isolierten Menschen. Er begegnet sich nur noch selbst und er wird wenig Grund haben, dies zu ändern, wenn er sich nach einiger Zeit dabei wohlfühlt, in der Stallwärme des eigenen Ichs7) zu sitzen. Der stets anregende Blick über den Rand des ohnehin geschrumpften Tellers wird dem passiven Nutzer von Multimedia schwer fallen. Dies dürfte allerdings auch für einen Teil der aktiven Nutzer gelten, die sich den neuen Möglichkeiten gezielt zuwenden und über ihre Computer immer wieder im Internet miteinander kommunizieren. Der Kommunikationszweck gilt dem Hauptinteressensgebiet, dessen Wissensbestände so enorm erweitert werden können. Multimedia holt den entfernten Partner so nah heran, dass er tatsächlich nah zu sein scheint. Diese Umschichtung von Nah- und Fernkontakten verdichtet das Hauptsächliche und vernichtet gleichzeitig das Nebensächliche, das in der persönlichen Kommunikation von Gesicht zu Gesicht immer wieder für Überraschung sorgt.
Zunächst wird Multimedia allerdings eine The orie bestätigen, die wir schon bisher aus der Kommunikationswissenschaft kennen: die Wissenskluft- Theorie. Heinz Bonfadelli und Ulrich Saxer, die schweizerischen Initiatoren der Wissenskluft- Forschung, werden interessante Arbeiten schreiben können.8) Schon bei der Konsumption von Fernsehprogrammen fanden sie heraus: Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer. Diejenigen, die über eine aktive Intelligenz verfügen, werden die neuen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten nutzen, um ihren Wissensvorsprung auszubauen.
Wer sich eher passiv und selbstbezüglich den neuen perfektionierten Medien zuwendet, wird nicht mehr von mehr wissen, sondern nur mehr desselben. Diese Wissenskluft wird auf absehbare Zeit nicht nur eine Kluft zwischen Intelligenten und weniger Intelligenten, aktiven und eher passiven Nutzern, sondern auch eine Kluft zwischen Jüngeren und Älteren sein.
Deshalb ist auf den Erwerb von Kompetenz im Umgang mit dem multimedialen Angebot be sondere Aufmerksamkeit zu lenken. Es ist deshalb hoch erfreulich, dass der Rat für Forschung, Technologie und Innovation der Bundesregierung in seinen Feststellungen und Empfehlungen zur Informationsgesellschaft 1995 dem Bildungswesen seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt und in eindringlicher Weise die neuen Chancen skizziert, aber auch die Notwendigkeit einer multimediagerechten Medienpädagogik und Medienkompetenz betont hat.
Für die Politik schafft die Vergrößerung und Beschleunigung der Informationsmöglichkeiten und vor allem ihre Globalisierung eine ganze Fülle neuer Fragestellungen. Die erste und vielleicht wichtigste ist die Frage, ob und inwieweit die Konstituierung von Öffentlichkeit als eines transparenten Diskurszusammenhangs durch die integrierten Informations- und Kommunikationstechnologien berührt wird.
Das Prinzip Öffentlichkeit ist mit der Entfaltung der modernen Demokratie, mit der prinzipiellen Austauschbarkeit von Regierung und Opposition, so unmittelbar verknüpft, dass seine faktische Einschränkung oder partielle Aufhebung schwerwiegende Probleme für das politische System heraufbeschwört. Insofern kommt auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die die Grundversorgung des Publikums mit politik- und kulturrelevanten Informationen sicherstellen und einen Diskursrahmen für die Öffentlichkeit herstellen müssen, eine gewachsene Verantwortung zu. Ich glaube nicht, dass die repräsentative Demokratie dadurch infrage gestellt wird, dass Multimedia prinzipiell jedem Bürger die Möglichkeit anbietet, sich unmittelbar am politischen Willensbildungsprozess zu beteiligen. Diese Möglichkeit hat er auch schon heute.
Dennoch wird die Einbeziehung der Bürger in die Kommunikationsnetze und die direkte Erreichbarkeit aller politischen Akteure grundlegende Veränderungen des demokratischen Prozesses auch außerhalb der Hoch-Zeiten der Politik, der Wahlkämpfe, zur Folge haben. Politische Akteure, die sich der neuen Technologien zur Selbstdarstellung besser als andere zu bedienen verstehen, gewinnen kommunikative Vorsprünge. Ob das multimediale Angebot langfristig die Verlockungen populistischer Entscheidungen verstärkt oder verringert, ob dadurch Politikverdrossenheit abgebaut oder vergrößert wird, das ist heute noch nicht auszumachen. Zum Erwerb von Medienkompetenz gehört allerdings auch, die Fundamente unseres kulturellen Erbes freizulegen, und das ist die Schriftlichkeit. Unsere Kultur und auch unsere Religion lebt von der Schriftlichkeit. Man muß lesen, Celeste, hat Marcel Proust seine Haushälterin ermahnt. Nur durch Lesen können Menschen sich selbst begegnen, sich ihrer selbst vergewissern und Selbstvertrauen und Vertrauen zu anderen entwickeln. Nur so können in der Postmoderne Orientierungsprobleme abgebaut werden.

Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf ist Präsident der Universität Erfurt.

Der Aufsatz ist erschienen in: Glanzlichter der Wissenschaft, hrsg. v. Deutschen Hochschulverband, Stuttgart, Meins und Meins 1998, S. 5– 13. Wir danken für den gekürzten Abdruck.


1) Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review, 5, 1966, 650ff. Vgl. auch: Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York, 1973, S. 2l2– 265.

2) Vgl. hierzu Wolfgang Bergsdorf, Deutschland an der Jahrtausendwende, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B1– 2, 2000, S. 21.

3) Vgl. Friedrich Kittler, Computeranalphabetismus, in: Universitas, 49, Nr. 573, 1994, S. 245ff.

4) Georg Gerbner/ Larry Gross u. a., The Mainstreaming of America: Violence Profile No. II, in: Journal of Communications, 30, 1980, S. l0ff.

5) Robert D. Putnam (Hrsg.), Gemeinschaft und Gemeinsinn, Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh, 2001.

6) Gerhard Schulze, Erlebnisgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 12, 2000, 3ff.

7) A. a. O.

8) Vgl. hierzu z. B. Heinz Bonfadelli, Die Wissenskluft-Perspektive. Medien und gesellschaftliche Information, Konstanz, 1994; Ulrich Saxer, Medieninnovation und Mediendistanz, in Walter A. Mahle (Hrsg.), Medienangebot und Mediennutzung, Berlin, 1989, S. 145ff. AKM-Studien, Band 31.