Peter Schulze
Das Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik in Bremen

Das Klaus-Kuhnke-Archiv (KKA) ist ein Präsenzarchiv, das laut Gesellschaftsvertrag zugänglich ist für die musikpädagogisch und musikwissenschaftlich interessierte Öffentlichkeit. Es enthält Sammlungen von Klaus Kuhnke, Manfred Miller, Peter Schulze und Nachlässe u. a. von Ingolf Wachler, Hans-Henning Rabe und Reimund Günther Pollex mit Tonträgern und Literatur aus allen Gebieten Populärer Musik, von Johann Strauß bis zu den Sex Pistols, von John Coltrane bis Ted Herold, Jazz, Blues, Volksmusik, Rock, Soul und alle der Kategorien, die nicht Gegenstand der traditionel len Musikwissenschaft, aber in diesem Archiv vorhanden sind.
Als wir 1973 bei Radio Bremen die groß angelegte Sendereihe Roll Over Beethoven – Zur Geschichte der Populären Musik begannen, ahnten wir noch nicht, auf welches Interesse bzw. welches Informationsdefizit seitens unserer Hörer wir damit trafen. Alle 14 Tage sendeten wir ein neues Feature – und alle 14 Tage verschickten wir auf Anforderung über 600 Manuskripte an Hörer der Sendereihe. Anfragen häuften sich in einem Maße, das individuell praktisch nicht mehr zu bewältigen war. Da unsere Zusammenarbeit ohnehin langfristig angelegt war – wir machten von 1973– 1976 bzw. in einer zweiten Staffel von 1984– 1986 über 100 Features unter dem Reihentitel –, fassten wir 1975 den sinnvollen und gleichwohl leichtsinnigen Entschluss, unsere Sammlungen zusammenzulegen und das Archiv für Populäre Musik zu gründen. Wir schrieben:

In Erwägung, dass...

gründen wir das „Archiv für Populäre Musik" als gemeinnützige GmbH, wohl wissend, dass dies eine öffentliche Aufgabe ist, dass aber die öffentliche Hand sich zurzeit nicht anders verhält als Musikwissenschaft oder Musikindustrie.

So nahmen wir quasi treuhänderisch die öffentliche Sammlungstätigkeit wahr, die auch finanziell bis 1991 weitgehend privat von den Gründern und manchen Spendern getragen wurde.

Wir mieteten 1975 für das Archiv eine 5-Zimmer- Wohnung im 2. Stock eines großen Bremer Privathauses am Ostertorsteinweg, einer Hauptverkehrsstraße, durch die zwei der meistfrequentierten Straßenbahnlinien führen mit der entsprechenden Erschütterung der anliegenden Häuser. Als wir 1991 in den Keller der Hochschule für Künste im Zentrum der Stadt umzogen, baten wir das Umzugsunternehmen, die Bestände über die Waage zu fahren. Wir zogen mit 25 Tonnen Büchern und Platten um! Diese große Last nun im statisch sicheren Kellergeschoss zu wissen, war eine enorme psychische Erleichterung für alle Beteiligten. Zum gleichen Zeitpunkt trat auch die Stadt Bremen über den Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung im Lande Bremen als Gesellschafterin in die gemeinnützige GmbH ein, was natürlich eine noch weit über die örtliche Entlastung hinaus gehende Erleichterung darstellte, denn der neue Gesellschaftsvertrag sicherte die Existenz und Weiterentwicklung des Archivs langfristig. Im Jahre 2002 ist das Klaus-Kuhnke-Archiv allerdings mal wieder am Ende der räumlichen Kapazität an gelangt, eine Erweiterung wird gegenwärtig diskutiert.

Was man im KKA findet

Für Populäre Musik gilt immer der klingende Text, d. h. dass im Populären Bereich Tonträger die wesentlichen Quellen der Forschung sind, im Gegensatz zur eher notentextorientierten E-Musik. Daher erklärt sich auch, dass es im Archiv relativ wenig Notenmaterial gibt.
Als wir das Archiv gründeten, konnten wir uns die musikalische Abgrenzung also relativ einfach machen: Wir sammeln alles, was nicht E-Musik ist. In den Bibliotheken der Universitäten fand sich die schriftlich fixierte Musik in der Regel re lativ gut dokumentiert wieder, Mediensammlungen wa ren eher die Ausnahme, und wenn vorhanden, handelte es sich auch dort zumeist um E-Musik. Populäre Musik war geradezu definiert als nicht dokumentationsbedürftige Tagesware, die nur die Magazine vollstellte und keinen Wert darstellte, und zwar sowohl in staatlichen Bibliotheken als auch in Rundfunkanstalten. D. h. um eine halbwegs einzigartige Sammlung zu erstellen, brauchten wir nur zu sammeln, was die anderen nicht sammelten, und das war viel: viel zu viel für eine kleine private Initiative wie die unsere.
Kein Gedanke an Vollständigkeit. Wohl aber an eine sozusagen repräsentative Vollständigkeit, d. h. eine solche, die genügend Material aus den vielen verschiedenen Bereichen Populärer Musik bereitstellt, und so auch Verbindungen über Genregrenzen hinaus zu ziehen ermöglichte. Um es an einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen. Bei aller Wertschätzung etwa für einen James Last, war es nicht unser Bestreben, alle ca. 400 Platten zu haben, die er in seinem Leben produziert hat. 40 reichen uns als Anschauungsmaterial. Um den Rest können sich getrost spezielle Sammler kümmern. Es gibt sie Gott sei Dank in großer Zahl und mit großem Engagement. Ohne die Sammler wäre wahrscheinlich noch viel mehr an Dokumenten aus der Geschichte der Populären Musik längst unauffindbar verschollen. Von Anfang an schwebte uns daher eigentlich vor, neben der Sammlung ein Netzwerk von Sammlern aufzubauen, so dass man Nutzer gegebenenfalls an kompetente Spezialisten weiterverweisen konnte. Das haben wir leider arbeitsmäßig nie wirklich geschafft.
Das Informationsdefizit, mit dem wir uns bei vielen Nutzern und Hörern konfrontiert sahen, war ein viel grundsätzlicheres, weit entfernt von sammlerischen Wolkenkuckucksheimen und enzyklopädischen Blütenträumen. Gleichwohl: Das Informationsbedürfnis war geradezu mit Händen zu greifen. In der Schule war Populäre Musik damals (noch) kein Thema. Radio und Fernsehanstalten sendeten weit gehend Affirmatives und sahen es – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht als ihre Aufgabe an, die Musik, die sie selbst in erheblichem Ausmaß verbreiteten, im eigenen Medium auch noch zu reflektieren. Die stumpfe Durchsetzung des Formatradios hat mittlerweile ein Übriges getan, nämlich die „Entkoppelung" von Wort und Musik. Handfeste Information zur Musik, geschweige denn plausible Analyse – Fehlanzeige. Claims („ Mehr Abwechslung" etc.) und Formatnamen („ Die Superhits der 80er und 90er Jahre" etc.) werden zum fast einzigen Inhalt. Selbstbeschränkung der Macher zur Beschränkung der Hörer. Huhu, PISA.

Besonders das Defizit an interstilistischer Kenntnis schien uns bei vielen Nutzern ein Problem zu sein, das die Einschätzung von Entwicklungen häufig so furchtbar einäugig machte. Repräsentative Platten aus möglichst vielen Bereichen als Anschauungsmaterial zu haben, war daher für uns von grundlegender Bedeutung. Es ging und geht uns darum, Verbindungen zu ermöglichen und nicht darum, Trennungen zu zementieren. Ein Beispiel: auch in einem strikten Jazzarchiv fänden sich sicherlich Aufnahmen von Gitte Haenning oder Caterina Valente, denn beide haben auch Jazz gesungen. Bekannt wurden sie aber durch Schlager, die wiederum in einem Jazzarchiv nichts zu suchen hätten. Um ganze Persönlichkeiten dokumentarisch abbilden zu können, muß man ihnen schon ihre Unterschiedlichkeit zugestehen und kann stilistische Abgrenzungen nicht akzeptieren, weil sie reduktionistisch wirken wo Ganzheitlichkeit allein gefragt ist. Schon die Überlegung, ob eine Platte aus stilistischen Gründen in das Archiv gehört, er scheint uns unsinnig und überflüssig – ein Frage allenfalls für die Geschmackspolizei, und die allerdings hatten wir von vorn herein aus dem Archiv verbannt. Sie finden z. B. im KKA auch Heino mit seiner kurzzeitig von der EMI erhältlichen Single mit allen 3 Strophen des Deutschlandliedes, eine Aufnahme von 1978, als dies noch verboten war. Keine Frage der ästhetischen Begeisterung aber von unzweifelhaft dokumentarischem Wert. Enge Stilistiken und ihre puristischen Anhänger neigen tendenziell eher zu Dogmatismus. Und eben dann droht ein Stil auch nicht mehr wirklich interessant zu sein – wenn es nur noch um die Erfüllung der selbst aufgestellten Kriterien geht. Der beste Schutz dagegen ist allemal noch größte denkbare stilistische Toleranz und Offenheit. Die schützt jedenfalls potenziell vor verengten Einschätzungen. Und da heute unter den Nutzern viele Musiker sind, geben wir die Hoffnung nicht auf, dass sich diese Vielfalt selbst auf die Musikpraxis auswirken wird.

KKA Geschichte tabellarisch
1975 Gründung als Archiv für Populäre Musik gGmbH durch Klaus Kuhnke, Manfred Miller und Peter Schulze
1976ff. Herausgabe Geschichte der Popmusik Band 1 (gemeinsam mit ERES Verlag), 7 Ausgaben der Zeitschrift Anschläge und diverse Auswahldiskografien
1985 Beginn der EDV-gestützten Erfassung der Bestände in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Bremen. 4 ABM-Kräfte arbeiten 4 Jahre ausschließlich an der Dateneingabe per OCRB-Schreibmaschine/OCRA-Leser. Die Daten liegen auf dem Großrechner des Uni-Rechenzentrums. Ein Ausdruck, der mit allen Registern Tonnen von Papier erfordern würde, findet nicht statt.
1988 Tod von Klaus Kuhnke
1991 Umgründung des Archives in Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik und Umzug in die Hochschule für Künste Bremen, gleichzeitig Ernennung zum Institut an der Hochschule für Künste. Hauptamtlicher Geschäftsführer wird Ulrich Duve. Die Bestände sind nach Konvertierung der Daten in eine relationale Datenbank online im Archiv recherchierbar.
1994 Willem Breuker wird „Gesellschafter ehrenhalber"
1995 Die Bestände sind zunächst über das Zentrum für Netze der Universität Bremen, später mit eigener Domain (kkarchiv. de) im Internet recherchierbar.
1998 Richard Weize wird Nachfolger von Klaus Kuhnke als Gesellschafter.
1998 Veröffentlichung von Geschichte der Popmusik Band 2 als Buch mit 52 CDs bei Bear Family Records.

Erfasste Bestände 2002

LPs ......................................... 35.700
LP-Sampler ................................... 4.558
CDs ......................................... 18.700
CD-Sampler ................................... 2.150
CD-Boxen ....................................... 300
Soundtracks/ LP ................................ 500
Soundtracks/ CD ................................ 300
Singles Vinyl ................................ 4.500
Tonträger gesamt: ........................... 67.108

Titeleinträge insgesamt .................... 709.452 
Interpreteneinträge ...................... 4.116.672 
Urhebereinträge .......................... 1.127.194 

Bücher ....................................... 6.350 
Zeitschriftentitel ............................. 200 
Davon im aktuellen Abo .......................... 25 

Die Zeitschriften sind erfasst, aber lediglich im KKA selbst online zu recherchieren.

Nutzerentwicklung 1992– 2001

Erst nach dem Umzug im November 1991 in die Hochschule für Künste und der Erfolg durch die Anstellung fester Mitarbeiter konnte sich eine nennenswerte und geregelte Nutzung entwickeln. Die Nutzer sind zu 70 % Studenten und Schüler, ansonsten Sammler, Journalisten, Lehrer, andere Kulturschaffende etc. Die Nutzung ist recht intensiv und zieht sich über Stunden, da keinerlei Materialien ausgeliehen werden. Es gibt für Nutzer 4 Abhör- und Leseplätze und 3 PC-Recherche plätze, die fast durchgehend besetzt sind. So erfreulich die Zunahme an Nutzern ist, wir stoßen inzwischen sowohl räumlich als auch betreuungsmäßig leider an die Grenze unserer Kapazitäten.

19921993199419951996
72187257314428

19971998199920002001
42364795216541667

Internet

Seit dem 4. November 1995 ist der gesamte Datenbestand an Tonträgern im Internet recherchierbar, und zwar nach Titeln, Interpreten, Hauptinterpreten und Urhebern. Adresse: http://www.kkarchiv.de/
Die SQL-Datenbank ist eine reine Bestandsdatenbank, kein Discografie-Zentrum. Es können online alle Informationen über die vorhandenen Tonträger aber keine Soundfiles abgerufen werden. Im Gegensatz zu vielen Suchmaschinen liegt aber bei der KKA-Datenbank immerhin sämtliches nachgewiesenes Material physisch vor.
Die Internetzugriffe liegen bei durchschnittlich 30.000 pro Monat.

Klaus Kuhnke ...

... war einer der Mitbegründer des Archivs für Populäre Musik. Er wurde 1944 in Rerik geboren, wuchs in Hamburg auf, studierte dort Germanistik und Philosophie, arbeitete ab 1969 als Herausgeber (u. a. Die alten bösen Lieder – Lieder und Gedichte der Revolution von 1848), als Rundfunk- und Fernsehjournalist, als Redakteur und Autor der Zeitschrift Kunst und Gesellschaft, Mitautor der über 100-teiligen Radiosendereihe Roll Over Beethoven (RB/ WDR) und der 10-teiligen Fernsehreihe Rock'n'Roll Music (NDR). Klaus Kuhnke war einer der klügsten und scharfsinnigsten Denker auf dem Gebiet der Populären Musik. Geschwätzigkeit, musikalisch wie journalistisch, war ihm zuwider. Dummheit in Musik und Musikprogrammen des Radios stellte er unerbittlich bloß. 1988 starb Klaus Kuhnke. Das Archiv ist Teil seines Lebens.
Nach dem Tod von Klaus Kuhnke 1988 beschlossen die verbliebenen Gründer, das Archiv nach ihm zu benennen und es auf eine ökonomische Grundlage zu stellen, die die Öffentlichkeit der Aufgabe besser berücksichtigte.

Peter Schulze ist Mitbegründer und geschäftsführender Gesellschafter des Klaus-Kuhnke-Archives für Populäre Musik, langjähriger Jazzredakteur und Musikchef bei Radio Bremen, ab 2003 künstlerischer Leiter des JazzfFest Berlin.