15 Bands haben die Creole-Regionen in den Pavillon Hannover entsandt. Einen der beiden Festivalpreise, ausgelobt von den drei großen Festivals Rudolstadt-Festival, Bardentreffen Nürnberg und MASALA Weltbeat Festival, gewann das Duo Armaos Rastani. Der Gitarrist Ptolemaios Armaos und der Perkussionist Syavash Rastani bringen seit dem Sommer 2016 die Perkussionsklänge der persischen Tombak mit denen der klassischen Gitarre zusammen. Sie verarbeiten Werke klassischer Komponisten in eigenen Arrangements. Die Jury würdigte den Spielwitz und ihr perfektes Zusammenspiel und die Ideen, mit denen sie die Kulturen zusammenbringen.

Der andere Creole-Festival-Preis ging an die hessische Band Aeham Ahmad & Edgar Knecht. Der syrische Pianist Ahmad wurde durch sein Spiel in den Trümmern eines Palästinenserlagers berühmt. Den Creole-Tour-Preis, ausgelobt vom Verein Globale Musik aus Deutschland, erhält Maik Mondial aus Bayern. Der Preis für HERAUSRAGENDE MUSIKALISCHE VIELFALT, ausgelobt von der UNESCO City of Music Hannover, geht an die Dancegroove-Band Makatumbe aus dem Norden. Auch den PUBLIKUMSPREIS erspielte sich Makatumbe.

Auch der Auftritt des weiteren Creole-NRW-Preisträgers The Sephardics erntete im großen Saal Applaus und Trampeln. Ludger Schmidt, Manuela Weichenrieder, Patrick Hengst, Martin Verborg, German Díaz und Diego Martin boten ihre jazzrockgeprägte Sicht auf sephardische Melodien. In zwei Sälen des Pavillons sind die 15 Bands an den Abenden des 9. und 10. November aufgetreten. Das Publikum pendelte begeistert zwischen den Foren unterschiedlichster Stile und Stilverschmelzungen.

Im Rahmenprogramm des Festivals spürten Referenten und Diskussionspodien der integrierenden Kraft der Musik und der Unterrepräsentanz der Weltmusik im veröffentlichten Musikleben nach. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, markierte dazu in seinem Eröffnungsvortrag sieben Positionen:

1. Der weite Kulturbegriff der Unesco sollte unsere Verständigungsgrundlage sein. Insbesondere die Erklärung von Mexico City 1982 ist eine Grundlage für alle Argumentationen.

2. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Geschlechtergerechtigkeit und der Schutz der Kreativen sind Voraussetzungen für gelingende kulturelle Vielfalt.

3. Digitalisierung muss von der Kultur her gedacht werden. Kommunikation verändert sich, diese Veränderung ist eine kulturelle Frage, auch die von Rezeption in einer Gesellschaft.

4. Die kulturelle Teilhabe und eine qualifizierte ganzheitliche Bildung sind Voraussetzungen für funktionierende kulturelle Vielfalt. Missstände in der Bildung, Warteliste bei den Musikschulen hindern hingegen.

5. Kreatives Schaffen muss gefördert werden. Der rechtliche Schutz Kreativer wird zwar immer komplizierter, er muss aber geleistet werden.

6. Die Unesco-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Kulturellen Vielfalt muss genutzt werden. Sie ist zwar nicht einklagbar, doch genutzt werden kann sie. Es gibt auch Interpretationshilfen dafür.

7. Wir müssen lauter und mehr werden. Inhaltliche Argumente gibt es genug. Lauter werden müssen wir auch in Bezug auf die jetzige Regierungsbildung. Kultur spielt in den Sondierungsgesprächen der Jamaica Koalition eine marginale Rolle.

Die Initiative Kulturelle Integration braucht Mitzeichner für ihre 15 Thesen, so Höppner und er zitierte Karl Jaspers: "Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde." Doch Hass und Verrohung würden dramatisch zunehmen. Derzeit werden 35 Kriege weltweit geführt. Unser Ziel muss es sein, forderte Höppner, Ängste in Neugier zu verwandeln.

Die Creole-Tagung stellt maßstabsetzende Projekte der Musik der kulturellen Vielfalt vor. Darunter auch ein Projekt der Mandolinen-Konzertgesellschaft Wuppertal: Thomas Horrion präsentierte die Initiative, Flüchtlingen Unterricht auf Zupfinstrumenten zu ermöglichen. Vor zwei Jahren hatte er mit zwanzig Flüchtlingen aus kommunalen Unterkünften begonnen, heute werden 63 Schüler an Gitarre (15), Mandoline (fünf) und Baglama (türkische Laute, 15) unterrichtet, darunter zehn 2015. Landesmusikrat NRW und Bergische Musikschule unterstützen das Projekt. Zum Großteil nehmen junge Männer im Alter zwischen 18 und 22 Jahren teil, einige sind über 40 Jahre alt, auch ein fünfjähriges Mädchen ist dabei. Die Schüler kommen aus Syrien, afrikanischen Staaten oder dem Irak.

Cymin Samawatie, Preisträgerin des Creole-Bundeswettbewerbs von 2010, schilderte Erfahrungen aus  der Berliner Initiative "Female Voice of Iran": Seit der islamischen Revolution 1979 hat sich das kulturelle Leben und insbesondere das Musikleben im Iran stark verändert. So dürfen Frauen nicht öffentlich vor Männern Solo singen. Vor allem in der jüngeren Generation ändert sich dies seit einigen Jahren. Musikinstitute bieten Gesangsunterricht an und Frauen singen in halböffentlichen Situationen. Die Berliner Initiative lud Sängerinnen aus verschiedenen Regionen des Irans nach Berlin und verband sie mit Musikerinnen und Musikern der Berliner Szene zu Ensembles. Höhepunkt des Festivals vom März 2017 war die Aufführung einer Gruppenkomposition unter der Leitung von Cymin Samawatie.

Morena Piro vom Center for Worldmusic Hildesheim erläuterte die Angebote dieses Instituts, an dem Künstlerinnen und Künstler der Weltmusik ein Master-Examen ablegen können: "Wir schaffen mit der Musik einen Raum, in dem sich die Musiker auf Augenhöhe begegnen können. Sie lernen aber auch Management und Marketing," so Piro.

Maher Farkouh stellt das Welcome Board vor, eine niedersächsiche Service-Stelle für die neue kommende Musik und für Flüchtlinge. Mittlerweile hat es ein Netzwerk von 120 Musikern, überwiegend mit Fluchthintergrund, zusammengeführt und diesen durch Vermittlung von Partnereinrichtungen die künstlerische Arbeit ermöglicht. Dahinter stehen als Träger das "Musikland Niedersachsen" und ihr Geschäftsführer Markus Lüdke.

Das Creole Festival wurde von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, der Stiftung Niedersachsen, dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur und dem Kulturbüro der Landeshauptstadt gefördert. Veranstalter sind der Verein Glomad, Globale Musik aus Deutschland, und das Kulturzentrum Pavillon, Partner ist das Musikland Niedersachsen. Die organisatorische Vorbereitung lag in den Händen vom Terry-John Oculi, Katrin Werlich, Christoph Sure, Melissa Kespohl und Margarete Schein.

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