Der vielbeschworene deutsche Kulturföderalismus
zeitigt positive wie negative Folgen: Zu den positiven
gehören ein lebhaftes Kulturleben in vielen Regionen
und reichhaltige museale und bibliothekarische
Sammlungen, wo immer es sich um Sammelgebiete
handelt, mit denen die deutschen Länder
ihr Selbstverständnis definieren. In den Bildenden
Künsten, wo sogar die neuesten Kunstrichtungen
ein zahlreiches Publikum anzuziehen vermögen
und die Museen neben der lokalen immer auch die
internationale Kunstentwicklung im Auge haben,
wirken sich föderale Strukturen positiv aus. Die
negativen Folgen zeigen sich in den Kunstsparten,
in denen die neuere Produktion erst im Laufe der
Zeit ihre Wirkung entfaltet, und sei es nur, weil
der Apparat, der zu ihrer Umsetzung benötigt
wird, ungleich aufwendiger ist als ein Nagel an
einer Museumswand. Bibliotheken und Archive
haben die Musik seit dem 20. Jahrhundert immer
etwas nachlässig behandelt und wurden von der
Kulturpolitik, die in der Musik immer eher das
lokale und weniger das nationale oder gar internationale
Geschehen im Auge hatte, auch nicht zu
einem verstärkten Engagement verpflichtet. Nur so
kann man sich erklären, warum es in Deutschland,
wo zur Musik des 18. und 19. Jahrhunderts ebenso
reichhaltige wie wertvolle Sammlungen existieren,
lange Zeit keine bedeutsame Sammlung zur Musik
des 20. Jahrhunderts gab und auch die Einrichtung
einzelner Archive – wie etwa eines ArnoldSchönberg
Archivs – zwar mehrfach versucht wurde,
aber letztendlich nie eine so weitreichende Unterstützung
von öffentlicher Seite erhielt, als dass
sie auch hätte erfolgreich sein können. (Diese Untätigkeit
stand übrigens durchaus im Widerspruch
zu der bis in die 80er-Jahre währenden Förderung
der Neuen Musik durch Rundfunkstationen und
private Initiativen.)
Dabei ist es in der Musik nicht weniger wünschenswert,
Sammlungen anzulegen als in den Bildenden
Künsten: Das Interesse von Musikwissenschaftlern,
Verlagen, ausübenden Musikern, Komponisten
oder auch Veranstaltern ist ungebrochen,
und hier wie überall gilt es, sich schon früh um
Bestände zu kümmern und nicht erst, wenn ein
Künstler als moderner Klassiker weltweit durchgesetzt
ist, nicht nur, weil dann Autographe zumeist
gar nicht mehr zu haben sind, sondern auch,
weil öffentliche wie private Sammlungen finanziell
dann kaum mehr in der Lage sind, größere
Bestände zu erwerben. Es wäre müßig über den
heutigen Marktwert der BeethovenManuskripte
in der Berliner Staatsbibliothek zu spekulieren;
interessanter ist es darüber nachzudenken, wie die
PaulSacherStiftung in Basel einen bedeutenden
Bestand an Komponistenarchiven versammelte,
der in nur wenigen Jahren nicht nur um ein Vielfaches
im Marktwert gestiegen ist, sondern auch
einen ideellen und kulturellen Wert darstellt, um
den viel größere und kulturell bedeutendere Städte
Basel beneiden.
Es ist weniger eine Ironie der Geschichte als
vielmehr reiner Zufall, dass mit der Stiftung Archiv
der Akademie der Künste in den 90er-Jahren
eine Institution entstand, die dem beschriebenen
Ver s äumnis entgegentritt. Der Zufall hat mit der
besonderen Situation des Kulturlebens in Berlin
zu tun, unter anderem damit, dass hier zwei Akademien
existierten, von denen sich die eine immerhin
als eine nationale Akademie verstand, und
diese Akademien und ihre Archive im vereinigten
Deutschland zusammenzuführen waren. Aus dem
Zusammenschluss der Musikarchive ergab sich
ein Grundstock von Nachlassarchiven, wie er in
Deutschland in solcher Vielfalt einmalig ist: Aus
der WestAkademie stammen die Archive von
Boris Blacher, Hermann Scherchen, Hans Heinz
Stuckenschmidt und Bernd Alois Zimmermann,
aus der OstAkademie kommen Max Butting,
Hanns Eisler und Rudolf Wagner-Régeny. Seit
den 1990er-Jahren – die neu organisierten Musikarchive
in der Stiftung Archiv nahmen 1994 ihre
Arbeit auf – wurden die Bestände wesentlich ausgeweitet,
so dass heute, um nur zwei Namen zu erwähnen,
auch die Gesamtnachlässe von Paul Dessau
und Artur Schnabel sowie die Arbeitsarchive
mehrerer lebender Komponisten zum Bestand
zählen. Die Sammel- und Arbeitsschwerpunkte
der Musikarchivegliedern sich thematisch folgendermaßen:
Darüber hinaus existiert eine umfangreiche Allgemeine
Sammlung: Notenhandschriften u. a. von
Friedrich Gernsheim, Paul Hindemith, Giselher
Klebe, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Siegfried
Matthus, Josef Tal und Ruth Zechlin; Unterrichtsmaterial
von Arnold Schönberg; das Manuskript
von Carl Fleschs Die Kunst des Violinspiels;
Korrespondenz u. a. von Max Bruch, Wilhelm
Furtwängler, Hans Gál, Paul Hindemith, Jascha
Horenstein, Engelbert Humperdinck, Eugen Jochum,
Wilhelm Kempff, Elly Ney, Hans Pfitzner,
Hans Rosbaud, Hermann Scherchen, Arnold
Schönberg, Franz Schreker, Georg Schumann,
Georg Schünemann, Heinz Tiessen, Friedrich
Trautwein; Dokumente zum Musikleben Berlins,
zur Geschichte der Akademie der Künste und zu
einzelnen Musikern (u. a. zu Ferruccio Busoni,
Andor Foldes, Paul Hindemith, Joseph Joachim,
Franz Schreker, Robert Schumann).
Zu den Personalarchiven kommen mitunter
auch umfangreiche Tonträgersammlungen, die in
einem eigenen Tonstudio digital gesichert werden.
Die jüngsten Erwerbungsschwerpunkte umfassen
den Ausbau der Interpretenarchive sowie die
Archive von Meisterschülern der Akademie der
Künste.
Außer mit Neuerwerbungen wird besonderes
Augenmerk auf die gezielte Erweiterung der bereits
vorhandenen Bestände gelegt. Zahlreiche nationale
und internationale Kontakte führten zu wichtigen
Archivergänzungen: So konnte das Bernd-Alois
Zimmermann-Archiv durch die Sammlungen
von Günter Wand und Siegfried Palm sowie des
Südwestrundfunks ergänzt werden; das Hanns-Eisler
Archiv wurde um umfangreiche Korrespondenz,
Entwürfe zum Doktor Faustus und Notenautographe
erweitert; das Paul-Dessau-Archiv um
Notenautographe, Schriften, Korrespondenz und
die Nachlassbibliothek; das Berthold-Goldschmidt-Archiv
um Musikautographe und Korrespondenz
aus dem Besitz von Verlagen und Notenbibliotheken.
Als öffentliche Einrichtung sieht sich das Musikarchiv
dazu verpflichtet, seine Neuerwerbungen,
aber auch die im Erschließungszusammenhang
notwendigen Forschungen öffentlich zu präsentieren.
Dies geschieht in erster Linie durch zwei
Publikationsreihen, die Ausstellungskataloge und
die Reihe Archive zur Musik des 20. Jahrhunderts,
die im Wolke-Verlag erscheint. Die Ausstellungskataloge
sind Begleitpublikationen zu den großen
Akademieausstellungen, wie sie bisher Hermann
Scherchen, Bernd Alois Zimmermann, Boris Blacher,
Paul Dessau, Hanns Eisler und Artur Schnabel
gewidmet waren und die zum Teil von anderen
Städten übernommen wurden. Die Buchreihe Archive
zur Musik des 20. Jahrhunderts ist Forum für
Originalbeiträge, Symposionsberichte oder auch
editorische Arbeiten zu einzelnen Personalarchiven.
Bände wurden bislang Gösta Neuwirth, Frank
Michael Beyer, Hanns Eisler, Paul Dessau, Bernd
Alois Zimmermann, Boris Blacher und Artur
Schnabel Bände gewidmet.
Außer durch Publikationen wendet sich das
Archiv mit seiner Veranstaltungsreihe Offenes
Archiv an die Öffentlichkeit. Dabei wurden dem
interessierten Publikum und der Presse vorwiegend
Neuerwerbungen vorgestellt werden. Bisher
fanden Veranstaltungen zur Einrichtung der
Komponistenarchive von Hans Helfritz, Gösta
Neuwirth, Ignace Strasfogel, Frank Michael Beyer,
Bernd Alois Zimmermann und Ruth Schonthal
statt. Eduard Künneke wurde als ehemaliger
Meis terschüler der Akademie gewürdigt, dessen
Oeuvre ebenso sehr von der Oper wie von der
Operette geprägt ist, Ralph Benatzky konnte als
überraschend scharfsinniger Schriftsteller und
Chronist seiner Zeit präsentiert werden. Das Archiv
des Dirigenten Ferenc Fricsay wurde in einer
Festveranstaltung in Zusammenarbeit mit der FerencFricsayGesellschaft vorgestellt. HeinzKlaus
Metzger und Rainer Riehn war eine Veranstaltung
gewidmet, in der der enge Konnex zwischen Musiktheorie
und Neuer Musik thematisiert wurde.
Mit Ernest Borneman war der erste aus Deutschland
stammende Jazzwissenschaftler noch persönlich
zu Gast in einer Veranstaltung der Stiftung
Archiv.
In den Akademieausstellungen wird ebenso
wie im Offenen Archiv eine Verbindung von Ausstellung,
Podiumsgespräch und Konzert angestrebt.
Viele Musikinteressierte wurden hier erstmals mit
den Hintergründen der musikalischen Komposition
und den Umständen der musikalischen Überlieferung
vertraut gemacht und sind in der Folge
in ein engeres Verhältnis zur Akademie und ihrem
Archiv getreten.
Dem Sammelgegenstand entsprechend arbeiten
die Mitarbeiter der Musikarchive auch bei
der Verzeichnung der Bestände wissenschaftlich.
Nachlässe kommen nur in seltenen Fällen vorgeordnet
ins Archiv, weswegen ein beträchtlicher
Arbeitsaufwand in der Identifikation der Quellen,
in der Zuordnung von Skizzen, im Erkennen von
Arbeitsstadien des kompositorischen Prozesses
und in der Rekonstruktion historischer Zusammenhänge
liegt. Die Publikationen des Musikarchivs,
die von den Mitarbeitern der Musikarchive herausgegeben
werden, haben ebenfalls eine wissenschaftliche
Ausrichtung. Sie sollen der Musikforschung
und den ausübenden Künstlern verlässliche
Grundin formationen (Werkverzeichnisse, Inventare,
bio graphische Angaben) über Komponisten
und ihr Werk geben, wobei jeweils die gesamte
Überlieferung und nicht nur die veröffentlichten
Teile berücksichtigt wird. Die Mitarbeiter des Archivs
stehen darüber hinaus für bestandsbezogene
Auskünfte zur Verfügung.
In welchem Maß man unterdessen von einer
Partnerschaft zwischen Archiv und Universitäten,
Hochschulen und dem Musikleben sprechen
kann, lässt sich aus der Benutzerstatistik ablesen.
Zahlreiche Forscher haben die Ergebnisse ihrer
Arbeit inzwischen in Publikationen vorgelegt. Interpreten
wiederum suchen im Archiv nach (noch)
unbekannten Werken oder überprüfen ihre Notentexte
anhand der Autografen. So konnten Werke
von Bernd Alois Zimmermann und Boris Blacher
nach den im Archiv befindlichen Manuskripten
uraufgeführt werden, die Ausstellung über den
Pianisten und Komponisten Artur Schnabel führte
erstmalig zu einer Aufführung fast des gesamten
kammermusikalischen Werks, das durch den Mitschnitt
von DeutschlandRadio auch über Berlin
hinaus Verbreitung fand. Einige Neueditionen von
Kompositionen werden direkt von Mitarbeitern
des Musikarchivs betreut. Das größte editorische
Projekt, das vom Musikarchiv unterstützt wird, ist
die HannsEislerGesamtausgabe. Zur Zusammenarbeit
mit den Universitäten und Hochschulen gehört
auch die Betreuung von Praktikanten. Ein vor
der Gründung stehender wissenschaftlicher Beirat,
dem Musikologen aus dem gesamten deutschen
Sprachraum angehören, wird das Musikarchiv als
ein Studienzentrum für Neue Musik im 21. Jahrhundert
begleiten.
Dr. Werner Grünzweig ist Leiter der Musikarchive in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin.