Oliver Rosteck
Das Archiv „Deutsche Musikpflege Bremen e. V."

Zur Geschichte des Instituts

Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V., ein relativ kleines Institut mit rein ehrenamtlicher Organisation, stellt eine für die Hansestadt Bremen typische Kulturinstitution dar. Wie z. B. der Kunstverein und die Philharmonische Gesellschaft ist sie ein Ergebnis des seit dem 19. Jahrhundert stark kulturell ausgerichteten Bürgerengagements. Wissend um die seit ehedem begrenzten staatlichen Mittel in diesem Bereich wurden mit großem Einsatz eigenständige Vereine ins Leben gerufen, die noch heute zu den tragenden Säulen der kulturellen Landschaft der Stadt gehören.
Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V. wurde im Jahr 1955 von dem Bremer Musikpädagogen und Violinisten Friedrich Henkel gegründet. Das hoch gesteckte Ziel dieser Organisation war die Dokumentation des zeitgenössischen Musik lebens in der Bundesrepublik Deutschland. Das Archiv sollte hierzu als eine Sammelstätte für Musikalien und Dokumente dienen, das sowohl wissenschaftlicher Forschung als auch für praktizierende Musikerinnen und Musiker als Fundort zeitgenössischer Musik zugänglich ist. Die Realisierbarkeit dieses die gesamte nationale Musikpflege umfassenden Projektes musste allerdings nach kurzer Zeit aufgrund begrenzter personeller und räumlicher Kapazitäten (das Archiv wurde und wird nach wie vor ausschließlich ehren amtlich geführt) infrage gestellt werden. Als Lösung wählte man schließlich die schwerpunktmäßige Dokumentation des regionalen Bereiches des Landes Bremen und des näheren Umlandes sowie, durch persönliche Bekanntschaften Friedrich Henkels veranlasst, exemplarische Beispiele aus dem zeitgenössischen Berliner Musikleben.
Der Name „Musikpflege" impliziert bereits den Schwerpunkt der Sammlung, der auf Musikalien liegt, wobei im Mittelpunkt die Musik für Kammer ensembles steht. Auch hier erwies sich in den ersten Jahrzehnten wieder Friedrich Henkel als treibende Kraft, der durch vielerlei bereits be stehende und auch neu aufgebaute persönliche Bekanntschaften die Bestände an zeitgenössischer Musikliteratur geschickt zu erweitern wusste.
Zu den rein bewahrenden Aufgaben des Archivs trat schon bald die Einrichtung einer eigenen Konzertreihe, die mithilfe der Bremer Kulturbehörde als auch der Sparkasse Bremen in den historischen Räumen der Stadtwaage in der Innenstadt mit ihrer Weserrenaissancefassade abgehalten wird. In jährlich vier Konzerten stellen Kammermusikensembles ausgefallene Konzertprogramme vor, die zum großen Teil aus dem Bestand des Archivs stammen.
Im Jahre 1982 verlor das Archiv mit dem Tode Friedrich Henkels seinen Gründer und steten Antriebsmotor. Durch die Hilfe vieler ehrenamtlicher Mitarbeiter konnte gegen Ende der 80er-Jahre mit dem Umzug in die Sandstraße in das Haus des Landesamts für Denkmalpflege nicht nur die Existenz gesichert, sondern auch der Aufgabenkreis nicht unerheblich erweitert werden.
Das Archiv finanziert sich, neben den Beiträgen seiner Mitglieder, die allerdings momentan nur einen geringen Anteil am insgesamt sehr niedrigen Gesamtetat (um 10.000 Euro p. a.) ausmachen, aus einem jährlichen Zuschuss der Sparkasse in Bremen sowie einer Projektförderung für die „Waage-Konzerte" des Senators für Inneres, Kultur und Sport (innerhalb des gesamten Etats). Eine institutionelle Förderung seitens des Senators ist seit einigen Jahren nicht mehr vorgesehen. Trotzdem konnte und kann das Archiv eine Reihe kultureller und wissenschaftlicher Aufgaben übernehmen, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen.

Aufgabenbereiche des Archivs

Die Arbeit des Archivs gliedert sich hauptsächlich in fünf Aufgabengebiete:

Nachlässe bremischer oder mit Bremen verbundener MusikerInnen und MusikwissenschaftlerInnen

Das Archiv verfügt momentan über etwa 65 Nachlässe, die vornehmlich aus handschriftlichem oder gedrucktem Notenmaterial bestehen. Darüber hinaus kommen vereinzelt Dokumente aus dem privaten Nachlass hinzu, die eine Quelle für biografische Informationen zu den Personen und Werken darstellen.
Der Grundstock von etwa 25 Nachlässen beruht auf persönlichen Bekanntschaften des ehemaligen Leiters Friedrich Henkel. Der stetige Zuwachs von zurzeit etwa fünf Nachlässen im Jahr (mit stei gender Tendenz) beruht auf der zunehmenden Verankerung des Archivs im Bewusstsein der Musikschaffenden und musikalischen Institutionen öffentlicher und privater Trägerschaft im regionalen Bereich. Besonders hervorzuheben ist hierbei die wohl einmalige Zusammenarbeit mit den staatlichen und städtischen Organisationen des Staatsarchivs Bremen und der Bremer Musikbibliothek. Regional geprägte Bestände mit musikalischem Schwerpunkt werden regelmäßig dem Archiv treuhänderisch zur Einordnung, Erschließung und kommissarischen Verwaltung übergeben. Im Sommer diesen Jahres wurde dem Archiv das komplette Archiv der Bremer Philharmonischen Gesellschaft übergeben.
Die Nachlässe stammen ausschließlich von Musikerinnen und Musikern des 20. Jahrhunderts und zeigen musikalisch das weite Feld von Spätromantik über Zwölftonmusik der Zweiten Wiener Schule und Spielmusik bis hin zur experimentellen, oft aleatorisch notierten Musik auf. Der Anteil von Werken, die auch von semiprofessionellen Ensembles oder Laienmusikern dargestellt werden können, ist verhältnismäßig groß, sodass auch diese Gruppen auf einen reichen Fundus für das eigene Musizieren zurückgreifen können.
Die systematische Erschließung und Aufbereitung dieses Noten- und Dokumentationsmaterials betreut durch Prof. Dr. Wolfgang Schäfer, stehen im Zentrum dieses Aufgabenbereichs. Das Ziel ist hierbei, die Benutzbarkeit vor allem für die praktizierenden Laien- und Berufsmusiker als auch für die wissenschaftliche Forschung zu gewährleisten. Für den im Computer aufbereiteten Musikalienkatalog wurde ein eigener Signaturcode entwickelt, der es möglich macht, Listen mit bestimmten Besetzungen herauszufiltern, was sich besonders bei der Erstellung von Konzertprogrammen als hilfreich erweist.
Seit etwa einem Jahr wird der Bestand an Musikalien für Kammerensembles durch den systematischen Ankauf zeitgenössischer Kompositionen aus der Bremer Region erweitert. Als besonders ergiebig erweist sich hierbei die Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Bremer Komponisten/ Komponistinnen (ABK).
Die im Computer aufgenommenen Bestände des Archivs werden ständig aktualisiert und in re gelmäßigen Abständen in gedruckter Form bremischen Institutionen, wie z. B. der Staats- und Universitätsbibliothek, dem Staatsarchiv sowie der Musikbibliothek übergeben. Geplant ist eine Zu griffsmöglichkeit über Internet.

Organisation und Durchführung der „Waage-Konzerte"

Die eigene Konzertreihe des Archivs, die „Waage-Konzerte", die ihren Namen dem Aufführungsort, der ehemaligen Bremer Stadtwaage verdankt, umfasst jährlich vier reguläre Konzerte, zu denen noch Sonderkonzerte treten können. Die Waage-Konzerte verstehen sich in erster Linie als eine Öffentlichkeitsplattform für zeitgenössische Werke aus dem Archivbestand, für die zumeist junge Musikerinnen und Musiker gewonnen werden, die in der Regel aus dem Bremer Bereich und dem Umland kommen. Besonderer Wert wird hierbei auch auf seltene Besetzungen gelegt. In diesem Herbst findet das 150. Konzert in dieser Reihe statt.

Helmut-Winter-Kartei

Hinter der „Helmut-Winter-Kartei", benannt nach ihrem Initiator, verbirgt sich die Dokumentation des bremischen Musiklebens seit 1900. Bis 1986 sind die bremischen Konzerte der klassischen Musik (hauptsächlich Instrumentalmusik) auf ca. 30.000 Karteikarten, geordnet nach Komponisten, Solisten, Ensembles und Veranstaltern, verzeichnet. Für die Rezeptionsgeschichte des 20. Jahrhunderts stellt diese Kartei eine unschätzbare Quelle dar. Seit 1987 wird die Kartei in einer PC-Datenbank weitergeführt, nun auch mit der thematischen Erweiterung um Konzerte mit Vokalmusik. Sie um fasst nun nahezu sämtliche Konzertreihen und Einzelveranstaltungen in Bremen von der Kammermusik bis hin zu großen Chor- und Orchesterkonzerten.
Die computerunterstützte Version der Kartei bietet verschiedenartige Auswertungsmöglichkeiten, die neben der Dokumentation von Werkaufführungen und Solisten durch die Einführung der Kategorie der Veranstalter auch die Erstellung von Institutionsgeschichten ermöglicht.
Die Kartei wird momentan häufig von Journalisten konsultiert, die bei Konzertankündigungen die Daten früherer Konzerte mit gleichen Werken erfragen. Auch treffen oft Anfragen bezüglich Solisten bzw. Dirigenten ein, deren Konzertprogramme und Auftrittsdaten in Bremen benötigt werden. Zumeist handelt es sich hier um Autorinnen und Autoren von Monographien, für die diese Daten im Hinblick auf eine möglichst lückenlose Dokumentation von großer Bedeutung sind.
Es ist geplant, auch die Konzerte von 1900 bis 1986 in die PC-Datenbank einzugeben, um auch hier eine komfortablere Zugriffsmöglichkeit zu erhalten, allerdings konnten die erforderlichen Mittel für dieses Projekt bisher noch nicht aufgebracht werden.

Musikwissenschaftliche Bibliothek

Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V. beherbergt seit seinem Umzug in die Sandstraße eine etwa 2 500 Bände umfassende musikwissenschaftliche Bibliothek mit regionalem Schwerpunkt. Es handelt sich hierbei um den Nachlass des Bremer Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Blum, dessen Bibliothek an die Staats- und Universitätsbibliothek Bremen vermacht wurde, die diesen Bestand aber geschlossen als Präsenzbibliothek dem Archiv zur Verfügung stellte. Sie ist im Arbeitszimmer als Handbibliothek aufgestellt und kann somit ständig verwendet werden.
Durch diese Bibliothek, die neben der bereits erwähnten regionalen thematischen Ausrichtung auch über die gebräuchlichsten Standardlexika und -monographien verfügt, ist es vor Ort möglich, neben der reinen Quellenforschung auch mit Sekundärliteratur zu arbeiten.
Über die musikwissenschaftliche Bibliothek hinaus verfügt das Archiv über etwa 5 000 Musi ka lien verschiedenster Provenienz, die meistens in Verbindung mit einem Nachlass übergeben wurden. Neben der Bibliothek erhielt das Archiv außerdem vom Staatsarchiv Bremen aus dem Nachlass Klaus Blum eine Zetteldatei mit biografischen Informationen zu etwa 2000 Personen und Institutionen der bremischen Musikgeschichte, sowie eine Kartei mit den Aufführungen des Bremer Stadttheaters von 1792 bis zur 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Veröffentlichungsreihen „BREMENSIA" und „Musik in Bremen"

In unregelmäßigen Abständen gibt das Archiv im Selbstverlag die Schriftenreihe „BREMENSIA" heraus, die sich mit regionalen Themen befasst, die zumeist in direkter Verbindung mit der Arbeit des Archivs stehen, wie z. B. monographische Ver öffentlichungen zu den Nachlassbeständen des Archivs (u. a. der kompositorische Nachlass des Komponisten und Bremer Theaterkapellmeisters Theodor Holterdorf).
In Zusammenarbeit mit der Philharmonischen Gesellschaft Bremen wurde die Übertragung der komplett erhaltenen Protokolle der 1815 gegründeten Bremer Singakademie in ein Textverarbeitungsprogramm übernommen. Die Protokolle bieten unschätzbare Informationen für das Chorwesen des 19. Jahrhunderts. Eine kommentierte Veröffentlichung dieser Protokolle ist geplant.
Darüber hinaus gibt das Archiv in Verbindung mit der Eres Edition Lilienthal seit 1995 die Reihe „Musik in Bremen" heraus, in der Werke bremischer Komponisten vom 17. bis 19. Jahrhundert in Ausgaben für die Praxis erscheinen. Sie umfasst z. B. das kleine kompositorische Werk des Schriftstellers Adolph Freiherr Knigge (sechs Klaviersonaten sowie ein Konzert für Fagott, Streicher und Continuo). Diese Reihe bildet die Ergänzung zu den eigenen Beständen des Archivs, die fast ausschließlich aus dem 20. Jahrhundert stammen. Geplant ist eine möglichst lückenlose Dokumentation zumindest der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Die Herausgabe dieser Werke geschieht in europaweiter Zusammenarbeit mit verschiedenen Bibliotheken und Archiven.

Die Beschäftigung mit diesen Themenbereichen stellt die ehrenamtliche Arbeit des Archivs, die momentan von sechs Personen geleistet wird, vor große Aufgaben. Daher steht auch die Suche nach Kooperationspartnern im Mittelpunkt der Anstrengungen.

Fotodokumentation „Musik in Bremen"

Als großes aktuelles Projekt plant das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V. in Verbindung mit dem Landesmusikrat Bremen e. V. die Präsentation einer Fotodokumentation über das aktuelle Musikleben im Land Bremen. Als Kooperationspartner konnte das Institut für Musikpädagogik/ -wissenschaft der Universität Bremen gewonnen werden.
Die etwa 30 Fotografinnen und Fotografen des Camera Club Bremen sind bereits seit August 2001 dabei, verschiedenste Ausprägungen des Bre mer und Bremerhavener Musiklebens in Bildern zu erfassen. Es geht hierbei nicht um die Darstellung einer bestimmten Musikrichtung oder Auffüh rungsform, sondern um das Aufzeigen der gesamten Bandbreite der in Bremen stattfindenden musikalischen Darbietungen von der so genannten „Hochkultur", wie z. B. dem Bremer Musikfest, bis hin zum Blockflötenkreis der Bremer(havener) Musikschule, der bei einem Adventskaffee im Seniorenwohnheim spielt. Große Konzerte der klassischen und auch Jazz-, Pop- und Rockmusik, Kirchenmusik, Musik bei Stadtfesten (Freimarkt, Stadtteilfeste etc.), Straßenmusik, Hausmusik, kleinere musikalische Veranstaltungen usw., alles dieses gehört zum musikalischen Leben des Landes Bremen. Dieses in einer Art Gesamtschau an etwa 100 ausgewählten Exponaten zu zeigen, ist das Ziel dieser Ausstellung. Es soll sich dabei gerade nicht um gestellte Fotos handeln, die man in Zeitungen oder Werbeprospekten sehen kann, sondern um Eindrücke aussagekräftiger Augenblicke, durchaus subjektiv und mit der individuellen ästhetischen Auffassung jeder Fotografin und jedes Fotografen gesehen. Neben dem dokumentarischen soll also auch der künstlerische Aspekt eine Hauptrolle spielen. Das Bürgermeisterehepaar Luise und Dr. Henning Scherf wird die Schirmherrschaft übernehmen.
Die Auswahl der Fotos für die Ausstellung soll bereits während der Arbeit an dem Projekt erfolgen und im Januar 2003 abgeschlossen sein. Die Präsentation findet vom 7. bis 22. März 2003 in der Unteren Rathaushalle statt.
Das Institut für Musikpädagogik/ Musikwissenschaft der Universität Bremen ist durch ein zweisemestriges studentisches Projekt konzeptionell mit in die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Ausstellung eingebunden. Im Anschluss an die Ausstellung in Bremen ist an eine Präsentation in Bremerhaven und Berlin gedacht. Sämtliche Bilder, also auch diejenigen, die nicht in der Ausstellung gezeigt werden, gehen (versehen mit genauen Angaben zu Ausführenden, Datum, Ort, Anlass etc.) in den Bestand des Archivs Deutsche Musikpflege Bremen e. V. über, wo sie mit weiteren Dokumentationen, wie z. B. der Helmut-Winter-Kartei, die seit 1900 die Konzerte in Bremen verzeichnet, den Grundstock bilden für verschiedenste lokalgeschichtliche, soziologische und kulturgeographische Arbeiten (z. B. Examens-, Magister- und Doktorarbeiten von Studenten der Universität und der Hochschulen Bremens).
Der Landesmusikrat Bremen e. V. trägt diese Dokumentation und wird sie als Beitrag zu seinem 25-jährigen Bestehen im Jahr 2003 präsentieren.

Dr. Oliver Rosteck ist Lehrbeauftragter für Historische Musikwissenschaft an der Universität Bremen, Leiter des Musikpädagogischen Forums im Niels-Stensen- Haus Lilienthal und als freiberuflicher Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter tätig. Seit April 2000 ist er 1. Vorsitzender des Archivs „Deutsche Musikpflege" Bremen e. V.