Ernst Folz
Archiv und Sammlungen des Chorverbandes Niedersachsen-Bremen in Nienburg

Der 1831 als Vereinigte Norddeutsche Liedertafel in Nienburg an der Weser gegründete Chorverband Niedersachsen-Bremen e. V. feierte 1981 sein 150-jähriges Bestehen. Die Aufarbeitung und Ver öffentlichung der Geschichte dieser größten und traditionsreichsten Laienkulturvereinigung im norddeutschen Raum gestaltete sich damals sehr schwierig, da es an einer geordneten Sammlung his torischen Materials fehlte. Die ehrenamtliche Tätigkeit der Verantwortlichen eines solchen Dachverbandes, die daraus resultierende ungenügende Infrastruktur sowie der Materialverlust infolge von zwei Weltkriegen hatten dazu geführt, dass auf nur wenige geschichtliche Dokumente zurückgegriffen werden konnte.
Die Organisatoren der Festveranstaltung hatten sich die Aufgabe gestellt, einen Abriss der historischen Entwicklung zu veröffentlichen und darüber hinaus mit einer repräsentativen Ausstellung am Gründungsort auf 150 Jahre kulturelle Basis arbeit der Laienchorbewegung hinzuweisen. Dieses Vorhaben gelang nur teilweise und war letztendlich nur durchführbar, weil auf Materialien zurückgegriffen werden konnte, die in einigen traditionellen Chorvereinigungen noch vorhanden waren, so z. B. bei der gleichaltrigen „Nienburger Lieder tafel". Am Beispiel dieses Vereins, der 1831 zu den Mitbegründern der Vereinigung gehörte, konnte exemplarisch der Werdegang auch des Chorverbandes einigermaßen nachvollzogen werden.
Diese Schilderung der 1981 vorhandenen Situation macht deutlich, dass es unumgänglich war, die noch vorhandenen Materialien zu sichten, zu selektieren und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Unter dem Leitspruch, wer Geschichte bewahren will, muss ihre Spuren und Zeugnisse aufheben, wurde auch die Sammeltätigkeit sofort aufgenommen. Dazu war höchste Eile geboten, da die traditionellen Gesangvereine, insbesondere im Männerchorbereich, in immer schnellerer Folge ihre Arbeit einstellten und die für die Musik- und Geschichtsforschung sehr wichtigen Vereinsdokumente – von den Erben in ihrem Wert unerkannt – „entsorgt" wurden. Diese Situation musste sehr schnell problematisiert und einer Lösung zugeführt werden.
Anfang der Achtzigerjahre gelang es dem Chorverband Niedersachsen-Bremen das Anliegen der Kulturbehörde seiner Gründerstadt Nienburg zu verdeutlichen. Hier stellte man im Stadtarchiv Räume und Personal zum Aufbau einer Sammlung von historischem Material zur Verfügung. Beim Umzug des Stadtarchivs in neue Räumlichkeiten Anfang der Neunzigerjahre, erhielten diese Sammlungen in einer Villa aus der Gründerzeit ein neues und angemessenes Domizil, das auch die Möglichkeit kleinerer Ausstellungen bietet. Die Materialien werden vom Leiter des Stadtarchivs und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin betreut. Hilfskräfte erarbeiten Bestandserhebungen und sammeln und archivieren die Materialien.
Zunächst war es erforderlich, die Sammelaktivitäten zu publizieren und die Besitzer von historischen Dokumenten und Materialien zu motivieren, ihre Objekte an das Archiv abzugeben. Dies geschah durch viele Artikel in der Presse und in einschlägigen Zeitschriften, aber auch durch persönliche Ansprache. Auch die Herausgabe einer Sonderschrift zum inhaltlichen Konzept des Archivs trug erheblich zur Verbreitung der Idee bei. Der damalige Präsident des Chorverbandes, Hermann Faltus, schrieb zur Begründung: Das Archiv stellt sich mit Ausstellungen, Seminaren und Vorträgen als ein wichtiges Instrument musiktheoretischer und musikpraktischer Arbeit vor. Mit seinem angesammelten Material wird es uns unverzichtbare Einblicke in die Handlungen geschichtlicher und sozialer Wirklichkeiten übermitteln, womit es uns den eigenen Kulturzustand klären und von der Gefahr einer System- und Konzeptionslosigkeit befreien hilft. Im Erfahren mancher Irrtümer der Ver gan genheit zeigen uns zahlreiche Belege auch jene Wege auf, die Musikarbeit als Lebensschule zu erkennen und durch theoretische Absicherung an konsequente Erkenntnisse und Prioritäten zu binden.
Bei der Einwerbung von Archivmaterial wurde die Erfahrung gemacht, dass sich etliche Vereine nur ungern von Unterlagen trennen, die die Geschichte ihres Chores dokumentieren, dass sie gleichzeitig aber Interesse haben, die Sammlungen ihres Vereins bekannt zu machen und in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Um diesem Bedürfnis entgegenzukommen wurde ein Konzept entwickelt, das es den Besitzern ermöglicht, die Materialien an das Archiv auszuleihen. Dort werden sie unentgeltlich aufbewahrt, aufgearbeitet, teilweise restauriert und wissenschaftlich betreut und können jederzeit von ihrem Besitzer wieder zurückgefordert werden. Dieses Angebot hat sich bewährt, nur zum Zwecke regionaler Ausstellungen wurden bisher einzelne Ausstellungsstücke zeitweilig zurückgeholt.
Gesammelt wird alles, was die Entwicklung und den sozialen, kulturellen Hintergrund des Laienchorbereichs dokumentiert. Dies betrifft Materialien zur Vereinsführung, die besonders exemplarisch die geistige, politische und geografische Umwelt der diversen Chöre als Teil einer sich ständig ändernden Gesellschaft darstellen. Spezialsammlungen, die heute das Gesamtbild vervollständigen, konnten in den letzten Jahren mit teilweise erheblichem Erfolg aufgebaut werden. So beherbergt Nienburg inzwischen eine wichtige Fahnen-, Plaketten- und Medaillensammlung. Auch Utensilien, die früher in vielen Vereinen genutzt wurden, wie z. B. „Ehrenschilder", Tischstander, Taktstöcke und vieles mehr sind dem Archiv inzwischen zugegangen. In jüngster Zeit wurde auch mit dem Aufbau einer kleinen, aber wichtigen Sammlung von Chornoten begonnen, die von unbekannt gebliebenen Chorleitern aus besonderen Anlässen für ihre Chöre geschrieben wurden. Es lassen sich folgende Schwerpunkte der Sammelaktivitäten inzwischen herausbilden:

Die Liste macht deutlich, dass ganz besonders die Vereine angesprochen sind, die ihre Materialien über eine längere Zeit gesammelt und möglichst chronologisch geordnet haben.
Und glücklicherweise machen solche Beispiele das Rückgrat der Sammlungen aus, 20 Jahre nach der Gründung lassen sich heute folgende Aussagen treffen:

Die eingangs geschilderte Erfahrung, dass das meiste Material für eine solche Sammlung unbeachtet von den Erben auf Speichern und in Kellern zu finden ist, hat sich in der Zwischenzeit bestätigt, mittlerweile erreichen fast wöchentlich Angebote zur Übernahme von Sammlungen das Archiv. Die Sichtung und Aufarbeitung der übertragenen Stücke nimmt die Mitarbeiter sehr stark in Anspruch, dennoch konnten seit der Gründung folgende Son derausstellungen aufgebaut und dokumentiert werden:

Sonderausstellungen in Planung:

Neben diesen themenbezogenen Ausstellungen außerhalb der Räumlichkeiten des Archivs stellen die Mitarbeiter in einem speziellen Schauraum mit ständig wechselnden Objekten interessante Bezüge her, die nach Voranmeldung geführt zu besichtigen sind. Diese Möglichkeit haben in der Vergangenheit schon viele Musikvereine wahrgenommen und eine Fahrt nach Nienburg durchgeführt.
Der Chorverband Niedersachsen-Bremen bietet Studenten der Bereiche Musikwissenschaften und Musikpädagogik die Möglichkeit zu Forschungsarbeiten und Mitarbeit im Archiv, ganz sicher lassen sich dort Materialien für viele Teilbereiche finden, die sich insbesondere auch zur Erstellung von Diplom- und Magisterarbeiten im Bereich des Chorwesens eignen.
Zwar fehlt dem Nienburger Archiv heute noch der Bekanntheitsgrad von Sammlungen wie denen des Sängermuseums in Feuchtwangen und des Silchermuseums in Schnaidt, dennoch gehört es zu den bedeutenden Dokumentationszentren des deutschen Chorwesens.

Ernst Folz ist Vorsitzender des Landesmusikrates Bremen und Vorsitzender der Konferenz der Landesmusikräte im Deutschen Musikrat.