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02.10.2018 Forscherteam untersucht Wahrnehmung musikalischer Rhythmen und weist Zusammenhang mit kultureller Vertrautheit nach

 

Die Psychologie der Rhythmuswahrnehmung geht traditionell von der Annahme universeller, biologisch verankerter Wahrnehmungsstrukturen aus. Allerdings beschränkten sich bisherige Untersuchungen meist auf Westeuropa und Nordamerika. Erstmals hat nun eine Arbeitsgruppe um den Musikethnologen Rainer Polak einige dieser Befunde auf kulturelle Unterschiede hin überprüft. Dafür ließen die Forscher vier verschiedene Gruppen professioneller Musikerinnen und Musiker in sogenannten „Tapping“-Studien unterschiedliche  Rhythmen hören, welche sie synchron mitklopfen sollten: Zwei klassisch ausgebildete Untersuchungsgruppen in Deutschland und Bulgarien sowie zwei auf Volkstanzmusik spezialisierte Untersuchungsgruppen in Bulgarien und Mali. Das Ergebnis war, dass sich nicht alle Gruppen gleich verhielten. Vielmehr zeigten alle Gruppen Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung solcher Rhythmen, die in ihrer eigenen Musikkultur keine große Rolle spielen. Beispielsweise erwiesen sich exzellent ausgebildete klassische Perkussionistinnen und Perkussionisten erstaunlich desorientiert angesichts eines einfachen „Swing“-Rhythmus, der in Mali gang und gäbe ist und von den malischen Versuchsteilnehmern auch völlig problemlos aufgefasst und wiedergegeben wurde – und dies, obwohl sie in Bezug auf andere Rhythmen schlechter abschnitten, also im Widerspruch zu einem gängigen kulturellen Klischee nicht etwa generell über ein besseres Rhythmusgefühl verfügen.

„Die Wahrnehmung musikalischer Rhythmen hängt demnach nicht nur von ihrer Komplexität und der musikalischen Expertise der Hörerinnen und Hörer ab, sondern auch von deren kultureller Vertrautheit mit den jeweiligen Rhythmen“, erklärt Dr. Polak. „Die Studie zeigt, dass Menschen nicht unbedingt dieselbe Wahrnehmung haben, wenn sie demselben Reiz ausgesetzt sind. Solche Unterschiede treten nicht nur zwischen Individuen auf, sondern auch zwischen kulturell verschiedenen sozialen Gruppen.“

Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass Strukturen der Wahrnehmung vor allem informell und durch sogenanntes „implizites Lernen“ in der sozialen Umgebung angeeignet werden, wie es etwa den Spracherwerb von Kleinkindern prägt. Menschen verfügen über kulturspezifische Strukturen der Rhythmuswahrnehmung, die sie nicht einfach von Geburt an im Gehör haben.

Originalpublikation:

Polak, R., Jacoby, N., Fischinger, T., Goldberg, D., Holzapfel, A., & London, J. (2018). Rhythmic Prototypes Across Cultures: A Comparative Study of Tapping Synchronization. Music Perception, 36(1), 1-23. https://doi.org/10.1525/mp.2018.36.1.1

Quelle: https://www.aesthetics.mpg.de

 
 

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