Christian Gänsicke
The School of Sound, Glasgow, 4. bis 7. April 2001.

Anfang April bin ich gemeinsam mit Lothar Prox zu Gast auf der diesjährigen School of Sound in Glasgow gewesen. Larry Sider und Kirsty Malcolm sind die Initiatoren dieses Unternehmens. Seit Jahren stehen wir mit ihnen in gutem Kontakt. Während verschiedener Treffen haben wir über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen der Internationalen Filmmusik Biennale und der School of
Sound gesprochen. Diese Zusammenarbeit wird nun anlässlich der vierten Internationalen Filmmusik Biennale, die im kommenden Jahr Ende Juni wieder in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland stattfindet, verwirklicht werden.

Larry Sider, Cutter, Sound Designer und Direktor der School of Sound eröffnete die diesjährige School of Sound mit einem verlockenden Angebot: Lehnen Sie sich zurück, hören Sie den Referenten zu, lassen Sie ihren Gedanken freien Raum und Sie werden erleben, wie kreativ diese Atmosphäre sein kann. Schon am ersten Tag zeichnete sich ab, dass dieses Angebot aufging. Von den ungefähr 250 Teilnehmern griffen die meisten das Diskussionsangebot, das jeder Referent am Schluss seines Beitrages offerierte, auf. In zwangloser und entspannter Weise wurde Bezug auf die Thesen und Diskussionsangebote der Referenten genommen. Die einzelnen Beiträge waren klug aufeinander abgestimmt. Kalkulierte Brüche in der Abfolge der Referate, gepaart mit den manchmal auch konträren Charakteren der Referenten, die sich auch in ihrer Vortragsweise niederschlugen, schufen immer wieder Raum für neue Gedanken und setzten Energien sowohl bei Rezipienten als auch bei Referenten frei.

Seit im April 1998 in London die erste School of Sound realisiert wurde, stand jede Folgeveranstaltung unter der gleichen Überschrift – einer These des Heiligen Bernhard von Clairvaux: Wenn Du etwas sehen willst, höre; denn hören ist ein Schritt in Richtung Vision.

1998 kündigte Larry Sider das Projekt wie folgt an: Wenn Sie der Meinung sind, dass ein Soundtrack mehr sein kann, als nur eine lästige Notwendigkeit der Post-Production zum Film, dann ist die School of Sound eine der wenigen Möglichkeiten sich mit einfallsreichen Strategien für Ihren nächsten Film, die nächste Rundfunkproduktion oder das nächste Multimediaprojekt zu wappnen.

Die School of Sound, so Sider, schafft einen Ort für intellektuell geführte Debatten, die in direkter Verbindung zur audiovisuellen und Unterhaltungsindustrie stehen. Einflussreiche Regisseure, Cutter und Komponisten sollen einen umfassenden Einblick in die Struktur und Funktionsweise des Soundtracks geben. Sie sollen den Rezipienten mit Bezug auf die kreativen Prozesse wie Bildgestaltung, Sound Design und das Komponieren von Musik, mit neuem Blick leiten – und – am Ende dieser Betrachtungen soll eine Synthese von Ton und bewegtem Bild entstehen. Die menschliche Wahrnehmung des Tons, der nicht naturalistische Ton, der Ton als Metapher, der Ton im Werbespot – der inhaltliche Anspruch der School of Sound soll vom praxisbezogenen über das ästhetische bis hin zum metaphysischen Thema reichen.

Es sind vier große Themenbereiche, mit denen sich die School of Sound auseinander setzen will, was nicht heißt, dass man nicht weitere Themen aufgreifen würde:

– Editing and post-production sound

– Music

– Multimedia

– Animation

Dem Thema Editing and post-production sound beispielsweise will man sich über folgende Fragestellungen nähern. Wie viel Ton braucht ein Film und welche Art von Information kann oder sollte der Filmton kommunizieren? Wie ist der Gebrauch von Ton als Metapher? Wie sehen die vernachlässigten narrativen Möglichkeiten des Tons aus? Wie hat sich die Technologie auf die kreative Nutzung des Tons ausgewirkt – stimulierend, unterdrückend? Ist ein Sound Designer nur ein Tonschaffender mit Ansprüchen oder verweist dieser Titel auf einen neuen Zugang zum Ton im Film? Künstler, Techniker und Lehrkräfte sollen das Zusammenspiel zwischen Dialog, Musik, Toneffekten und den geschaffenen Bildern untersuchen.

Das Thema Musik soll im Spannungsfeld folgender Fragen erörtert werden:

Ist es überhaupt notwendig Musik zu Bildern zu machen? Wann sollte Musik begleitend zum Bild erklingen und wann sollte sie kontrapunktisch sein? Wie haben Komponisten den Unterschied zwischen Musik und Toneffekten verwischt? Wird sich eine neue Art von Partitur durch die Nutzung von Elektronik entwickeln? Komponisten, Regisseure und Kompositionslehrer sollen den Entstehungsprozess einer Partitur zum Film und deren Einfluss bei der Entwicklung der Erzählstruktur analysieren. Sie sollen die jeweils besonderen musikalischen Anforderungen, die ein Spielfilm, ein Dokumentar- oder Animationsfilm an den Komponisten stellen, diskutieren und herausarbeiten, wie ein Regisseur, ein Herausgeber, ein Drehbuchschreiber etc., die endgültige Filmpartitur beeinflussen können.

Dem Thema Multimedia will man sich durch folgende Fragen nähern:

Welche besonderen Anforderungen stellen virtueller Raum und interaktive Medien an den Ton und das Hören? Wie kann man die persönliche Erfahrung einer computergestützten Präsentation mit der gemeinschaftlichen Erfahrung von Kino vergleichen? Welche fantastischen Kombinationen von Ton und Bild werden entstehen, wenn beide Seiten – Fernsehmoderator und Zuschauer – die Möglichkeiten haben, den digitalen Informationsfluss ständig neu zu gestalten?

Zum Thema Animation will man folgende Frage als Ausgangspunkt einer Diskussion formulieren: Wenn man außerhalb der Grenzen physischer Realität arbeitet, wie im Animationsfilm, wie stellt sich dann das Verhältnis von Ton und Bild dar? Zeichner, Komponisten und Herausgeber sollen einen Einblick in ihre Methoden der Vermählung von animierten Figuren im Verhältnis zu Toneffekten und Musik geben. Sie sollen ihren Gebrauch des Soundtracks als Folie für abstrakte Ideen und Emotionen im Film diskutieren.

In den vergangenen drei Jahren hat die School of Sound Filme- und Videomachern eine beachtliche und ambitionierte Serie von Vorträgen angeboten, die sich mit den Möglichkeiten, die der Ton im Verhältnis zum bewegten Bild hat, auseinander gesetzt haben. Regisseure, Sound Designer, Komponisten, Herausgeber und Theoretiker haben sich dem Thema Soundtrack aus den unterschiedlichsten Perspektiven genähert und damit beschäftigt. Die Themen reichten vom rein praktischen Ansatz über ästhetische Aspekte bis hin zur metaphysischen Betrachtung, von der Auseinandersetzung mit Klanglandschaften über nicht naturalistischen Ton, den Ton als Metapher, die menschliche Tonwahrnehmung bis hin zum Thema Ton im Multimediabereich.

In diesem Jahr wurde innerhalb einer breit angelegten Diskussion über den Soundtrack der Akzent auf das Thema Musik hin ausgerichtet. Der Hintergrund dafür war vor allem, dass immer neue Technologien angeboten werden, die es den Regisseuren ermöglichen in einer Weise mit musikalischen Elementen zu experimentieren, wie es bisher beinahe ausschließlich professionellen Musikern vorbehalten war – und dies sei hier betont: Das Potenzial zur Manipulation von Musik im Film ist grenzenlos. Die School of Sound 2001 hatte es sich darüber hinaus zur Aufgabe gemacht, die Arbeit von Künstlern, die in den kreativen Randbereichen der Schaffung von Soundtracks arbeiten, in den Vordergrund zu rücken. Für den ersten Tag waren Piers Plowright, James Leahy, Stephen Deutsch, David Cooper und Bob Last als Referenten eingeladen.

Piers Plowright, Rundfunkproduzent und langjähriger Mitarbeiter der BBC im Radio Drama Department, ging Überlegungen über den Zusammenhang von Musik und Rundfunkproduktionen nach sowie deren Ausführungen auf den Gebrauch von Musik im Film.

James Leahy, Filmhistoriker, Kritiker und Drehbuchschreiber, gab einen kulturhistorischen Überblick über die Geschichte des Filmtons und der Filmmusik. An Filmbeispielen von Hitchcock über Renoir bis hin zu Godard versuchte er zu verdeutlichen, wie sehr Ton und Musik im Film für das Hervorrufen von Gefühlen und Erinnerungen verantwortlich sind.

Stephen Deutsch, Komponist für Konzert, Film, Theater, Radio und Fernsehen, ist auch Professor für Music Design am renommierten Bornemouth Institute of Arts an der Bornemouth University. Bereits 1992 gründete er hier einen Studiengang für Postgraduierte im Fach Electro Acoustic Music for Film & Television (jetzt MA für Music Design for the Moving Image). Dies war das erste Studienangebot für Postgraduierte in Europa, das darauf ausgerichtet ist, ausgebildeten Komponisten die notwendigen Fähigkeiten zu vermitteln, um sich auch das weite Feld der Komposition von Musik für den Film, das Fernsehen, für Radio und Multimedia-Projekte zu erschließen. Er erläuterte in seinem Beitrag Komposition für Interaktive Medien die Strategien und Techniken, die notwendig sind, um klassische Filmmusikkomposition auf Computerspiele und andere interaktive, nicht lineare Produktionen anwenden zu können. Anhand faszinierender Beispiele aus der Welt der Computerspiele verdeutlichte er sowohl die unendlichen Möglichkeiten aber auch die Grenzen, die die Technik heutiger Tage in diesen Bereichen für die Arbeit von Komponisten und Sound Designern bietet.

David Cooper, Sound Mixer bei den Grand Central Studios, einem der fahrenden Tonstudios für Werbefilme in London, erläuterte an signifikanten Beispielen, wie viel Kreativpotenzial aufgebracht wird, um den Ton im Werbefilm zu integrieren. Cooper arbeitet seit Mitte der Neunzigerjahre bei den Grand Central Studios. In diese Zeit fällt auch der revolutionäre Umbruch, der alle Bereiche des Tons im Film – ob im Werbefilm oder Kino – nacheinander erfasste. Toningenieure mischten nicht mehr länger parallel zu einem laufenden 35-mm-Film auf einer Tonspur den Ton ab – nein – ab jetzt wurde alles digital! Die neuen Technologien erlaubten es von nun an nicht mehr "nur" Toningenieur oder "Mixer" zu sein – nein, sie wurden zu "Sound Designern" und stellten komplette Soundtracks aus dem Nichts her, nur durch die Nutzung von Samplern, Keyboards, Harmonizern, Effekt-Prozessoren und ungeheueren Sammlungen von Toneffekten. Cooper gestaltete viele außergewöhnliche und interessante Kampagnen. Dazu gehören seine Arbeiten mit Ridley Scott, dem er für die Apple-Computer-Kampagne im Jahr 1984 assistierte sowie die Levi’s 501-Kampagne. In Glasgow stellte er den Zuhörern und Zuschauern unter anderem die jüngste Kampagne vor, an der er für Volkswagen gearbeitet hat: Das Sicherheitssystem des VW-Polo soll den potenziellen Käufer überzeugen sich für dieses Produkt zu entscheiden. Cooper stellte dem Publikum zwei Varianten der Tonfassung zum Film vor. Dann analysierte er, welch immenses Kreativpotenzial und wie viel Arbeit für die Realisierung einer solchen Kampagne notwendig sind, auf spielerische und effektvolle Weise einen solchen Film herzustellen.

Bob Last bewertet in seinem Beitrag, aus der Sicht des Filmproduzenten und Musical-Supervisors, die Beziehung von Komponist und Regisseur und die sich daraus ergebenden Optionen zur Schaffung von Film- und Fernsehsoundtracks. Last hat seine Erfahrungen in fast allen Bereichen "audiovisueller" Arbeitsbereiche gesammelt. Er war Gründer des Schallplattenlabels "Fast Product" und verhalf darüber vielen Bands, wie z. B. Human League, Gang of Four, den Mekons und den Fire Engines mit zum Erfolg. Seine Rechte an Spielfilmen erstrecken sich z. B. auf Filme wie Hackers, Backbeat, A Room for Romeo Brass, Little Voice, Butcher Boy, The Long Day Closes und Orlando, um nur einige zu nennen. Seine Arbeiten schließen auch viele Produktionen für das Fernsehen ein, so z. B. die für Dennis Potters Lipstick on Your Collar. Er war Musikberater für Universal Music, Ernst and Young und andere. Er leitete die Produktion von The Century of Cinema für das British Film Institute, in der in einer weltweit ausgerichteten Produktion 18 Beiträge zum Thema realisiert wurden, in denen u. a. Scorsese, Godard und Oshima Regie führten. Er schuf u. a. Videoinstallationen, so z. B. für die British Library in London. Die Liste seiner Engagements könnte hier weiter fortgeführt werden. In seinem Beitrag stellte er klar und beinahe desillusionierend die Möglichkeiten und Chancen dar, die ein Komponist bei der Realisierung von Filmprojekten im Verhältnis zur Einflussnahme des Regisseurs auf das Gestalten im Film hat. Er berichtet über das Entstehen der Filmmusik, die Rachel Portman für Chocolat geschrieben hat. Er berichtete von möglichen und nicht möglichen Gesprächen, über Abstimmungsprozesse zwischen den verschiedenen Parteien, die an der Realisierung der Musik zum Film beteiligt waren, vom Regisseur über den Schauspieler und Hauptdarsteller Johnny Depp bis hin zur Komponistin Rachel Portman, die irgendwann in der Abstimmungsschleife meint, dass sie ihre Musik nicht wieder erkennt. Sein Bericht aus der Praxis rief natürlich Entrüstung bei den Zuhörern hervor, von denen viele ja gerade diese Verfahrensweise ablehnen, um ein Mehr an Qualität und weniger Kommerzialität in der Filmmusik erreichen zu können und der Leistung des Komponisten mehr Gewicht zu verschaffen. Ganz in diesem Sinne meldet sich dann auch Carter Burwell – selbst Komponist – zu Wort. Das Gespräch zwischen Last und Burwell machte die Fronten zwischen Realität und Anspruch nochmals deutlich. Burwell verwies auf die positiven Erfahrungen in seiner Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern, die ihm den entsprechenden Freiraum gaben. Last spricht über den erst-, zweit- und drittbesetzten Komponisten für einen Film.

Der zweite Tag der School of Sound begann mit einem Beitrag von Paul Robertson, dem Leiter des Medici String Quartet und Dozenten für Neurologie und Wissenschaft in der Musik. In seinem Beitrag sprach er über die Musik als Soundtrack der Seele. Dabei stellte er ein neues Modell für die Rolle der Musik in unserer Gesellschaft vor, das sowohl auf seinen Erfahrungen als Wissenschaftler und als Musiker basiert. Robertson verbindet seine internationale Konzertkarriere mit seiner Leidenschaft des Erforschens der Grundlagen des musikalischen Widerhalls durch die wissenschaftliche Forschung. Sowohl in Europa als auch in Nordamerika vermittelt er seine Erkenntnisse über die wachsende Bedeutung der Musik in Heilungsprozessen auf Kongressen und in Universitäten.

Mani Kaul, indisch-holländischer Filmemacher, Musiker und Maler erläutert seine Gedanken, die für Musik und gegen Musik im Film sprechen. Seinen ersten Spielfilm, A Day’s Bread, produzierte er 1970. Seine Arbeit ist geprägt durch die klassische östliche Musik und durch Kunst und Ästhetik.

Dick Fontaine, Filmemacher und Direktor der Sektion Dokumentarfilm an der National Film and Television School (GB), sprach über Anwendung und Missbrauch von improvisierter Musik im Film. Dabei griff er zurück auf Beispiele von Jazz im Film und sprach über seine eigene Arbeit mit Musikern wie Sonny Rollins, Ornette Coleman und John Cage. Fontaines Schaffen steht auch für bahnbrechende Filme, die er z. B. mit den Beatles und Jean Shrimton machte.

In Vertretung von Mychael Danna referierte Simon Fisher Turner. Im Alter von 17 wurde er von Jonathan King "als britische Antwort auf David Cassidy" gehandelt. Seine Erfahrungen umschließen eine Rolle neben Robert Mitchum genauso wie die Arbeit als Roadie für Johnny Thunders and The Heartbreakers oder die Arbeit als Fahrer für Adam and The Ants und die Komposition von Soundtracks für seinen langjährigen Mentor Derek Jarman. Film und Musik haben sich in seiner Karriere ständig berührt und einander genähert. Dies mag auch die Erklärung für die abenteuerlichen Windungen und atmosphärischen Stücke in seiner Musik sein, für die beispielhaft das Album Shwarma genannt werden kann und das diesen Mann und seine Art "Lieder zu schreiben" am besten erklärt. Shwarma ist eine Sammlung von sechzehn Musikstücken, für die er rund um den Globus Aufnahmen gemacht hat. Jedes Stück ist voll von Bildhaftigkeit und erzählt eine eigene Geschichte. Alle Stücke sind so bearbeitet, dass sie mit großer Lautstärke oder sehr leise gespielt werden können. Fisher Turner erzählt, wie er zu seiner "Bibliothek der Töne" gelangt ist. Während seiner Reisen hat er über Jahre alles Mögliche aufgenommen, egal wo er gerade war – ob nun auf der Straße oder im Café. Seine Begegnung mit Derek Jarman führte dazu, dass er irgendwann begann für Jarman Soundtracks zu realisieren. Eine erste Arbeit entstand zu dessen experimentellem Kurzfilm Sloane Square und dann eine weitere zum Spielfilm Caravaggio. In der Diskussion mit den Zuhörern stand die Auseinandersetzung um den Begriff Sound Designer im Vordergrund. Für das, was er tut, negiert er die Nutzung dieses Begriffes. Er sieht sich als "Sammler von Tönen" aus der Welt, die ihn umgibt, ganz im Sinne der Entstehungsgeschichte seines Albums Shwarma. Wenn er dann Töne an Filmbilder "anpasst", tut er dies nicht als Sound Designer, sondern nach seinem Verständnis in einer Art künstlerischem Akt. Anfragen, seine immense Sammlung von Tönen für andere Produktionen zur Verfügung zu stellen, lehnt er dann auch folgerichtig ab.

Für den dritten Arbeitstag der School of Sound waren Amie Siegel, Rodney Wilson, Louis Andriessen und Carter Burwell als Referenten eingeladen.

Am Beispiel ihres Films Sleepers erläutert Amie Siegel, wie die Gewichtung zwischen Musik und Toneffekten dazu beiträgt, die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion zu verwischen. Siegel ist Schriftstellerin, Video- und Filmemacherin. Ihr erstes Buch The Waking Life wurde 1999 veröffentlicht. Ihre Filme und Videos sind an vielen Museen und auf Festivals in Nordamerika gezeigt worden. Für Ihren Film Sleepers hat sie 1999 den Princess Grace Film Foundation Award erhalten. Sleepers spielt in New York. Über eine Kamera, die an einem festen Ort, in einem Apartmenthochhaus stationiert ist, beobachtet sie das Geschehen in den Apartments auf der gegenüberliegenden Seite und über mehrere Stockwerke. Sie wird Zeugin alltäglicher Situationen der Bewohner. Vorzugsweise beobachtet sie die Zeit des Erwachens und der Rückkehr der Bewohner in deren Apartments. Der Sound der Metropole ist der Grundton und gestaltendes Element für den Hintergrundton. Je nach Uhrzeit schwillt dieser Ton im Takt der Metropole an und ab. Nuanciert wird der Ton dann durch die Einzelaktivitäten der Bewohner in deren Apartments. Manche Aktivitäten sind tatsächlich zu hören, so wie z. B. laute Musik – andere wiederum schleichen sich ins Unterbewusstsein des Betrachters und entstehen in dessen Kopf auf der Basis des Beobachteten, ohne dass tatsächlich ein Gespräch oder Geschirrklappern zu hören ist. Geschickt greifen Toneffekte und "Musik" in dieses surreal wirkende Gesamtszenario ein und gestalten auf diese Weise die Fantasie des Betrachters und Zuhörers mehr, als es diesem im Moment bewusst wird. Natürlich ist dieser dokumentarische, mit voyeuristischen Metaphern ausgestattete Film prädestiniert dafür, sich in dieser Hinsicht auszuwirken. Vor diesem Hintergrund ist Siegels Film ein gelungenes Beispiel, um über die Wirkungsweise und die Möglichkeiten des Tons im Film nachzudenken. In der anschließenden Diskussion muss Siegel sich dann aber auch den Vorwurf des Voyeurismus gefallen lassen, genauso wie die Frage, ob sie die "Gefilmten" um deren Einverständnis hinsichtlich ihrer "Mitwirkung" im Film gebeten hat. Dies verneint sie.

Rodney Wilson, Produzent bei der BBC, beschrieb die Serie Sound on Film, die für die BBC entstanden ist und in der international bekannte Regisseure und Komponisten in einem Team vereinigt wurden, mit dem Ziel Kurzfilme zu schaffen, die auf experimenteller Ebene Musik und Film gleichberechtigt zusammenbringen. Der Beitrag Wilsons machte an verschiedenen Beispielen, wie auch am Beispiel Andriessens deutlich, dass im Ergebnis solcher Experimente Spielfilme oder Dokumentarfilme mit sehr hohem künstlerischen Anspruch sowohl auf der Ton- als auch auf der Bildebene entstehen. Das Arbeitsergebnis einer solchen Symbiose ist eher mit Begriffen wie Kunstfilm oder auch Videokunst näher zu beschreiben. Die Aufgabe ist von Anfang an, quasi mit dem Ziel ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, in dem Regisseur und Komponisten, Musik und Bild im Film gleichberechtigt und gleichbedeutend zusammenwirken, vordefiniert.

Louis Andriessen entstammt einer holländischen Musikerfamilie, studierte am Haager Konservatorium, in Mailand und in Berlin. Seit den Siebzigerjahren kombiniert er seine Arbeit als Komponist und Pianist mit der Aufgabe des Lehrens. Er ist einer der bedeutendsten Komponisten der Niederlande und eine zentrale Figur in der internationalen Szene der Neuen Musik. Er hat mit Hal Hartley in der BBC-Serie Sound on Film The New Math realisiert. Dieser Film steht beispielhaft für seine Einstellung hinsichtlich der Komposition für den Film im Allgemeinen und für seine Arbeit mit Peter Greenaway, Robert Wilson und Hal Hartley im Besonderen. Mit Greenaway hat er den Film M is for Man, Music, Mozart realisiert – ein Gesamtkunstwerk ersten Ranges, aber eben eher ein Kunstwerk, das bereits in der Planungsphase darauf ausgerichtet war, Musik und Bild gleichberechtigt im Filmprojekt wachsen zu lassen.

Carter Burwell wurde schon im Zusammenhang mit dem Referenten Bob Last erwähnt. Burwell, Komponist und Filmmusikkomponist, ist bestens bekannt durch seine Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern. Erstmals arbeitete Burwell mit Ethan and Joel Coen zusammen, als er von diesen beauftragt wurde, die Partitur für deren Film Blood Simple zu schreiben. Seitdem hat er an sechs weiteren Filmen für die Coen-Brüder gearbeitet, so für Raising Arizona, Millers Crossing, Barton Fink, The Hudsucker Proxy, Fargo und The Big Lebowski. Außerdem hat er erfolgreich mit Michael Caton Jones gearbeitet, indem er für Doc Hollywood, Rob Roy und The Jackal die Partituren geschrieben hat. In fünfzehn Jahren hat er für mehr als 45 Filme der unterschiedlichsten Genres Musik geschrieben. Burwells Stil zeichnet sich durch ein unkonventionelles Arbeiten aus. Er arbeitet mit traditionellen Orchestern, integriert in seine Werke zeitgenössisches musikalisches Kolorit wie Jazzelemente, Heavy Metal oder auch leise Töne, umgesetzt durch das Klavier oder die Gitarre. Seine Musik ist meist unkompliziert und gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung mit einfachen Melodien. Seine Partituren sind bemerkenswert, weil er scheinbar spielerisch Stimmungen erzeugt, die sehr kontrastreich sein können. Romantische Töne, Intimität und Einsamkeit – es ist die Faszination durch die Kontraste, die seine Arbeit so bemerkenswert macht. Burwell konfrontiert die Zuhörer in seinem Beitrag mit den fundamentalen Fragen, denen sich ein Filmmusikkomponist ausgesetzt sieht: Was sind die Optionen, die einem Filmemacher und einem Komponisten offen stehen? Warum brauchen wir Musik im Film? Als Basis zur Beantwortung solch provokativer Fragen dienten ihm Ausschnitte aus eigenen Filmen. Vor dem Hintergrund des Disputes mit Bob Last und den Ausführungen und Thesen, die Burwell vorstellte, wurde nochmals sehr deutlich, welche Kluft zwischen künstlerischem Anspruch von Komponisten im Film einerseits und kommerzieller Produktion von Filmmusik andererseits besteht. Gerade deshalb stellt Burwell seine Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern hier in den Vordergrund und beschreibt diese als ein gleichberechtigtes Arbeiten mit dem gebührenden Respekt des einen vor dem anderen – auch wenn dabei deutlich wird, dass die fruchtbare gemeinsame Diskussion zwischen Regisseur und Komponist nicht unbedingt stattfindet, von der der Zuhörer gedacht hätte, dass diese hier ein stärkeres Element in seiner Arbeit gewesen wäre.

Der letzte Tag der School of Sound stand unter einem Aspekt, der sich nicht primär mit dem Thema Filmton auseinander setzte. Im Vordergrund standen Aspekte der Entwicklung und Anwendung neuer Möglichkeiten der Tontechnologie im künstlerisch-wissenschaftlichen Bereich und in der Klangkunst.

Gerhard Eckel, Komponist und Software Designer, Mitarbeiter der GMD (Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung), stellte das von der Europäischen Union geförderte Projekt LISTEN vor, an dem die GMD gemeinsam mit IRCAM, AKG und dem Bonner Kunstmuseum arbeitet. Man hat sich die Aufgabe gestellt, eine interaktive Audio-Software zu entwickeln, die dem Besucher von Museen und Galerien völlig neue Dimensionen der Rezeption im Vergleich zu bisherigen Audiosystemen in entsprechenden Häusern erschließt. Eckel berichtet von der Arbeit des Teams und beschreibt das Ziel des Projektes folgendermaßen: Der Besucher einer Ausstellung soll über Kopfhörer in Zukunft nicht mehr nur Informationen vom Band oder von der CD eines transportablen Abspielmediums analog und nacheinander abrufen können, sondern der Kopfhörer wird zum Empfangsgerät von Informationen, die über Funkwellen ausgesendet werden. Das allein scheint nicht revolutionär. Das Ziel ist es also, dass der Kopf des Rezipienten, sprich seine Blickrichtung zum einen oder anderen Exponat, eben die Information abruft, die zu dem jeweiligen Exponat vorhanden ist. Er selbst bestimmt somit die Auseinandersetzung mit dem von ihm bestimmten Gegenüber. Er ist es auch, der bestimmt, in welche Beziehung oder Reihenfolge er die Exponate stellt und der somit die eigene Führung durch die Ausstellung komponiert.

Kersten Glandien lieferte über ihren Beitrag, der sich mit der Entwicklung der Klangkunst und dem andauernden Experimentieren mit Tönen und Bildern in zeitgenössischen Installationen und Videoarbeiten auseinander setzte, eine Einführung in Christina Kubischs und Hans Peter Kuhns Werk.

Christina Kubisch studierte Musik, Malerei und Elektronik. Über die Beschreibung ihrer Zick-Zack-Karriere und ihre Arbeitsweise als Klangkünstlerin wird deutlich, wie sie zu einer der hervorragenden Vertreter dieses Genres weltweit geworden ist. Bis 1980 gab sie Konzerte. Bereits in dieser Zeit schuf sie erste Klanginstallationen und Klangskulpturen und begann mit ultraviolettem Licht zu arbeiten. Seit 1974 sind ihre Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen weltweit zu sehen gewesen. Sie ist Professorin an der Saarbrücker Kunstakademie und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Unter künstlerischen Gesichtspunkten hat sie, ausgehend von ihrer Ausbildung als Komponistin, die Technik der magnetischen Induktion für ihre Installationen weiterentwickelt. Produkt dieser "Untersuchungen" ist ein Kopfhörer, der es dem Rezipienten ihrer Installationen ermöglichte den Klängen der jeweils unmittelbaren Installationsumgebung zu lauschen. In ihrem Beitrag auf der School of Sound wird insofern deutlich, dass ihre innovativen Überlegungen und Arbeitsergebnisse die Basis für die Entwicklung der Rezeptionsmöglichkeit von Ausstellungsexponaten per Ton mit Hilfe interaktiver Software, an der Gerhard Eckel mit seinem Team arbeitet, bildeten.

Hans Peter Kuhn ist Komponist und Künstler, der seine Ton- und Lichtinstallationen weltweit erfolgreich ausgestellt hat. Außerdem hat er Performances realisiert, in denen der Ton das wesentliche Element ist. Seit den Siebzigerjahren hat er für mehr als dreißig Produktionen in den Bereichen Theater, Film und Ausstellung Musik und Ton geschaffen. Er arbeitete u. a. mit Robert Wilson, Peter Stein, Claus Peymann, Luc Bondy, Peter Zadek und Anne Bogart zusammen. Außerdem ist er für seine Kompositionen für modernes Ballett bekannt. So hat er u. a. mit Laurie Booth, Dana Reitz, Suzushi Hanayagi oder Sasha Waltz gearbeitet. In seinem Beitrag nahm er sich des Themas der School of Sound, des Verhältnisses von bewegtem Bild und Ton an und betrachtete unter diesem Aspekt seine eigene Arbeit, die er anhand von Dias, Video- und Tonbeispielen vorstellte. Ein Fazit seines Beitrags war, dass seine "Töne" sich im Verhältnis zu den sichtbaren Bestandteilen seiner Arbeit immer sehr schnell bewegen, um nicht zu sagen, dass diese verharren.

Abschließend soll gesagt sein, dass die School of Sound ein einzigartiges Forum für den Austausch von Wissen und das Wachsen des Verständnisses für die Arbeit der einen Branche gegenüber der Arbeit der anderen Branche ist. Jeder Zuhörer und auch Referent wird mit Einblicken in die Arbeit und Wirkungsmöglichkeiten anderer Spezialisten konfrontiert, an die er vorher sehr wahrscheinlich nie gedacht hatte oder für die ihm die Zeit zu einer Auseinandersetzung bisher gefehlt hatte. Die Nachwirkung des Gehörten und Erfahrenen wird die Arbeit eines jeden Teilnehmers sicher auch auf lange Sicht beeinflussen und sich somit im Endeffekt auch dort qualitativ niederschlagen, wo Töne zu bewegten Bildern geschaffen werden.

Diane und Larry Sider sind gemeinsam mit Kirsty Malcolm die Initiatoren und Motoren der School of Sound.

The School of Sound
E.P.E. Projects Street
48 A Goodge Street
London W1T 4LX
Tel./Fax +44 (0)20 7323 3437
epesound@aol.com
www.schoolofsound.co.uk


Christian Gänsicke war für die Internationale Filmmusik Biennale Bonn, die von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gemeinsam getragen wird, Teilnehmer an der diesjährigen School of Sound in Glasgow.
 
 
 
 


erschienen in: Musikforum H. 94/2001