I
Das Singen gilt gemeinhin als die unmittelbarste
Art des Musizierens, weil sein Instrument, die
mensch liche Stimme, Teil des Menschen selbst
ist. Im Gesang verbindet der Mensch Sprache und
Melodik. Er äußert Gedachtes und Gefühltes in
sprachlichen und nichtsprachlichen Sinnsystemen.
Die Infor mationsvermittlung auf zwei Ebenen
schafft Resonanz. Gemeinschaft kann entstehen.
Im günstigsten Fall sogar gemeinsamer Gesang –
ein Chor bildet sich. Der ist bekanntermaßen aber
keine Erfindung der Neuzeit. Schon der antike
Choros wusste auf seine Art Gemeinschaft zu erzeugen.
Unsere heutigen Gesangvereine und Liedertafeln
wurzeln im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert.
Allerdings reichen Traditionslinien bis zu
den Barden und zu den Minne- und Meistersängern.1)
Die Zeit nach der Französischen Revolution
mit ihren geistigen und politischen Veränderungen
bot den Nährboden für das Gedeihen eines säkularen
Laienchorwesens. Die Befreiungskriege, die
Stein-Hardenberg'schen Reformen, die Karlsbader
Beschlüsse, das Hambacher Fest und die Revolution
von 1848 gehören in diesen Kontext.2) 3) Der
Chorgesang wurde … als repräsentativer Ausdruck
der Emanzipation bürgerlicher Schichten verstanden.4) Er
organisierte sich in Vereinen. Wer nach
dem Charakter und der Entwicklung einer modernen
bürgerlichen Gesellschaft fragt, sollte sich der
Geschichte der Vereinsbildung zuwenden.5)
II
Hier setzt die Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum des Deutschen Chorwesens an. Sie sieht sich zunächst hinsichtlich der schriftlichen, gegenständlichen und audiovisuellen Überlieferung von Gesangvereinen und Liedertafeln, aber natürlich auch bei Nachlässen von Chorkomponisten, anderen Persönlichkeiten des Laienchorwesens und Musikwissenschaftlern in der Pflicht. Doch sie beschränkt sich nicht darauf, sondern will dem gesamten Überlieferungsgut des deutschen Laienchor wesens, das von bleibendem Wert ist, eine Heimat bieten. Ihr Dokumentationsziel besteht darin, die entsprechenden Quellen zu erfassen, zu erschließen und für die wissenschaftliche und private Nutzung bereitzustellen. Damit wird sie zum Partner für alle weltlichen und kirchlichen Chororganisationen im deutschsprachigen Raum.
Die Stiftung nahm ihre Arbeit im Januar 2000 auf.
Ihre Vorgeschichte indessen reicht weit zurück.
Am 4. Oktober 1925 wurde das Deutsche Sängermuseum
im ehemaligen Kloster bei der Nürnberger
Katharinenkirche eingeweiht. Neben musealen Sachzeugen und literarischen Dokumenten
fand sich dort kulturgeschichtlich wertvolles Archivgut
zum Vereinsleben der Sänger und zum
Wirken schöpferischer Musiker. Dazu gesellte sich
eine umfängliche Autographensammlung.
1945 zerbarst das Museum im Bombenhagel.
Einige ausgelagerte Restbestände blieben erhalten.
1979 unterbreitete der Gesang- und Musikverein
Feuchtwangen den Vorschlag für ein Sängermuseum
des Fränkischen Sängerbundes. Die Idee
reifte zur Tat. 1985 begann der Umbau des dafür
vorgesehenen Gebäudes. 1991 eröffnete der bayerische
Kultusminister Hans Zehetmair offiziell das
inzwischen fertig gestellte und zweckentsprechend
hergerichtete Haus.
In den Neunzigerjahren übergaben die Arbeitsgemeinschaft
Deutscher Chorverbände (ADC) und
der Deutsche Sängerbund (DSB) ihre Bestände an
die Feuchtwanger Einrichtung. Dazu kamen etliche
Vereinsüberlieferungen. Nachlässe von Ton dichtern
erhielten hier ihren Platz. Die Autographensammlung
des ehemaligen Deutschen Sängermuseums
gelangte im Jahre 1997 aus dem Stadtarchiv Essen
nach Feuchtwangen. Namen wie Goethe und
Schiller, Beethoven und Haydn, Bruckner und
Reger leuchten da heraus. Nach der politischen
Wende 1989/ 90 entwickelte sich Feuchtwangen
auch zum Hort für Archivalien und Literatur aus
DDR-Gesangvereinen und ihrem Umkreis.
Wer um die Vielfalt der Quellen weiß, will
sie nicht in einer wissenschaftlichen Schublade
ab legen. Der Standort Feuchtwangen geriet ins
interdisziplinäre Blickfeld. In Feuchtwangen gibt
es kurze Wege von der Musikwissenschaft zur
Geschichte, Soziologie und Volkskunde. Wechselseitige
Bezüge und Berührungspunkte erweitern
Horizonte und geben Gelegenheit zu fächerübergreifenden
Studien.
So ist das Feuchtwanger Sängermuseum sei nem
ursprünglichen Auftrag längst entwachsen.
Verständlicherweise sieht es sich auch nicht einfach
nur in der Nachfolge des Nürnberger Sängermuseums.
Vielmehr ist es mit seinen drei Segmenten
Museum, Archiv und Bibliothek zum gefragten
Dokumentations- und Forschungszentrum
geworden.
Der Gedanke, das Zentrum in die Trägerschaft
einer Stiftung zu geben, gewann an Profil.
Am 1. Januar 2000 konstituierte sich das Gremium,
zu dem der Deutsche Sängerbund, der Fränkische
Sängerbund, die Familie Kurz aus Feuchtwangen
und der Förderverein des Museums zählen.
Den Vorsitz des Stiftungsrates übernahm der Präsident
des Deutschen Sängerbundes, Staatsminister
a. D. Dr. Heinz Eyrich. Die Geschäftsführung liegt
in den Händen von Frau Helma Kurz.
III
Der Kernsatz aus Willy Flachs Bericht, den er
1954 nach dem Antritt seines Direktorats im Goethe-
Schiller-Archiv abgab, umreißt die künftige
Aufgabenstellung für die Arbeit im Stiftungsarchiv.
Das Ziel aller unserer Arbeiten muss es sein, das
Archiv zu einem gut geordneten und vollständig
verzeichneten Archiv zu machen.6)
Ende August 2000 waren die Literatursammlung
der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände
(ADC) katalogisiert und Teile einiger Nachlässe
verzeichnet.
Am 1. September 2000 hat ein Archivar seine
Tätigkeit im Archiv aufgenommen. Der punktuelle
Erschließungsansatz verbreiterte sich danach zu einer
Konzeption, die in der Anlage eines Bestandsverzeichnisses
ihr erstes Ziel sah. So liegt jetzt ein
Findhilfsmittel vor, das einen schnellen Überblick
über alle Bestände garantiert.
Die Struktur des Dokumentationszentrums
ori entiert sich an seinen drei Elementen Archiv,
Museum und Bibliothek. Die Erschließung der jeweiligen
Dokumentation folgt der Spezifik ihres
Materials. Der Versuch, Archivalien mit bibliothekarischen
Mitteln nutzbar zu machen, könnte
zu Verständnisproblemen, zur Unübersichtlichkeit
und damit zu Informationsverlusten führen. Das
Gleiche gilt selbstredend für die Transformation
der archivarischen Verzeichnungsmethode auf Bibliotheksgut.
Das heißt aber nicht, die drei Bereiche voneinander
zu isolieren. Der Gedanke, dass der in Bibliotheken,
Archiven und Museen verwahrte Fundus
erst in seiner Verknüpfung neuartige Assoziationen,
Erkenntnisse und Optionen bietet,7) erlangt
für die Benutzer hohen Wert, insbesondere durch
die Möglichkeiten, die moderne PC-Programme
und im Weiteren die Digitalisierung der Daten mit
sich bringen. Der erste Schritt zur Abkehr von linearen
Verbindungsmustern und hin zu künftigen
Netzwerken ist in Feuchtwangen vollzogen. Das
EDV-Programm ermöglicht die bereichsübergreifende
Recherche.
Die Internetpräsentation ist in greifbare Nähe
gerückt. Zunächst soll eine Online-Bestandsübersicht
eingestellt werden, gefolgt von Findbüchern
zu ausgewählten Beständen und später auch zu
digitalisierten Dokumenten.
Eine Untersuchung zu Möglichkeiten des Multi-
Media-Einsatzes im Dokumentations- und Forschungszentrum
liegt vor. Ihre Ergebnisse eröffnen
bemerkenswerte Perspektiven.
Die Feuchtwanger Bestände geben einen re präsentativen
Einblick in die Geschichte des Laienchorwesens
im deutschsprachigen Raum. Ihre Erschließung
befördert eine Erinnerungskultur, die
für unsere pluralistische Gesellschaft einen wichtigen
Aktivposten darstellt. In diesem Sinne verfügen
wir über spezifische historische Quellen, die
für die einschlägigen Wissenschaftsdisziplinen
unverzichtbar sind. Zudem könnten jene Zeugnisse
der Vergangenheit, richtig interpretiert, auch ein
Stück Orientierungshilfe in der heutigen Kulturlandschaft
sein und gleichso dazu beitragen, den
Chorgesang als gesellschaftlichen Integrationsfaktor
zu erkennen und zu pflegen.
Günter Ziesemer ist Archivar im Dokumentations- und Forschungszentrum des Deutschen Chorwesens.
1) Otto Elben, Der volkstümliche deutsche Männergesang, 1887, S. 1ff.
2) Vgl. Dietmar Klenke, Der singende deutsche Mann. Gesangvereine und deutsches Nationalbewusstsein von Napoleon bis Hitler, 1998, S. 21ff.
3) Vgl. Günter Ziesemer, Der Mann für komplizierte Fälle, geistreich, charmant und hartnäckig. Karl August Freiherr von Hardenberg, der Preußen fit für die Zukunft machte, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 122, 2000, S. II.
4) Friedhelm Brusniak, Anfänge des Laienchorwesens in Bayerisch-Schwaben. Musik- und sozialgeschichtliche Studien, Habilitationsschrift, 1997, S. 7.
5) Otto Dann, Vereinsbildung in Deutschland in historischer Perspektive, in: Heinrich Best (Hrsg.), Vereine in Deutschland. Vom Geheimbund zur freien gesellschaftlichen Organisation, Bonn 1993, S. 119– 142, hier S. 1
6) Volker Wahl, Im Dienste gesamtdeutscher Archivarbeit und Literaturforschung. Willi Flachs Direktorat im Goethe- Schiller-Archiv Weimar 1954 bis 1958, in: Friedrich Beck/ Wolfgang Hempel/ Eckart Henning (Hrsg.), Archivistica docet. Beiträge zur Archivwissenschaft und ihres interdisziplinären Umfelds, Potsdam 1999, S. 205 bis 244, hier: S. 206.
7) Klaus Dieter Lehmann, Die Vorzüge der Virtualität. Das kurze Gedächtnis digitaler Medien und die kulturelle Überlieferung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 240, 2000, S. 54.