Zur Geschichte des Instituts
Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V.,
ein relativ kleines Institut mit rein ehrenamtlicher
Organisation, stellt eine für die Hansestadt Bremen
typische Kulturinstitution dar. Wie z. B. der
Kunstverein und die Philharmonische Gesellschaft
ist sie ein Ergebnis des seit dem 19. Jahrhundert
stark kulturell ausgerichteten Bürgerengagements.
Wissend um die seit ehedem begrenzten staatlichen
Mittel in diesem Bereich wurden mit großem
Einsatz eigenständige Vereine ins Leben gerufen,
die noch heute zu den tragenden Säulen der kulturellen
Landschaft der Stadt gehören.
Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V.
wurde im Jahr 1955 von dem Bremer Musikpädagogen
und Violinisten Friedrich Henkel gegründet.
Das hoch gesteckte Ziel dieser Organisation war die
Dokumentation des zeitgenössischen Musik lebens
in der Bundesrepublik Deutschland. Das Archiv
sollte hierzu als eine Sammelstätte für Musikalien
und Dokumente dienen, das sowohl wissenschaftlicher
Forschung als auch für praktizierende Musikerinnen
und Musiker als Fundort zeitgenössischer
Musik zugänglich ist. Die Realisierbarkeit dieses
die gesamte nationale Musikpflege umfassenden
Projektes musste allerdings nach kurzer Zeit aufgrund
begrenzter personeller und räumlicher Kapazitäten
(das Archiv wurde und wird nach wie vor
ausschließlich ehren amtlich geführt) infrage gestellt
werden. Als Lösung wählte man schließlich
die schwerpunktmäßige Dokumentation des regionalen
Bereiches des Landes Bremen und des näheren
Umlandes sowie, durch persönliche Bekanntschaften
Friedrich Henkels veranlasst, exemplarische
Beispiele aus dem zeitgenössischen Berliner
Musikleben.
Der Name „Musikpflege" impliziert bereits
den Schwerpunkt der Sammlung, der auf Musikalien
liegt, wobei im Mittelpunkt die Musik für
Kammer ensembles steht. Auch hier erwies sich in
den ersten Jahrzehnten wieder Friedrich Henkel
als treibende Kraft, der durch vielerlei bereits
be stehende und auch neu aufgebaute persönliche
Bekanntschaften die Bestände an zeitgenössischer
Musikliteratur geschickt zu erweitern wusste.
Zu den rein bewahrenden Aufgaben des Archivs
trat schon bald die Einrichtung einer eigenen
Konzertreihe, die mithilfe der Bremer Kulturbehörde
als auch der Sparkasse Bremen in den historischen
Räumen der Stadtwaage in der Innenstadt
mit ihrer Weserrenaissancefassade abgehalten
wird. In jährlich vier Konzerten stellen Kammermusikensembles
ausgefallene Konzertprogramme
vor, die zum großen Teil aus dem Bestand des
Archivs stammen.
Im Jahre 1982 verlor das Archiv mit dem Tode
Friedrich Henkels seinen Gründer und steten Antriebsmotor.
Durch die Hilfe vieler ehrenamtlicher
Mitarbeiter konnte gegen Ende der 80er-Jahre mit
dem Umzug in die Sandstraße in das Haus des
Landesamts für Denkmalpflege nicht nur die Existenz
gesichert, sondern auch der Aufgabenkreis
nicht unerheblich erweitert werden.
Das Archiv finanziert sich, neben den Beiträgen
seiner Mitglieder, die allerdings momentan nur
einen geringen Anteil am insgesamt sehr niedrigen
Gesamtetat (um 10.000 Euro p. a.) ausmachen, aus
einem jährlichen Zuschuss der Sparkasse in Bremen
sowie einer Projektförderung für die „Waage-Konzerte"
des Senators für Inneres, Kultur und
Sport (innerhalb des gesamten Etats). Eine institutionelle
Förderung seitens des Senators ist seit
einigen Jahren nicht mehr vorgesehen. Trotzdem
konnte und kann das Archiv eine Reihe kultureller
und wissenschaftlicher Aufgaben übernehmen, die
im Folgenden kurz erläutert werden sollen.
Aufgabenbereiche des Archivs
Die Arbeit des Archivs gliedert sich hauptsächlich in fünf Aufgabengebiete:
Nachlässe bremischer oder mit Bremen verbundener MusikerInnen und MusikwissenschaftlerInnen
Das Archiv verfügt momentan über etwa 65 Nachlässe,
die vornehmlich aus handschriftlichem oder
gedrucktem Notenmaterial bestehen. Darüber hinaus
kommen vereinzelt Dokumente aus dem privaten
Nachlass hinzu, die eine Quelle für biografische
Informationen zu den Personen und Werken
darstellen.
Der Grundstock von etwa 25 Nachlässen beruht
auf persönlichen Bekanntschaften des ehemaligen
Leiters Friedrich Henkel. Der stetige
Zuwachs von zurzeit etwa fünf Nachlässen im Jahr
(mit stei gender Tendenz) beruht auf der zunehmenden
Verankerung des Archivs im Bewusstsein der
Musikschaffenden und musikalischen Institutionen
öffentlicher und privater Trägerschaft im
regionalen Bereich. Besonders hervorzuheben ist
hierbei die wohl einmalige Zusammenarbeit mit
den staatlichen und städtischen Organisationen
des Staatsarchivs Bremen und der Bremer Musikbibliothek.
Regional geprägte Bestände mit musikalischem
Schwerpunkt werden regelmäßig dem
Archiv treuhänderisch zur Einordnung, Erschließung
und kommissarischen Verwaltung übergeben.
Im Sommer diesen Jahres wurde dem Archiv das
komplette Archiv der Bremer Philharmonischen
Gesellschaft übergeben.
Die Nachlässe stammen ausschließlich von
Musikerinnen und Musikern des 20. Jahrhunderts
und zeigen musikalisch das weite Feld von Spätromantik
über Zwölftonmusik der Zweiten Wiener
Schule und Spielmusik bis hin zur experimentellen,
oft aleatorisch notierten Musik auf. Der Anteil von
Werken, die auch von semiprofessionellen Ensembles
oder Laienmusikern dargestellt werden
können, ist verhältnismäßig groß, sodass auch
diese Gruppen auf einen reichen Fundus für das
eigene Musizieren zurückgreifen können.
Die systematische Erschließung und Aufbereitung
dieses Noten- und Dokumentationsmaterials
betreut durch Prof. Dr. Wolfgang Schäfer, stehen
im Zentrum dieses Aufgabenbereichs. Das Ziel ist
hierbei, die Benutzbarkeit vor allem für die praktizierenden
Laien- und Berufsmusiker als auch für
die wissenschaftliche Forschung zu gewährleisten.
Für den im Computer aufbereiteten Musikalienkatalog
wurde ein eigener Signaturcode entwickelt,
der es möglich macht, Listen mit bestimmten Besetzungen
herauszufiltern, was sich besonders bei
der Erstellung von Konzertprogrammen als hilfreich
erweist.
Seit etwa einem Jahr wird der Bestand an Musikalien
für Kammerensembles durch den systematischen
Ankauf zeitgenössischer Kompositionen
aus der Bremer Region erweitert. Als besonders
ergiebig erweist sich hierbei die Zusammenarbeit
mit dem Arbeitskreis Bremer Komponisten/
Komponistinnen (ABK).
Die im Computer aufgenommenen Bestände
des Archivs werden ständig aktualisiert und in
re gelmäßigen Abständen in gedruckter Form bremischen
Institutionen, wie z. B. der Staats- und
Universitätsbibliothek, dem Staatsarchiv sowie
der Musikbibliothek übergeben. Geplant ist eine
Zu griffsmöglichkeit über Internet.
Organisation und Durchführung der „Waage-Konzerte"
Die eigene Konzertreihe des Archivs, die „Waage-Konzerte", die ihren Namen dem Aufführungsort, der ehemaligen Bremer Stadtwaage verdankt, umfasst jährlich vier reguläre Konzerte, zu denen noch Sonderkonzerte treten können. Die Waage-Konzerte verstehen sich in erster Linie als eine Öffentlichkeitsplattform für zeitgenössische Werke aus dem Archivbestand, für die zumeist junge Musikerinnen und Musiker gewonnen werden, die in der Regel aus dem Bremer Bereich und dem Umland kommen. Besonderer Wert wird hierbei auch auf seltene Besetzungen gelegt. In diesem Herbst findet das 150. Konzert in dieser Reihe statt.
Helmut-Winter-Kartei
Hinter der „Helmut-Winter-Kartei", benannt nach
ihrem Initiator, verbirgt sich die Dokumentation
des bremischen Musiklebens seit 1900. Bis 1986
sind die bremischen Konzerte der klassischen
Musik (hauptsächlich Instrumentalmusik) auf ca.
30.000 Karteikarten, geordnet nach Komponisten,
Solisten, Ensembles und Veranstaltern, verzeichnet.
Für die Rezeptionsgeschichte des 20. Jahrhunderts
stellt diese Kartei eine unschätzbare Quelle
dar. Seit 1987 wird die Kartei in einer PC-Datenbank
weitergeführt, nun auch mit der thematischen
Erweiterung um Konzerte mit Vokalmusik. Sie
um fasst nun nahezu sämtliche Konzertreihen und
Einzelveranstaltungen in Bremen von der Kammermusik
bis hin zu großen Chor- und Orchesterkonzerten.
Die computerunterstützte Version der Kartei
bietet verschiedenartige Auswertungsmöglichkeiten,
die neben der Dokumentation von Werkaufführungen
und Solisten durch die Einführung der
Kategorie der Veranstalter auch die Erstellung von
Institutionsgeschichten ermöglicht.
Die Kartei wird momentan häufig von Journalisten
konsultiert, die bei Konzertankündigungen
die Daten früherer Konzerte mit gleichen Werken
erfragen. Auch treffen oft Anfragen bezüglich
Solisten bzw. Dirigenten ein, deren Konzertprogramme
und Auftrittsdaten in Bremen benötigt
werden. Zumeist handelt es sich hier um Autorinnen
und Autoren von Monographien, für die diese
Daten im Hinblick auf eine möglichst lückenlose
Dokumentation von großer Bedeutung sind.
Es ist geplant, auch die Konzerte von 1900 bis
1986 in die PC-Datenbank einzugeben, um auch hier
eine komfortablere Zugriffsmöglichkeit zu erhalten,
allerdings konnten die erforderlichen Mittel
für dieses Projekt bisher noch nicht aufgebracht
werden.
Musikwissenschaftliche Bibliothek
Das Archiv Deutsche Musikpflege Bremen e. V.
beherbergt seit seinem Umzug in die Sandstraße
eine etwa 2 500 Bände umfassende musikwissenschaftliche
Bibliothek mit regionalem Schwerpunkt.
Es handelt sich hierbei um den Nachlass des
Bremer Musikwissenschaftlers Dr. Klaus Blum,
dessen Bibliothek an die Staats- und Universitätsbibliothek
Bremen vermacht wurde, die diesen Bestand
aber geschlossen als Präsenzbibliothek dem
Archiv zur Verfügung stellte. Sie ist im Arbeitszimmer
als Handbibliothek aufgestellt und kann somit
ständig verwendet werden.
Durch diese Bibliothek, die neben der bereits
erwähnten regionalen thematischen Ausrichtung
auch über die gebräuchlichsten Standardlexika
und -monographien verfügt, ist es vor Ort möglich,
neben der reinen Quellenforschung auch mit
Sekundärliteratur zu arbeiten.
Über die musikwissenschaftliche Bibliothek hinaus
verfügt das Archiv über etwa 5 000 Musi ka lien
verschiedenster Provenienz, die meistens in Verbindung
mit einem Nachlass übergeben wurden.
Neben der Bibliothek erhielt das Archiv außerdem
vom Staatsarchiv Bremen aus dem Nachlass
Klaus Blum eine Zetteldatei mit biografischen Informationen
zu etwa 2000 Personen und Institutionen
der bremischen Musikgeschichte, sowie eine
Kartei mit den Aufführungen des Bremer Stadttheaters
von 1792 bis zur 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Veröffentlichungsreihen „BREMENSIA" und „Musik in Bremen"
In unregelmäßigen Abständen gibt das Archiv im
Selbstverlag die Schriftenreihe „BREMENSIA"
heraus, die sich mit regionalen Themen befasst,
die zumeist in direkter Verbindung mit der Arbeit
des Archivs stehen, wie z. B. monographische
Ver öffentlichungen zu den Nachlassbeständen des
Archivs (u. a. der kompositorische Nachlass des
Komponisten und Bremer Theaterkapellmeisters
Theodor Holterdorf).
In Zusammenarbeit mit der Philharmonischen
Gesellschaft Bremen wurde die Übertragung der
komplett erhaltenen Protokolle der 1815 gegründeten
Bremer Singakademie in ein Textverarbeitungsprogramm
übernommen. Die Protokolle bieten
unschätzbare Informationen für das Chorwesen
des 19. Jahrhunderts. Eine kommentierte Veröffentlichung
dieser Protokolle ist geplant.
Darüber hinaus gibt das Archiv in Verbindung
mit der Eres Edition Lilienthal seit 1995 die Reihe
„Musik in Bremen" heraus, in der Werke bremischer
Komponisten vom 17. bis 19. Jahrhundert in
Ausgaben für die Praxis erscheinen. Sie umfasst
z. B. das kleine kompositorische Werk des Schriftstellers
Adolph Freiherr Knigge (sechs Klaviersonaten
sowie ein Konzert für Fagott, Streicher und
Continuo). Diese Reihe bildet die Ergänzung zu
den eigenen Beständen des Archivs, die fast ausschließlich
aus dem 20. Jahrhundert stammen. Geplant
ist eine möglichst lückenlose Dokumentation
zumindest der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts.
Die Herausgabe dieser Werke geschieht in europaweiter
Zusammenarbeit mit verschiedenen Bibliotheken
und Archiven.
Die Beschäftigung mit diesen Themenbereichen stellt die ehrenamtliche Arbeit des Archivs, die momentan von sechs Personen geleistet wird, vor große Aufgaben. Daher steht auch die Suche nach Kooperationspartnern im Mittelpunkt der Anstrengungen.
Fotodokumentation „Musik in Bremen"
Als großes aktuelles Projekt plant das Archiv Deutsche
Musikpflege Bremen e. V. in Verbindung mit
dem Landesmusikrat Bremen e. V. die Präsentation
einer Fotodokumentation über das aktuelle
Musikleben im Land Bremen. Als Kooperationspartner
konnte das Institut für Musikpädagogik/ -wissenschaft
der Universität Bremen gewonnen werden.
Die etwa 30 Fotografinnen und Fotografen
des Camera Club Bremen sind bereits seit August
2001 dabei, verschiedenste Ausprägungen des
Bre mer und Bremerhavener Musiklebens in Bildern
zu erfassen. Es geht hierbei nicht um die
Darstellung einer bestimmten Musikrichtung oder
Auffüh rungsform, sondern um das Aufzeigen der
gesamten Bandbreite der in Bremen stattfindenden
musikalischen Darbietungen von der so genannten
„Hochkultur", wie z. B. dem Bremer Musikfest,
bis hin zum Blockflötenkreis der Bremer(havener)
Musikschule, der bei einem Adventskaffee
im Seniorenwohnheim spielt. Große Konzerte der
klassischen und auch Jazz-, Pop- und Rockmusik,
Kirchenmusik, Musik bei Stadtfesten (Freimarkt,
Stadtteilfeste etc.), Straßenmusik, Hausmusik, kleinere
musikalische Veranstaltungen usw., alles dieses
gehört zum musikalischen Leben des Landes
Bremen. Dieses in einer Art Gesamtschau an etwa
100 ausgewählten Exponaten zu zeigen, ist das Ziel
dieser Ausstellung. Es soll sich dabei gerade nicht
um gestellte Fotos handeln, die man in Zeitungen
oder Werbeprospekten sehen kann, sondern um
Eindrücke aussagekräftiger Augenblicke, durchaus
subjektiv und mit der individuellen ästhetischen
Auffassung jeder Fotografin und jedes Fotografen
gesehen. Neben dem dokumentarischen soll also
auch der künstlerische Aspekt eine Hauptrolle
spielen. Das Bürgermeisterehepaar Luise und Dr.
Henning Scherf wird die Schirmherrschaft übernehmen.
Die Auswahl der Fotos für die Ausstellung soll
bereits während der Arbeit an dem Projekt erfolgen
und im Januar 2003 abgeschlossen sein. Die
Präsentation findet vom 7. bis 22. März 2003 in
der Unteren Rathaushalle statt.
Das Institut für Musikpädagogik/ Musikwissenschaft
der Universität Bremen ist durch ein zweisemestriges
studentisches Projekt konzeptionell mit
in die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung
der Ausstellung eingebunden.
Im Anschluss an die Ausstellung in Bremen ist
an eine Präsentation in Bremerhaven und Berlin
gedacht. Sämtliche Bilder, also auch diejenigen,
die nicht in der Ausstellung gezeigt werden, gehen
(versehen mit genauen Angaben zu Ausführenden,
Datum, Ort, Anlass etc.) in den Bestand des Archivs
Deutsche Musikpflege Bremen e. V. über, wo
sie mit weiteren Dokumentationen, wie z. B. der
Helmut-Winter-Kartei, die seit 1900 die Konzerte
in Bremen verzeichnet, den Grundstock bilden für
verschiedenste lokalgeschichtliche, soziologische
und kulturgeographische Arbeiten (z. B. Examens-,
Magister- und Doktorarbeiten von Studenten der
Universität und der Hochschulen Bremens).
Der Landesmusikrat Bremen e. V. trägt diese
Dokumentation und wird sie als Beitrag zu seinem
25-jährigen Bestehen im Jahr 2003 präsentieren.
Dr. Oliver Rosteck ist Lehrbeauftragter für Historische Musikwissenschaft an der Universität Bremen, Leiter des Musikpädagogischen Forums im Niels-Stensen- Haus Lilienthal und als freiberuflicher Musikwissenschaftler, Organist und Chorleiter tätig. Seit April 2000 ist er 1. Vorsitzender des Archivs „Deutsche Musikpflege" Bremen e. V.