Holger Schramm
Musik im Internet

Ein globaler Blick auf Musik im Internet

Wenn von Musik im Internet die Rede ist, so sollte zunächst ein umfassenderer Blick auf das neue Medium, seine Angebote und Potenziale geworfen werden.denn das Musikleben in Deutschland verändert sich seit einigen Jahren nicht nur durch die vielen Musikangebote im Internet, die zu hören sind, sondern auch durch diejenigen musikthematischen Angebote, die rein visuell dargeboten werden. So sind es nicht ausschließlich die Musik tauschbörsen, Online-Shops und Webradios, die den Alltag von Musikinteressierten durch das Musikhören per Internet verändert haben, sondern zum Beispiel auch Musikportale, die den Zugang zu vielen wichtigen Musikinformationen ermöglichen, Online-Magazine über Musik, Musikdatenbanken, Veranstaltungskalender, Fan-Clubs von Bands, die sich über das Internet austauschen, Homepages von Künstlern und Musikinstitutionen, Newsgroups etc. Über das Internet sind nahezu alle gewünschten Informationen abrufbar: Von Musikerbiografien über CD-Rezensionen, Konzerttipps bis hin zu wissenschaftlichen Fachartikeln über Musikforschung und den Verweisen auf entsprechende Experten. Nicht ohne Grund sind die Beiträge dieser Buchausgabe auch im Internet nachzulesen. Zu vermuten ist, dass insbesondere Internet-affine Jugendliche und junge Erwachsene auf diesem Wege als neue Leser des Musik-Almanachs und damit für Musikfachinformationen gewonnen werden können. Das Internet eröffnet aufgrund seiner Eigenschaften – dass jeder Musikinteressierte Sender und Empfänger bzw. Content- Provider und Content-Receiver zugleich sein kann, dass die Zugangsbarrieren vergleichsweise niedrig sind und dass Informationen und Daten im Gegensatz zu allen anderen Massenmedien individuell und zeitunabhängig abgerufen und gesendet werden können – ungleich größere Möglichkeiten, sich mit Musik zu beschäftigen und mit anderen Musikinteressierten auszutauschen. Darüber hinaus ist das Internet kein lokales, regionales oder nationales Medium, wie es zum größten Teil die Zeitung, die Zeitschrift, das Radio oder das Fernsehen sind, sondern ein internationales und grenzenloses Medium. Lokale und landesspezifische Musikinformationen sind so jederzeit weltweit verfügbar, ein Live-Konzert in den USA kann per Web-Kamera eingespeist und mit geringer zeitlicher Verzögerung in Europa verfolgt werden. Musik, die in vieler Hinsicht bisher kulturspezifisch betrachtet und wahrgenommen wurde, kann sich so zum multikulturellen bzw. globalen Faktor im Leben der Menschen entwickeln. Phänomene wie „World Music" und „interkulturelle Musikforschung" unter streichen die anhaltende Tendenz, Musik mehr und mehr aus der Makroperspektive zu betrachten, ohne dabei die nationalen, regionalen und lokalen Besonderheiten von Musik zu vernachlässigen.

Musikangebote im Internet

Das Internet bietet eine unüberschaubare Anzahl von Musik-affinen Angeboten.deshalb sollen an dieser Stelle nur ein paar zentrale beispielhaft aufgelistet und vorgestellt werden. Um zu bestimmten Musikthemen die passenden Angebote im Internet zu finden, bieten sich neben den allgemeinen Suchmaschinen wie „google.de" und den allgemeinen Portalen mit Suchfunktion wie „yahoo.de" die speziellen Musikportale wie „orpheus.at" oder „musiknetz.de" an. Auch die Musikportale sind musikthematisch unterschiedlich eng gefasst. So vereint das Musikbranchenbuch (musikbranchenbuch.de) als eines von weltweit vielen Metaportalen in über 500 Kategorien (Künstleragenturen, Musikzeitschriften, Musiktauschbörsen, Plattenfirmen, Discos, Fanclubs, Musikvereine etc.) unzählige Links zu allen Bereichen rund um das Thema Musik. Als spezifischeres Portal ist zum Beispiel das der Hip-hop- und Rap-Kultur in Deutschland (hiphop.de) zu nennen. Auch im Bereich der klassischen Musik finden sich spezielle Portale wie „Chorszene.de" mit umfangreichen Informationen zu Orchestern, Musik( hoch) schulen, Bands, Musikverlagen oder gar Partituren, und funktionsspezifischere Portale wie „klassikakzente.de", über das zum Beispiel E-Musik-Tonträger mit Hinweis auf den nächstgelegenen Fachhändler recherchiert werden können. Auf Verbandsebene lässt sich als ein gelungenes Beispiel die Homepage des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft (ifpi.de) nennen. Dort werden Auszüge aus dem jeweiligen Jahrbuch der Phonographischen Wirtschaft mit Informationen zur Umsatzentwicklung, zum Tonträgerabsatz, zu Absatzmärkten und dem Angebot von Tonträgersegmenten, branchenrelevante Fachtexte, Richtlinien, Gesetzestexte sowie Meldungen aus Politik und Kultur, die für die Musikwirtschaft relevant sind, bereitgestellt. Ein weiteres prominentes Beispiel auf Verbandsebene, das sich weniger der Wirtschaft als vielmehr dem Kulturleben verschrieben hat, ist die Homepage des Deutschen Musikrates bzw.des Deutschen Musikinformationszentrums (miz. org), auf der sich eine Vielzahl von Basisinformationen und Kontaktadressen zum gesamten Musikleben in Deutschland versammeln. Auch aufseiten der Wissenschaft und Forschung können zentrale Onlineplattformen benannt werden, wie zum Beispiel das „Musicweb Hannover" (http://musicweb.hmt-hannover.de) mit Links u. a. zur Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM), zur European Society for the Cognitive Sciences of Music (ESCOM) und zur Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musiker medizin (DGfMM); weiterhin das „Forschungszentrum Populäre Musik" an der Humboldt- Universität zu Berlin (www2.hu-berlin.de/fpm), die „Musiksoziologische Forschungsstelle" an der Päda gogischen Hochschule Ludwigsburg (ph-ludwigsburg.de/musiksoziologie) oder das neu formierte Forschungsnetz „Mensch und Musik" (man-and-music.at).
Dieser enorme Fundus an Informationen und Wissen bietet selbstverständlich auch neue Möglichkeiten für die Musikpädagogik bzw. die Einbeziehung des Mediums Internet in Schule und Hochschule1). Auch die Fachzeitschrift „Musik & Bildung" hat sich in Heft 1/ 2001 umfassend mit diesem Thema befasst und eine gelungene CD-ROM mit dem Titel „Das Internet im Musikunterricht. Ein Streifzug durch die Welt der Online- Musik" beigelegt. Neben Fachtexten und allgemeinen Einführungen zum Internet findet man Informa tionen und Links zu einer Schulmusikmailingliste, in die sich Musiklehrer/ innen zwecks Informationsaustausch eintragen können, zu Internetplattformen mit Unterrichtsmaterial und Unterrichtseinheiten, zu Musiksuchmaschinen, Musiksoftware und Musikverbänden. Die CD-ROM ist daher speziell für Lehrerinnen und Lehrer, die sich das Internet für ihren Beruf erarbeiten wollen, ein Gewinn bringendes Tool.
Die Musikwirtschaft verfolgt mit ihren Internet angeboten selbstverständlich ein doppeltes Interesse: So findet man auf den zahlreichen Homepages der Musikkonzerne auch Informa tionen über Künstler, Bands, Tourneen bzw. über das Pop- und Rockleben in Deutschland. Gleichzeitig fungieren viele dieser Informationen im Sinne des jeweiligen Konzernmarketings und sollen den Vertrieb von Musik( tonträgern) über das Internet unterstützen. Neben Onlinevertrieben wie „amazon.de", „buecher.de" oder „bol.de", die Tonträger, Videos, DVDs, E-Books, Software und Bücher vertreiben, etablieren sich seit einiger Zeit musikspezifische Handelsplattformen der Musikindustrie wie „music line.de", die zentrale Internet-Plattform der deutschen Musikbranche. „musicline.de" basiert auf einer Vertriebsdatenbank, an die etwa 120 Vertriebsfirmen angeschlossen sind. Alle Künstler, die bei diesen Vertriebsfirmen Produkte angemeldet haben, sind auch auf der Plattform zu finden. Über 1,7 Millionen Soundfiles können zurzeit (Stand März 2002) im Realformat, die meisten auch im Windows-Media-Format, abgerufen werden. Es handelt sich hierbei nur um Ausschnitte der Titel, wobei beabsichtigt ist, demnächst auch komplette Titel gegen Bezahlung zum Downloaden anzubieten. CDs können schon jetzt über die Plattform bzw. assoziierte Onlinehändler bestellt werden. Der hier skizzierte Trend, sowohl Musiktonträger über das Internet zu vertreiben (E-Commerce) als auch Musik zum Downloaden anzubieten (Music-on-demand), bestimmt zurzeit die Vermarktungsstrategien der Musikkonzerne. Sie sind verständlicherweise nicht daran interessiert, ihre Produkte den Internetnutzern kostenlos zur Ver f ügung zu stellen. Nichtsdestotrotz lässt sich nahezu jeder Musiktitel kostenlos aus dem Netz herunter laden. Wie ist dies möglich? Zum einen stellen viele Internetnutzer ihre digitalisierte Musiksammlung auf eigenen Homepages zum Downloaden bereit. Da ein Kopieren von Musik nur für private Zwecke erlaubt ist, unterstützen diese Angebote illegale „Internetmusikpiraterie". Diese illegalen Angebote sind nicht immer leicht zu finden und meist nach kurzer Zeit wieder verschwunden, sodass ein juristisches Eingreifen derjenigen, deren Rechte verletzt wurden, nur bedingt möglich ist. Der Großteil des illegalen Vervielfältigens von Musik erfolgt jedoch über die so genannten „Musiktauschbörsen", wie in der Vergangenheit zum Beispiel über „Napster. com". Das Prinzip ist ähnlich und basiert auf einem „Geben und Nehmen" von Musik: Will man von fremden Rech nern Musiktitel herunterladen, muss man im Gegenzug einen Teil seiner eigenen Festplatte mit digitalisierter Musik zum Downloaden für andere bereitstellen. Die Homepage der Musiktauschbörse ist dabei „nur" Mittler, kein Anbieter von Musik, weshalb es in jüngster Vergangenheit auch zu divergierenden Gerichtsurteilen bezüglich der Rechtmäßigkeit von Musiktauschbörsen gekommen ist. Napster ist mittlerweile von Bertelsmann aufgekauft und stillgelegt worden. Anschließend hat sich Napster an MusicNet (musicnet. com) beteiligt, einer Vertriebsplattform, die von den Medienkonzernen Bertelsmann, AOL Time Warner, EMI Group Musik und dem Microsoft-Konkurrenten RealNetworks betrieben wird. Auf der anderen Seite haben sich Vivendi-Universal und Sony zu Pressplay (pressplay. com) zusammengeschlossen und u. a. Yahoo und Microsoft als Partner gewinnen können. Beide Handelsplattformen verfolgen ähnliche Geschäftsmodelle und beabsichtigen, sich mittelfristig gegenseitig zu lizenzieren, um auf beiden Plattformen alle Musikprodukte anbieten zu können.
Nun kann die Strategie der Musikkonzerne nicht darin bestehen, alle Musiktauschbörsen aufzukaufen. Oberstes Ziel ist vielmehr, die Rechte von Künstlern, Musikverlagen und Musikkonzernen dort zu schützen, wo Musik ohne Zustimmung der Rechteinhaber vervielfältigt wird. Das ist lei der bei den meisten Downloadvorgängen der Fall. Nur selten handelt es sich um Musik, die von einem Künstler ganz bewusst zum Downloaden ins Netz gestellt wurde, weil er beispielsweise keinen Plattenvertrag erhalten hat und auf diese Form der Distribution seiner Arbeit angewiesen ist. Gefragt im Hinblick auf den Umgang mit Musiktauschbörsen ist somit Rechtssicherheit und weiterhin auch ein entsprechendes Rechtsbewusstsein der Internetnutzer. Die Verletzung eventueller Rechte von Künstlern oder negative Auswirkungen auf den Musikmarkt spielen für mehr als 99 Prozent der typischen MP3-Nutzer zurzeit keine Rolle2). So ist es nicht verwunderlich, dass sich laut Statistik des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft der Tonträgerumsatz im ersten Halbjahr 2001 um 10,2 Prozent und der Tonträgerabsatz um 8,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verringerte. Gleichzeitig „wurden erstmals mehr Musikkopien auf CD-Rohlingen angefertigt als Original-Alben verkauft. Laut der aktuellen Brennerstudie der GfK haben im vergangenen Jahr 10 Millionen Personen 332 Millionen CD-Rohlinge bespielt oder bespielen lassen, 55 Prozent davon (…) mit Musik. (…) Vor allem Downloads von illegalen Musikangeboten im Internet substituieren einen Teil der CD-Käufe. Wie die GfK ermittelte, haben im vergangenen Jahr 4,87 Millionen Personen Musik aus dem Internet heruntergeladen. Insgesamt beläuft sich die Anzahl an Downloads auf 492 Millionen Stück.der Umsatzwert für Online-Piraterie beträgt etwa 740 Millionen Euro, wäre die Musik gekauft worden"3).
Die neben den Musiktauschbörsen wohl populärsten Internetangebote zum Musikhören sind die Webradios4). Ihre Anzahl ist kaum zu beziffern und differiert je nach Quelle. Einige Verzeichnisse listen über 20.000 Webradios auf, verweisen dabei aber größtenteils auf einzelne Internetnutzer, die ihre individuellen Songkollagen anderen zur Verfügung stellen. Verzeichnisse mit einem eher engen Verständnis von Webradios verweisen auf 2.500 bis 4.000 Stationen, wobei sich die Anzahl seit 1998 mehr als verdoppelt hat. Man unterscheidet Radioportale wie „radio-locator.com" von Einzelangeboten wie „chartradio.de", Radioprogramme, die eigens für das Internetangebot zusammengestellt werden (Webcaster), von denen, die auch terrestrisch/ über Kabel/ über Satellit zu empfangen sind (Webableger), feststehende/ vorgegebene Webradios von denen, die sich der Nutzer individuell zusammenstellen kann, sowie Webradios als primäre zentrale Nutzungsangebote von denen, die nur Begleitung bzw. Zugabe zu anderen Webangeboten darstellen. Das Angebot an deutschen Webradios ist im Vergleich zu dem amerikanischen noch recht überschaubar. Zwar sind nahezu alle deutschen Radiosender auch im Internet präsent, jedoch nicht immer mit einem Webradio, sondern oft nur mit Informationen zum herkömmlichen Programm. Ende 2000 waren laut Barth und Münch u. a. 21 öffentlich-rechtliche Radioprogramme im Internet zu hören – alle Stationen nur Webableger der terrestrisch verbreiteten Angebote. Unter „sonix.de", „daswebradio.de", „chartradio.de", „echt-radio. de", „ejay.de", „internetradio.de" oder „cyber-channel.de" haben sich zudem reine Webcaster etabliert, die schon durch die zuständigen Landesmedienanstalten lizenziert werden und sich teilweise sogar um zusätzliche terrestrische Frequenzen bemühen. Diese Radios gehen also genau den umgekehrten Weg (vom Webradio zum klassischen Radio), was die zunehmende Verschmelzung und Konvergenz verschiedener medialer Bereiche und die Auflösung des klassischen Rundfunkbegriffs unterstreicht.

Soundformate im Internet

Bei den Zugriffsmöglichkeiten auf Musik im In ter net wird generell zwischen Download und Stream unterschieden. Beim Download wird die Datei zuerst auf dem PC gespeichert und dann abgespielt, beim Stream wird die Datei direkt geladen und ausgeführt. Neben den oben bereits genannten Soundformaten „Real" und „Windows Media" sind hier die Wave- und MP3-Dateien von besonderer Bedeutung 5) . Wave-Dateien speichern Musik in CD-Qualität, nehmen aber ca. 10 MByte pro Minute ein und sind somit für das Downloaden kaum zu gebrauchen. MP3 (MPEG Audio Layer III) nutzt die begrenzte Leistungsfähigkeit des menschlichen Ohrs und filtert aus der Musik diejenigen Bestandteile, die oberhalb der Wahrnehmungsgrenze liegen.

Tab. 7.1: Audioqualitätsstufen im Internet

Subjektive KlangqualitätBitrate ( KBits/ s)ModusBandbreite ( KHz)Kompressionsrate
CD-Qualität128Stereo> 1614 : 1
etwa CD-Qualität96Stereo1516 : 1
etwa UKW-Qualität64Stereo1126 : 1
besser als Mittelwelle32Mono7,524 : 1
besser als Kurzwelle16Mono4,548 : 1
Telefonqualität8Mono2,596 : 1

Quelle: Thomas J. Schult: World Wide Wurlitzer, in: c't 1/ 1998, S. 122ff.

Die Ausgangsdaten können somit auf bis zu ein Zwölftel reduziert werden, ohne dass die vom Hörer subjektiv wahrgenommene CD-Qualität eingebüßt wird. Daher hat sich dieses Musikformat im Internet durchgesetzt und dominiert die meisten Musiktauschbörsen. Entsprechend lassen sich auch viele kostenlose MP3- Player wie WinAmp (winamp. com) aus dem Internet downloaden. Beim Real-Audio-Format wird die Musik datentechnisch stark reduziert bereitgestellt, so dass sie meist nur in Mittelwellenqualität zu hören ist.
Dafür kann sie durch das Streamen in Echtzeit gehört werden, soweit ein kontinuierlicher Datentransfer gelingt. In Abhängigkeit der pro Zeiteinheit zu übertragenden Datenmenge sowie der PC- und Netz-spezifischen Übertragungskapazitäten können jedoch „Lücken" beim Streamen entstehen, die den Hörgenuss einschränken.deshalb werden seit einigen Jahren Real-Player angeboten, die diese Übertragungslücken größtenteils überbrücken. Insbesondere für Musiker interessant ist das ebenfalls im Internet anzutreffende Soundformat MIDI, in dem einzelne Sounds, Samples sowie ganze Titel für die Weiterverarbeitung mit dem Computer oder dem Synthesizer abgerufen werden können.

Nutzung von Musik im Internet

Um Musik im Internet hören zu können, müssen die Nutzer über einen eigenen Onlinezugang verfügen oder zumindest über fremde Zugänge online aktiv sein. Laut ARD/ ZDF-Online-Studie 20016) sind im Frühsommer 2001 bereits 38,8 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung ab 14 Jahren bzw. 24,77 Millionen Erwachsene online gewesen. Die Verweildauer im Netz hat dabei in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Zurzeit ist ein Internetnutzer täglich im Durchschnitt 107 Minuten online, und dies an durchschnittlich 4,3 Tagen in der Woche.
Inwieweit wird das Internet aber wegen Musik-( themen) genutzt? Immerhin 15 Prozent der Erwachsenen und sogar 29 Prozent der 14– 19-Jährigen geben an, mindestens einmal pro Woche per Internet Musik im Hintergrund laufen zu lassen. 36 Prozent der Internetnutzer haben wenigstens schon einmal eine Audiodatei abgerufen, zehn Prozent einen Livestream (Audio und Video) und zwölf Prozent eine Radio- oder Fernsehsendung im Internet verfolgt. Jedoch nur vier Prozent der 3,5 Millionen Nutzer, denen Webradios überhaupt bekannt sind, hören täglich Radio über das Internet, 18 Prozent hören wöchentlich und der Rest noch seltener. Gemessen am überwältigenden Musikangebot im Internet und der intensiven Nutzung anderer Musik medien fällt die Nutzung von Musik im Internet demnach also vergleichsweise gering aus. Immerhin wissen aber 67 Prozent der Internetnutzer, dass Musiktitel im Internet abrufbar sind und 27 Prozent haben dies bereits ausprobiert, vorzugsweise mit MP3-Dateien und zu knapp zwei Dritteln über Musiktauschbörsen7).
Die Nutzung von Musik im Internet beschränkt sich fast ausschließlich auf die jüngere Hälfte der Internetnutzer: 88 Prozent der MP3-Nutzer sind zwischen 14 und 29 Jahren8). Von den jugendlichen Internetnutzern im Alter zwischen 12 und 19 Jahren hören 30 Prozent (fast) täglich Musik aus dem Internet, 26 Prozent laden sich (fast) täglich Musik aus dem Netz und sieben Prozent hören (fast) täglich Webradio. Diese musikbezogenen Aktivitäten sind durchweg bei den Jungen verbreiteter als bei den Mädchen (vgl. Tab. 7.2).
Dass insbesondere Jugendliche Musik im Internet besonders intensiv nutzen, ist nicht verwunderlich. Zum einen befinden sie sich in einem Alter, das in der Regel durch eine generelle Hochphase der Beschäftigung mit Musik gekennzeichnet ist, zum anderen sind sie im Gegensatz zu den Erwachsenen mit dem neuen Medium aufgewachsen und zeigen in vielen Fällen einen wesentlich „natürlicheren" Umgang mit dem Internet. Sie verfügen darüber hinaus über die notwendigen technischen Voraussetzungen, da ihre Computer zu einem großen Teil mit den erforderlichen Komponenten ausgestattet sind (vgl. Tab. 7.3). Die intensivere Nutzung von Musik im Internet durch Jungen lässt sich auch an der Ausstattung ihrer Computer erkennen: Soundkarte, Internetzugang und CD-Brenner sind zum Beispiel häufiger bei Computern von Jungen als von Mädchen anzutreffen.

Tab. 7.2: Aktivitäten von jugendlichen Internet-/ Onlinenutzern (1)

AktivitätMädchen
(n = 580)
Jungen
(n = 691)
Gesamt
(n = 1271)
in %
E-Mails versenden555454
Nach Informationen zu einem bestimmten Thema suchen383838
Musik/ Sounddateien anhören233630
Downloaden von Musikdateien163526
Filme/ Videos anschauen888
Internetradio hören677

(1) Täglich/ mehrmals pro Woche.

Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie 2001; tabellarischer Auszug aus: Sabine Feierabend, Walter Klingler: Medien- und Themeninteressen Jugendlicher, in: Media Perspektiven 1/ 2002, S. 18.


Tab. 7.3: Ausstattung des Computers von Jugendlichen zu Hause

KomponentenMädchen
(n = 743)
Jungen
(n = 865)
Gesamt
(n = 1608)
in %
CD-ROM-Laufwerk989797
Lautsprecher939594
Soundkarte749384
Internetzugang ( Modem/ ISDN-Anschluss)727775
CD-Brenner324640
DVD-Laufwerk283029
TV-Karte132520
Radio-Karte141514

Quelle: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie 2001; tabellarischer Auszug aus: Sabine Feierabend, Walter Klingler: Medien- und Themeninteressen Jugendlicher, in: Media Perspektiven 1/ 2002, S. 20.

Während die Nutzung von Musik im Internet bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen insgesamt überproportional hoch ist, lässt sich der typische MP3-Nutzer nochmals eingrenzen9): Er ist zu 96 Prozent männlich und durchschnittlich 26 Jahre alt, zu 56 Prozent hat er das Abitur und zu 23 Prozent einen Hochschulabschluss. Im Durchschnitt werden von ihm pro Monat ca. 13 MP3- Dateien heruntergeladen. 90 Prozent der Musiktauschbörsennutzer laden bis zu 70 MP3-Dateien pro Monat herunter. Das entspricht dem Umfang von ca. fünf Longplays bzw. einem potenziellen Umsatzverlust der Musikwirtschaft von über 50 . Intensivnutzer der Musiktauschbörsen sind dabei die jungen, wenig finanzkräftigen Schüler und Auszubildenden unter 20 Jahren10). Da sie nicht nur Unmengen von Musik aus dem Internet beziehen, sondern aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel auch vergleichsweise wenige Musiktonträger kaufen, greift der Terminus der „Musikpiraterie" hier am besten. Eine Studie der Universität Hannover11) belegt, dass immerhin ca. 37 Prozent der Nutzer von Musik- Sites im Internet regelmäßig Musik herunterladen. „Knapp 60 Prozent laden weniger als sechs Stücke pro Besuch aus dem Netz, die Hälfte davon sogar nur ein bis zwei Songs pro Besuch. Nur sieben Prozent der Nutzer laden mehr als 20 Songs pro Besuch aus dem Internet. Im Vordergrund des Interesses stehen also eher einzelne Stücke als komplette Alben"12) (vgl. Abb. 7.1). Eine weitere Onlineumfrage aus dem Jahr 2000 ergab, dass die Nutzer der wohl bekanntesten Musiktauschbörse „Napster" im Durchschnitt 28,2 Songs und 1,7 komplette Alben pro Woche herunterluden13).

Ausblick

Vor dem Hintergrund dieser Nutzungszahlen und der weiter oben zitierten rückläufigen Absatz- und Umsatzzahlen ist man versucht, ein „düsteres Bild" für die Zukunft der Musikindustrie – speziell im Onlinegeschäft – zu entwerfen.

Abb. 7.1: Downloads pro Nutzungsvorgang (in %)

Quelle: K.-P. Wiedmann, Tobias Frenzel, Gianfranco Walsh: Musik im Internet, in: Musikmarkt 45/ 2001, S. 7 (Abbildung vom Autor verändert).

Abb. 7.1: Downloads pro Nutzungsvorgang (in %) Quelle: K.-P. Wiedmann, Tobias Frenzel, Gianfranco Walsh: Musik im Internet, in: Musikmarkt 45/ 2001, S. 7 (Abbildung vom Autor verändert).

Zwar kaufen 62 Prozent der Musikkonsumenten im Internet trotz der Nutzung von MP3-Dateien noch CDs, jedoch sind bereits 32 Prozent reine MP3-Nutzer14). Wo wird diese Entwicklung hingehen? Bleibt die Nachfrage nach MP3-Dateien vergleichsweise hoch, wenn sie erst einmal kostenpflichtig sind, dann sollten der Musikindustrie und den Rechteinhabern der Musik keine Nachteile entstehen. Die Frage ist zudem, inwieweit man die technischen Möglichkeiten des Internets Gewinn bringend nutzen kann. „Sehr häufig handelt es sich um dieselben Personen, die sich Musik aus dem Internet zum Probehören ziehen, um später gegebenenfalls die CD zu kaufen. Das Herunterladen von MP3-Dateien fungiert hierbei als Alternative zum Test hören an der Ladentheke. Mit der verbesserten Möglichkeit des Probehörens im Internet geht auch eine Veränderung des Kaufverhaltens einher, denn das Anhören wird von vielen als starker Kaufanreiz empfunden"15). Es lässt sich also nicht per se ein negativer Zusammenhang zwischen der MP3-Nutzung und der Nutzung sowie dem Kauf von herkömmlichen Musiktonträgern feststellen. Musik im Internet ist in einigen Fällen als Ergänzung und Stimulans für die traditionelle Musiknutzung zu verstehen. Die Musikwirtschaft sollte daher in Zukunft auch auf das Internet und das Online-Geschäft setzen. Laut Marktforschungsinstitut Jupiter Media Metrix beliefen sich die Online-Musikverkäufe im Jahr 2001 auf sieben Prozent der gesamten Verkäufe. 2006 sollen sie immerhin schon ca. 30 Prozent ausmachen. Hierbei könnte es durchaus im Sinne der Musikwirtschaft sein, nicht ausschließlich der Piraterie mit Hilfe von Kopierschutzsystemen und kostenpflichtigen Musikangeboten Vorschub zu leisten, sondern das steigende Interesse der Menschen an Musik im Internet zu nutzen und eine positive Kultur des Umgangs mit Musik zu fördern.

Holger Schramm (Dipl.-Medienwiss.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit den Schwerpunkten Rezeptions- und Wirkungsforschung, Musik und Fernsehen.


1) Vgl. hierzu: Thomas Münch, Musikunterricht online – Überlegungen zur Internetintegration in den schulischen Alltag, in: Musikpädagogik zwischen Regionalisierung, Europäisierung und Globalisierung, hrsg. v. Siegmund Helms, Kassel 2000, S. 35– 55, sowie Stefan Auerswald, Neue Formen der Informationsgewinnung im Musikunterricht – Zur Bedeutung des Internets für die Musikpädagogik, in: Musikpädagogik zwischen Regionalisierung, Europäisierung und Globalisierung, a. a. O., S. 56– 69.

2) Vgl. Karsten Weber, Sonja Haug, Wie nutzen Musikkonsumenten MP3?, in: Musikmarkt 37/ 2001, S. 22– 23.

3) Vgl. dazu: Dramatischer Umsatzrückgang von über 10 Prozent, in: Musikmarkt 13/ 2002, S. 5, sowie: Musikwirtschaft hat ein „brennendes" Problem, in: Musikmarkt 13/ 2002, S. 8.

4) Vgl. im Überblick: Christof Barth, Thomas Münch, Webradios in der Phase der Etablierung, in: Media Perspektiven 1/ 2001, S. 43– 50.

5) Vgl. im Überblick: Thomas J. Schult, World Wide Wurlitzer, in c't 1/ 1998, S. 122ff.

6) Vgl. im Überblick: Birgit van Eimeren, Heinz Gerhard, Be ate Frees, ARD/ ZDF-Online-Studie 2001: Internetnutzung stark zweckgebunden, in: Media Perspektiven 8/ 2001, S. 382– 397.

7) Vgl. ebd.

8) Vgl. ebd.

9) Vgl. Karsten Weber, Sonja Haug, Wie verhält sich der typische MP3-Nutzer?, in: Musikmarkt 36/ 2001, S. 26– 27.

10) Vgl. ebd.

11) Vgl. K.-P. Wiedmann, Tobias Frenzel, Gianfranco Walsh, Musik im Internet (3 Folgen), in: Musikmarkt, Hefte 42/45/50/ 2001.

12) Vgl. K.-P. Wiedmann, Tobias Frenzel, Gianfranco Walsh, Musik im Internet, in: Musikmarkt 45/ 2001, S. 7.

13) Vgl. Andres Becker, Marc Ziegler, Napster: Konkurrenten, Piraten oder Anarchisten?, in: Musikmarkt 5/ 2001, S. 15.

14) Vgl. Karsten Weber, Sonja Haug, Wie nutzen Musikkonsumenten MP3?, in: Musikmarkt 37/ 2001, S. 22– 23.

15) Karsten Weber, Sonja Haug, Kaufen oder Tauschen, in: Musikmarkt 34/ 2001, S. 24.