In dem Film Vaya con Dios (Zoltan Spirandelli,
Frühjahr 2002) sitzt Benno, der Cantorianer-Mönch
und Spezialist für alte Vokalmusik, in einer
bestens ausgestatteten Klosterbibliothek vor einem
Flachbildschirm und soll alte Motettenhandschriften
erfassen. Auf seine Frage Kann das Programm
denn nicht nach Stimmenzahl suchen? erklärt ihm
ein höflicher junger Mann: Nein, das kann unsere
Software leider nicht. – Dann muss das eingebaut
werden, bekommt er zur Antwort.
Das Fallbeispiel trifft eine sehr empfindliche
Stelle, mit der Musikbibliothekare und Bibliotheks-
EDV-Spezialisten sich zurzeit beschäftigen.
Denn die Suche nach Besetzung ist eine der wesentlichen
Anfragen, die in Musikbibliotheken
gestellt werden. Bisher wurde dies weitgehend
gelöst mit Hilfe einer Systematik, d. h. einer hierarchisch
und systematisch gegliederten Ordnung,
deren einzelne Gruppen mit Zahlen-und bzw. oder
Buchsta benkombinationen verschlüsselt werden –
beispielsweise C 13 oder No 349 für Klavier solo /
Sammlungen, C 14 oder No 350 für Klavier solo /
einzelne Komponisten. Dies Verfahren ist jedoch
momentan noch am Regal oder in einem Zettelkatalog
wesentlich einfacher nachzuvollziehen und
zu überblicken als in einem Online-Katalog. Um
dem Benutzer klarzumachen, was eine Systematikgruppe
ist und welche Notation und welches
Eingabefeld er braucht, um „Klavier solo / einzelne
Komponisten" abzufragen, muss man schon
einen sehr umfangreichen Hilfetext schreiben.
Oder umständlich verzweigen, sodass eine hierarchische
Navigation durch die Systematik möglich
ist (Kammermusik < Trios < Trios mit Klavier <
Streichinstrumente und Klavier < Violine, Violoncello
und Klavier). Doch selbst wenn man sich
erfolgreich durchgeklickt hat, wird einen die Ergebnismenge
gängiger Besetzungen wie Klavier solo
schon bei kleinen Bibliotheken zunächst einmal
erschrecken: Sie haben 2 175 Treffer. Meist nur
10 bis 20 davon passen als Kurzanzeige auf einen
Bildschirm und sind momentan noch in den wenigsten
Programmen alphabetisch geordnet.
Ein weiteres Problem ist, dass schon bei Kammermusik
in Quartettbesetzung die Stimm-Kombinationsmöglichkeiten
bei einer Berechnung mit
52 möglichen Instrumenten 341.055 betragen. Das
heißt also, je größer die Stimmenzahl wird, desto
mehr muss eine Besetzungssystematik zwangsläufig
Oberbegriffe bilden („ Trios für Holzbläser")
und damit ungenau werden, um unübersichtlich
viele Gruppen zu vermeiden. Dies erschwert vor
allem am Bildschirm die präzise Suche. In Berlin
wurde daher die Software aDis/ bms, mit der die
über 100 im „Verbund Öffentlicher Bibliotheken
Berlins" (www.voebb.de) zusammengeschlossenen
bezirklichen Bibliotheken sowie die Zentral- und
Landesbibliothek ihre Erwerbung, Katalogisierung
und Ausleihe bestreiten, um ein eigens entwickeltes
Besetzungsmodul erweitert. Es ermöglicht eine
von Chiffren und Schlüsseln unabhängige tabellarische
Eingabe der aus einer normierten Liste
angebotenen Instrumente mit Anzahl vorweg und
„Gesamtzahl Besetzung" im Anschluss. Dieses
Verfahren ist nicht nur sehr benutzerfreundlich und
präzise, sondern erlaubt auch die unscharfe Suche:
Die Eingabe „1 Akkordeon / Gesamtzahl 2" ergibt
Treffer mit Duos, bei denen ein Akkordeon beteiligt
ist. Der Nachteil ist zurzeit aber noch, dass nur
recherchierbar ist, was auch mit entsprechender
Eingabe erfasst wurde. In jedem neuen Datensatz
von Streichquartettnoten beispielsweise müssen
die Werte „2 Violine / 1 Viola / 1 Violoncello / Gesamtzahl
4" ergänzt werden.
Dieser große Kontrast zwischen Theorie und
Wirklichkeit ist in mehrfacher Hinsicht das Problem
gerade der Musikbibliotheken. Die Möglichkeiten
und Programme sind vorhanden, doch wie
weit der Weg noch ist, um letztere entsprechend
mit Daten zu füllen, übertrifft sehr oft die Grenzen
der Vorstellungskraft.
Prokofieff oder Prokofiev?
Natürlich gibt es nichts Einfacheres, als Prokofieff oder Schostakowitsch oder die Tippfehler bei Rossinis Vornamen Gioacchino in beliebig vielen verschiedenen Schreibweisen zu erfassen und von allen als falsch definierten Varianten auf eine richtige umzulenken. Aber nur in der Theorie hat man bereits zu Beginn der Online-Katalogisierung jede einzelne Titelaufnahme mit geeigneten „Normdatensätzen" verknüpft, die dann die vielen Schreibweisen enthalten. Auch Register – sofern es sie gibt – lösen nicht alle Probleme. Um bei der Eingabe von „Prokofieff" und „Prokofiev" jeweils die gleiche Treffermenge zu bekommen, ist also in der Praxis meist noch sehr viel redaktionelle Arbeit notwendig.
Fremddaten
Die Möglichkeiten sind verlockend. Nahezu alle
Bibliotheken katalogisieren mittels EDV, sehr viele
haben auch schon ihren „OPAC" („ Online Public
Access Catalogue") ins Netz gestellt und der starke
Trend, die Daten mehrerer Bibliotheken bis hin zu
großen Regionen zusammenzuspielen (am besten
zu sehen unter (http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html),
ermöglicht nicht nur die gleichzeitige
Suche in vielen Katalogen, sondern oft auch noch
die weiterführende Information, ob der Titel momentan
im Regal steht oder ausgeliehen ist. Dies
verleitet die Bibliotheksbenutzer zu hohen Erwartungen.
Können Sie denn nicht mal eben in ganz
Berlin gucken? – heißt es oft. Wir Bibliothekare
hinter dem Auskunftstisch müssen dann immer
etwas ausweichend antworten. Einerseits ist Berlin
noch in zwei verschiedene Verbünde aufgeteilt,
den besagten „VÖBB" (www.voebb.de) sowie den
„KOBV", den Kooperativen Bibliotheksverbund
Berlin-Brandenburg (www.kobv.de), in dem die
großen Wissenschaftlichen Bibliotheken vertreten
sind, und eine Abfrage beider Systeme nimmt
doch unter Umständen einige Zeit in Anspruch.
Aber das Haupthindernis ist die Tatsache, dass die
Musikbibliotheken im Vergleich zu den Allgemein-Bibliotheken
bezüglich der vollständigen Übertragung
ihrer Kartenkataloge in die Online-Kataloge,
der so genannten „Retrokonversion", noch sehr
weit zurückliegen
Dies hat mehrere Gründe. Beispielsweise gibt
es die ISBN-Nummer, die ein Buch sehr gezielt
definiert, schon seit den Sechzigerjahren. Die
Deutsche Bibliothek in Frankfurt katalogisiert
schon seit den Siebzigerjahren mittels EDV und
nach vorschriftsmäßigen Regeln alles, was in
Deutschland publiziert wird. Die Daten werden
in verschiedenen Formaten verkauft und wer sie
abonniert, tippt die ISBN-Nummer ein und ergänzt
dann den damit aufgerufenen vollständi gen
Katalogdatensatz mehr oder weniger nur noch mit
der hauseigenen Zugangsnummer und Signatur.
Dieses Prinzip gilt auch für Noten und Tonträger.
Doch da man Musik nicht übersetzen muss,
stellt die aktuelle deutsche Produktion, für die
die Musikabteilung der Deutschen Bibliothek,
das Deutsche Musikarchiv in Berlin, zuständig
ist, einen vergleichsweise kleineren Ausschnitt
der für Musik bibliotheken relevanten Titel dar.
Allgemeinbibliotheken kaufen zu einem viel höheren
Prozentsatz deutschsprachige Publikationen
der letzten Jahre als Musikbibliotheken. Mit den
Daten des Deutschen Musikarchivs lassen sich
also aus den genannten Gründen längst nicht so
viele Katalogkarten ersetzen. Erschwerend kommt
hinzu, dass es bei den Tonträgern keine vergleichbare
internationale Standardnummer gibt; auch die
ISMN für Noten hat sich seit Mitte der Neunzigerjahre
erst nach und nach etabliert.
Einheitssachtitel
Ein weiterer Grund für den Verzug ist die Tatsache,
dass das Katalogisieren von Noten und Tonträgern
im Vergleich zu Büchern erheblich aufwendiger ist.
Bei der Unterhaltungsmusik wird viel nach einzelnen
Songtiteln gefragt, daher macht man sich oft
die Mühe und erfasst die enthaltenen Stücke – gleichermaßen
bei Noten wie CDs. Auch bei Klassik-CDs
kommt man kaum um die Katalogisierung
der einzelnen Werke herum. Eine CD-Box mit der
Aufschrift Die schönsten Violinkonzerte nur unter
diesem Titel nachzuweisen hilft fast niemandem
(nur für den Ausdruck auf der Mahnung für zu
spät abgegebene Medien reicht er aus) – die Frage
Haben Sie das Violinkonzert von Mendelssohn?
kann man damit zumindest nicht beantworten. Erschwerend
kommt hinzu, dass in sehr vielen Fällen
die genauen Titel erst einmal ermittelt werden
müssen.
Was verbirgt sich wohl hinter der Aria von
Bach? Seriöse Verlage liefern genauere Angaben
durchaus mit, doch man muss trotzdem in der Lage
sein, mit dem Bach-Werke-Verzeichnis umgehen
und das Air aus der dritten Orchestersuite von
den Goldbergvariationen und der Orgelpastorale
BWV 590 unterscheiden zu können. Bei Büchern
ist das viel einfacher – am Titel gibt es wenig zu
verrücken, er existiert zumindest im 20. Jahrhundert
allenfalls in einer Originalform und einer
Übersetzung. Bei klassischen Musikstücken kann
dagegen ein und dasselbe Mozart-Konzert einmal
als Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll,
als Concerto for piano and orchestra d minor
oder als Klavierkonzert KV 466 bezeichnet werden.
In einem Kartenkatalog kann man meist ein Ordnungsprinzip
erkennen und sich an diesem entlang-
„hangeln", aber im EDV-Katalog bekommt
man auf die Eingabe Konzert für Klavier und Orchester
nur Zufallstreffer von den Eintragungen, in
denen die Ausgabe genau so benannt ist.
Die musikbibliothekarische Antwort auf dieses
Chaos heißt „Einheitssachtitel", gehört zum Regelwerk
„RAK-Musik" und ist zugegebenermaßen
ein wenig fachchinesisch, aber kaum einfacher
darstellbar. Dieser Einheitssachtitel (im folgenden
EST abgekürzt) wird nach bestimmten Prinzipien
gebildet und den aus der Vorlage entnommenen
Angaben in eckigen Klammern hinzugefügt. Wenn
man weiß, wie er gebildet wird, kann man also
präzise suchen. Für alle Stücke mit individuel lem
Namen gilt die Regel, dass die originale Benennung
ausschlaggebend ist. Der EST für die Goldberg-
Variationen lautet also „Aria mit dreißig Veränderungen",
derjenige für Mozarts Die Hochzeit
des Figaro heißt Le nozze di Figaro. Mussorgskys
Bilder einer Ausstellung werden konsequenterweise
und nicht zu jedermanns Freude mit dem
russischen Titel Kartinki s vystavki wiedergegeben.
Bei Formen und Gattungen wird ein so genannter
„Formalsachtitel" gebildet, der die Form/ Gattung,
bei Kammermusik auch die Besetzung und anschließend
eine Tonart, Opus-oder Werkverzeichnisnummer
bzw. Jahreszahl enthält. Das Regelwerk
legt für jeden Komponisten fest, ob jeweils
nach Opus-oder Werkverzeichnisnummer geordnet
wird. Die generelle Pluralbildung erklärt sich
daher, dass man dadurch Sammlungen und Einzelausgaben
in einem Alphabet ordnen kann. Die
ESTs verschiedener Ausgaben von Beet hovens
Sonaten sehen beispielsweise wie folgt aus:
| Sonaten, Kl ( Ausgabe mit allen Klaviersonaten) |
| Sonaten, Kl / Ausw. ( Ausgewählte Klaviersonaten) |
| Sonaten, Kl op. 10 ( alle drei Sonaten op. 10) |
| Sonaten, Kl op. 27, 2 / Arr. ( ein Arrangement der Mondscheinsonate) |
| Sonaten, Vc Kl ( alle Sonaten für Violoncello und Klavier) |
| Sonaten, Vl Kl ( alle Sonaten für Violine und Klavier) |
usw.
In der bereits genannten Bibliothekssoftware aDis/
bms sind die Einheitssachtitel verlinkt. Man muss
also keine musikbibliothekarischen Studien treiben,
sondern klickt sich von einem Zufallstreffer
weiter zu allen anderen Einträgen mit diesem
EST.
Da also wegen der langwierigeren Erfassung
ent haltener Einzelwerke und Bildung des Einheitssachtitels
die Katalogisierung von Noten und Tonträgern
deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt,
müssen die Musikbibliotheken noch um etwas Geduld
bitten, bis man ihre gesamten Bestände online
abfragen kann. Hoffnung auf Besserung geben die
Entwicklung der Verbundkatalogisierung und die
Bildung von Schnittstellen: Je mehr Bibliotheken
zusammenarbeiten und ihre Formate angleichen,
desto schneller kann man „Fremddaten" nicht nur
vom Deutschen Musikarchiv übernehmen, sondern
profitiert zunehmend auch von anderen Bibliotheken
hinsichtlich ausländischer oder älterer Titel.
Einschränkung der Trefferzahlen
Neben der langwierigeren Erfassung gestaltet sich
auch die Recherche von Noten und Tonträgern im
Vergleich zu den Büchern schwieriger. Mit den
beiden Feldern „Verfasser" und „Titel" bzw. deren
Kombination kommt man im Online-Katalog bei
Büchern sehr weit. Es ist sogar erstaunlich, wie
viele Autoren überhaupt nur einen Titel publiziert
haben. Bei den klassischen Komponisten dagegen
sind Werkverzeichnisse wie diejenigen von
Schubert und Bach mit ihrem Umfang von um die
1 000 Nummern keine so große Seltenheit. Und in
einem Großteil der Fälle lauten die Titel bei allen
Komponisten gleich: Sonate, Konzert, Sinfonie,
Quartett etc. Doch das ist noch nicht das ganze
Problem. Selbst wenn man sich mit „Mozart"
und Zauberflöte schon kurz vor dem Ziel wähnt,
bekommt man immer noch eine Flut von Einträgen:
Partituren, Klavierauszüge, Arrangements für
Harmoniemusik und zahlreiche Einspielungen von
verschiedenen Gesamtaufnahmen bis hin zu Querschnitten
und einzeln erfassten Arien auf Sängerporträt-
CDs.
Die dringend benötigte Recherche nach „Medienart",
mittels derer man gezielt nach Noten
oder Tonträgern suchen kann, ist bereits eine wertvolle
Erleichterung und gehört überwiegend zum
Standard. Doch professioneller ist bei den Noten
die Recherchemöglichkeit nach Ausgabeform, in
der man nach Partitur, Klavierauszug, Stimmen
usw. unterscheiden kann. Dazu gehört auch die
Stimmlage bei Lied-Ausgaben: Durch den mehrbändigen
Dschungel bei Schubert-Liedern kommt
man am besten mit der Option „hohe", „mittlere"
oder „tiefe Stimme". Dies alles ist von der Software
her ohne weiteres machbar und wird auch
bereits umgesetzt.
Doch auch hier klafft wieder eine große Lücke
zwischen Theorie und Praxis. Um zuverlässig
nach „Klavierauszug" suchen zu können, muss
diese Information auch entsprechend erfasst werden.
Die Katalogisierungsregeln schreiben aber
die Übernahme dieser Information nur vor, wenn
sie in der Vorlage steht, und weiter, dass die Sprache
der Vorlage übernommen wird. „Vocal score"
und „Riduzione per canto e pianoforte" fallen
damit also durch das Raster, wenn man nicht „Klavierauszug"
zusätzlich ergänzt und die Software
ein entsprechendes Datenfeld für diese normierte
Variante vorsieht. Eine weitere Möglichkeit, die
hohen Trefferzahlen einzuschränken, ist die eingangs
erwähnte Recherche nach Besetzung. Auch
die Optionen, nach Verlag oder Jahreszahl einzugrenzen,
sind wichtige Hilfen.
Lichtblicke
Doch trotz dieser vielen Hürden und noch zu bewältigenden Aufgaben gibt es durchaus auch Lichtblicke und entscheidende Vorteile des Online- Katalogs. Dass man nicht mehr alles selbst katalogisieren muss, sondern sich immer mehr Fremddaten anderer Bibliotheken in den eigenen Datenpool laden kann, wurde weiter oben schon deutlich. Doch dies ist ein Fortschritt, der nicht nur bei musikbibliografischen Fragen viel weiterhilft, ebenso wie die Tatsache, dass man bei so speziellen Titeln wie Der Schwan von Tuonela den Komponisten nicht mehr wissen muss, weil die Titelabfrage dafür ausreicht.Susanne Hein ist Leiterin der Musikabteilung der Zentral-und Landesbibliothek Berlin, Haus Amerika- Gedenkbibliothek.